DIE PANDEMIE WAR EINE DER BESTEN ZEITEN FÜR AIRBNB

Kathrin Anselm, General Manager bei Airbnb für Zentral- und Osteuropa sowie Russland, über den Boom am Reisemarkt nach der Pandemie, die Urlaubstrends der Zukunft und darüber, warum Tiny Houses jetzt ganz groß rauskommen.

Frau Anselm, was war Ihre schönste Airbnb-Erfahrung?
Da gibt es so unglaublich viele. Ich habe zwar keine Kinder, aber zwei Nichten, mit denen ich sehr eng bin. Mit ihnen habe ich im Sommer vor zwei Jahren in Südfrankreich eine kleine Villa angemietet.

Was hat diesen Aufenthalt so besonders gemacht?
Unsere Gastgeber haben auf dem Grundstück nebenan gewohnt. Der Großvater hat einen riesigen Gemüsegarten hinterlassen – Gäste dürfen sich dort an Tomaten, Kürbis, Zitronenmelisse und Feigen bedienen. Der Gastgeber erklärt auch, wie man die pflückt, ohne dass einen die Hornissen stechen.

Wie verreisen Sie beruflich?
Wenn ich in San Francisco bin, an unserem Hauptsitz, übernachte ich immer bei meinen Airbnb-Gast­gebern Val und David – für die bin ich inzwischen wie das zweite Kind. Sonntags gibt es dort Schoko­cookies, die die 18-jährige Tochter bäckt. Die werden mir nachmittags ofenwarm auf den Küchentresen gestellt – das ist ein Ritual.

Klingt eher nach Airbnb-­Romantik als nach Geschäftstrip.
Die Gastgeber haben ein gutes Gespür dafür, wann sie ansprechbar sein sollten und wann ich meine Ruhe brauche.

Zwei Jahre Coronapandemie liegen – zumindest vorerst – ­hinter uns. Wie haben Sie diese Zeit bei Airbnb erlebt?
Für mich persönlich waren es die zwei besten Jahre meiner beruf­lichen Karriere – das mag paradox klingen, weil die Zeit von einer der größten Wirtschaftskrisen der Nachkriegszeit geprägt war, und von einer großen sozialen und zwischenmenschlichen Heraus­forderung durch die Lockdowns. Dennoch war es eine der besten Zeiten für Airbnb.

Trotzdem haben Sie zu Beginn der Pandemie jede vierte Stelle weltweit abgebaut, richtig?
Man muss sich das so vorstellen: Es ist Januar 2020, alle kommen aus der Belo Break – so heißt bei uns die Weihnachtspause. Alle Zeichen stehen auf Wachstum, und dann bricht über Nacht das Geschäft um 80 % ein. Eine Pandemiewelle rollt über die Länder. Wir mussten ein Viertel unseres Personals entlassen. In den ersten Wochen herrschte ein wahnsinniges Durcheinander.

Wie haben Sie den Überblick behalten?
Zuerst einmal musste man prüfen, was überhaupt noch ging. Nachdem die WHO dann eine globale Pan­demie ausgerufen hatte, gab es ein bisschen Orientierung – auch, wie man das Geschehen in der Geschäftswelt begreifen kann. In dieser Zeit haben wir sehr viel gelernt. Nach schwierigen Wochen voller Verwirrung und Stornierungen haben wir gesehen: Die Leute fangen wieder an, zu verreisen – und zwar mitten in der Pandemie. Es gab eigentlich nur eine sehr kurze Zeit, in der die Menschen zu Hause ge­blieben sind.

Welche Reisetrends entstanden durch die Pandemie?
Es wurde deutlich lokaler, dem­entsprechend haben wir uns an­gepasst und Innovationen gelauncht. So wurde die Pandemie zu einer Chance. Das Thema Inlandsreisen ist stärker gewachsen, insbesondere in Deutschland. Deutsche reisten typischerweise zu 30 % im Inland und zu 70 % im Ausland – jetzt haben viele ihr Heimatland wieder­entdeckt. Im ersten Quartal 2022 machten Inlandsreisen mehr als die Hälfte der gebuchten Übernachtungen für den Sommer aus. Während der Pandemie boomten ländliche Regionen, die Städte dafür weniger. Doch auch die haben sich nun wieder erholt. Aber die Erkundung kleinerer Orte ist ein Trend, der wohl bleibt.

Ihr Geschäft hat sich rasant erholt …
Das ging tatsächlich sehr schnell. Wir hatten 2021 das erfolgreichste Jahr unserer Geschichte. Die positive Entwicklung hat sich im ersten Quartal 2022 fortgesetzt. 2021 stieg unser Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 80 %, im Vergleich zu vor der Pandemie, 2019, um 25 %.

Wie ist das gelungen?
Wir waren sehr, sehr nah an den Gästen und den Gastgebern – wir haben die sich ändernden Bedürfnisse und Trends genau beobachtet und unsere Plattform sehr schnell angepasst. Dadurch haben wir die Pandemie sehr gut gemeistert. Im letzten Jahr alleine haben wir 150 Neuerungen sowohl in der App als auch auf der Website gelauncht. Diese vereinfachen Gästen das Reisen und kommen den neuen Bedürfnissen entgegen. Im Mai dieses Jahres haben wir außerdem eine völlig neu designte Suche auf der Plattform vorgestellt, die sich an Kategorien einzigartiger Unter­künfte auf Airbnb orientiert und die Reiserevolution widerspiegelt.

Gehört zur Reiserevolution auch die Lust auf lange Urlaube oder Mini-Sabbaticals?
Wenn wir auf die Buchungen schauen, ist etwa jede fünfte Nacht Teil einer Langzeitbuchung – das ist definitiv ein weiterer Trend. Dieses Geschäft hat sich seit 2019 verdoppelt und ist durch die Pandemie wirklich enorm gewachsen. Aber auch internationale Reisen sind fast wieder auf dem Niveau von vor Corona; und Buchungen von Unterkünften im Landesinneren, weiter weg von den Küsten, haben um die 40 % zugelegt.

Das heißt, die Unterkunft an sich wird wichtiger, nicht so sehr ihre Lage?
Das ist ein Trend, der mir besonders gefällt, weil ich finde, dass Airbnb genau dafür steht, dass Gäste einzigartige Unterkünfte entdecken, beispielsweise Baumhäuser oder Tiny Houses. Allein Buchungen dieser Minihäuser in der Natur sind um 170 % gestiegen. Es gibt mittlerweile 56 Kategorien auf Airbnb, die mehr als vier Millionen einzigartige Unterkünfte umfassen. Auch Buchungen von Familien sind auf einem Allzeithoch – früher war Airbnb speziell bei Pärchen und Freundesgruppen beliebt.

Ihr Chef, Airbnb-Gründer Brian Chesky, arbeitet fast nur von unterwegs. Ist das auch ein Pandemietrend, der bleibt?
Langzeitaufenthalte von 28 Tagen oder länger sind absolut angesagt. Brian Chesky lebt das selbst. Es gibt aktuell eine massive Veränderung in der Art, wie wir arbeiten. Die Flexibilisierung hat praktisch über Nacht dazu geführt, dass sehr viele Menschen weltweit nicht mehr ortsgebunden arbeiten und längere Zeit auch mit der Familie an einem anderen Ort wohnen können.

Brian Chesky sagt auch, dass das Office, wie wir es kennen, ein Relikt vergangener Zeiten sei, Homeoffice werde die Norm. Wie stehen Sie dazu?
Ich sehe weltweit einen Reset, einen Paradigmenwechsel, was das Thema Arbeitsort angeht. Das ist eine große gesellschaftliche Entwicklung – und eine Riesenchance. Auch wir im Management haben eine neue Lösung gefunden, um das Thema aufzugreifen. Wir versuchen, für unsere Mitarbeiter das Beste aus beiden Welten zu vereinen – Home­office und Büro.

Wie geht das genau vor sich?
Jedem Mitarbeiter steht frei, ob er ins Büro kommen möchte oder nicht. Es gibt keine Vorgabe. Die zweite Regelung ist: Man kann innerhalb eines Landes umziehen ohne Veränderungen des Gehalts. Das ist ein Riesenthema in den USA. Außerdem hat bei uns jeder Mit­arbeiter die Flexibilität, an jedem Ort der Welt zu arbeiten. Das ist für alle Arbeitgeber insbesondere im Tech-Bereich eine Riesenchance, da wir unsere Talente so aus einem viel größeren Pool fischen, wenn man das so sagen kann.

Die Folge kann aber Verein­sa­mung sein – und der soziale Kitt, der ein Team zusammenhält, geht verloren, finden Sie nicht?
Wir glauben deshalb, dass es feste Events geben muss, zu denen sich alle Mitarbeiter an einem Standort treffen – entweder in dem jeweiligen Büro oder an einem anderen Ort, um persönlichen Kontakt zu halten. Und es braucht in dieser neuen Umgebung auch klare Regeln, die effizientes Arbeiten festlegen und garantieren.

Sie sind auch für den russischen Markt verantwortlich. Wie gehen Sie mit dem Angriffskrieg in der Ukraine um?
Dieser schreckliche Krieg hat für mich den größten Impact in 22 Jahren Arbeit. Für mich war immer wichtig, mit meiner Arbeit Kunden glücklich zu machen, aber vor allem eine Veränderung zu bewirken. Die Krise ist eine Chance, etwas wirklich Positives zu bewirken und einen Beitrag zu leisten, der den Werten von Airbnb entspricht.

Was heißt das konkret?
Wir haben uns vorgenommen, 100.000 Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, für bis zu 30 Tage eine Unterkunft bei Gast­gebern auf Airbnb zu ermöglichen. Dieses Modell haben wir bereits vor etwa acht Jahren das erste Mal angewendet, und dann für zahl­reiche Flüchtende aus Afghanistan – damals konnten wir 20.000 Menschen unterbringen. Im Zuge unseres Börsengangs haben wir das Projekt dann in eine eigene Schwestergesellschaft überführt, Airbnb.org, die als Non-Profit-Organisation fungiert. Finanziert werden die Unterbringungen von der Airbnb, Inc., den Spenden des Airbnb.org Refugee Fund und den beteiligten Gastgebern über Airbnb.org.

Wie viele Menschen, die aus der Ukraine flüchten mussten, haben Sie aktuell bei Gastgebern untergebracht?
Es verursacht mir Gänsehaut, dass wir es geschafft haben, bis zum heutigen Zeitpunkt 50.000 Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, eine Unterbringung bei Gast­gebern zu ermöglichen. Das ist sehr, sehr erfreulich und nur dank der Großzügigkeit der Gastgeber möglich. Und damit ist es noch lange nicht getan; unser Engagement geht weiter und wir arbeiten dazu mit Non-Profit-Organisationen zusammen. Die Geflüchteten brauchen neben der Unterkunft psychologische Betreuung, Hygieneprodukte, Betreuung beim Registrieren vor Ort, beim Zugang zu Krankenversorgung. Dabei helfen diese Organisationen.

Auf der einen Seite geben Sie Bedürftigen also Wohnraum, auf der anderen steht Ihr Unternehmen immer wieder in der Kritik, wichtigen Wohnraum, vor allem
in großen Städten, durch Kommerzialisierung zu nehmen.
Das Thema Schutz von Wohnraum nehmen wir sehr ernst. Mir und allen anderen im Team liegt das am Herzen. Die Homesharing- und Gastgeberkultur, die wir ermög­lichen, ist heute keine Nische mehr, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dabei ist der Schutz von Wohnraum natürlich wichtig – und ein sehr integraler Bestandteil unserer Arbeit. Wir arbeiten mit Städten und Gemeinden in vielen Ländern zusammen, um Lösungen für mögliche auftretende Probleme zu finden. Wir wollen, dass Homesharing allen zugutekommt, auch den Städten.

Was heißt das genau?
In Österreich setzen wir uns zum Beispiel für die Einführung eines bundesweiten digitalen Registrierungssystems für Gastgeber ein. Wir sehen das bereits in anderen Ländern wie den Niederlanden, Frankreich, Portugal oder Spanien – dort wird das schon erfolgreich umgesetzt; in Hamburg ebenso. Und in Österreich würden wir das auch sehr begrüßen, denn es würde den Städten und Kommunen einen besseren Überblick geben, wer seine Wohnung gelegentlich vermietet. Gleichzeitig würde ein digitales System den bürokratischen Aufwand für Gastgeber und Behörden gering halten.

Airbnb-Gründer Brian Chesky hält das Büro, wie wir es kennen, für ein Relikt und prophezeit, das Homeoffice werde zum Standardarbeitsplatz. Diesen Zugang dazu lebt der Gründer, der aktuell viel reist und von den verschiedensten Orten aus arbeitet, selbst vor.

Was kann man aber akut gegen wegfallenden Wohnraum tun?
Ein schönes Beispiel für Wohnraumschutz ist Wien, eine Stadt, die mir besonders am Herzen liegt. Ich schätze die Stadt nicht nur, weil ich sie so schön finde, sondern weil sie auch tolle Gastgeber hat, von denen ich viele kennenlernen durfte. Es gibt in Wien mit dem Gemeindebau eine sehr gute Struktur. Diese ist in der gesamten Stadt integriert und einzigartig in Europa. Wir finden, dass kurzfristige Untervermietung im Gemeindebau auf Airbnb keinen Platz hat. Darin sind wir uns mit der Stadt Wien völlig einig, weswegen wir bereits im letzten Jahr freiwillig die Unterkünfte im Gemeindebau von der Plattform genommen haben.

Sie begannen Ihre Laufbahn vor langer Zeit als Unternehmens­beraterin. Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?
Ich muss sagen, das war wirklich eine besonders lehrreiche Zeit für mich und ein toller Start ins Berufsleben. Ich habe damals Werkzeuge kennengelernt, die nach 22 Jahren Berufserfahrung immer noch nützlich sind: Problemlösung, hypo­thesengetriebenes Denken und vor allem auch ergebnisorientiertes Denken. Sätze wie „Immer das
Ende mitdenken, bevor man etwas startet“ begleiten mich bis heute. Aber mir war nach einiger Zeit klar, dass ich ins Unternehmertum möchte und meine Ideen nicht nur in schönen Powerpoints präsentieren, sondern sie auch umsetzen will.

Sie waren unter anderem in der Medienbranche tätig und haben auch eine Dating-App gegründet, die Sie dann an Parship verkauft haben …
Genau! Die Begeisterung für das Unternehmertum aus der Beratungsperspektive hat mich dazu gebracht, einen ganz neuen Karriereschritt zu machen. Im Nachhinein war das eine der besten Entscheidungen in meiner Laufbahn: raus aus München, Möbel einlagern, Wohnung kündigen und ab nach Berlin. Mit Mitte 30 habe ich dann mein erstes Start-up gegründet. Nach dem Verkauf der App war ich als Geschäftsführerin bei mehreren Unternehmen tätig. Als meine Mutter ein Pflegefall wurde, habe ich 2017 meinen Job gekündigt, um mehr Zeit zu haben. Anschließend fand ich meine Berufung im Interimsmanagement bei diversen Firmen und war eigentlich sehr glücklich mit meinem Beruf. Bis eines Donnerstagabends ein Anruf von Airbnb kam …

Was hat Sie an der Position gereizt?
Airbnb war für mich eine ikonische Marke – ich selbst bin begeisterte Nutzerin der ersten Stunde. Ich dachte sofort: Was für eine Chance!

Kathrin Anselm
...ist bei Airbnb als Geschäftsführerin für die Regionen DACH, Zentral- und Osteuropa sowie Russland verantwortlich. Seit 2020 ist sie außerdem im Advisory Board bei Decathlon Deutschland. Ihre Karriere begann die Deutsche in der Unter­nehmensberatung, anschließend baute sie die Datingplattform One2like mit auf, die der Marktführer Parship übernahm. Zu ihren beruflichen Stationen vor Airbnb zählen Oliver Wyman, Pro Sieben Sat.1, Wimdu, Limango und der britische Lieferdienst Deliveroo. Seit 2017 ist sie außerdem Gastdozentin im MBA-Programm der TU München.

Fotos: Airbnb

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