Visionäre Ideen

Titelbild: ReGen Villages, Projekt, James Ehrlich

Ursprünglich war James Ehrlich Softwareentwickler an der Stanford University. Heute arbeitet er mit seinem Unternehmen an den ReGen Villages – einer dorfähnlichen Zukunftsvision.

Als James Ehrlich vor 20 Jahren noch Computerspiele entwickelte, hätte er sich niemals gedacht, später einmal als Immobilienentwickler erfolgreich zu werden. Doch die immer stärker sichtbaren Auswirkungen des Klimawandels bewegten den Stanford Akademiker dazu, ein Konzept für nachhaltiges Zusammenleben zu entwickeln. Dafür erarbeitete er mit seinen Kollegen des Peace Innovation Labs der Stanford University ein Pilotprojekt: dieses soll klimafreundlich ausgestaltet und eine Alternative zu stark überfüllten Städten sein, gleichzeitig aber auch das Gemeinschaftsgefühl der Bewohner untereinander stärken. Die Idee von ReGen Villages war geboren. Derzeit befindet sich das Projekt noch in der Entwicklungsphase, zu diesem Zweck wurde auch das Unternehmen ReGen Villages Holding B.V. gegründet.

In kleinen Dörfern mit bis zu 200 Häusern soll biologische Landwirtschaft betrieben und mithilfe von Photovoltaik- sowie Biogasanlagen ökofreundlich Strom produziert werden. Mittels Vieh- und Fischzucht wird die Autonomie des Dorfes gestärkt werden, so die Vorstellung der Gründer rund um Ehrlich.

Bild: ReGen Villages, Projekt, Illustration, Feld

Im Jahr 2016 wurde das Konzept auf der Biennale in Venedig erstmals der Öffentlichkeit präsentiert und ging anschließend um die Welt. Doch um diese ambitionierte Zukunftsvision überhaupt umsetzen zu können, wurde das System in drei sogenannte Primärkreisläufe unterteilt. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass der Output eines Systems zum Input des jeweils anderen Systems wird. Als Beispiel: Gesammeltes Regenwasser wird in speziellen Tanks aufbereitet und danach als Trinkwasser oder auch zur landwirtschaftlichen Nutzung verwendet. Die Abwasser werden wiederum in eine Aufbereitungsanlage zurückgeführt und anschließend in das Wasserreservoir eingespeist. Die Versorgung der Infrastruktur und der Wohnanlagen mit elektrischer Energie wird zum einen durch Photovoltaikanlagen und zum anderen durch eine dorfeigene Müllverbrennungsanlage gewährleistet. Überschüssige Energie wird in Akkus gespeichert, um die Versorgung auch während Tageszeiten, an denen eine intensive Nachfrage besteht, erleichtern zu können. Der nicht verwertbare Abfall wird durch die Müllverbrennungsanlage entsorgt, während der restliche biologische Abfall an Insekten verfüttert wird. Diese Insekten nehmen täglich ihr eigenes Körpergewicht an Nahrung auf und stellen hiermit eine gute  Eiweißquelle für die Aufzucht von Hühnern und Fischen dar. Die Abfälle, die dabei anfallen, dienen wiederum als Dünger für die Gärten.

Mit diesen unkonventionellen Ideen versucht James Ehrlich für vielfältige Herausforderung unserer Zeit die richtige Lösung zu finden. Durch die autarke Versorgung soll die Besiedlung von ländlichen Region ermöglicht werden, um so die Menschheit wieder mehr aus den Städten zu holen. Des Weiteren spielt eine Reduktion der CO2-Ausstöße durch Niedrigenergiehäuser und moderner Landwirtschaft eine große Rolle.

Für den Betrieb und die landwirtschaftlichen Produkte von ReGen Villages werden die Bewohner für jeden Haushalt eine individuell berechnete Grundgebühr (diese ist pro Haushalt zu entrichten, Anm.) bezahlen müssen. Wie hoch diese ausfallen wird, verrät Ehrlich hingegen nicht. Mit einem auf Blockchain basierenden Leistungserfassungssystem kann man jedoch durch gewisse Dienste – wie beispielsweise der Pflege der Kräutergärten, dem Abhalten von Yoga-Kursen, Kinderbetreuung oder Altenpflege – die Gebühr verringern. Dieses Anreizsystem soll das Gemeinschaftsgefühl unter den Bewohnern fördern. „Ich sehe in diesem Konzept des Zusammenlebens eine besonders attraktive Alternative für Menschen, die ein Leben in einer starken und belebten Gemeinschaft suchen, wie sie es in einer Stadt nur schwer finden werden“, so Ehrlich.

Bild: ReGen Villages, Projekt, Animation, See, Landwirtschaft, nachhaltig

Auch der architektonische Aufbau unterscheidet sich von herkömmlichen Ortschaften und wurde in Zusammenarbeit mit der Universität Wageningen, der TU Delft und der niederländischen Unternehmensberatung Except Integrated Sustainability konzeptioniert.

Betrachtet man erste Pläne, stehen die modern anmutenden Häuser inmitten der Anbauflächen und Zuchtstationen und sind nicht durch Zäune voneinander getrennt. Im Zentrum des Dorfes befindet sich ein großes, ringförmiges, offenes Wasserreservoir. Rundherum befinden sich die  verschiedenen Arten von Häusern. Diese reichen von kleinen Apartments von rund 50 Quadratmeter bis hin zu Villen mit 270 Quadratmetern Wohnfläche. Die Preise belaufen sich auf 200.000 € für Apartments und 800.000 € für Villen. Der Autoverkehr reiht sich gänzlich in das ReGen Village ein. So gibt es auf dem gesamten Gelände keine Garagenstellplätze, denn nach Ehrlichs Vision werden ab dem nächsten Jahrzehnt keine Autos mehr an Privatpersonen verkauft, sondern durch öffentliche, selbstfahrende Autos ersetzt.

So zukunftsträchtig das Konzept von ReGen Villages klingt, scheiterte es doch zunächst an der Umsetzung. Ursprünglich wurde das erste Dorf in der Stadt Lejre-Hvalso (Dänemark) geplant, doch insbesondere regulatorische Auflagen machten  Ehrlich und seinem Team einen Strich durch die Rechnung – und auch die neue dänische Regierung (ab November 2016 unter Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen) war nicht gerade hilfreich. „Das Hauptproblem waren die zahlreichen Auflagen und der Regierungswechsel in der dänischen Politik. Denn die neue Regierung setzte den Fokus wieder vermehrt auf fossile Brennstoffe und entfernte sich von erneuerbaren Energiekonzepten “, sagt Ehrlich. Frustriert von der  dänischen Bürokratie musste sich Ehrlich nach einer Alternative umsehen. Doch später erhielt das Team das Angebot von Vertretern der Stadtregierung Almere in den Niederlanden, das Bauprojekt t umzusetzen. Ein perfekter Match: denn laut Ehrlich verfügen die Niederlande über sehr viel Ackerland, nutzen es aber nicht effizient – was ihn nur umso mehr bestärkte, seine Idee in Zukunft dort zu realisieren.

Bild: ReGen Villages, Projekt, Animation, Anbau, Gewächshaus, nachhaltig

Ein weiteres Problem bei der Projektumsetzung stellt jedoch die Finanzierung des Konzepts dar – mit geschätzten Baukosten von knapp 50 Millionen € keine geringe Summe. Darum befindet sich Ehrlich derzeit auf Investorensuche rund um den Globus. Das junge Unternehmen plant dieses Jahr jedenfalls mit der ersten Finanzierungsrunde.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Ehrlichs Vision von einem nachhaltigen, klimaneutralen Dorf nimmt nur langsam Gestalt an. Dennoch besteht das nächste Ziel darin, drei miteinander vernetzte ReGen Dörfer – vorzugsweise in unterschiedlichen Ländern – zu bauen. Diese sollen zunächst einmal als „proof of concept“ dienen. Erst wenn die nötigen finanziellen Mittel dafür gesichert sind, kann das Unternehmen aber in die Wachstumsphase übergehen. Wer sich auf der Website als zukünftiger Bewohner von ReGen Villages melden möchte, kann zwischen folgenden Gebieten wählen: Almere und Ede (Niederlande), Lund (Schweden), Norwegen, Dänemark, Deutschland, Belgien, Vereinigtes Königreich, Vereinigte Staaten. Ob aus allen oben aufgelisteten Standorten tatsächlich etwas wird, ist jedoch ungewiss. Ehrlich macht jedenfalls deutlich, dass die Verhandlungen für das nächste konkrete Projekt schon sehr weit fortgeschritten sind – um welchen Standort es sich dabei handelt, verrät er jedoch nicht. Das Konzept einer modernen, unabhängigen Gesellschaft bleibt also vorerst das, wonach es klingt: eine Vision.

Text: Felix Kruse, Felix Eggenburg und Fabian Werle
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