Wissen ist Freiheit – Interview mit Wikipedia-Gründer Jimmy Wales

Jimmy Wales ist wohl das, was man einen echten und außergewöhnlichen Visionär nennen kann. 2001 gründete er die Plattform Wikipedia.

Seine Vision? Wissen frei zur Verfügung zu stellen, partizipativ, für jeden Menschen, überall und zu jeder Zeit.

Das World Wide Web und Web 2.0 sind wohl die größten technologischen Revolutionen der Internet-Ära. Seit dem Web 2.0 sind User nicht mehr gezwungen, „nur“ zuzusehen – jeder kann mitgestalten. Wikipedia war schon ein Teil des Web 2.0, bevor der Begriff 2004 zum ersten Mal auftauchte. Das passt zu Jimmy Wales. Der Mitte der 1960er-Jahre im „tiefsten Süden der USA“ geborene Unternehmer liebt Wissen, Technologie und die Freiheit – die drei Zutaten der größten Enzyklopädie der Welt. Wales und seine Co-Gründer haben mit ihrer Plattform grundlegende Paradigmen der traditionellen Medienwelt komplett auf den Kopf gestellt.

Sowieso hatte es Wales mit Regeln noch nie so. Denn neben der Non-Profit-Organisation Wikipedia gründete der selbst ernannte „Anhänger des verantwortungsvollen und integren Kapitalismus“ 2004 auch eine For-Profit-Plattform: „Wikia“ – ein Service, der verschiedenste Wikis, also Subseiten zu speziellen Themen, hostet und sich über Werbung finanziert. Unlängst hat Wales den „Fan“ als wertvollen Contributor entdeckt und forciert das mit „Fandom“, einer Plattform für echte Nerds, die sich auch über Werbung und Content Marketing finanziert.

Woher kam es, dass Sie sich bereits 1996 durch die Plattform Bomis mit dem Internet beschäftigten?
Meine Mutter liebt Technologien und Gadgets. Mein Onkel hatte das erste Computergeschäft der Stadt, in der wir lebten – im tiefsten Süden Amerikas, in Huntsville, Alabama. Dort forschte auch die Nasa. Wir hatten außerdem als erste Familie der Stadt einen Computer. Und die Schule, auf die ich ging, die von meiner Mutter und Großmutter geführt wurde, hatte auch Computer. Die waren sogar miteinander verbunden, wir konnten sogar E-Mails verschicken. Ich bin mit diesen Ideen des Internets und Technologien aufgewachsen und habe früh bemerkt: Das wird einmal etwas ganz Großes.

Freiheit ist Ihnen, wie Sie sagen, ein großes Anliegen. Woher kommt das?
Ehrlich gesagt weiß ich das gar nicht so genau. Ich denke, es kommt daher, dass in meiner Familie Bildung immer sehr wichtig war. Vielleicht kommt es auch daher, dass die Schule, die meine Mutter und Großmutter leiteten, den Tagesablauf ihrer Schüler extrem frei ließ – es gab kaum Strukturen. Wir hatten extrem viel Zeit zur freien Gestaltung, zum Lernen, um in der Enzyklopädie zu lesen. Es war also nie wirklich Teil meines Lebens, einem festgelegten Set an Regeln zu folgen. Und ich glaube, das macht viel dessen aus, wer ich heute bin.

Wenn Sie auf die 15-jährige Geschichte von Wikipedia zurückblicken:Was waren die größten Herausforderungen?
Ich tue mir schwer mit dem Wort „Herausforderung“. Ich bezeichne mich gerne als krankhaften Optimisten. Ich finde immer alles super, deswegen muss ich mich auch mit Pessimisten umgeben. (lacht) Sagen wir so: Es gab sehr interessante Erfahrungen. Anfangs habe ich jeden Artikel gelesen, der auf Wikipedia reinkam – auch alle Änderungen. Es dauerte nicht lange, bis das nicht mehr möglich war. Ich hatte Sorge, wenn ich abends zu Bett ging, dass jemand über Nacht die Wikis einfach kaputt machen würde. Aber das passierte nie. Und relativ bald merkte ich dann, dass 24 Stunden am Tag, oft auch nachts, Menschen aus der Community, die ich kannte, online waren und die Artikel screenten. Das war ein interessanter Moment. Ich realisierte, dass ich nicht alles selbst überwachen kann. Wir hatten ein gutes Team und haben sehr intensiv Prinzipien, Ideen und Qualitätsvisionen diskutiert. Ich habe auch gelernt, dass es keinen Sinn ergibt, aufwendige, mehrphasige Zulassungsprozesse auf einer Plattform wie Wikipedia zu haben. Das schreckt die Leute ab, mitzumachen. Heute wäre ein Artikel auch gut, wenn er einfach nur aus dem Satz „Wien ist eine Stadt in Österreich“ bestünde – kurz, aber wahr.

Wie würden Sie Wikipedias Rolle in der Gesellschaft beschreiben – sind Sie glücklich mit der Entwicklung der Plattform?
Ich bin sehr glücklich. Das Gute ist: Wikipedia ist neutral und sehr faktenorientiert. Viele Medien sind heutzutage leider alles andere als neutral, gerade in den USA ist das ein Riesenproblem. Denken Sie zum Beispiel an Barack Obamas Gesundheitsreform: Es gab so viele wütende Debatten und Kommentare, aber wenig Information, wenig Erklärung, was dieses Reformpaket eigentlich bedeutet. Herauszufinden, worum es inhaltlich geht, war also so gut wie unmöglich. Da ist Wikipedia sehr gut – es erklärt Prinzipien, Ideen, und auch in diesem Fall, was sich am System geändert hätte.

Neben Wikipedia haben Sie noch eine zweite Plattform, Wikia, die Host für jene Inhalte sein soll, die zu speziell für Wikipedia sind. Da arbeiten Sie gewinnorientiert. Unterscheiden sich die Communitys?
Es gibt sicher gewisse Unterschiede, aber eines vereint sie: die Leidenschaft beziehungsweise das Interesse an der Community und an den Inhalten. Sicher, ein Wikia-Community-Mitglied beschäftigt sich in dem Moment vielleicht nicht mit der Bildung für Kinder in Afrika, aber sie haben trotzdem ein sehr hohes Commitment – für die Show beispielsweise, über die sie schreiben. Und auch für die Fans dieser Show, die keine Zeit hatten, die Show regelmäßig zu sehen. Wir reden viel mit unserer Community, die postet genau für solche Menschen. Da gibt es viele Ähnlichkeiten.

Warum haben Sie Fandom gegründet?
Wir leben in den Goldenen Zeiten der Medien. Wir haben eine unfassbare Quantität und Qualität etwa an TV-Serien erreicht, die hoch emotional, intelligent, komplex, spannend und herausfordernd sind. Sie sind sehr viel besser als vor 20 Jahren, das Gleiche gilt übrigens auch für Computerspiele. Es ist eine Kulturexplosion. Fans können via Internet interagieren oder sich tiefgehend mit Inhalten auseinandersetzen. Andererseits wäre es wahrscheinlich sehr schwierig, „Game of Thrones“, ohne die Verknüpfung zu Inhalten online zu schauen. Man würde den Überblick verlieren – und diese Verknüpfung wiederum erlaubt es Gestaltern, immer anspruchsvollere, komplexere Inhalte zu produzieren.

Fandom finanziert sich zum einen über Werbung, zum anderen sind Fans ein Kon- taktpunkt für Unternehmen – zu weiteren Fans, um Geschichten zu platzieren. Ergibt sich da in einer Umwelt, in der die oberste Maxime Authentizität, also „Fan-Sein“, ist, nicht ein Konflikt?
Es könnte sich ein Konflikt ergeben, ja. Aber die Fans haben die volle Kontrolle über ihre Inhalte und agieren auf Augenhöhe mit den Unternehmen. Die wiederum haben verstanden, dass sie Fans keinen Schwachsinn vorsetzen können, weil die sich damit nicht zufriedengeben. Fans möchten keine PR-Storys, sondern echte Geschichten von Autoren, von Kreativen, die wirklich involviert sind.

Sie haben die Internetökonomie quasi mitgestaltet – Wikipedia war schon Web 2.0, da gab es den Begriff noch gar nicht. Wie sehen Sie Trends wie die zunehmende Marktkonzentration? Google und Facebook scheinen übermächtig …
Das ist auf jeden Fall ein Trend, den man im Auge behalten sollte. Ich bin deswegen nicht panisch. Das Einzige, was mich beunruhigt, sind Dinge, die Systeme „zumachen“, wie das beispielsweise bei einigen Dynamiken im App-Ökosystem der Fall ist. Jede App muss von Apple oder Google zugelassen werden. Das freie Internet ist anders – niemand könnte mich davon abhalten, eine Website zu veröffentlichen. Genau so soll es auch sein.

Und wie stehen Sie zum Thema Datenschutz?
Das ist ein Riesenthema. Ich bin ein großer Verfechter der Online-Security. Ich finde es bedauerlich, dass Regierungen teilweise Sicherheit zu unterwandern versuchen, indem sie überall spionieren wollen. Gott sei Dank sehen wir anhand der geführten Debatten, dass das Thema in der Gesellschaft angekommen ist. Und wie gesagt: Ich bin Optimist.

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