STÄNDIG UNTER SPANNUNG

Jürgen Mayerhofer, Gründer und CEO von Enspired, handelt mit Flexibilität. Genauer gesagt, mit der Flexibilität von Strom. Was erst mal ziemlich abstrakt klingt, ist wichtig, damit sich erneuerbare Energien wirklich lohnen – und die Energiegewinnung nachhaltig verändert werden kann.

Im Sommer fährt Jürgen Mayerhofer gerne ans Meer. Er schiebt sich dann in einen Neoprenanzug und setzt eine Taucherbrille auf. Anschließend erkundet er unter der Wasseroberfläche die Korallenriffe. „Jedes Mal, wenn ich tauchen gehe, sehe ich die Folgen des Klimawandels“, erklärt der CEO des Wiener Unternehmens Enspired. Das Wasser wird wärmer, der Fischbestand nimmt ab, gleichzeitig sammelt sich das Plastik. Auch die Korallenriffe, wie das Great Barrier Reef in Australien, sterben ab.

Eine große Rolle im Klimawandel spielt der Energiesektor. Laut dem Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung ist der Energiesektor für zwei Drittel der vom Menschen ausgestoßenen Treibhausgase verantwortlich. „Die Lösung, auf die nun alle setzen, heißt ,Erneuerbare Energien‘, also Strom aus Sonnen-, Wind und Wasserkraft.“ Für Mayerhofer ist klar, fossile Brennstoffe müssen raus aus dem Markt. „Sie sind teuer, produzieren viel CO2 und machen uns von Ländern wie Russland abhängig.“ Allerdings haben erneuerbare Energien einen Haken: „Die Mengen sind extrem schwer vorherzusagen“, so Mayerhofer.

Betreiber von Ökostromanlagen wissen nicht, wie viel Strom sie in der nächsten Stunde produzieren werden, schon gar nicht, wie viel es am nächsten Tag sein wird. Der Grund ist simpel: Die Sonne scheint nun mal nur dann, wann sie scheint, und der Wind weht eben dann, wann er weht. „Man braucht sich ja nur einmal die Wettervorhersage auf dem Handy anzuschauen. Die ist ja fast per Definition schon falsch.“ Allerdings ist Verlässlichkeit für das Stromnetz sehr wichtig. Es muss nämlich konstant auf einer Spannung von 50 Hertz gehalten werden. Damit diese Spannung gehalten werden kann, muss immer gleich viel Strom verbraucht wie erzeugt werden. „Wenn nun mehr verbraucht wird, muss für den gleichen Zeitraum die Einspeisung erhöht werden“, erklärt Mayerhofer. Dass diese beiden Parteien im Einklang sind, dafür sorgt der Netzbetreiber. Für Wien ist das zum Beispiel die Wiener Netze GmbH.

„Damit das funktioniert, brauchen wir einen gewissen Rahmen an Flexibilität“, so Mayerhofer. Wenn gerade mehr Energie erzeugt als verbraucht wird, muss diese Energie irgendwo hin. Wenn andererseits mehr Energie benötigt als erzeugt wird, muss ein Kraftwerk schnell einspringen können. Der Schlüsselbegriff, um die beiden schwer vorhersehbaren Variablen „Erneuerbare Energien“ und „Verbrauch der Menschen“ im Einklang zu halten, lautet Energiespeicher. Der wohl bekannteste Energiespeicher ist die Batterie.

Die Kunden von Enspired verbindet ein Merkmal: Sie besitzen alle flexible Anlagen. Also Anlagen, die mal mehr, mal weniger Strom verbrauchen oder erzeugen. Ansonsten könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Zum einen arbeiten sie mit Unternehmen aus der energieintensiven Industrie, wie zum Beispiel Papier- oder Aluminiumherstellern zusammen. Neben den Verbrauchern gehören auch Inhaber und Betreiber aller Art zu den Kunden des Wiener Start-ups.

Es gibt verschiedene Formen der Energiespeicherung. Zum einen managt Enspired große Batterienkomplexe, die irgendwo mitten auf dem Land stehen. Aber auch kleine, private Batterien können für die Speicherung von Energie verwendet werden. „Vereinfacht gesagt könnte ich meine Batterie, die in meinem Technikraum steht, zur Verfügung stellen.“ Organisiert wird das Ganze über den Stromanbieter. Menschen, die ihre privaten Batterien zur Verfügung stellen, erhalten im Gegenzug Vergünstigungen auf Strom oder Ähnliches. Der Enspired-CEO ist überzeugt, dass dezentrale Speicher-Plattformen die Zukunft darstellen. Einzelne, große Batterienkomplexe hält er für unvorteilhaft. „Denn wenn die Batterie in Vorarlberg steht, bringt sie den Menschen in Ost­österreich nichts“, erklärt er.

Selbst E-Autos sind für Enspired flexible Anlagen und können geladen werden, wenn es besonders günstig ist. Sie könnten aber auch als Zwischenspeicher dienen und können den Strom mit Gewinn weiterverkaufen, wenn der Strompreis steigt. Strom, wenn mehr als genug vorhanden ist, auch günstiger. Dieses Konzept nennt sich Smart Charging. Eine andere Möglichkeit ist die Umwandlung von überflüssigem Strom in Pumpspeichern. Es gibt also jede Menge Möglichkeiten, Strom zwischenzuspeichern, diese ganzen Anlagen müssen nur noch miteinander verbunden werden, so Mayerhofer weiter.

Jürgen Mayerhofers Lieblingsprojekt ist die „Virtuelle Batterie“. Sie sammelt freie Speicherkapazitäten, wie unbenutzte private oder industrielle Batterien, und lässt so Privatpersonen oder Unternehmen passiv Geld verdienen. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass die weltweit installierte Speicherkapazität in den nächsten Jahren bis 2026 über 270 GW erreichen wird. Das entspräche einer Steigerung um 56 % Prozent.

Die Notwendigkeit, flexible Anlagen an den Markt zu bringen, erkannte Mayerhofer in seinem ersten Unternehmen. Visotech wurde mittlerweile von Trayport übernommen und bot Software für Trading im Energiesektor an. Zu ihren Kunden gehörten Wien Energie, die Salzburg AG und insgesamt über 40 Unternehmen in Europa. Im Prinzip war die Software damals schon darauf ausgelegt, mit Flexibilitäten zu handeln. „Wir haben aber gemerkt, dass niemand die Software dafür genutzt hat, wofür sie eigentlich gedacht war“, erinnert sich Mayerhofer. Stattdessen wurde das Programm verwendet, um manuelle Prozesse, wie mitten in der Nacht Windprognosen zu verkaufen, zu automatisieren. Das ärgerte Mayerhofer so sehr, dass er und sein Team damals schon überlegten, selbst mit flexiblen Anlagen zu handeln. „Aber das ging nicht, wir konnten nicht gleichzeitig Mitbewerber am Markt sein und unseren Konkurrenten die passende Software verkaufen.“

Der zweite Punkt, der Mayerhofer störte, war, dass sie nur größere Unternehmen erreichten – kleine und mittlere Unternehmen, die keinen Zugang zur Börse hatten, jedoch nicht. „Der Batteriebesitzer muss gleichzeitig auch Zugang zur Börse haben, muss zertifizierter Händler und beim Netzbetreiber registriert sein.“ Um kleinen Anbietern diese Hürde zu nehmen, entwickelte Mayerhofer ein Konzept, das die Software mit dem ganzen Service drumherum verband. „Es hat einfach wen gebraucht, der es macht, und wir waren technologisch und in Sachen Know-how sehr gut ausgestattet, wahrscheinlich besser als jeder andere in Europa.“

Das war vor drei Jahren, im Januar 2020 gründete Jürgen Mayerhofer dann Enspired. Heute tradet das Wiener Unternehmen die Anlagen einige der größten – und kleinsten – Energielieferanten in Europa. Die meisten Namen der insgesamt aktuell über zehn Kunden kann Mayerhofer aber nicht nennen. „Viele der großen Player lassen sich nicht gerne mit einem eher jungen Unternehmen wie uns sehen“, erklärt er.

Es hat einfach wen gebraucht, der es macht, und wir waren technologisch und in Sachen Know-how sehr gut ausgestattet, wahrscheinlich besser als jeder andere in Europa.

Jürgen Mayerhofer

Strom wird an einem sogenannten kurzfristigen Strommarkt gehandelt. Den ganzen Tag über wird im Fünfzehn-Minuten-Takt gehandelt. Mayerhofer schaut auf die Uhr – 11:12 Uhr. „Jetzt würden wir Strom für 11:15 bis 11:30 handeln.“ Der Preis ergibt sich, wie an jeder Börse, aus Angebot und Nachfrage. Je mehr Strom gerade verfügbar ist, umso günstiger lässt er sich erwerben.

Auch wenn Enspired am Energiemarkt tätig ist, sei das nicht so wie an der Börse, die in Filmen dargestellt wird. „Da sind keine Händler, es ist nicht hektisch, da klingeln keine Telefone“, grinst Mayerhofer. Bei Enspired läuft alles KI-gesteuert. „Im Prinzip sind wir wie ein Software-Unternehmen aufgebaut“, erklärt Mayerhofer das System dahinter. 60 % der Mitarbeiter sind in der Technologie tätig. Eine KI kann logischerweise viel mehr Daten verarbeiten als ein Mensch. Die hohe Rechenkapazität ist zum einen notwendig, um die Komplexität des Strommarkts zu bewältigen. „Zum anderen verdienen wir für unsere Kunden einfach mehr Geld“, so Mayerhofer.

Das Team von Enspired ist seit der Gründung von sechs auf 47 Mitarbeiter gewachsen. „Wir sind stolz darauf, dass wir aus insgesamt 20 Nationen kommen“, so der CEO. Bis Ende 2023 soll das Team auf rund 90 Mitarbeiter wachsen. Nicht nur das Team ist international, sondern auch die Märkte, die Enspired bedient. Bis Ende 2023 will Enspired mit Kunden auf den wichtigsten europäischen Märkten zusammenarbeiten. „Wir haben auch schon ein Auge auf die USA, Japan oder Australien geworfen.“

Energie war immer schon Mayerhofers Thema: Er startete seinen Weg in der Energiebranche 2002 als Softwareentwickler. Später studierte er Projektmanagement an der Fachhochschule des BFI Wien. Nach seinem Master beriet er freiberuflich Kunden im Bereich Software und Energiewirtschaft. Nach einem weiteren Master im Bereich Energiemanagement wurde er 2010 Geschäftsführer bei Visotech. „Ich fand den Handel am Markt mit Menschen nie so spannend“, so Mayerhofer, „aber seit der Job von Tradern nun auch Technologie übernehmen kann, begeistert mich das total.“ Neben seiner Tätigkeit für Enspired ist er Mitglied im Weltenergierat Österreich und Börsenrat der Epex Spot.

Er will auch weiterhin der Energiebranche treu bleiben. Mayerhofer: „Die Energiebranche ist eigentlich die Basis unseres Wachstums.“ In ihr zeige sich, wie gut es allen geht und wie sicher die Versorgung unserer Kinder ist, sagt er. Aktuell zeigt sich auf den Stromrechnungen aber vor allem eines: Strom wird teurer. Und Mayerhofer weiter: „Das, was gerade am Markt passiert, ist gut.“ Ihm ist bewusst, dass dadurch die Inflation vorangetrieben wird und alles für jeden teurer wird. „Aber es zeigt die Abhängigkeit von Russland und von fossilen Brennstoffen“, erklärt Mayerhofer. Für ihn ist es ein Geschenk, dass von der Privatperson bis zum Politiker – endlich einmal – jeder sich mit dem Thema Energie auseinandersetzt. „Es ist unangenehm“, so Mayerhofer, „aber mittelfristig wird es den Blick auf das lenken, was der nächsten Generation hilft.“

Jürgen Mayerhofer ist ein alter Hase in der Energiebranche. Anfangs als Softwareentwickler tätig, gründete er 2020 Enspired und handelt nun mit KI-gesteuertem mit Strom.

Mayerhofer hat selbst vier Kinder im Alter von 13 bis eins. „Irgendwann werden meine Kinder auf mich zukommen und fragen: ,Papa, warum habt ihr nichts gegen die Klimakrise unternommen?“‘ Mayerhofer hofft, mit Enspired dann seinen Beitrag geleistet zu haben. Denn er möchte auch mit seinem jüngsten Kind später einmal mit Taucherbrille und Sauerstoffflasche auf dem Rücken die Korallenriffe erkunden.

Text: Juli Sixl
Foto: enspired

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