Endlich wieder stolz sein dürfen

Fußballsensation und eine Politik, die menschlich reagiert, lassen Erinnerungen an nationale Sternstunden der 1950-er Jahre wach werden.

Schön wäre, wenn diese Lichtblicke eine ähnliche gesellschaftliche Initialzündung wie vor mehr als einem halben Jahrhundert ankündigen würden.

Es war, nachdem das fünfte Tor gefallen war. Mein Handy gab einen der vielen Summer ab, der wohl ein weiteres euphorisiertes SMS ankündigte, eines von denen, das meist mit Adjektiva wie „unfassbar“ oder „historisch“ versehen war. Diese war jedoch anders. Sein Wortinhalt lautete: „Bin seit langem wieder richtig stolz, Österreicher zu sein.“

Das wäre an anderen Tagen, vielleicht vor einem Jahr noch ein Satz gewesen, den ich als pathetisch, möglicherweise als unangebracht abgetan hätte. Nicht am 8. September 2015, als Österreich die Schweden, die ja bekanntlich ein harter Brocken sind, mit 4:1 aus dem eigenen Stadion geschossen hat.

Mein Stolz bezog sich aber nicht nur auf das Ergebnis, sondern schlicht auf die gesamte Geschichte, die dieses Team erzählt: Ein Trainer, der von jenseits der Grenze kommt und gegen alle Widerstände und mit bemerkenswerter Ruhe eine Mannschaft formt, die unfassbar und historisch guten Fußball spielt und aus Kickern besteht, die in der ersten, zweiten oder dritten Generation von jenseits der Grenze gekommen sind, anscheinend nicht alle leicht im Umgang, ein Ziel vor Augen hat und es – wieder gegen alle Widerstände – einfach umsetzt.

Ein Mal pro Jahrhundert

Manche sprechen vom besten Team aller Zeiten. Das mögen berufene Sportexperten argumentieren, klar ist jedoch, dass wir endlich wieder ein Wunderteam haben. Eines, das an die letzten wirklich großen Erfolge zu Mitte des vorigen Jahrhunderts anschließen könnte, als 1954 Platz drei bei der WM in der Schweiz erreicht wurde.

Tatsächlich sprießt dieser Stolz aber auch deshalb, weil zuvor schon von einer anderen Seite her entsprechender Nährboden zusammengetragen wurde. Auch hier sind Vergleiche zu den 1950er-Jahren zulässig. Auch hier spielt das Wort „Migration“ eine Rolle. Allerdings auf einer viel entscheidenderen und wichtigeren Ebene. Denn, ähnlich wie nach dem Ungarnaufstand 1956 konnte Österreich diesen Sommer nicht mehr zusehen, wie jenseits der Grenze mit Menschenleben gespielt wurde. Ähnlich wie 1956 machte man die Grenzen auf und setzte, diesmal vor allem gemeinsam mit Deutschland, ein herausragendes Zeichen der Menschlichkeit, fern jeglichen finanziellen und vor allem politischen Kalküls.

Vielleicht sind diese beiden Momente des Stolzes – so weit ihre Felder auseinanderliegen – ein Symbol beziehungsweise ein Startschuss für Neues. Das Land liegt zwar bei weitem nicht so am Boden, wie im ersten Nachkriegsjahrzehnt, wir haben aber schon bessere Zeiten gesehen als die gegenwärtigen. Ähnlich wie damals bräuchte es frische Energie und volle Tatkraft, um das Land dorthin zu führen, wo es eigentlich hingehört: In die Spitzenplatzierungen wirtschafts- und sozialpolitischer Rankings. Das Nationalteam macht vor, wie das gehen könnte.

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