30 unter 30: Ausnahme-Autorin Vea Kaiser im Interview

Die Ausnahme-Autorin Vea Kaiser blickt mit ihren 27 Jahren auf einen Bilderbuch-Lebenslauf zurück. Ihr Debütroman „Blasmusikpop“ wurde im deutschen Sprachraum als Sensation gefeiert.

Und für ihr zweites Werk „Makarionissi“ erhielt sie 2015 den Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag. Als 30 unter 30-Kandidatin erzählt sie uns von ihrem Erfolg und gibt Einblick in das Leben einer Roman-Autorin.

Frau Kaiser, Sie haben früher als Fremdenführerin gearbeitet. Wie kamen Sie darauf Schriftstellerin zu werden?

Ich glaube die Frage ist eher: wie kommt man darauf, seine Zeit mit Fremdenführen zu verbringen, wenn man schreiben will? (lacht) In Wahrheit war das nur ein Studentenjob, der neben dem Studium gut funktionierte, das Schreiben möglich machte und mir auch viel über das Schreiben beigebracht hat. Als Viersprachige hatte ich mit Menschen aus der ganzen Welt zu tun – mit südamerikanischen Pilgern oder ostdeutschen Kunsthistorikern. Da lernt man, wie man eine Geschichte für die jeweilige Zielgruppe richtig erzählt. Außerdem habe ich gelernt, vor großen Publika zu sprechen. Viele glauben Schriftstellerei ist ein zurückgezogener Beruf, wo man nur zu Hause im stillen Kämmerchen sitzt und schreibt. Das macht zwei Drittel der Zeit aus, denn sobald ein Buch fertig ist, muss man damit zu Talkshows, Fotoshootings, Interviews und Leserreisen. In solchen Situationen sitzt man vor 50 bis 300 Menschen und muss eine Stunde unterhalten oder bezaubern, damit am Ende vielleicht das Buch gekauft wird. In dieser Hinsicht war es praktisch schon Mal an den Touristen geübt und keine Angst zu haben. In der Schriftstellerei gibt es viele Leute, die grandiose Romane schreiben, wenn sie dann jedoch vor einer Menge Menschen sitzen, wissen sie nicht damit umzugehen. Dabei muss man heute den Leser als Person fangen. Im deutschsprachigen Raum erscheinen jährlich 80.000 neue Bücher und die Frage ist: Wie setzt man sich durch, wie schafft man es, dass ein Buch Gehör findet?

Was stand vor Ihrer ersten Veröffentlichung? Wie haben Sie das Schreiben begonnen?

Schreiben wollte ich immer schon! Im November 2010 war ich dann wider Erwarten Finalistin des wichtigsten Nachwuchsliteraturpreises im deutschsprachigen Raum. Im Jahr werden 1.000 Werke bei diesem Wettbewerb eingesendet und eine Fachjury wählt anonymisiert die 15 besten aus. Dann saß ich da plötzlich in Berlin vor hunderten Menschen und musste 15 Minuten Text vorlesen. Alle wichtigen Figuren des Literaturbetriebes haben mir zugehört und ich war 20 Jahre alt und hatte eigentlich keine Ahnung, in welcher Situation ich mich gerade befand. Ich habe mich gefreut nach Berlin zu kommen, wollte danach einfach mit meinen Freunden ein Bier trinken gehen, bin von der Bühne hinunter gestiegen und auf einmal schoben sich viele Menschen in meinen Weg. „Guten Tag ich bin Lektorin bei dem Verlag XY”, sagte eine Frau. „Und ich bin Lektorin bei einem anderen Verlag”, sagte eine andere und alle meinten unisono: „Die Kurzgeschichte, die sie vorgelesen haben, war beschissen, aber wenn sie einen Roman daraus machen würden, wäre das großartig. Für 15 Seiten war das viel zu viel Information.” Ich habe das als Wink der olympischen Göttern gesehen, mich hinzusetzen und nicht mit Kurzgeschichten abzulenken, sondern wirklich dieses Ding namens Roman in Angriff zu nehmen. 18 bis 19 Monate später war ich fertig und habe den Roman an verschiedene Verlage geschickt. Einen Tag später kam gleich die Zusage von meinem Verlag, dass sie ein Angebot machen werden und das Buch veröffentlichen wollen. Daraufhin kamen noch viele Andere, die ebenfalls mein Buch verlegen wollten. Ich blieb jedoch bei dem Verlag, der es binnen 18 Stunden für gut befunden haben. Das ist ein totaler Ausnahme-Lebenslauf. Ich kenne keinen anderen Autoren, bei dem das so schnell und problemlos funktioniert hat.

Sie sind sehr jung schon sehr erfolgreich. Woher nehmen Sie Ihre Erfahrung oder Ihre Lebensweisheiten. Sind Sie sehr reif für Ihr Alter?

Als ich neun Jahre alt wurde, war ich total verzweifelt, weil ich das Gefühl hatte ich werde alt und meine Kindheit ist vorbei. Ich fühle mich grundsätzlich immer wahnsinnig alt, obwohl ich es nicht bin und hatte das große Glück, dass ich viel bei meinen Großeltern aufgewachsen bin. Eigentlich war ich als Kind mehr mit meinen Großeltern unterwegs, als mit anderen Kindern und komme aus einer Großfamilie, wo man alle Altersstufen erlebt. Als junger Mensch bekommt man so mit, wie das ist, wenn man 90 Jahre alt wird, oder wie man seinen 50er feiert und schon 25 Jahre lang verheiratet ist. Ich denke für das Schreiben ist das eine super Einsicht, weil man sich in viele unterschiedliche Menschen hineinversetzen kann.

Ihr Debütroman „Blasmusikpop” entführt aufs Land. Sind Sie selbst ein Fan des ländlichen Lebens? Woher kommt dieser Zugang?

Jedem das Seine. Jeder Mensch hat seinen Grund in der Stadt, oder auf dem Land zu leben. Ich bin selbst froh, nicht mehr auf dem Land zu leben und habe gerade auch keine besonderen Neigungen, das wieder zu ändern. Keine Ahnung, was später Mal kommt. Der Grund für den ländlichen Schauplatz dieses Romans ist, dass es um ein Dorf geht und um eine kleine Gemeinschaft. Es ist nicht einer dieser Großstadtromane, wo das einzelne Individuum in der Anonymität der Masse verloren geht. In Blasmusikpop geht es darum, dass sich eine kleine Gemeinschaft beobachtet, aufeinander aufpasst, und einander im Blick hat. Es ist ein kleines, soziologisches Experiment das auf dem Land spielen musste. Mir ging es auch um das Isoliert-Sein und Nicht-Flüchten-Können. Ein kleines Bergdorf ist doppelt abgeschieden. Da konnte ich dieses Experiment besser durchführen.

Ihr neuester Roman „Makarionissi” handelt von einer griechischen Migrantenfamilie. Soweit ich weiß, studieren Sie auch Altgriechisch. Woher kommt Ihre Affinität zu Griechenland?

Gute Frage, keine Ahnung. Das ist wie mit der Liebe. Man kann immer schwer erklären, warum man seinen Partner liebt. Man kann viele Dinge aufzählen, die man an ihm liebt. Man liebt einen Charakterzug, die starken Schultern, oder die Art, wie er die Knie durchbiegt, wenn er läuft, aber so richtig zu sagen, das ist dieser eine Grund, weshalb ich einen Menschen liebe, ist schwierig. Und so geht es mir mit den Griechen. Ich kann tausend Dinge aufzählen, die ich mag und die ich liebe, aber ich kann nicht sagen, das ist das Eine.

Kann man als Schriftstellerin wirklich Geld verdienen?

Ja, ich kann davon leben, zahle den Höchststeuersatz in Österreich, bin somit eine brave Unterstützerin der SVA. Wer ist einer der reichsten Menschen in Großbritannien? Harry Potter-Autorin Joanne K. Rowling. Das spricht wohl für sich. Damit das Autor-Sein funktioniert, braucht es allerdings sehr viel Glück. Es wäre dumm, Schreiben zu wollen, um Geld zu verdienen. Das ist völlig unmöglich. Bei waren viele Zufälle, viel Glück, das richtige Buch zur richtigen Zeit und, dass ich wohl irgendwie den Zeitgeist getroffen habe, Gründe für meinen Erfolg. Wenn man ein Buch fertig schreibt, dauert es im Schnitt acht bis 13 Monate, bis es im Laden liegt. Da vergeht ein Jahr zwischen dem letzten Satz des Autors und dem ersten Satz des Lesers und du weißt nie, was in diesem Jahr passieren wird. Ich hatte bei meinem letzten Buch eigentlich schlechte Voraussetzungen. Als ich fertig war, waren in Griechenland gerade Neuwahlen und alle meinten, dass es um dieses Thema jetzt ruhig werden würde. Auch ich war mir vollkommen sicher, dass das Thema bis zum Erscheinungsdatum des Buches, niemanden mehr interessieren würde. Dann platzte die Syriza Bombe und Griechenland war im Mai wieder überaus interessant. Natürlich half das dem Buch. Dennoch tut es mir leid, dass das so passiert ist. Das kann man nicht planen. Man kann den Markt nicht analysieren. Da geht es um persönliche Lieben und man weiß nie, was einem Menschen gefällt – grade bei Literatur, oder auch Musik und Kleidung kann man das nicht prognostizieren. Mein großes Glück ist, dass mein Markt es meine Bücher nicht nur Österreich, sondern vor allem auch in Deutschland und der Schweiz gibt. In Österreich alleine verkauft man nie 100.000 Bücher oder mehr. Hierzulande gibt es eine handvoll Autoren, die das schaffen, da muss man realistisch sein.

Sie sind also für ihre jungen Jahre eine Ausnahmeerscheinung!

Als Kulturschaffender bist du in Deutschland einer von viele. Die Medien nehmen dort Kulturschaffende nicht so als Persönlichkeiten wahr. In Österreich ist man vergleichsweise viel bekannter in der Bevölkerung, weil Österreich eine Kulturnation ist. Dieses lustige, kleine Skifahrer-Land. Jeder Bäcker kennt ein paar Schriftsteller und Schauspieler, weil die Gesellschaft sich dafür interessiert. Die Österreicher sind ganz tolle Leser, die im Schnitt mehr als die Deutschen lesen. Was ich auch wunderschön finde, ist das Selbstbewusstsein der Österreicher rund um ihre Literatur. Wir haben österreichische Literatur und wir lesen und fördern diese Literatur. Es war für mich auch wichtig das Gefühl zu haben, dass da kleines Ländchen hinter mir steht und mich unterstützt.

Was bringt Ihre Zukunft? Welche Pläne verfolgen Sie?

Ich bin gerade in einem kurzen Moment des Innehaltens und habe Anfang des Jahres eine Leserreise für „Makarionissi” mit über 100 Stationen in mehreren Ländern, beendet. Jetzt bin ich wieder am Einrichten in Wien, schreibe mein drittes Buch und möchte mein Studium fertig machen. Ich habe wahnsinnig viele Pläne und Projekte im Kopf und auch Bücher, die ich schreiben möchte. Zum Beispiel ein Sachbuch über die griechische Antike – ein kleines Grecum, mit vielen Bildern, wo man etwas lernen kann, aber weniger trocken, als bei den alten Griechen. Es macht irrsinnig Spaß zu schreiben und ich bin happy, dass ich das machen darf, viel mehr noch, dass es gut funktioniert und eine Audience anspricht. Meinen Job macht man nicht wegen des Geldes, sondern aus Leidenschaft.

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