Blockchain: Die nächste Revolution

Seit geraumer Zeit beschäftigt die Blockchain Banker, Versicherer und Start-ups weltweit. Denn der Einfluss der neuen Technologie reicht weit über..

Seit geraumer Zeit beschäftigt die Blockchain Banker, Versicherer und Start-ups weltweit. Denn der Einfluss der neuen Technologie reicht weit über die Finanzindustrie hinaus – und könnte zahlreiche Branchen revolutionieren.

Die Kryptowährung Bitcoin wurde seit ihrer Erfindung im Jahr 2008, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, von verschiedensten Seiten in den allerhöchsten Tönen gelobt. John McAfee, der für sein gleichnamiges Virenschutzprogramm bekannt ist, sagte etwa: „Man kann Entwicklungen wie Bitcoin nicht stoppen. Sie werden überall sein – und die Welt muss sich anpassen. Regierungen auf der ganzen Welt müssen sich anpassen.“ Google-CEO Eric Schmidt spricht im Hinblick auf Bitcoin von einem „enormen Wert“ und der ehemalige US-Präsidentschaftskandidat Al Gore bezeichnet sich als „Fan von Bitcoin“. Doch woher kommt der Hype? Denn Bitcoins waren in der Vergangenheit eigentlich vor allem aus zwei wenig rühmlichen Gründen in den Medien: Als Zahlungsmittel im Deep Web – wo unter anderem auch Drogenkäufe und Auftragsmorde mit der Kryptowährung bezahlt wurden – und wegen des spekulativen Aspekts, denn der Bitcoin-Kurs ist hochvolatil.

Das tut der Kryptowährung unrecht. Doch wirklich bahnbrechend ist nicht Bitcoin selbst, sondern die Technologie, auf der die Währung basiert: die Blockchain. Das Wort hält Banker, Anwälte und Start-ups auf der ganzen Welt derzeit auf Trab. 2008 publizierte jemand unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto das White Paper zu Bitcoin, das die Blockchain begründete (kürzlich deklarierte sich der Australier Craig Wright als Satoshi Nakamoto, einige Medien äußerten jedoch Zweifel an seinen Aussagen). Seitdem wurde die Technologie weiterentwickelt und nahezu täglich kommen neue Anwendungsmöglichkeiten hinzu. Grundsätzlich geht es bei der Blockchain nicht zwingend um Geld oder Zahlungen, sondern vielmehr darum, die Validität und Sicherheit von Transaktionen zu gewährleisten. Stark vereinfacht kann man die Technologie folgendermaßen erklären: Wenn ich einem Freund, nennen wir ihn Karl, einen Goldbarren physisch gebe, ist die Transaktion für alle Beteiligten abgeschlossen. Karl hat einen Goldbarren bekommen, ich habe meinen abgegeben und besitze somit keinen mehr. Es benötigt keine dritte Partei, die die Transaktion überwacht oder absegnet. Wenn das Gold nun aber kein physischer Barren, sondern digital ist, wird die Sache schon komplizierter. Denn ich könnte das digitale Gold ja auch einem dritten Freund (Name: Josef) versprechen, obwohl ich eigentlich nur einen Goldbarren besitze. Im Gegensatz zu physischen Gütern muss man daher irgendwie verhindern, dass diese mehrfach ausgegeben werden und damit das sogenannte “Double Spending”-Problem lösen. Lange glaubte man, dass sich dies nur durch eine zentrale Datenbank lösen lässt, die über Transaktionen Buch führt (z.B. Paypal).

Eine mögliche andere Lösung des Problems wäre nun, dass ich nicht nur an Karl, sondern an meinen gesamten Freundeskreis eine Nachricht schicke, in der ich bestätige, dass ich Karl den (digitalen) Goldbarren gebe. Damit ist klar, dass ich nur dieser einen Person Gold geben kann. In dem Freundeskreis wird zudem ein Bestandsbuch (auf Englisch Ledger) geführt, das den digitalen Goldbarren „verfolgt“. Wenn Karl ihn nun an Josef weitergibt, dann sind zwei Transaktionen vorhanden. Der digitale Ledger ist wiederum für alle Mitglieder des Freundeskreises einsehbar. Wenn Josef nun versucht, zwei Goldbarren weiterzugeben, ist sofort klar, dass er betrügt – denn der Ledger zeigt ganz genau, dass er nur einen besitzt (wir nehmen an, dass kein externes Gold in den Freundeskreis eingeführt werden kann).

„DIE BLOCKCHAIN IST DAS ERSTE DIGITALE MEDIUM FÜR WERTE – GENAU, WIE DAS INTERNET EINST DAS ERSTE DIGITALE MEDIUM FÜR INFORMATIONEN WAR.“

All diese Transaktionen werden zu Informationsblöcken und reihen sich aneinander an – und formen dann die sogenannte Blockchain. Da die Blöcke jeweils verschlüsselt werden, wird es immer schwieriger, die Transaktionen zu fälschen – da man alle vorhergehenden Blöcke verändern müsste. Andererseits können Transaktionen schnell validiert werden. Wenn jemand versucht, zu betrügen oder neue Goldbarren in das System einzuführen, werden alle anderen dies bemerken und die Transaktion stoppen. Der Freundeskreis repräsentiert alle Mitglieder (sprich Accounts) in einem Blockchain-Netzwerk. Sie müssen einer Transaktion zustimmen, damit sie durchgeführt werden kann. Die Blockchain ermöglicht also die Transaktion von digitalen Werten (beispielsweise Geld, aber auch Lieder, Bilder, etc.) in einem Netzwerk, ohne dass eine Regierung oder ein Gericht Aufpasser spielen muss. Sie schafft Vertrauen und Sicherheit – einfach durch die Masse, die ein Interesse an einem funktionierenden Transaktionsnetzwerk hat. Neben Geld und Währungen können auch alle anderen Güter über die Blockchain transferiert und aufbewahrt werden. Das inkludiert etwa digitale Medien, intellektuelles Eigentum, wissenschaftliche Entdeckungen oder sogar Wählerstimmen. Auch deshalb beschreibt Harvard Business Review die Blockchain als „erstes digitales Medium für Werte, genau, wie das Internet das erste digitale Medium für Informationen“ war.

 

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Illustration: Valentin Berger

Die Anwendungsbeispiele sind vielfältig. In der Musikindustrie etwa hat die britische Sängerin Imogen Heap das Unternehmen Mycelia gegründet. Mycelia ermöglicht es Künstlern, Labels zu umgehen und mithilfe von in intelligenten Songs eingebauten „Smart Contracts“ ihre Titel direkt an die Kunden zu verkaufen. Lizenz- und Tantiemenvereinbarungen werden automatisch vollzogen, und die Künstler werden nicht wie bisher als Letzte (also nach den Labels, Spotify, Apple), sondern zuerst bezahlt. Doch was sind Smart Contracts?

Jutta Steiner ist COO bei dem Start-up Ethcore, das aus dem Ethereum-Projekt entstanden ist. Ethereum ist eine Blockchain-basierte Computing-Plattform, an deren Weiterentwicklung Ethcore arbeitet. Steiner beschreibt das Konzept der Smart Contracts (so werden Programme genannt, die auf Ethereum laufen) folgendermaßen: „Der Begriff Smart Contracts wurde von Nick Szabo begründet und bezeichnet die Automatisierung von vertraglichen Übereinkünften oder auch die vollautomatische Ausführung von Transaktionen. Mit Bitcoins – das allererste Beispiel für eine Blockchain – kann man die denkbar einfachste Transaktion durchführen, also Werte von A nach B transferieren. Mit Ethereum kann man deutlich komplexere Transaktionen implementieren. Man kann sich das als dezentralen Computer vorstellen, auf den man beliebige Business-Logik hochladen kann, die dann ausgeführt wird. Der Code, der dafür geschrieben wird, kann als Smart Contract bezeichnet werden.“ Solche intelligenten Verträge würden dann, auch zwischen mehreren Parteien, automatisch vollzogen und Vertragsbrüche dadurch deutlich erschwert.

Auch die „Sharing Economy“ könnte durch die Blockchain neu gestaltet werden. Denn alles, was zurzeit über eine zentrale Plattform abgehandelt wird, sprich Uber oder Airbnb, könnte auch direkt über die Technologie geschehen. Die Mitglieder des Netzwerks würden die Transaktionen übernehmen und durch die Technologie wiederum Vertrauen gewährleisten. Steiner: „Der endgültige Durchbruch der Blockchain erfolgt dann, wenn ein richtig großes Ding, z.B. ein Service wie Uber, auf der Blockchain aufgesetzt wird. Ein Uber Technologies Inc. im Hintergrund, das es erlaubt, vollautomatisch Fahrgäste und Fahrer zusammenzubringen. Ganz ohne eine mächtige Plattform, die vermittelt.“ Doch dieser Durchbruch fehlt noch, nicht zuletzt, weil das Konzept für viele schwer greifbar ist – vergleichbar mit dem Internet, als es noch in den Kinderschuhen steckte.

Derzeit sind laut World Economic Forum (WEF) erst 0,025 Prozent des globalen BIP auf der Blockchain gelagert. Das entspricht rund 20 Milliarden US-$. Doch das WEF rechnet mit einem „signifikanten Anstieg“ in den nächsten zehn Jahren, wenn Banken, Versicherungen und Tech-Unternehmen erkennen, wie sie mithilfe der Blockchain Prozesse verbessern und Kosten sparen können. Das Beratungsunternehmen Aite schätzt, dass alleine Banken 2015 weltweit Ausgaben in Höhe von 75 Millionen US-$ für die Technologie tätigten. Diese Zahl soll bis 2019 auf 400 Millionen US-$ ansteigen.

Ob die „Global Trust Machine“, wie der britische Economist die Blockchain nennt, wirklich die Welt revolutionieren kann, wird sich zeigen. Das Interesse dürfte jedenfalls – nicht zu Unrecht – noch einige Zeit anhalten.

Dieser Beitrag ist in unserer Oktober Ausgabe erschienen.

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Chief Editorial Team

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