„Es gibt tolle Typen”

Wilfried Sihn, Geschäftsführer von Fraunhofer Austria Research, ist seit mehr als 25 Jahren im Feld der angewandten Forschung unterwegs - aktuell zum Thema Industrie 4.0.

Mit Forbes sprach er über Innovationsfreudigkeit und Katastrophenmentalitäten.

Die Anfänge der Fraunhofer-Gesellschaft im Jahr 1949 waren gemessen an der jetzigen Größe klein – im Grunde eine Handvoll Gründungsmitglieder und viel Freiwilligenarbeit … Heute sind es 67 Institute mit rund 24.000 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und mehr als 2,1 Milliarden € Forschungsvolumen. Zur Gründungszeit, nach dem Krieg, als die deutsche Wirtschaft am Boden lag, war es dringend notwendig, eine Entwicklungsorganisation aufzubauen, die die mittelständische Industrie unterstützt, aber das – bis heute – ganz gezielt nicht im Bereich Grundlagenforschung, sondern im Bereich der angewandten Forschung. Angewandte Forschung ist Innovation, die Sie nur dann haben, wenn Sie eine gute Idee umsetzen. Wenn Sie hingegen nur eine gute Idee haben, bleibt sie eine Invention. Und in diesen über 60 Jahren hat die Fraunhofer-Gesellschaft recht erfolgreich gute Ideen umgesetzt. Es gab noch kein Verlustjahr und die Organisation ist jedes Jahr gewachsen – in den letzten Jahren weit über das hinaus, was wir eigentlich wachsen dürfen. Dürfen – oder wollen? Dürfen dürfen wir, wie wir wollen – nur die Grundfinanzierung in Deutschland durch das Forschungsministerium ist budgetär begrenzt. Das Fraunhofer Finanzierungsmodell ist ja ein Drittel-Modell, das heißt: ein Drittel vom Staat, ein Drittel von der Industrie – beides steht in direkter Abhängigkeit zueinander. Können wir auf der Seite der Industrie nichts vorweisen, bekommen wir auch nichts aus öffentlicher Hand – und das dritte Drittel sind Forschungsprojekte; EU Projekte oder Forschungen für die Weltbank etc. Wir müssen zwei Drittel unseres Haushaltes selbst verdienen, was uns von anderen Forschungsinstituten unterscheidet. Dieses Modell war bei seiner Einführung im Jahr 1973 intern heftig umstritten … Stimmt. Aber inzwischen ist das durch das Wachstum und die Wissenschaftserfolge, die erzielt wurden, nicht mehr so. Wissen Sie, was das erfolgreichste Produkt ist, das Fraunhofer je gemacht hat? Sie sagen es mir sicher gleich … MP3. Jährliche Patenteinnahmen im hohen zweistelligen Millionenbereich seit über zehn Jahren. Es gibt Tausende andere Patente, aber das ist das erfolgreichste.

Heidi Aichinger: Wie sind Sie zu Fraunhofer gekommen?

Wilfried Sihn: Wie die Mutter zum Kind. Ich habe in Karlsruhe Wirtschaftsingenieurwesen studiert und auf einer Veranstaltung den ehemaligen Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft, Hans-Jürgen Warnecke, kennengelernt. Und dieser Mann hat mich fasziniert. Und nach meiner Diplomarbeit, die ich, wie man das in Stuttgart so macht, bei Daimler geschrieben habe, stellte sich mir die Frage: Gehe ich in die Industrie oder zu Fraunhofer? Und da man bei Fraunhofer promovieren kann, dachte ich mir: In die Industrie kann ich später immer noch. Und der langen Rede kurzer Sinn: Immer, wenn ich weggehen wollte, haben die mich befördert.

Aichinger: Jetzt sitzen Sie aber in Wien, mit einer ganz eigenständigen Fraunhofer-Tochter. Wie ist das denn passiert?

Sihn: Ich war 23 Jahre lang bei Fraunhofer in Stuttgart, zuletzt als stellvertretender Institutsleiter, habe dort zwei von fünf Geschäftsfeldern geleitet. Und dann kam diese Chance hier in Wien: die Ausschreibung für den Lehrstuhl für Industrial Systems and Engineering an der TU Wien. Dafür habe ich mich beworben und relativ schnell bemerkt, die meinen das ernst. Ich habe mich dazu entschlossen, die Professur zu übernehmen und Fraunhofer für Österreich neu aufzubauen. Und das war die beste Entscheidung, die ich in meinem Berufsleben je getroffen habe. Wäre Ihnen der Lehrstuhl alleine zu wenig gewesen? Ich bin halt ein Kind der angewandten Forschung – Uni ja, aber nur in Zusammenarbeit mit angewandter Forschung bei Fraunhofer. Außerdem gibt es bei Fraunhofer eine Grundregel, die heißt: Der Leiter eines Instituts oder einer Fraunhofer-Einrichtung muss einen Lehrstuhl an einer Universität haben. Nicht zuletzt auch deshalb, weil es ein ganz großes Motivationsinstrument für unsere Mitarbeiter ist, hier promovieren zu können.

Wie geht denn die Uni damit um? Sie will doch auch die Besten für sich.

Wir haben sowohl mit der TU Wien als auch mit der TU Graz ganz klar geregelte Kooperationsverträge. Das ist kein Thema. Bei mir im Team gibt es Kollegen, die haben einen Uni-Vertrag, andere, die haben einen Fraunhofer-Vertrag, und wiederum andere, die haben einen Uni-/Fraunhofer-Vertrag. Ich bin eher die Konkurrenz für die McKinseys oder die Porsches dieser Welt, denn die kriegen nicht die Besten, nur die Zweitbesten.

Noch einmal zurück zur Gründung. Wie hat der österreichische Forschungsmarkt auf die Gründung von Fraunhofer Austria Research im Jahr 2008 reagiert?

Damals war die Angst da – unterschwellig ist sie es vielleicht heute noch –, dass jetzt wer von Fraunhofer kommt und den österreichischen Forschungsmarkt leersaugt. Sie können sich vorstellen, dass da nicht alle Hurra geschrien haben. Mit 24.000 Mitarbeitern und mehr als 2,1 Milliarden € Forschungsvolumen ist Fraunhofer eine Riesenorganisation. Mir war deshalb relativ schnell klar: Fraunhofer muss österreichisch werden. Und unsere Unternehmung war dann auch die erste Auslandstochter, die Fraunhofer gegründet hat, die Fraunhofer Austria Research GmbH als eigenständige Fraunhofer-Organisation in Österreich.

Wie sieht es mit der Auftragslage aus? Zurzeit ist ja jeder auf der Suche nach Innovation …

Durch unsere starke Involviertheit in das Thema Industrie 4.0 und andere hochinnovative Themen wie Additive Manufacturing oder digitale Transformation ist unsere Auftragslage schon immer sehr gut und führt zu einem gesunden Wachstum.

Welches ist Ihr Spezialgebiet?

Seit drei Jahren ist das Industrie 4.0 und Digitalisierung. Dazu muss ich eines vorausschicken: In den zwölf Jahren, die ich in Österreich bin, habe ich zwei Dinge gelernt. Erstens: Sie haben einen deutschen Wert und teilen den durch zehn, dann sind Sie in Österreich. Und zweitens: Was heute in Deutschland passiert, kommt in 12 bis 18 Monaten nach Österreich – im Guten wie im Schlechten. So kam es auch mit dem Thema Industrie 4.0. Am 14. April 2013 war ich bei meiner Rektorin (Sabine Seidler, Rektorin der TU Wien; Anm.) und habe mit ihr über dieses Thema und seine Relevanz gesprochen. Sie hat sofort verstanden, was ich meine. In der Zwischenzeit haben wir an der TU einige große Dinge realisieren können – eine große Demofabrik und ein Doktoratskolleg, wo zehn Professoren mit ihren Doktoranden aus vier Fakultäten gemeinsam am Thema Industrie 4.0 arbeiten. Das ist einmalig.

Welche Fragen gelangen seitens der Industrie zu Ihnen?

Die zurzeit meistgestellte Frage ist: Was heißt Industrie 4.0 für mich? Wir haben dazu eine Vorgehensweise entwickelt, die Unternehmen dabei hilft, ihre Chancen zu erkennen, aber auch ihre Risiken, wenn sie sich auf dieses Thema nicht einlassen. Im Moment bin ich, wenn es um Digitalisierung und Industrie 4.0 geht, wie soll ich sagen, in einer Art Vordenkerrolle. Wie lange im Voraus antizipieren Sie denn die Zukunft jener Unternehmen, die Sie schon beraten? Ich lehne alles ab, was über drei Jahre hinausgeht. Sonst wäre ich ja Hellseher.

Wenn Sie jetzt nur drei Jahre zurückgehen und vor drei Jahren hätte Ihnen einer erklärt, was Sie heute tun, hätten Sie ihn für verrückt erklärt.

Möglicherweise … Ein Beispiel: Wenn Sie sich die 20 größten Kapazitätsverbraucher im Internet anschauen, dann sind zehn davon jünger als drei Jahre. Im Moment ist der Hauptverbraucher Netflix. Das Unternehmen verbraucht zurzeit 30 Prozent der Internet-Kapazität – nur durch Videodownstreams. Wie soll ich denn da die nächsten zehn Jahre voraussehen? Sicher kann ich nur sagen, dass die Beschleunigung dieser Innovationen stärker sein wird. Und die Veränderungen in unserem beruflichen und privaten Umfeld werden gleichsam groß sein. Auch deshalb wäre für mich der Begriff „Leben und Arbeiten 4.0“ besser gewählt als „Industrie 4.0“. Ganz allgemein gesprochen geht es ja darum: Wie kann ich diese technologischen Entwicklungen, insbesondere im Informations- und Kommunikationstechnologiebereich, dazu nutzen – und ich drücke es jetzt ganz banal aus –, um Umsatz zu machen? Ich sage immer – und jetzt kommen meine zwei Lieblingssätze: Daten sind das Öl der Zukunft. Und: Es gilt, aus Big Data, also aus vielen Daten, ‚Smart Information’ zu machen, also nutzbringende Information. Dann haben Sie gewonnen. Nehmen Sie als Beispiel das autonome Fahren. Das geht ohne Daten nicht. Und das ist auch der Grund, warum alle großen Automobilisten – wirklich alle – inzwischen eigene Firmen gegründet haben, die sich nur mit dem Thema Communication beschäftigen. Die haben massive Angst vor den Googles und Apples dieser Welt, wobei deren Ansatz ein ganz anderer ist. Google wird keine Autos bauen, um mit den Autos Geld zu verdienen. Das ist für die nur ein notwendiges Übel. Die wollen über Daten Geld verdienen. Mit der zunehmenden Digitalisierung steigt auch die Angst vor Jobverlust.

Wie ist Ihr Blick auf dieses Thema?

Diese ganze Digitalisierungswelle wird massive Veränderungen in unseren Arbeitsstrukturen hervorrufen. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir werden Arbeitsplätze verlieren. Das ist keine Frage. Wenn wir es aber richtig tun, dann werden wir am Ende des Tages mehr Arbeitsplätze haben, als wir vorher verloren haben. Nur gibt es da einen Haken: Erstens gibt es eine zeitliche Dis krepanz, das heißt: Wir werden jetzt Arbeitsplätze verlieren und werden irgendwann neue bekommen. Aber ob diejenigen, die jetzt ihren Job verlieren, in der Lage sein werden, diese neuen Arbeitsplätze zu füllen – da habe ich meine Zweifel. Womit wir bei Punkt zwei sind: Bildung. Da sind massive Veränderungen notwendig, und zwar über alle Bildungsstufen hinweg. Das beginnt beim Kindergarten und hört beim MBA auf.

Da muss ich die Frage stellen: Wie muss ich das System verändern, um es zukunftsfähig zu machen? Wo steht aus Ihrer Sicht die Forschung am Standort Österreich?

Man muss das immer im internationalen Vergleich sehen. Was die Innovationsfreudigkeit in der Industrie betrifft, gemeinsam mit der Forschungsunterstützung der Regierung und der öffentlichen Hand, dann würde ich sagen, Österreich ist im gehobenen Mittelfeld. Nicht spitze, aber auch nicht schlecht. Was ich allerdings massiv kritisiere, ist, dass viele noch nicht begriffen haben, dass Österreich – aufgrund seiner schieren Größe – nicht der Nabel der Welt ist, und man hier noch immer glaubt, mit der Gießkanne durch die Gegend rennen zu müssen. Wenn ich international anerkannte Forschung möchte, Leuchttürme, wenn Sie so wollen, dann muss ich Schwerpunkte setzen.

Exzellenzförderung war hier immer ein schwieriges Thema …

Österreich braucht aber ganz dringend junge Leute, die bereit sind, ein unternehmerisches Risiko einzugehen. Und was ich hier – also im deutschsprachigen Raum – erlebe, ist dahingehend eine Katastrophenmentalität. Da bist du ein Loser, wenn du eine Firma gegen die Wand fährst. In Amerika wirst du als Hero gefeiert, wenn du einem Venture-Kapitalisten 50 Millionen US-Dollar abgeluchst hast und das Ganze dann gegen die Wand fährst. Da bist du der Größte. Dabei gibt es in Österreich so tolle Typen, die man einfach unterstützen muss, in die Selbstständigkeit zu gehen. Österreich muss sich darüber im Klaren sein, dass das Einzige, was uns erfolgreich in die Zukunft bringen wird, Innovation ist.

Wo sehen Sie denn Ihre eigene Unternehmung in drei Jahren?

Wir werden weiter wachsen, die 100-Mitarbeiter-Grenze überschritten und das Thema Industrie 4.0 massiv auf die Straße gebracht haben.

Dieser Beitrag erschien am 08.09.2016 in unserer Printausgabe.

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Chief Editorial Team

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