Glucotab: Die Blutzucker Manager

Mittels einer neuen Software will ein Grazer Spin-off das Blutzuckermanagement von Patienten mit Diabetes in Krankenhäusern verbessern. Das Unternehmen steht..

Mittels einer neuen Software will ein Grazer Spin-off das Blutzuckermanagement von Patienten mit Diabetes in Krankenhäusern verbessern. Das Unternehmen steht noch am Anfang, erste Ergebnisse sind jedoch vielversprechend. Doch es gibt auch Schwierigkeiten.

Weltweit leiden etwa 366 Millionen Menschen an Diabetes, in Österreich sind es rund 600.000. 90 Prozent davon haben Typ-2-Diabetes, verharmlosend auch als „Alters-diabetes“ bekannt – eine irreführende Bezeichnung, vor allem, weil auch immer mehr Jugendliche an dieser Krankheit leiden. Denn Übergewicht und falsche Ernährung sind neben der genetischen Disposition Faktoren, die die Krankheit mitverursachen. Genau diesen Menschen will die Software „Glucotab“ des universitären Spin-offs Decide Clinical Software GmbH helfen. Das Unternehmen der außeruniversitären Forschungsein- richtung Joanneum Research und der Medizinischen Universität Graz am Zentrum für Wissens- und Technologietransfer (ZWT) verbessert das Blutzuckermanagement von Patienten mit Typ-2-Diabetes in Kranken- häusern. Dabei kommt eine Software zum Einsatz, die für Ärzte und Pfle- gepersonal ausrechnet, wann wie viel Insulin für den individuellen Patien- ten verabreicht werden sollte. Das spart Zeit, Geld und Ressourcen. Denn die Insulinverabreichung, die im Pri- vatbereich von den Patienten selbst übernommen wird, fällt im Kranken- haus in den Verantwortungsbereich des Personals. Und dabei werden die empfohlenen Blutzuckerwerte meist nicht erreicht. „Die Patienten haben im Krankenhaus einen anderen Tages- ablauf, die Ernährung wird umgestellt, das Stresslevel ist ein anderes. Daher muss auch die Medikation angepasst werden“, erklärt Co-Geschäftsführer Andreas Krug.

Hinzu kommt, dass die Zahl von Menschen mit Diabetes in Kranken- häusern allgemein höher ist. Co- Geschäftsführer Peter Beck: „Patienten mit Typ-2-Diabetes sind unsere Zielgruppe. Und da in Krankenhäusern überproportional ältere Menschen liegen und diese wiederum häufiger an dieser Form von Diabetes leiden, wird das richtige Blutzuckermanagement immer wichtiger. Das Thema betrifft alle medizinischen Be- reiche. Es gibt Stationen in Krankenhäusern, wo ein Drittel der Patienten an Typ 2-Diabetes leidet.“ Andreas Krug führt das weiter aus: „Die Leute liegen ja nicht wegen ihrer Diabeteskrankheit im Krankenhaus, sondern etwa wegen eines Oberschenkelhalsbruchs. Das heißt, dass das Pflegepersonal eigentlich nicht auf diese Krankheit spezialisiert ist, ein großer Anteil der Patienten aber da- ran leidet. Hier hilft Glucotab natürlich enorm.“ Ursprünglich entstammt die Anwendung einem EU-Projekt aus dem Jahr 2010, das insgesamt vier Jahre dauerte. Sowohl die Med Uni Graz als auch Joanneum Research entwickelten die Software, anwendbar auf Tablets. Auf Basis der vorangegangenen 24 Stunden wird dabei täglich die empfohlene Insulinmenge berechnet, gemessene Blutzuckerwerte und Nahrung werden berücksichtigt.

Sowohl die Medizinische Universität Graz als auch Joanneum Resarch halten zehn Prozent an der Decide Clinical Software GmbH. Fünf Millionen Euro hat Glucotab bisher an Finanzierung erhalten – Fördergelder, aber auch Eigenmittel, etwa von Joanneum Research. Krug: „Es ist natürlich immer schwer zu sagen, wie viel Geld wirklich in das Produkt fließt. Denn Forschung darf suchen – doch nicht jede Suche führt auch zu einem Ergebnis. Aber nur in einem solchen Umfeld lassen sich diese Dinge auch wirklich weiterentwi- ckeln.“ Grundsätzlich seien laut Krug maschinelle Aktionen statt Dokumen- tationen im medizinischen Bereich noch immer nicht etabliert, da man Angst vor technischem Versagen habe. „Dass der Mensch versagt, ist akzeptiert. Dass eine Maschine versagt – das zeigt sich auch in anderen Bereichen, etwa beim Autopiloten von Tesla – ist noch nicht akzeptiert. Denn das Risiko bei unserer Software ist nicht zu unterschätzen. Gerade beim Insulin kann ein Berechnungsfehler zu starker Unterzuckerung und zum Tod des Patienten führen.“ Die Bereitschaft, sich die Technik in der Medizin zunutze zu machen und Bereiche zu finden, die von Maschinen besser bearbeitet werden können als von Menschen, entwickle sich zudem erst langsam. Das sei aber generell ein großes Thema im Bereich „Healthcare 4.0“. Die Frage, wie man Wissen, das sich erneuert und verändert, möglichst schnell in die Behandlung einfließen lässt, sei ein weiterer Aspekt, der die Gesundheitsbranche generell betrifft.

Derzeit sammelt das Spin-off Daten in der Anwendung auf vier Stationen an der Medizinischen Universität Graz. Ein Pilotprojekt in einem nicht universitären Krankenhaus ist in Vor- bereitung, danach soll die Software im deutschsprachigen Raum und in England am Markt verkauft werden. Erste Ergebnisse der Studien waren laut Beck erfolgreich: „Das Personal verwendete die Software in 95 Prozent der Fälle, die Dosierungen wurden ebenfalls in 95 Prozent eingehalten. Und wir konnten 73 Prozent der Werte in den gewünschten Zielbereich bringen, was dem ‚State of the Art‘ entspricht. Zudem hatten wir keine einzige schwere Unterzuckerung – der Sicherheitsaspekt ist also ebenfalls gewährleistet.“

Doch welche Einsparungen kann die Software bringen? Laut Krug gibt es Studien, die zeigen, dass bei betroffenen Patienten mit einer ähnli- chen Software eine Verringerung der postoperativen Infektionsrate um 75 Prozent möglich ist. Andere Zahlen des britischen NHS (National He- alth Service) zeigen, dass Diabetiker im Schnitt drei Tage länger im Kran- kenhaus liegen – eine Verlängerung um 60 Prozent. „Jeder Liegetag kostet zwischen 500 und 1.000 Euro, je nach Patient. Da kommt schon einiges zusammen“, so Krug.

Das Potenzial ist also vorhanden. Doch wie sieht es mit den Umsätzen aus? „Wenn wir eine defensive Prognose ausgeben und uns zum Ziel nehmen, nur zehn Prozent der Mehr- kosten von Diabetikern – und die sind nachweislich vorhanden – zu redu- zieren, dann schaffen wir den Return on Investment innerhalb von zwölf Monaten. Doch es gibt dabei nicht nur für uns, sondern in ganz Mitteleuropa einen Hemmschuh.“ Denn laut Krug ist folgende Frage ent- scheidend: Wer investiert – und wer spart? Denn selbst wenn Einsparungs- potenzial vorhanden ist, sind die Kran- kenhäuser diejenigen, die investieren – profitieren würde hingegen die Sozialversicherung. Auch deshalb ist die Profitabilität noch ein paar Jahre entfernt. Das ist Herausforderung genug, da die Organisationen oft langsame Entscheidungswege haben. Danach soll jährlich ein zweistelliges Umsatzwachstum erzielt werden. „Generell wäre ein stärkerer Fokus auf Blut- zuckerwerte wichtig, da könnte Glucotab ein Baustein sein“, sagt Krug. Beide Co-Geschäftsführer wünschen sich in Österreich noch mehr Mut zu Spin-offs. Peter Beck: „Spin-offs sind entgegen der oft geäußerten Meinung keine Unternehmen, wo einige wenige mit öffentlichen Mitteln reich werden. Ob wir damit reich werden, steht in den Sternen. Es ist natürlich legitim, dass es auch Rückflüsse zu den Forschungseinrichtungen gibt und ein Lizenzvertrag gemacht wird. Aber in Österreich werden Spin-offs leider oft Konditionen auferlegt, die vieles verhindern.“

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Chief Editorial Team

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