AUF DER SUCHE NACH EXTREMEN

Es ist ein Kampf gegen Terror, den Julia Ebner führt – und gegen Empathielosigkeit. Die Forscherin recherchiert mit falschen Identitäten in einschlägigen Netzwerken, um zu verstehen, warum sich immer mehr Menschen radikalisieren lassen. Den hohen Preis dafür nimmt die „Under 30“-Listmakerin hin, denn sie sieht ihre Arbeit als Berufung.

Der 2. November 2020 ist ein lauer Abend in Wien; die letzte Nacht vor dem zweiten Corona-Lockdown in Österreich. Bars und Restaurants sind gut besucht, die Gegend rund um den Schwedenplatz ist ­voller Menschen. Just an diesem Tag kommt es zu einem Terroranschlag in der österreichischen Hauptstadt. Das rege Treiben sollte sich dabei als ­lebensrettend erweisen, denn die Polizei ist mit erhöhter Mannstärke in der Wiener Innenstadt präsent und verhindert Schlimmeres. Dennoch: Der Attentäter feuert mit einer automatischen Langwaffe auf Passanten, am Ende sind vier Todesopfer und 22 Verletzte zu beklagen. Auch der 20-jährige Islamist überlebt das Feuergefecht mit der Polizei nicht.

Zuerst gehen die Ermittler von mehreren Tätern aus, später wird bekannt, dass der Täter allein handelte. Er wuchs in Wien auf, radikalisierte sich erst zunehmend. Doch wie konnte das passieren? Genau diese Frage stellen wir Julia Ebner. Die Absolventin der London School of Economics und der Peking University untersucht am Institute for Strategic Dialogue in London als Senior Research Fellow die Phänomene Extremismus und Radikalisierung. Unter anderem berät sie große Organisationen, etwa die Vereinten Nationen, die Nato oder die Weltbank. 2017 landete Ebner für ihre Arbeit auf der „Under 30“-Liste von Forbes für die DACH-Region. Ebner, eine junge Frau mit eher konservativem Kleidungsstil, wirkt auf den ersten Blick nicht wie jemand, der sich für seine Arbeit in große ­Gefahren begibt. Doch für ihr Buch „Radika­lisierungsmaschinen – Wie Ex­tremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren“, das im Herbst 2019 erschien, forschte die Wienerin fast zwei Jahre lang, überwiegend mit falschen Identitäten, in den virtuellen wie physischen Welten der extremistischen Szene. „Ich habe immer wieder das Gefühl gehabt, ich muss das jetzt einfach machen“, so Ebner. „Für mich war es eher ein Bauchgefühl – ich wurde dorthin geleitet, ohne das rational begründen zu können.“

Europa lebt mittlerweile mit der terroristischen Bedrohung, in jüngster Zeit wurden quasi alle großen europäischen Metropolen Ziel von terroristischen Anschlägen. Im Juli 2020 implementierte die Europäische Kommission Maßnahmen in ihre Sicherheitsstrategie, die die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union in der Terrorbekämpfung unterstützen sollen.

Julia Ebner
...absolvierte einen Master in International Relations an der LSE in London und ist Senior Research Fellow am Institute for Strategic Dialogue sowie Beraterin der UN.

Das klingt, als könnte man nicht mehr angstfrei vor die Haustür treten – genau diese Einschüchterung sei von den Terroristen gewollt, sagt Ebner. Man solle sich davon jedoch nicht beeinflussen lassen: „Ich würde auf jeden Fall dafür plädieren, dass wir weiterhin ganz normal auf die Straße gehen. Terroristen wollen, dass wir unseren Lebensstil verändern.“ Genau das – den Lebensstil verändern – muss Ebner selbst jedoch, wenn sie recherchiert. Ihr brünettes Haar versteckt sie dann unter einer blonden Perücke, lange Fragebögen über ihre Gesinnung und Herkunft befüllt sie mit falschen Informationen, sie legt sogar fingierte Gentests vor. Letztere sind Teil der ­aufwendigen Aufnahmeverfahren mancher radikaler Gemeinschaften. Insgesamt schlüpfte Ebner in fünf verschiedene Rollen, um ihre Informationen zu sammeln. Die Forscherin wollte ihre Identität unbedingt geheim halten.

Auf ihrer Mission machte sie unter anderem Bekanntschaft mit Martin Sellner, dem Sprecher der rechtsextremen Identitären Bewegung in Österreich. Die Bewegung, die von den österreichischen Behörden beobachtet wird, propagiert bei gemeinsamen Treffen der Anhänger unter anderem die Idee des „großen Austauschs“. Dieser Verschwörungstheorie liegt die Annahme zugrunde, dass das „Wir“ – womit weiße Menschen gemeint sind – durch ein „Nicht-Wir“ (im weitesten Sinne alle Nichtweißen) ersetzt werden soll. Ebner schreibt der Identitären Bewegung gefähr­liches Potenzial zu, da sie andere zur Gewalt inspirieren könnte. Zudem schaffe es die Bewegung, so Ebner, „in den Mainstream vorzudringen. Und das ist auf jeden Fall eine gefährliche Kombination.“

Ihre Identität wird mit der Veröffentlichung ihres Buchs bekannt. Auf einen Schlag hat Ebner zahlreiche Feinde, lebt ab diesem Zeitpunkt mit Drohungen aller Art. Mittlerweile akzeptiert sie das als Teil ihrer Arbeit, mit der sie laut eigenen Angaben ein höheres Ziel verfolgt. „Ich habe mit der Forschung im Bereich Extremismus- und Terrorismusprävention begonnen, als der IS (der Islamische Staat, Anm.) erstmals europäische Kämpfer rekrutierte.“ Um ihre Arbeit gut zu machen, benötigt sie aber mehr als nur Fachwissen: „Es ist, würde ich sagen, Empathie oder Nächstenliebe, die mir geholfen hat. Ich versuche zu verstehen, was diese Menschen antreibt.“

Am Anfang ihrer Karriere ­befasste sich Julia Ebner mit internationalem Management und Philosophie, spielte dann mit dem Gedanken, Wirbelsturmforscherin oder Schauspielerin zu werden. Erste Erfahrungen mit Undercover-Forschung, die sie für ihr erstes, 2018 erschienenes Buch mit dem Titel „Wut: Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen“ machte, verlangten ihr jedenfalls ein gewisses Maß an Schauspielerei ab. Ebner drückt sich gewählt aus – Sprache ist ihr wichtigstes Werkzeug. Geht es um ihr Fachgebiet, spricht die sonst so locker wirkende Frau plötzlich mit fester Stimme. Auf ihre Kompetenz vertrauen schließlich auch international agierende Organisationen, Politiker und Sicherheitsfirmen; in Medien ist Ebner eine gern gesehene Expertin.

Die Coronakrise nützt den Radikalen – extreme Bewegungen versuchen, die Frustration, Unsicherheit und Perspektivlosigkeit zu nutzen.

Ebners Aufmerksamkeit gilt heute radikalen Islamisten und Rechtsextremen gleichermaßen wie Linksradikalen, Impfgegnern, Anti-5G-Aktivisten sowie Holocaust- oder Coronavirus-Leugnern. Verschwörungstheorien seien gefährlich: „Das Problem ist, dass hier teilweise die Ratio gar nicht mehr funktioniert und es zu komplett widersprüchlichen Theorien kommen kann.“ Die aktuelle Coronakrise wirke wie ein Brandbeschleuniger: „Aus meinen Recherchen geht hervor, dass die Coronakrise den Radikalen bisher genutzt hat. Extreme Bewegungen versuchen, die Frustration, Unsicherheit und Perspektivlosigkeit zu nutzen, um Mitglieder zu rekrutieren“, so Ebner.

Homeoffice und Lockdowns erleichtern die Rekrutierung neuer Anhänger, da die Nutzung des Internets zunimmt. Die Nachrichtenzentralen radikaler Gruppen sind organisierte „Trollarmeen“ in den sozialen Medien. Jeder einzelne User legt dabei zahlreiche falsche Konten an – das können pro Person Hunderte sein –, anschließend werden die Mitteilungen Verbündeter geliket, retweetet und kommentiert. Die Algorithmen der Plattformen interpretieren den da­raus folgenden Traffic als relevanten Nachrichteninhalt und schreiben diesem Content eine höhere Bedeutung zu. Innerhalb einer Stunde kann so ein Thema gesetzt werden, das sich im Netz verbreitet wie ein Lauffeuer. Ebner hat selbst mit Fake-Konten experimentiert und war erstaunt, wie leicht sich die Eigenheiten sozialer Medien ausnutzen lassen. Im Anschluss sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Reaktion der Antagonisten folgt, wobei die Plattformen die Gemüter sukzessive hochschaukeln.

Verunsicherte User können auf diese Weise verführt werden. „Es ist enorm wichtig, dass die Bevölkerung nicht in Angst verfällt, damit Terroristen nicht diese Macht über uns haben“, sagt Ebner. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet das aktuelle Phänomen im Netz als „Infodemie“, eine Desinformationspandemie, der auch Forscher nicht mehr folgen können. Pandemie, politische Polarisierung, Wirtschaftskrise – laut Ebner ist die aktuelle Situation keine einfache. Doch Wien zeige, dass 2020 von der Sicherheitslage nicht bedeutend anders war als 2016 – auch das Glück spiele letztendlich eine entscheidende Rolle. „In Wirklichkeit war die Sicherheits­lage beim Anschlag genau die gleiche wie vor vier Jahren. Damals gab es schon eine Welle von Anschlägen in Europa – es war reines Glück, dass Wien und Österreich das damals erspart geblieben ist“, sagt Ebner.

Schützenhilfe bekommen Radikale von der Politik, die ihre wahren Beweggründe hinter geschulter Rhetorik verbirgt: „Leider haben populistische Politiker in Wirklichkeit genau das gleiche Ziel wie Terroristen: unsere Bevölkerung zu spalten und bestehende ­Konflikte eskalieren zu lassen“, so Ebner. Doch der Politik kommt eine zentrale Rolle zu: Der Staat sollte laut Ebner mit einer Mischung aus konsequenter Ahndung und vorausschauendem Handeln Radikalisierungsprozessen entgegenwirken. Schon in der Bildung müsse angesetzt werden, ein Gespräch auf „emotionaler Ebene“ müsse mit Extremisten gesucht und nach ihren Bedürfnissen gefragt werden. „Die Bedürfnisse müssen wir verstehen, um das Problem lösen zu können“, ist Ebner überzeugt.

Text: Carsten-Pieter Zimmermann
Fotos: Phil Coomes (BBC); Anne Morgenstern

Der Artikel erschien in unserer November/Dezember-Ausgabe 2020 „Security“.

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