Der gute alte Grant

Von der österreichischen Neidgesellschaft hört man immer wieder. Und davon, dass hierzulande die Dinge sofort schlechtgeredet werden. Vom Mindset in..

Von der österreichischen Neidgesellschaft hört man immer wieder. Und davon, dass hierzulande die Dinge sofort schlechtgeredet werden. Vom Mindset in den USA solle man sich da eine Scheibe abschneiden, heißt es, besonders, wenn es um das Unternehmertum und Start-ups geht. In Österreich ist man für so viel Lob aber einfach zu grantig.

Aber manchmal muss man den Grant auch loben. Denn tief fallen kann man in Österreich eher schwer, da hoch steigen so gut wie unmöglich ist. In den USA hingegen, da gibt es solche Fälle. Jüngstes Beispiel war die Gründerin des Bluttestunternehmens Theranos, Elizabeth Holmes. Sie wurde als junge Frau, College-Drop-out und Weltverbesserin für ihre revolutionäre Technologie im Gesundheitswesen hochgelobt, zierte die Cover von Fortune, Bloomberg BusinessWeek und auch Forbes. Die von ihr gegründete Firma wurde auf neun Milliarden US-Dollar bewertet, Holmes galt als „the next Steve Jobs“. Doch wie gesagt: tiefer Fall. Denn als das Wall Street Journal eine Reihe von vernichtenden Berichten über Theranos’ Methoden veröffentlichte, die Genauigkeit der Tests anzweifelte und den Umsatz deutlich niedriger als zuvor schätzte, brach die Hölle über Holmes herein. Und so viele, die ihr zuvor zugejubelt hatten, wechsel- ten plötzlich die Seite und kritisierten die 32-Jährige teils heftig. In vielen Aspekten erinnert die Geschichte an Kiweno und seine Gründerin Bianca Gfrei, wo nach viel Lob auch Kritik an den Methoden laut wurde. Doch der Umgang mit Kiweno war deutlich differenzierter, denn es gab einen entscheidenden Unterschied: In Österreich lässt man niemanden so hoch fliegen, wie Holmes es tat. Auch Tesla-CEO Elon Musk schafft es immer wieder, mit seinem Auftreten und seiner Ausstrahlung genaueres Hinsehen zu vermeiden. Denn Tesla schreibt noch immer keine Gewinne und verfehlt seine Produktionsziele regelmäßig. Ganz zu schweigen davon, dass der Tesla-Gründer kein Geheimnis daraus macht, dass wir seiner Meinung nach in einem „Matrix“-ähnlichen Videospiel leben. In dem ganzen Hype um Start-ups werden Unternehmer zu Idolen gemacht, was auch Fortune dazu brachte, eine Kolumne mit „Quit Idolizing Entrepreneurs“ zu titeln.

Das hier soll kein Plädoyer dafür sein, alles schlechtzureden. Denn Unternehmer verdienen Lob für das Risiko, das sie nehmen, die Innovationen, die sie schaffen, und die Verbesserung, die sie in unser aller Leben bringen. Aber sie auf ein Treppchen zu stellen ist nicht nur falsch, sondern auch gefähr- lich. Und wenn man sich Elizabeth Holmes’ Fall ansieht, tut man den Protagonisten möglicherweise damit nichts Gutes. Auch wir Journalisten müssen uns diesbezüglich an der Nase nehmen. Denn Ehre, wem Ehre gebührt – aber eine grundsätzlich hinterfragende Haltung gegenüber allem und jedem sollte nicht abgelegt werden.

Daher lobe ich an dieser Stelle ausdrücklich den österreichischen Grant. Denn er hat auch seine guten Seiten. In einer idealen Welt wür- den wir natürlich die Begeisterung für neue Ideen und leidenschaftliche Menschen aus den USA mit der ewig kritischen Grundhaltung aus Österreich vermischen; sozusagen eine Hybridmentalität leben. Dann könnten wir wohl alle Vor- ohne die Nachteile genießen.

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Chief Editorial Team

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