„Wir können Gefahren nicht mehr richtig einschätzen“

Terroranschläge, Flugzeugabstürze, Pestizide...

Bei genauer Durchsicht der Medien könnte man meinen, ein gefahrloses Überleben sei mittlerweile unmöglich. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung der Menschheit kontinuierlich an, in Österreich liegt sie mittlerweile bei über 80 Jahren. Risikoforscher Ortwin Renn erläutert in seinem neuen Buch falsche und echte Gefahren in unser aller Leben.

In seinem Buch „Das Risikoparadox – Warum wir uns vor dem Falschen fürchten“ erläutert Ortwin Renn, Risiko- und Innovationsforscher an der Universität Stuttgart, welche Gefahren es wert sind, sich vor ihnen zu fürchten – und welche eben nicht. Zudem spricht er über den Einfluss von Psychologie und Medien auf die öffentliche Wahrnehmung von Risiken.

FORBES Austria sprach mit dem Autor im Rahmen einer Buchpräsentation bei der Kommunikationsagentur Gaisberg Consulting über Pestizide, die überschätzte Gefahr von Terroranschlägen und Leitplanken in der Wirtschaft.

FORBES Austria: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass sich die Menschheit vor „falschen“ Gefahren fürchtet. Das verstelle gleichzeitig den Blick auf die „echten“ Gefahren. Woran liegt das?

Ortwin Renn: Die Lebenserwartung der Menschheit steigt kontinuierlich, wir waren in den letzten Jahrhunderten sehr erfolgreich in der Reduktion von Risiken. Das Problem ist, dass es immer weniger direkt wahrnehmbare Gefahren gibt – sondern mehr und mehr vage Bedrohungen. Dazu zählen etwa Pestizidrückstände in Lebensmitteln oder Handystrahlen. Da unser Wissen gleichzeitig immer seltener auf persönlichen Erfahrungen basiert, sondern Second-Hand-Wissen ist, stellt sich für uns die Vertrauensfrage. Und da ist das Problem: Wem vertraue ich? Einer sagt das, ein anderer wieder das Gegenteil. Daher können wir Gefahren nicht mehr richtig einschätzen.

Was sind denn die echten Gefahren, was die falschen?

Eine kürzlich durchgeführte Umfrage in der Schweiz zeigte, dass Pestizidrückstände in Lebensmitteln eine der größten Sorgen der Schweizer ist – genauso wie gentechnisch behandelte Lebensmittel. Ersteres ist aber eine nur wenig relevante Bedrohung, zweiteres in der Schweiz gesetzlich gar nicht erlaubt, also ein Phantomrisiko. Die wirklichen Gefahren, nämlich unausgewogene Ernährung und daraus folgend Übergewicht, rangierte nur auf den hinteren Plätzen. Generell lassen sich rund 60 Prozent aller Tode auf vier „Volkskiller“ zurückführen: Rauchen, Alkohol, unausgewogene Ernährung und Bewegungsmangel.

In diesem Zusammenhang werden oft Beispiele aus dem Bekanntenkreis angeführt, wo lebenslange Raucher oder Trinker bis ins hohe Alter gesund leben. Wie begegnen Sie solchen Argumenten?

Das ist natürlich schwierig zu kommunizieren. Vor allem, da es ja auch das andere Extrem gibt, wo gesunde Menschen im jungen Alter versterben. Solche Ausreisser sind der Normalverteilung geschuldet. Und in der Kommunikation ist das Problem, dass sich die Menschen in zwei Gruppen aufspalten: Einerseits in „It won’t happen to me“ und andererseits in „Better safe than sorry“. Ein starker Raucher würde sich zur ersten Gruppe zählen und davon ausgehen, dass ihm Rauchen keinen frühen Tod bringt. Ein Nichtraucher wiederum ist im eigenen Verständnis in der zweiten Gruppe und lebt nach dem Motto „Sicher ist sicher“. Außerdem merkt man etwa beim Rauchen ja lange Zeit nichts, die Schäden treten also nicht als Symptome auf. Und wenn der Schaden – etwa Krebs – dann da ist, ist es zu spät. Denn dann hilft es nicht mehr, mit dem Rauchen aufzuhören.

Die Gefahr vor terroristischen Anschlägen ist jetzt gerade omnipräsent. Ist das eine falsche oder echte Gefahr?

Auch wenn das jetzt nicht so wirkt, ist das Risiko für einen normalen Menschen, bei einem Anschlag verletzt oder getötet zu werden, relativ gering. In entwickelten Ländern sterben nur wenige Leute durch Terrorismus. Die Wahrscheinlichkeit, in den letzten 20 Jahren Opfer eines Terroranschlags in Europa geworden zu sein, liegt weit unter 1 zu einer Million.

Beim Fernsehen hatte man ein anderes Gefühl. Welche Rolle spielen die Medien in diesem Zusammenhang?

Da gibt es zwei Aspekte: Einerseits müssen Medien in der globalen Welt immer das Außergewöhnliche herausgreifen – dadurch entsteht der Eindruck, das Außergewöhnliche sei gewöhnlich. Geballt präsentiert glauben die Menschen dann, es gibt nur Krieg und Zerstörung auf der Welt. Das ist aber nicht der Fall. In Afrika herrscht beispielsweise in nur 37 Prozent der Länder Bürgerkrieg. Diese Zahl wird durch von den Menschen aber massiv überschätzt.

Der zweite Aspekt ist eine Polarisierung der Medien. Im Internet sind Eingaben etwa bei Google auf unsere Person zugeschnitten. Dadurch landen wir nur noch auf Artikeln und Websites, die unsere Meinung bestätigen. Das ist eine Entwicklung, die den Diskurs extrem erschwert. Denn wenn ich laut Google immer recht habe, müssen alle Andersdenkenden ja immer falsch liegen.

Wie groß sind Gefahren von Finanzkrisen? Braucht es ein anderes Wirtschaftssystem?

Das Problem bei der letzten Finanzkrise war, dass niemand sich Sorgen machte, solange das System funktionierte. Es gab zwar Warnungen vor einer Blase – aber erst, als es wirklich bergab ging, wurde diese Manhnungen auch ernst genommen. Dennoch: Die Marktwirtschaft an sich bietet sicher das höchste Maß an Effizienz aller Wirtschaftssysteme. Effizienz ist ein wichtiges, aber nicht das einzige Kriterium. Es braucht vor allem auch Resilienz, also die Stabilität von Systemen. Wir brauchen also ökologische und soziale Leitplanken, innerhalb derer sich die Akteure frei organisieren können. Probleme wie den Klimawandel kann kein marktwirtschaftliches Prinzip alleine lösen. Es braucht eine ökosoziale Marktwirtschaft, um die Herausforderungen der Zukunft zu lösen.

Welche Gefahren sehen Sie, global gesehen, für die nahe Zukunft am prägendsten?

Ich glaube, dass systemische Risiken ein großes Problem sind. Etwa der Klimawandel, die angesprochenen Finanzkrisen oder Ungleichheit in den globalen Lebensbedingungen. Dagegen gilt es rechtzeitig anzukämpfen. Letztendlich ist aber auch jeder einzelne in der Pflicht, eine nachhaltige Zukunft zu fördern. Das ist leicht möglich: Etwa, indem man weniger mit dem Flugzeug reist oder den eigenen Fleischkonsum reduziert.

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Chief Editorial Team

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