All In

Mi Le wettet als Managing-Partnerin des Wagniskapital­gebers Gimic Ventures auf Start-ups in Healthtech und Deeptech. Ihr größter Vorteil, sagt sie, sei ausgerechnet, dass man sie unterschätzt. Geprägt haben ihre Investmententscheidungen nicht nur ihre Reisen ins Silicon Valley und ein Pharmazie-Studium, sondern auch ihre Kindheit im Asia-Imbiss ihrer Eltern.

Als Kind hielt Mi Le es für ganz normal, dass Väter ihren Töchtern Poker beibringen. Erst als sie andere Kinder fragte, ob sie mitspielen wollten, und in ratlose Gesichter blickte, dämmerte ihr, dass ihre Kindheit anders verlief als die der meisten. Was ihr Vater ihr am Kartentisch beibrachte, hilft ihr heute als Investorin. „Du brauchst nicht immer die beste Hand“, sagt die 30-Jährige. „Du musst die Hand, die du hast, bloß einfach sehr gut spielen können.“ Und manchmal, fügt sie hinzu, müsse man eben bluffen. Mi Le ist Managing-Partnerin beim Karlsruher Venture-Capital-Fonds Gimic Ventures. Dort ist sie seit 2025 auf der Suche nach den vielversprechendsten europäischen Start-ups, vor allem im Healthtech- und Deeptech-Bereich. Zu ihren Investments zählen das Raketen-Start-up Hy Impulse, die Deeptech-Firma Sapper Intelligence und Healthtech-Start-ups wie Skinuvita und Reesi. „Ich mag mutige, intellektuelle Offenheit und Leute mit dem Potenzial, die Branche zu revolutionieren; Gründer, die den Status quo infrage stellen und bereit sind, all in zu gehen“, sagt die Investorin. Gimic Ventures verfügt derzeit über ein Fondsvolumen von 100 Mio. €. Je nach Entwicklungsphase der Start-ups investiert der Fonds zwischen 200.000 € und 2 Mio. € pro Investment. Bislang hat Le insgesamt 14 neue Investments begleitet.

Mit sieben Jahren stand Le bis nach Mitternacht am Herd und half ihrer Mutter, einen Asia-Imbiss zu betreiben. „Ich war schon immer in einer schnellen Umgebung unterwegs. Dadurch habe ich gelernt, einfach anzupacken“, erzählt sie. „Das überträgt sich in deinen Charakter: Du merkst, du kannst etwas leisten, und baust früh Selbstvertrauen auf, weil du weißt, du bist fähig dazu, alles zu schaffen.“ Ihre Kindheit verbrachte sie zwischen Deutschland, Vietnam und Amerika. Ihr erster Kontakt zu Tech kam nicht aus dem Elternhaus, sondern von ihrem Onkel, der über zwei Jahrzehnte bei Google im Silicon Valley arbeitete. „Dort hat mich dieses „Think big“-Mindset direkt inspiriert; auch schon als Kind, ohne es in klaren Worten beschreiben zu können“, erinnert sie sich. In Vietnam, wo Le als Neun­jährige Opfer des Vietnamkriegs kennenlernte, wuchs ihr Wunsch, Menschen zu helfen. „Ich hatte das Privileg, in Deutschland aufgewachsen zu sein. Man muss seine Chancen erkennen und etwas daraus ­machen“, sagt die Forbes U30-Listmakerin. „Das alles hat einen Hunger nach mehr in mir ausgelöst“, so Le.

Es braucht die neue Generation von Investoren, die wissenschaftliche Kompetenz mitbringt und unternehmerischen Mut hat.

Mi Le

Nach der Schule startete sie ein Pharmazie-Studium. Kurz vor dem dritten Staatsexamen wollte sie ab­brechen. „Einzelnen Menschen zu helfen ist zwar schön, aber in diesem Umfeld so leider nicht skalierbar, und ich war nicht glücklich damit, wie langsam das vorangeht“, sagt sie. Für ihre Eltern, die Sicherheit und Stabilität über alles stellten, war das unverständlich. „Wenn du mit asiatischen Eltern ins Unternehmertum willst, musst du dir extrasicher sein, dass du es wirklich willst. Es entspricht nicht deren traditioneller Vorstellung einer erfolgreichen Laufbahn“, erklärt sie. „Ich wollte unbedingt Teil dieses dynamischen Umfelds sein, etwas Großes mit Wichtigkeit machen, das skalieren kann“, sagt Le. Die Pharmawelt empfand sie als konservativ und reguliert, die Gründerszene als das Gegenteil. „Das hat mich immer gejuckt, und diesem Jucken muss man nachgehen“, sagt sie. Also gründete sie 2023 zuerst selbst das Start-up Meindein – eine Art Airbnb für Gegenstände, das sie nach 22 Monaten zu einem nicht genannten Betrag verkaufte. Über die Start-up-Szene lernte sie Alexander Rösner kennen, heute CEO von Gimic Ventures, der sie ins Unternehmen holte –
„ich bin auf die andere Seite gewechselt“, sagt Le.

Schnell merkte sie, dass ihre Stärke nicht darin liegt, selbst eine Firma zu bauen, sondern viele andere voranzubringen. „Es braucht diese neue Generation von Investoren, die wissenschaftliche Fachkompetenz mitbringt und gleichzeitig unternehmerischen Mut hat“, sagt Le. „Viele Investoren haben nie etwas gegründet und kommen oft vom klassischen BWL-Weg.“

Dass sie als Frau in der männerdominierten Investorenbranche oft unterschätzt wird, sieht Le nüchtern: „Die Präsenz von Frauen ermutigt andere Frauen, mutiger zu sein. Wir bringen einfach andere Stärken und Perspektiven mit.“ Unterschätzt zu werden sei ohnehin genau jener Vorteil, den man am Pokertisch lernt: Die Gegner werden unvorsichtig, lassen die Deckung sinken. „Dann gewinnst du den Jackpot“, sagt Le.

Die Investorin will in Europa Unicorns und Erfin­dergeist vorantreiben, gegen Abwanderung und Kapitalmangel. „Wir können es uns nicht leisten, es nicht zu tun“, sagt sie. Das Silicon-Valley-Mindset ihres Onkels möchte sie herholen, ohne dem Valley hinterherzuziehen. Venture Capital, sagt sie, sei ohnehin ein Dekadenspiel: Ob sie am Pokertisch das Gewinnerblatt in der Hand hält, wird sich erst in zehn Jahren zeigen. Bis dahin – das habe ihr Vater sie gelehrt – spielt man weiter.

Foto: André Gall

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