Wien als neue Fintech Hauptstadt

Corporates und international agierende Finanzinstitute können die Innovationskraft von Start-ups und Fintechs nicht länger ungenutzt vorbeiziehen lassen. Start-up-Expertin Marie-Hélenè Ametsreiter und Erste Group-Vorstand Peter Bosek kennen die Bedürfnisse beider Seiten genau.

Ihrer Meinung nach lassen sich die Kompetenzen beider Player zu gewinnbringenden Kooperationen verbinden.

Wie müssen moderne Banken-Dienstleistungen wie Online-Banking gestaltet sein?

BOSEK: Was wir deutlich sehen ist eine Veränderung im Kundenverhalten, das vor allem durch andere Branchen bedingt ist. Unsere Kunden nutzen nicht nur Online-Banking, sondern kaufen zum Beispiel auch bei Amazon ein. Tendenziell sind wir in der Vergangenheit nicht gerade Weltmeister gewesen, wenn es darum ging, mit unseren Kunden in Kontakt zu treten. Da bestand eine gewisse Friktion, denn wenn man ein Geschäft abschließen wollte, war man mit seitenlangen Verträgen konfrontiert. Jetzt hat sich ein sogenanntes „1-Klick-Verhalten” durchgesetzt und mit George wollen wir eine Antwort darauf geben, aber dabei nicht nur Online-Banking anbieten, sondern eine Plattform etablieren.

AMETSREITER: Instant, 24/7, alles online und mobil verfügbar – und vor allem simpel. Das ist für traditionelle Banken eine fast unüberwindbare Herausforderung. Daher bin ich überzeugt, dass für Banken Kooperationen mit höchst innovativen, Fintech-Startups ein vielversprechender Lösungsweg ist. Was die Erste Bank bestimmt richtig umsetzt, ist den Plattform-Gedanken.

Die Erste Group ist mit George angetreten, um zum „Google und Facebook des österreichischen Bankensektors“ zu werden. Wie fällt das Resümee nach einem Jahr aus?

BOSEK: Sehr positiv. Wir haben jetzt knapp 700.000 User und wollen eine europäische Plattform daraus machen. Aktuell haben wir in Tschechien das Pilotstadium erreicht und werden es im Anschluss in der Slowakei, in Rumänien und in Ungarn einführen. Mein Ziel ist, dass wir bis Ende 2017 eine so hohe Userzahl auf George haben, dass kein Fintech mehr an uns vorbei kann. Ich will den iTunes-Store für europäisches Banking entwickeln, um zu verhindern, dass Fintechs direkt zu meinen Kunden gehen. Da bin ich lieber mittendrin, statt nur dabei.

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Im vergangenen Jahr hat die Erste Group das Thema Digital Banking stark besetzt. Wie groß ist die Gefahr, dass die Konkurrenz aufholt?

Für uns ist wesentlich, dass 2018 die zweite Zahlungsdiensterichtlinie (Payment Service Directive II) in Kraft tritt. Das heißt, dass europäische Banken ihre Zahlungsverkehrssysteme öffnen müssen und wenn ihre Kunden mit einem Drittanbieter zusammenarbeiten, müssen sie diesem alle Informationen aus dem Zahlungsverkehr zur Verfügung stellen. Dabei besteht das Risiko, dass ich zum Infrastrukturanbieter werde und gleichzeitig in der Kundenbeziehung weniger relevant. Wenn Sie heute in den App-Store gehen, finden Sie tausende Personal-Finance-Manager-Apps – und als Bankinstitut würde nur die Datenübertragung bleiben. Dabei ist das Girokonto strategisch unser relevantestes Produkt.

Number26 hat im Juni hunderten Kunden das Girokonto aufgekündigt, weil sie zu viele Barbehebungen durchgeführt haben. Werden Fintechs mit den Kundenanforderungen auf Dauer nicht fertig?

Die beiden Gründer von Number26 halte ich für sehr smart. Aber nicht jedes Fintech hat ein funktionierendes Business-Modell. Doch es gibt viele, sehr gute Ideen. Und was die Start-ups wesentlich besser machen als Banken, ist der Kundenkontakt. Bleiben wir bei Number26 und ihren Überweisungen per E-Mail. Das hat schon was, warum haben wir das nicht schon längst eingeführt? Es bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass man so etwas auch verdient und daher glaube ich, dass es da teilweise ziemliche Überbewertungen am Markt gibt und einige die zweite oder dritte Finanzierungsrunde nicht mehr schaffen werden.

Da sehe ich Number26 als positives Beispiel, denn sie haben es wieder geschafft, 40 Millionen Dollar einzunehmen. Wir versuchen natürlich auch weiter, selbst zu innovieren. Aber da draußen gibt es sehr viele, smarte Ansätze und wenn ich eine Lösung sehe, die meinen Kunden einen Mehrwert schafft, dann kooperiere ich gerne. Die meisten Fintechs haben gute Ideen, aber keine Kunden. Wir haben hingegen 17 Millionen Kunden und sind daher als Kooperationspartner interessant.

AMETSREITER: Einen Marktzugang neu aufzubauen kostet wahnsinnig viel Geld, auch in der digitalen Welt. Das wird immer unterschätzt. Jeder glaubt, wenn ich online bin, kostet ein Kundenzugang kein Geld. Das ist nicht so, es ist mittlerweile sehr teuer – alleine das Marketing, einen Kunden überhaupt zu akquirieren. Es gibt heute sehr erfolgreiche Online-Geschäfte, die plötzlich wieder Hybridmodelle entwickeln, im Zuge dessen sie auch physische Outlets öffnen, weil mittlerweile dort der Kundenzugang gleich teuer oder günstiger ist, als über einen Online-Vertriebskanal.

Die Erste Group kooperiert seit Kurzem mit dem Fintech predictR. Welche neuen Wege wollen Sie gemeinsam gehen?

BOSEK: Die Jungs von PredictR haben mit ihrem mathematischen Hintergrund Algorithmen entwickelt, die auf Basis des bestehenden Chashflows am Girokonto analysieren, wie es sich in Zukunft auswirken würde, wenn ich einen längeren Urlaub machen will, ein Haus kaufen etc. Wir wollen die Kunden in die Lage versetzen, die bestmögliche Entscheidung treffen zu können, denn Finanzen für intelligente Entscheidungen darstellbar und angreifbar machen zu können ist ein Zusatznutzen. Die Kooperation ist extrem angenehm!

Banken streben nach technologischen Innovationen.Wann hat man bei Speedinvest diesen Trend erkannt?

AMETSREITER: Interessanterweise, als wir für den zweiten Fonds gesammelt haben. Da zeigte sich stark, dass von Seiten der Corporates und auch der mittelständischen Unternehmen großes Interesse besteht, an die Start-up- Welt anzudocken und viele in unseren Start-up-Fonds investiert haben, um diesen Anknüpfungspunkt zu haben, die Start-ups zu erreichen, mit ihnen in Kontakt zu treten und zu verstehen, wie sie ticken. Da haben wir überlegt, wie wir einen Schritt weiter gehen können, um diese zwei Welten enger zusammenzubringen. Daraufhin haben wir das Speedstartstudio gegründet. Dort wird ganz gezielt Company-Building für Corporates gemacht, denn oft ist es so, dass die Corporates sehr genau wissen, was zu tun wäre, um noch innovativer und besser zu werden, aber daran scheitern das in den eigenen Reihen umzusetzen. Dort tritt das Studio in Kraft. Wir haben über 40 Leute aus den verschiedensten Bereichen, Serial Entrepreneurs, Developer, Designer usw., die an Ideen arbeiten, die von Corporate Partnern kommen, sie zu sogenannten MVPs (minimum viable products) und dann sofort am Markt testen. Wenn man nach einigen Monaten sieht, dass es interessant ist, dann wird eine GmbH gegründet und es gibt verschiedene Exit-Szenarien wie ein Spin-in, oder ich lasse es eigenständig, bin als Corporate Minderheitsbeteiligt und partizipiere an der Rendite.

Aus aktuellem Anlass: Wie stehen Sie zum Brexit-Votum?

BOSEK: Das hat mich schon sehr betroffen gemacht, weil ich auch Sorge vor allfälligen Spillover-Effekten auf andere Länder habe. Außerdem könnte diese europäische Idee beginnen aufzubrechen. Doch man muss die vorhandene Unzufriedenheit der Menschen, die Angst vor der Zukunft haben, ernst nehmen. Es muss uns gemeinsam gelingen, das Thema Zuversicht zu besetzen und den Menschen wieder Vertrauen zu geben. Das ist es auch, was was mich emotional in dieser Start-up-Welt abholt. Das sind junge Menschen, die wirklich gute Ideen haben und versuchen, etwas weiter zu bringen. Wann hatten wir zuletzt so eine Stimmung in diesem Land?

AMETSREITER: Das ist der positive Beitrag dieser digitalen Welt, die keine Grenzen kennt – dieser globale Zugang zum Markt da draußen und eine gewisse Naivität, nicht Probleme, sondern Vorteile und Chancen zu sehen und Möglichkeiten zu erkennen. Diese Zuversicht und positiven Gedanken darf man nicht abtöten. Was nach Brexit natürlich auch im Fintech-Bereich passiert, ist dass es nicht mehr so einfach sein wird, einen Rollout in ganz Europa zu machen – wo die Szene im Moment zu Hause ist.

Bislang galt London als Fintech-Hauptstadt. Wo könnte sich nach Brexit ein neues Fintech-freundliches Cluster bilden?

BOSEK: Ich will Wien! Eigentlich können wir hier die ganze Fintech-Wertschöpfungskette abdecken.

AMETSREITER: Es wäre schön, wenn wir das schaffen – Wien als neue Fintech-Hauptstadt, das wäre eine Vision!

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