BILDUNG MAL DREI

Ein sicheres, besseres, längeres Leben zu ermöglichen“, zitiert Andreas Brandstetter das ­Mission Statement des von ihm angeführten Uniqa-Vorstands. Als CEO von Österreichs größtem Versicherer verantwortet Brandstetter ein Haus mit einem Jahresumsatz von 5,19 Milliarden € sowie 12.800 Mitarbeitern – als solcher ist Brandstetter aber auch für über zehn Millionen Versicherungs­verträge von 3,6 Millionen Kunden verantwortlich.

Und er wünscht sich mehr Wissen über die Notwendigkeit, für schlechte Zeiten vorzusorgen. Dass viele Junge finanzielle Probleme haben, darf laut Brandstetter niemanden wundern, wenn sie „den Unterschied zwischen Dividenden und Zinsen nicht kennen“. In der Verantwortung sieht der Manager nicht mehr nur die Politik: „Unternehmen müssen mehr Verantwortung übernehmen.“ Wir sprachen mit dem Uniqa-CEO über europäische Versicherungsprodukte, den Staat als „All-inclusive-Vollkasko-Paradies“ und die Interpretation des Sprichworts „Carpe Diem“.

Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in zehn Jahren? Was muss ein Versicherer 2030 können und anbieten, um erfolgreich zu sein?

Wir werden unseren Privatkunden in den Bereichen Gesundheit, Mobilität und Wohnen einfache Gesamtlösungen aus Services und Risikotarifen anbieten. Wir wollen damit einen spürbaren Beitrag leisten, dass sie sicher, besser und – wenn möglich – auch länger leben. Unseren Gewerbe- und Industriekunden werden wir weiterhin einen individuell zugeschnittenen Risikoschutz mit vielen Präventionsideen anbieten, der an ihre ganz persönlichen Bedürfnisse angepasst ist. Traditionelle Hierarchien und verkrustete Strukturen werden durch sehr flexible, neue Modelle abgelöst, die ein agiles Arbeiten in neuen Organisationsformen ermöglichen – und es werden nicht mehr Hunderte oder Tausende Mitarbeiter jeden Tag in ein Bürogebäude pendeln, um dort einen großen Teil des Tages zu verbringen. Zusammengefasst: Die Dimension an exponentieller Veränderung in der Finanzdienstleistung wird in den nächsten Jahren üppig sein – superspannend und attraktiv also für junge High Potentials.

Wie gut oder schlecht ist das Wissen über die Themen Versicherung respektive generell Vorsorge in der Bevölkerung? Wie viel Aufholbedarf gibt es?

Der Aufholbedarf ist enorm. Nachdem die Politik hier leider seit Jahrzehnten wenig bis nichts für die Bildung unserer Kinder an den Schulen tut, werden wir Unternehmen mehr Verantwortung übernehmen müssen.

Wie sieht es mit Financial Literacy im Allgemeinen aus?

Immer noch verabreichen viele politische Parteien Europas – im Wählerspektrum von ganz links bis nach weit rechts reichend – ihren Wählern die üblichen Beruhigungspillen und gaukeln das „All-inclusive-Vollkasko-Paradies“ vor: Der Staat wird sich um alles kümmern, alles wird dir abgenommen! Wenig überraschend gibt es dann kaum Anreize, sich mit Fragen der eigenen finanziellen Gesundheit und Vorsorge zu beschäftigen. Zum Glück ändert sich das, weil sich mehr und mehr Unternehmen nicht mehr auf die Politik verlassen, sondern gewissermaßen die Ausbildung ihrer Kunden selbst übernehmen. Wenn der überwiegende Teil der Jugend nicht weiß, was der Unterschied zwischen Zinsen und Dividenden ist, brauchen wir uns nicht wundern, dass so viele in finanzielle Probleme geraten. Wir dürften eigentlich schon erwarten, dass unsere Kinder beim Schulabschluss wissen, wie etwa unser Finanzsystem prinzipiell funktioniert, wie sich ein Staat finanziert, was Versicherung und Bank leisten oder was Vorsorge bedeutet.

Was erwarten Sie sich von der kürzlich geschlossenen Kooperation mit Red Bull? Besteht in der Zusammenarbeit mit dem Red Bull Media House nicht eine Gefahr, an älteren Kundenschichten vorbeizukommunizieren?

Unsere Mission als Uniqa ist es, Menschen jeden Alters ein sicheres, besseres, längeres Leben zu ermöglichen, und das ist auch genau der Claim des Magazins „Carpe Diem“: nämlich sich Zeit für ein gutes Leben zu nehmen! Carpe Diem und Uniqa wollen also dasselbe, und wir wollen es auch auf dieselbe Weise, also keinesfalls als besserwissender Moralisierer mit erhobenem Zeigefinger. Die Leserin und der Leser entscheiden selbst und eigenverantwortlich – wir geben nur Anregungen im Sinne eines echten, wirklichen Coaches, der vor allem gut zuhören kann. Und das ist etwas, was alle Generationen wollen – die einen mehr mit einem haptischen Magazin, die anderen mehr in einer Onlinewelt.

Verschwimmen die Grenzen zwischen Versicherung, Vorsorge und Gesundheit in Zukunft?

Letztlich schon, denn die Grenzen werden sich mehr und mehr auflösen. Die Menschen suchen zunehmend Partner, denen sie in einem gesamten Bedürfnisfeld vertrauen können. Wir alle kaufen ja auch heute schon ein ganzes fahrbereites Auto und nicht Motor, Getriebe, Sitze, Karosserie und Reifen bei den verschiedenen Anbietern. Genau in diese Richtung geht es beim Thema Gesundheit: In Zukunft werden diejenigen Dienstleister Erfolg haben, die sich genauso um die Fitness ihrer Kunden kümmern wie auch um Arzttermine, Therapien, Untersuchungen und gesundes Essen. Das, was wir als Konsumenten heute schon in anderen Bereichen erleben – also vertrauenswürdige Plattformen, die mehr können, als nur Einzelteile anzubieten –, wird entscheidend sein. Das ist eine hohe Verantwortung, mit der man sehr sorgsam umgehen muss, denn: Wer die sich rasant verändernden Wünsche und Erwartungen nicht erfüllen kann oder diese gar enttäuscht, bekommt immer seltener eine zweite Chance.

Eine der gängigsten privaten Vorsorgemethoden, die Lebensversicherung, ist wegen des Niedrigzinsumfelds unter Druck. Welche Zukunft sehen Sie für ein solches Produkt noch?

Die ultralockere Geldpolitik der EZB war in der Krise ein probates Mittel, um die europäische Wirtschaft zu stabilisieren – aber man hat den rechtzeitigen Absprung verpasst. Jetzt sind wir in Europa in der Situation, dass durch dieses Vorgehen nicht nur die Menschen, die sparen und vorsorgen wollen, praktisch enteignet werden, sondern wir haben auch fast keinen geldpolitischen Spielraum mehr, um der nächsten Krise – die bestimmt kommen wird – entgegenzusteuern. Aber eines ist selbst unter diesen schwierigen Rahmenbedingungen unbestritten: Ohne private Vorsorge für die eigene Pension wird es nicht gehen – und dafür bieten die unterschiedlichen Formen der Lebensversicherung nach wie vor seriöse Optionen.

Ist die Einführung eines paneuropäischen Versicherungsprodukts angesichts der politischen Wetterlage in den nächsten Jahren realistisch?

Ich denke schon, dass ein solches Produkt kommen wird. Allerdings dauert der Prozess jetzt schon lange, und der Weg ist mit vielen Kompromissen gepflastert. Damit steigt das Risiko, dass am Ende etwas rauskommt, das für die Menschen in Europa nicht wirklich transparent, wertstiftend und vor allem verlässlich ist. Und das wäre schlimm, denn dieses allererste europaweite Produkt muss für die Bürger in Rumänien genauso attraktiv und sicher sein wie für jene in Frankreich. Aktuell strebt man eine Einführung zwischen 2022 und 2024 an. Wenn da noch irgendetwas dazwischenkommt, ist die Menschheit zwischenzeitlich auf dem Mars gelandet.

Die globale Pensionslücke wird auf eine Höhe von rund 60 Billionen € geschätzt. Ist das klassische Vorsorgesystem, wie wir es kennen, nicht mehr finanzierbar?

Erst vor ein paar Tagen hat – zum wiederholten Mal – eine internationale Studie bestätigt, dass die Finanzierung unseres staatlichen Pensionssystems nicht nachhaltig ist. Nur Italien steht demnach in Westeuropa schlechter als Österreich da. Ich frage mich, wie oft man das wiederholen muss, bis es bei den politischen Entscheidungsträgern ankommt und die Konsequenzen daraus gezogen werden. Und da reden wir noch gar nicht von Teilbereichen wie dem Gender Pension Gap, also der Tatsache, dass Frauen in Österreich um 34 Prozent weniger Pension bekommen als Männer.

Schon jetzt kämpfen wir in einem der reichsten Länder Europas mit Altersarmut – genauso übrigens wie mit Jugendarmut –, was eigentlich nicht zu verstehen ist. Natürlich sind radikale Maßnahmen nicht unbedingt das Populärste, aber wenn immer weniger Junge die Pensionen von immer mehr Älteren finanzieren müssen, kann sich jeder ausrechnen, dass das nicht ewig so weiter­gehen kann.

Was raten Sie einem jungen Menschen, der mit kleinen Mitteln schon jetzt für seine Zukunft vorsorgen möchte?

Die besten drei Vorsorgemodelle sind immer noch Bildung, Bildung und nochmals Bildung. Aber gleich danach sollte die private Vorsorge kommen, und da gibt es eine Vielzahl von Modellen, die das auch mit kleinen Mitteln ermöglichen. Grundsätzlich gilt die Binsenweisheit: Je früher man damit beginnt, desto mehr kommt am Ende raus. Jungen Menschen empfehle ich, sich umfassend zu informieren und erst dann zu entscheiden, welches Modell für sie ganz persönlich das Beste ist. Eine allgemeingültige Antwort, die für jeden passt, gibt es nicht.

Was halten Sie von datenbezogenen Modellen?

Unser ganzes Leben basiert immer mehr auf digitalen Fußabdrücken, die wir in der Welt hinterlassen. Manchmal ist das hilfreich, manchmal wirklich beängstigend. Vielleicht nicht in Europa, aber in China. Und natürlich spiegelt sich das auch in der Versicherungswirtschaft wider. Beim Auto haben wir das schon heute: Wer etwa bewusst beim Autofahren auf sein Handy verzichtet und damit das Unfallrisiko verringert, der zahlt bei uns weniger Prämien.

Oder auch in der Gesundheitsversicherung: Da gibt es Angebote, die es honorieren, wenn man jährlich zum Fitnesscheck geht. Es bleibt aber eine herausfordernde Übung, wie wir Daten verantwortungsvoll einsetzen, um die wirklichen Bedürfnisse unserer Kunden besser zu erfüllen, ohne dabei ihre Privatsphäre zu gefährden. Generell ist unsere Devise: Ausschließlich unsere Kunden besitzen ihre Daten, nicht wir! Das heißt, dass ausschließlich unsere Kunden auch selbst entscheiden, ob sie uns Daten ganz bewusst überlassen – und falls ja, welche. Wir haben allerhöchsten Respekt vor diesem Thema.

Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz in diesem Zusammenhang – und ganz generell für Ihr Geschäfts­modell?

Im Zusammenhang mit Datennutzung keine, weil diese Mobilitäts- oder Gesundheitsdaten zu keiner Zeit bei uns landen, sondern bei einem externen Partner bleiben. Wir setzen aber künstliche Intelligenz im Hintergrund ein, um einfache, repetitive Aufgaben durch Maschinen erledigen zu lassen. Das hilft unseren Kunden, weil die Erledigung bestimmter Leistungen dadurch schneller geht. Wo künstliche Intelligenz auch hilft, ist bei der Datenanalyse oder der Erarbeitung eines Risikoprofils – darauf kann dann der Berater im Gespräch aufsetzen und noch besser auf den Kunden eingehen. Ich gehe aber davon aus, dass sich in Zukunft hier noch viel ändern wird.

Sie haben zuletzt von 700 bis 800 Millionen € Kapital gesprochen, das in Akquisitionen fließen könnte. Welche Bereiche sehen Sie sich hier an?

Wir richten unser Augenmerk hauptsächlich auf die Länder Osteuropas, wo wir noch selektive Wachstums­chancen sehen. Andererseits ist nicht gesagt, dass wir nur nach traditionellen Versicherungen Ausschau halten. Wir schauen uns auch Möglichkeiten zur Akquisition von InsurTechs oder FinTechs genau an, und ebenso Unternehmen, die auf anderen Ebenen unser Angebot ergänzen könnten.

Im Handelsblatt haben Sie im September 2018 Folgendes gesagt: „Wir rechnen damit, dass die Zinsen im dritten oder vierten Quartal 2019 steigen werden.“ War das damals Wunschdenken?

Nein, aber leider schlichtweg eine falsche Annahme. Wir haben uns jedenfalls unabhängig davon auf eine sehr lange Phase mit sehr niedrigen Zinsen eingestellt.

Text: Klaus Fiala
Fotos: Uniqa

Der Artikel ist in unserer Forbes Daily erschienen.

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