Auweh, der Wahlkampf

Die Wiener kommen bald nicht mehr um den Wahlkampf herum. In Kürze säumen die Konterfeis der Spitzenkandidaten wieder jeden Winkel der Stadt.

Bisher lösten die Plakate der Parteien aber vor allem Stirnrunzeln aus. Ein Überblick über die fast schon skurril anmutenden Entwürfe.

Wenn jeder Baum auf der Ringstraße mit einem retouchierten Gesicht umzäunt wird, die grüne Maria Vassilakou gefesselt und geknebelt über dem sechsten Wiener Gemeindebezirk schwebt und man in Fußgängerzonen öfter von Wahlkampfhelfern als von Promotionmitarbeitern belästig wird, ist jedem Wiener klar: Auweh, es ist wieder Wahlkampfzeit. Etwas weniger als zwei Monate vor der Wien-Wahl geht’s los mit Plakaten, flotten Sprüchen und politischem Geplänkel.

Zugegeben: Ich bin kein Politikredakteur. Aber als lebenslanger Wiener trotzdem an der hiesigen Wahl interessiert. Und als solcher musste ich mich mehr als einmal über die Plakate der einzelnen Parteien wundern. Denn diese sind, zumindest aus Sicht eines nicht-aktiv nach ihnen Suchenden, nicht so gelungen.

Beginnend bei der SPÖ, die seit eigentlich eh immer in der Stadtregierung sitzt, auf ihren Plakaten aber nichts besseres zu tun hat, als die skandalösen Lebensbedingungen in Wien anzuprangern. Beispiel: „Lebensqualität schön und gut. Aber auch wurscht, wennst dir keine Wohnung leisten kannst.“

Grünen wollen die Neos, die FPÖ Bolschewiken sein

Der grüne Koalitionspartner legt gleich mit ein paar Schmankerln nach. Ein Plakat wirkt wie eine Werbung für ein neues Zäpfchen („Unbequem, aber wirkt“); das andere kupfert einfach mal ab. Denn „Geld für Bildung statt für Bonzen“ hat man bei den Neos schon gelesen, „Bye, Bye Miethai“ reimt sich zumindest – hätte aber auch aus der Kickl’schen Feder stammen können.

Ebender bedient sich bei den FPÖ-Werbekampagnen gerne mal in der linken Geschichte. Nach den etwas missglückten StraCHE-Kampagne, die HC als linken Revolutionär (und nach FPÖ-Aussage auch Massenmörder) porträtierten, folgt nun ein Plakat, das eine Oktoberrevolution propagiert. Dass die FPÖ auf ihren Plakten einen Konnex zur gewaltsamen Machtübernahme durch die kommunistischen Bolschewiki im Oktober 1917 erinnert, wirkt, nun ja, zumindest sehr eigenartig. Es reimt sich wenigstens – aber das können mittlerweile ja auch schon andere.

Die Neos schafften zumindest mit „G’scheite Kinder statt g’stopfte Politiker“ ein gelungenes Sujet, ein Like gab’s von den Grünen. Doch warum ein anderes Plakat der Pinken riesengroß HC Strache zeigt, ist dann wiederum nicht so leicht zu erklären. Ist die Angst vor der FPÖ wirklich so groß? Vor allem angesichts einer wohl eher kleinen Schnittmenge zwischen den beiden Parteien?

Augen zu oder Urlaub

Es zeigt sich: Die Parteien bekleckern sich im Plakatwahlkampf nicht mit Ruhm. Fast vergessen: Was macht eigentlich die ÖVP? Von den Schwarzen in Wien ist derzeit noch kein Plakat zu sehen. Auch eine kurze Google-Recherche fördert nur ein Plakat über die missratene Wiener Verkehrspolitik zutage, als Werbung für eine Unterschriftenaktion.

Zugegeben: das liegt sicher an meinen kläglichen Recherche-Künsten. Wobei: wenn die Plakatkunst von Juraczka & Co. ähnlich ausfällt wie die der Mitbewerber, ist völlige Arbeitsverweigerung vielleicht nicht die schlechteste Idee. Vielleicht also geniales politisches Kalkül?

Kleiner Trost: Man wird nur zwei Monate lang mit diesen Plakaten gequält – da aber immer und überall. Urlaub wäre natürlich auch eine Lösung. Rückflug dann einfach für den 12. Oktober buchen.

Fotocredit: SPÖ Wien

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Chief Editorial Team

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