Auf der Suche nach dem richtigen Obst

17.000 € Startkapital, eine Rolle Traubenleder und eine Zeichnung: Mehr hatte Viola Weller nicht, als sie nach Portugal zog. Heute verwandelt ihr Berliner Label Vlace gemeinsam mit einer europäischen Familienmanufaktur die Reste der Saftindustrie in ein Material, das aussieht und sich anfühlt wie Leder, aber ohne Tier auskommt. Daraus entstanden in den letzten drei Jahren rund 30.000 Paar vegane Sneaker.

Als Kind verbrachte Viola Weller den Sommer mit ihrer Familie auf dem Bauernhof. Als sie damals ein kleines Lamm auf dem Arm hielt, erklärte ihr die Bäuerin, welches Stück man von dem Tier später einmal essen könne. Weller war vier Jahre alt, rannte weinend zu ihren Eltern – und rührte von diesem Tag an nie wieder Fleisch an. Zwanzig Jahre später hat sie ein Geschäftsmodell gebaut, das auf der Überzeugung ruht, dass für einen guten Schuh kein Tier sterben muss.

Weller ist die Gründerin von Vlace, einem deutschen Label für vegane Sneaker, das seine Obermaterialien aus den Abfällen der Fruchtverarbeitung von Trauben, Äpfeln und Orangen gewinnt. Entworfen werden die Schuhe in Deutschland, das Material stammt aus Italien, gefertigt wird in einer kleinen Familienmanufaktur in Portugal. 2023 kam der erste Schuh auf den Markt. Nach eigenen Angaben knackte das Unternehmen im ersten Jahr die Marke von 100.000 € Umsatz und steuert für dieses Jahr auf knapp 2 Mio. € zu.

Neben Vlace gibt es mittlerweile einige Anbieter von Schuhen aus Lederalternativen auf dem Markt –so setzt etwa das Unternehmen Moea aus Paris auf Rohstoffe wie Apfel, Traube, Kaktus und Ananas. Moea wurde 2020 gegründet und lässt die Schuhe in Portugal produzieren. Im Februar 2025 sammelte es in einer Seed-Runde 2,3 Mio. € ein und wuchs auf 16 Mitarbeiter an.

„Ich habe mir das Schwierigste ausgesucht, was man sich aussuchen kann“, sagt Weller rückblickend. „Ich hatte 17.000 € aus meinen Nebenjobs zusammengespart, die habe ich in die Materialentwicklung und die Produktion der Prototypen gesteckt, von denen einer allein fast 8.000 € gekostet hat.“ Für den Launch und die erste Produktion blieb kaum Geld übrig.

Die Prägung, alles selbst zu stemmen, brachte Weller von zu Hause mit. Ihre Eltern hatten sich mit Weller Industrievertretungen in der technischen Branche selbstständig gemacht – die junge Gründerin sah als Kind die Schattenseiten des Unternehmertums: die Nächte im Büro, die abgesagten Urlaube und die Schlaflosigkeit. Gleichzeitig beobachtete sie an ihren Eltern auch die positiven Seiten: „Ich habe immer gesehen, wie sehr meine Eltern dafür gebrannt haben und wie sehr es sie erfüllt hat. Mir war also immer klar, dass ich auch einmal meine eigenen Ideen umsetzen will.“ Weller übernahm zudem deren Haltung zum europäischen Wirtschaftsstandort: „Sie haben mir mitgegeben, wie wichtig es ist, in Europa zu produzieren“, erzählt sie. „Das steckt ganz tief in meiner DNA.“

Ich weiß, dass ich Bäume ausreißen kann, wenn ich für etwas brenne. Aber ich brauche etwas, worauf ich richtig Lust habe.

Viola Weller

Um den passenden europäischen Hersteller für Vlace zu finden, packte sie kurz nach der Corona­pandemie ihre Koffer und zog für ein halbes Jahr nach Portugal; das Land ist für die nachhaltige Produktion von Kleidung und Schuhen bekannt. Mit im Gepäck ­waren ein gezeichneter Entwurf eines Sneakers und eine Rolle Traubenleder. Für neun von zehn ­Betrieben war das vegane Material völlig unbekannt – deren Maschinen und Schneidstempel waren oft nur auf Tier­leder ausgelegt. Am Ende fand Weller einen kleinen Familien­betrieb, mit dem sie bis heute arbeitet.

Der eigentliche Kraftakt begann für Vlace nach dem Launch. „Ich habe so ziemlich alles unterschätzt. Ich dachte, ich wäre durch mein Studium und die prak­tische Erfahrung in verschiedenen Unternehmen wie SAP oder Mercedes-Benz perfekt vorbereitet“, sagt Weller. „Aber ich habe schnell gemerkt, dass man das, was man in der Theorie oder in etablierten Unter­nehmen gelernt hat, gar nicht auf eine junge Brand anwenden kann.“ Ohne Budget für Werbeanzeigen setzte Weller auf Storytelling, schrieb Podcast- und Radiosender sowie Redaktionen an und postete regelmäßig auf Linkedin. Über eine Crowdfunding-Kampagne und einen Vorverkauf brachte sie 500 Paar Sneaker an die Kundschaft. „2023 ging es komplett ums Über­leben: irgendwie am Ball bleiben, motiviert bleiben, den Stein ins Rollen bringen“, erzählt Weller. Einen Schub brachte damals eine Kooperation mit dem etablierten Getränkehersteller Innocent, aus dessen Obstresten aus der Produktion ein Vlace-Sneaker entstand, der auf 600 Paar zu rund 185 Euro limitiert war.

Heute besteht das Team aus sechs Personen. Neben dem eigenen Onlineshop ist Vlace bei Breuninger und im Kadewe in Berlin gelistet. Als zweites Standbein stattet Vlace Unternehmen mit gebrandeten Sneakern aus. Im Herbst kommt die erste Tasche aus veganem Leder, im kommenden Jahr sollen der stationäre Handel und erstmals Investoren dazukommen. Drei Dingen möchte Weller dennoch treu bleiben: Europa, veganen Materialien und zeitlosem Design. „Ich weiß, dass ich Bäume ausreißen kann, wenn ich für etwas brenne – dann sitze ich bis nachts“, sagt sie. „Aber ich brauche etwas, worauf ich richtig Lust habe. Und das habe ich mit Vlace zu 100 % gefunden.“

Foto: Vlace

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