Kulturtechnik Neid

Dass Neid tief in der österreichischen Seele verankert ist, sind keine Breaking News. Vielmehr sind die meisten von uns doch..

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Dass Neid tief in der österreichischen Seele verankert ist, sind keine Breaking News. Vielmehr sind die meisten von uns doch eher in der Gewissheit aufgewachsen, dass Neid nur eine in Österreich erfundene Kulturtechnik sein kann. In einem Land mit hohen Lebens- und Sicherheitsstandards, mit Städten, die weltweit zu den lebenswertesten zählen, wo viele Menschen relativ gesehen viel haben, wird am liebsten auf das geschaut, was der andere hat und man selbst nicht. Zufriedenheit zuzugeben schickt sich nur bei Umfragen. Verschwiegen wird gerne, welche Abgründe sich bei so manchem dahinter auftun.

Nicht, dass uns selbst Neid zuteilgeworden wäre, vielmehr haben jene Menschen, die wir für diese Ausgabe zu Gesprächen über Eigentum und Vermögen getroffen haben, darüber berichtet: reiche Unternehmer oder Forscher, die sich mit den Reichen dieser Welt schon seit vielen Jahren beschäftigen. Anders nämlich als etwa in den USA wird in Österreich Vermögen und Eigentum zu weiten Teilen vererbt und nicht selbst erarbeitet. Und es scheint tatsächlich so einfach zu sein, dass Erben von Vermögen und Eigentum in Österreich nicht gut ankommt. Weil: nicht selbst erarbeitet. Den Wohlhabenden wird ihr Vermögen oft nicht gegönnt – interessanterweise auch dann nicht, wenn sie es sich selbst geschaffen haben. Beim Thema Reichtum schwingt die moralische Keule hierzulande automatisch prophylaktisch einmal mit, während man in den USA jene, die es zu Vermögen und Reichtum gebracht haben, bewundert, zumindest aber die Leistung dahinter respektiert.

Jetzt könnten Sie an dieser Stelle sagen, dass wir als „Forbes“ gebiast sind. Ja, das könnte einerseits sehr wohl so sein. Andererseits aber würde Ihnen jeder Kollege und jede Kollegin bestätigen, dass die Unternehmenskennzahlen der vielen Unternehmen, die wir uns – über den Globus verteilt – anschauen, für unsere relativ dazu gesehen kleinen Verhältnisse so absurd hoch sind, dass wir dazu keinen persönlichen Bezug mehr herstellen können. Wir gehen damit also recht entspannt um. Keine Sorge.

Viel mehr noch als der Reichtum jener, über die wir berichten, interessiert uns der unternehmerische Geist dahinter, die Idee, der Business Case, interessieren uns die Leistungen und das Geschick von Menschen. Daran können wir uns – ehrlich – erfreuen. Ohne Leistung, das sagt auch Georg Kapsch im Interview, geht gar nichts. Man kann nicht Unternehmer sein wollen und nichts leisten, sagt er. Dann lieber gleich das Unternehmen verkaufen und sich nicht mehr in seine Geschicke einmischen. Und, so schließt er an: Die meisten denken, mit Vermögen kämen ausschließlich Rechte. „Das ist ein Irrtum“, so Kapsch bestimmt. Auf die Verantwortung, die Vermögen mit sich bringt und die schwerer wiegt, wollen nur wenige schauen.

Thomas Druyen als Vermögensforscher tut das sehr wohl. Über die Jahre hat er Zigtausende Superreiche (ab 30 Mio. US-$ Netto-Finanzvermögen) für seine Untersuchungen interviewt. Die Verantwortung, die aus dem Reichsein erwachse, so sagt er, forme eine Vermögenskultur – die aktuell durch Finanzkrise und disruptive Kräfte allerorten stark im Wandel sei. Der Mut, den viele hatten, um ihr Vermögen auf- und auszubauen, der geht laut Vermögensforschung verloren, wenn es darum geht, den eigenen Reichtum zu schützen. „Wer viel mehr hat, hat auch viel mehr Angst, etwas zu verlieren“, sagt Druyen. „Diese Intuition kann ganze Gesellschaften bremsen und vom Zug des Fortschritts werfen.

Unsere November Ausgabe ist ab heute, Donnerstag, in allen Trafiken, als Abonnement, oder e-Paper erhältlich.

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Chief Editorial Team

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