Anke Stern: Raum geben

„Ich will nicht, dass nachdekoriert wird“, sagt Innenarchitektin Anke Stern. Dann nämlich war etwas an der gemeinsamen Arbeit mit dem..

„Ich will nicht, dass nachdekoriert wird“, sagt Innenarchitektin Anke Stern. Dann nämlich war etwas an der gemeinsamen Arbeit mit dem Bauherrn nicht gut. Zuletzt bei Lingenhel hat aber eigentlich alles ganz gut geklappt.

Es war die erste Käserei, die sie mit „Lingenhel“ in der Wiener Landstraßer Hauptstraße mitgestaltet hat – „und ich glaube, auch die letzte“, sagt Anke Stern vergnügt. Das war auch für die erfahrene Innenarchitektin kein ganz alltägliches Projekt. Kurz nachdem das Architektur- und Design-Büro „destilat“ die Ausschreibung für die Stadtkäserei für sich entschieden hatte, kam die Innenarchitektin als Projektpartnerin mit an Bord.

Das gesamte Projekt ist das Ergebnis einer sehr intensiven Zusammenarbeit mit Johannes Lingenhel, so Stern. Bis zuletzt sei man fast täglich auf der Baustelle gestanden. Die Herausforderung war dabei, blickt sie auf arbeitsreiche Tage zurück, die Faszination des Bauherrn für seine Produkte und den hohen Anspruch an seine Arbeit in den Innenraum zu übertragen. Shop, Restaurant und Schau-Käserei fügen sich für den Besucher leichtfügig ineinander – und das zurzeit immer volle Geschäftslokal zeigt: Lingenhel lädt ganz offensichtlich zum Verweilen ein – „Mission completed“ quasi.

„Es ist schön, wenn so etwas gelingt“, sagt Stern. „Man merkt, dass es eine sehr urbane und zeitgemäße Gestaltung und Herangehensweise ist, wie man heutzutage ein Geschäft betreiben kann – die persönliche Bedienung, das Wissen um die Herkunft der Produkte, bis hin zu den Bauern, die der Betreiber alle persönlich kennt.“ Und, im Nachsatz: „Am liebsten möchte man doch auch wissen, wer heute den Schinken aufgeschnitten hat“, so die Innenarchitektin. „Ich glaube wirklich, dass viele so denken.“ Bei diesem hohen Anspruch als arbeitstechnische Steilvorlage liegt die Herausforderung bei der Gestaltung auch darin, keine Hemmschwelle zu erzeugen, eine, „wo man sich dann nicht mehr traut, in das Lokal hineinzugehen.“ Schließlich sei das Käsen ein Handwerk, das in dieser speziell dargebrachten Form – der Besucher kann beim Käsen selbst zusehen und später den Reifungsprozess durch ein Fenster beobachten – nur noch auf Bauernhöfen zu sehen. Dementsprechend dürfen die verwendeten Materialien auch nicht zu clean oder zu chic sein, sondern müssen emotional und authentisch wirken, erklärt Stern. Und schließlich muss auch die Neugier des potenziellen Gasts stets die Oberhand behalten. Mit Lingenhel sowohl als Geschäft als auch als Person sei die Arbeit gut gelungen.

Es gibt unter den Bauherren aber freilich viele unterschiedliche: Solche, die einen gesamten Planungs- und Umsetzungsprozess mit großer Leidenschaft begleiten, und andere, die zu Beginn kurz dabei sind und sich dann erst ganz am Ende des Projektes mit einer Liste wieder auf der Baustelle blicken lassen. „Oft ist dann die Nachbereitungsphase genau so lang wie die Bauphase selbst“, sagt Stern achselzuckend. Die eine oder andere von der Innenarchitektin dargebrachte Schnurre aus dem Alltag macht deutlich: Der Mensch braucht Humor; Leid bleibt auch dem Innenarchitekten nicht erspart. Und nur die gute Zusammenarbeit mit dem Bauherrn steigert die Wahrscheinlichkeit für exzellente Leistungen auf bis zu 100 Prozent.

Stern: „Bei mir liegt der Fokus immer auf der Beziehung zwischen dem Bauherrn und mir. Wenn er eine Vision hat, eine klare Vorstellung oder Idee von dem, was er machen will, dann mache ich dem ein Büro oder eine Fabrikshalle. Das ist dann eigentlich egal.“ Die Herangehensweise für viele Fragestellungen sei da oft die gleiche. Anke Stern arbeitet erst rund zwei Jahre selbstständig in Wien – aber auch hier meist als Projektpartnerin namhafter Architekturbüros wie etwa aktuell mit BWM Architekten für den Expo-Pavillon 2017 in Astana, Kasachstan, oder bei früheren Projekten mit BEHF Architekten.

Nach ihrem Studium an der Fachhochschule in Mainz – Stern: „Mein Vater, der selbst aus der Baubranche kommt, hat mir damals mitgegeben: „Du kannst alles machen, aber geh nicht in die Baubranche!‘“ – war sie in mehreren Architekturbüros in Hamburg als Innenarchitektin tätig, bevor sie nach Stuttgart zog, um dort als Projektdirektorin Innenarchitektur bei der Ippolito Fleitz Group anzuheuern. Das Unternehmen ist für Architektur- und Design-Kenner in etwa vergleichbar mit dem Montblanc für Bergsteiger: Dort muss man, wenn man kann, einfach hin. Vergangenes Jahr wurden Peter Ippolito und Gunter Fleitz als erste deutsche Gestalter in die „Interior Design Hall of Fame“ in New York aufgenommen und stehen nun in einer Reihe neben anderen hoch renommierten Architekten und Designern wie Arthur Gensler oder Philippe Starck. Heute gestaltet Stern vornehmlich Räume im öffentlichen Bereich, sagt sie, weniger im privaten (siehe links). Neben der Gestaltung des Expo-Pavillons ist sie aktuell etwa auch in einem Krankenhausprojekt in Wien involviert.

„Viele Jahre habe ich auch Offices gemacht“, kramt sie gedanklich in ihrem CV herum, „ich habe einige Change-Prozesse in Unternehmen als Innenarchitektin begleitet.“ In vielen Fällen ging es – wie bei den meisten Offi cebauten in den letzten zehn Jahren – um einen Wechsel von Einzel in Gruppenbüros, den Erhalt von Standorten; in Wachstums- ebenso wie in Krisenzeiten und oft als „Mittlerin zwischen den Parteien“. Der Wechsel in eine andere oder neue Arbeitsweise ist immer ein diffiziler Prozess, so Stern sinngemäß. Und: Ob Open oder Playground Offi ce, „es muss zum Unternehmen passen. Die Entwicklung zum Open Office ist schon richtig“, fügt sie hinzu, manchmal artet diese aber in regelrechte Kampfsituationen aus – vor allem, wenn es eine sogenannte Clean- Desk-Policy gebe. „Das ist eigentlich eine lesson learned, dass die in den allermeisten Fällen nicht gut funktioniert. Nicht zuletzt, weil dort der Fokus auf den Morgen gelegt wird, weil jeder für sich den schönsten Arbeitsplatz beansprucht, danach noch eine halbe Stunde den Sessel einstellt und sich mit den neuen Sitznachbarn unterhält. Da passiert in der ersten Stunde alles außer Arbeit. Eigentlich betriebswirtschaftlicher Unsinn. Ich glaube auch nicht, dass der Mensch in dieser Form nomadisch unterwegs sein will.“

Projekte für Nomaden scheinen Stern dennoch nicht ganz loszulassen. Ihre Diplomarbeit absolvierte sie mit einem Space Cabin Design für die Internationale Raumstation ISS. Und auf die Frage, was noch an Traumprojekten auf ihrer Agenda steht, antwortet sie: „Ich war schon immer auf der Suche nach dem perfekten Haus – dem perfekten mobilen Haus. Eines, das man auf den Lkw stellen und von A nach B bringen kann, dorthin, wo man leben will. Wenn ich so ein Projekt kreieren könnte, gäbe es eine Modulplattform, an der man sich für bestimmte Zeit für Strom und Wasser andocken kann. Ich finde diese Vorstellung eines Nomadenlebens in den eigenen vier Wänden schön. Wenn ich ein Sabbatical machen könnte, dann würde ich genau so etwas planen.“

,
Chief Editorial Team

Up to Date

Mit dem FORBES-Newsletter bekommen Sie regelmäßig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-Mail-Postfach geliefert.