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Der Sennhof in der Churer Altstadt im Kanton Graubünden galt lange als härtestes Gefängnis der Schweiz. Doch wo früher Häftlinge untergebracht waren, befindet sich heute mit Wohnungen, Ateliers und einem Restaurant ein neues Stadtareal. Mittendrin: das Bogentrakt-Hostel, in dem Gäste in modernisierten Gefängniszellen nächtigen. Gründer Marco Leibundgut zeigt, wie sich historische Substanz, Gastfreundschaft und ein neues Verständnis von Stadtraum verbinden lassen.
Wer im Sennhof landete, sollte eigentlich nicht so schnell wieder herauskommen – Johann Stoffel sah das anders: Der Bündner, der in den 1920er- und 1930er-Jahren als „Aus- und Einbrecherkönig“ bekannt wurde, brach 1929 in das Churer Gefängnis ein und klaute dem Verwalter rund 400 CHF (423,30 €) und einen Revolver. Als er kurze Zeit später gefasst und eingesperrt wurde, brauchte er gerade einmal einen Tag, um wieder auszubrechen. Doch Stoffel war nicht der einzige bekannte Insasse hinter den Mauern des Sennhofs: Der jüdische Medizinstudent David Frankfurter verbüßte hier einen großen Teil seiner Haft, nachdem er 1936 den Schweizer NSDAP-Landesgruppenleiter Wilhelm Gustloff erschossen hatte. Rund drei Jahrzehnte später saß auch Erich von Däniken im Sennhof – während seiner Untersuchungshaft schrieb der spätere Bestsellerautor an seinem Buch „Zurück zu den Sternen“.
Fast zwei Jahrhunderte lang war der Sennhof Teil des Bündner Strafvollzugs und galt als eine der strengsten geschlossenen Haftanstalten der Schweiz; nicht zuletzt aufgrund seiner beengten Verhältnisse. Heute ist von dieser Abgeschlossenheit wenig geblieben – als wir den Innenhof der früheren Anstalt betreten, erwarten uns bunte Stühle und grüne Schirme und drum herum Wohnungen mit begrünten Balkonen. Es gibt sogar Ateliers und einen Gemeinschaftsgarten sowie ein Tüftellabor für kreative Projekte und Begegnungen. An einer Seite führt eine Tür in den Bogentrakt: ein Hostel, dessen Zimmer die ehemaligen Gefängniszellen sind. Gleich daneben liegt das Restaurant „Kostbar“. „Der Gefängnisturm ist der älteste Teil des ganzen Gebäudes. Eigentlich war er ursprünglich ein Befestigungs- und Wachturm der Stadtmauer“, erzählt Marco Leibundgut, Gründer und Geschäftsführer des Bogentrakt-Hostels, als wir wenig später mit ihm im Restaurant an einem Tisch im alten, denkmalgeschützten Turm sitzen. Mauerfragmente an den Wänden erinnern an die Historie: Wo sich einst Häftlinge in einem Aufenthaltsraum trafen, sitzen heute Restaurantgäste.
Möglich wurde dieser Wandel, weil der Kanton Graubünden den Strafvollzug aus dem Sennhof verlegte. Die historische Anlage mitten in der Churer Altstadt war für einen modernen Gefängnisbetrieb zunehmend ungeeignet; mit der neuen Justizvollzugsanstalt Cazis Tignez im Kanton Graubünden sollte der geschlossene Vollzug deshalb an einen neuen Standort ziehen. Damit stellte sich die Frage: Was macht man mit einem geschichtsträchtigen Areal, dessen Gebäude über Jahrzehnte auf Abschottung ausgelegt waren?
Dazu untersuchte der Kanton, wie sich der Sennhof weiterverwenden ließ – und kam zu dem Ergebnis, dass gerade der bestehende Gebäudekomplex Potenzial für eine neue Nutzung bietet und möglichst weitgehend erhalten bleiben sollte. 2018 schrieb der Kanton einen offenen Investorenwettbewerb aus – gesucht war ein Konzept, das die historische Substanz erhält und zugleich die Altstadt bereichert.
Den Zuschlag erhielt 2018 ein Schweizer Investoren-Team aus der Brandis Investment AG in Maienfeld und der Miro Immo AG in Chur. Gemeinsam mit dem Churer Architekturbüro Ritter Schumacher hatten sie das Projekt „Kontinuum“ entwickelt; die Idee einer „Stadt in der Stadt“ mit Wohnen, Gastronomie, Gewerbe und Kultur. Rund 20 Mio. CHF (21,18 Mio. €) flossen in die Umgestaltung des Areals. Ende März 2023 eröffnete Leibundgut das Bogentrakt-Hostel. Heute beschäftigt der Betrieb 14 Mitarbeitende. Die Auslastung lag im ersten vollen Geschäftsjahr 2024 bei rund 70 % und stieg zuletzt auf etwa 75 %. 2025 erreichte Leibundgut laut eigenen Angaben einen Umsatz von 900.000 CHF. Der Erfolg fällt in eine Phase, in der Hostels in der Schweiz wieder stärker gefragt sind: Die Schweizer Jugendherbergen verzeichneten 2025 rund 824.000 Übernachtungen, 1,3 % mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig stieg der Anteil internationaler Gäste von 29,2 auf 32,6 %; besonders stark legte Deutschland mit 17,8 % zu.
Marco Leibundgut wuchs bei Chur auf und absolvierte die Handels- und Touristikschule der EHL Swiss School of Tourism and Hospitality und später das Nachdiplomstudium Hotelmanagement der Hotelfachschule Thun. Beruflich zog es ihn früh in die Hospitality-Branche: Von 2014 bis 2015 arbeitete er als Manager beim Boutique-Hostel-Konzept Code Pod Hostels in Edinburgh. Anschließend war er in derselben Stadt mehr als zwei Jahre als General Manager beim Hospitality-Anbieter Destiny Student aktiv. 2018 kehrte Leibundgut in die Schweiz zurück und wurde stellvertretender Geschäftsführer von Bern Backpackers Hotel Glocke. Zwei Jahre später wechselte er in derselben Funktion zum Pop-up-Hotel Krone in Zürich; 2023 folgte die Eröffnung des Bogentrakt-Hostels. Was ihn an der Branche reizt, ist der Kontakt mit Menschen: „Wenn man an der Rezeption arbeitet, ist es ein bisschen so, als würde man jeden Tag selbst verreisen“, sagt Leibundgut. „Du kannst dir die Welt ein Stück weit zu dir holen.“
Als der Sennhof Ideen für die Neunutzung suchte, war Leibundgut sofort Feuer und Flamme: Das Gefängnis kannte er seit seiner Kindheit, seine Geschichte war für ihn eng mit Chur verbunden. Die kleinen ehemaligen Zellen erschienen ihm für klassische Hotellerie wenig geeignet, für ein Hostel dagegen umso mehr – und damit genau für das, was er aus seiner bisherigen Laufbahn gut kannte. Gleichzeitig war ihm wichtig, dass der Ort in regionalen Händen bleibt: „Wir wollten, dass es ein Projekt ist, das von Leuten, die von hier sind, umgesetzt wird“, sagt Leibundgut.
Gerade deshalb entschied er sich bewusst gegen große externe Investoren. Gemeinsam mit seiner Partnerin, deren Bruder und dessen Frau gründete er die GmbH; hinzu kamen ein Bankkredit und ein Kredit der Schweizerischen Gesellschaft für Hotelkredit. Rund 300.000 CHF investierte das Team in den Aufbau und die Ausstattung des Hostels.
Dass die Summe reichte, lag auch am persönlichen Netzwerk: Ein befreundeter Schreiner fertigte die Betten nach Maß, der Bruder seiner Partnerin richtete als Software Engineer das WLAN-Netzwerk ein und Freunde und Familie halfen beim Aufbauen der Möbel, beim Montieren der Lampen und beim Verteilen der Matratzen. Gerade beim Innenausbau spielte auch Leibundguts Partnerin eine zentrale Rolle: Sie entwickelte gemeinsam mit ihm das Gestaltungskonzept für die Zimmer. Vom Gefängnis blieb dabei vieles sichtbar, etwa die historischen Zellentüren; anderes wurde verändert, um aus den ehemaligen Zellen funktionierende Gästezimmer zu machen. Gitter verschwanden von den Fenstern, helle Materialien und Holz sollten die Räume ruhiger wirken, maßgefertigte und klappbare Möbel den knappen Platz besser nutzen lassen.
Die Vergangenheit des Gebäudes bleibt dabei nicht nur über die Inneneinrichtung präsent: Über QR-Codes können Gäste mehr über die Geschichte des ehemaligen Gefängnisses erfahren. Selbst das klassische „Bitte nicht stören“-Schild greift das Thema auf – wer sein Zimmer zur Reinigung freigibt, hängt sinngemäß „Ich bin ausgebrochen“ an die Tür.
Wenn man an der Rezeption arbeitet, ist es ein bisschen so, als würde man jeden Tag selbst verreisen.
Marco Leibundgut
Gleichzeitig wurde der Betrieb von Anfang an stark digital gedacht: Zugangscodes werden automatisch erstellt, Zahlungen und Teile der Gästekommunikation laufen automatisiert, der Online-Check-in verkürzt die Anreise. Später kamen weitere Systeme hinzu, etwa Sensoren für Temperatur und Luftfeuchtigkeit sowie digitale Lösungen für den Check-in und die Reservierungsdaten.
Leibundgut versteht diese Automatisierung allerdings nicht als Ersatz für Personal; im Gegenteil: „Meine Philosophie ist, dass man Automatisierung nutzt, damit unsere Mitarbeiter mehr Zeit für den Gast haben“, sagt er. Deshalb ist die Rezeption weiterhin persönlich besetzt. Wer Fragen hat, Unterstützung beim Check-in braucht oder wissen möchte, wo man in Chur essen, ausgehen oder etwas unternehmen kann, soll weiterhin mit einem Menschen sprechen können. Auch Nachhaltigkeit spielt im Hostel eine Rolle – wo Leibundgut und sein Team Einfluss nehmen konnten, versuchten sie, auf langlebige Materialien, kurze Lieferwege und reparierbare Lösungen zu setzen. Verarbeitet wurde viel Holz, bei den Möbeln achtete man nach Möglichkeit auf Produktion in der Schweiz oder im nahen Ausland. 2022 erhielt das Projekt den Publikumspreis des Raiffeisen-Futura-Nachhaltigkeitspreises, 2025 wurde es als erste Unterkunft in Chur mit dem Ibex-Fairstay-Label ausgezeichnet, einem Schweizer Nachhaltigkeitslabel für Beherbergungsbetriebe, das ökologische, soziale und wirtschaftliche Kriterien bewertet.
Das Konzept kommt an: Die Gäste im Bogentrakt
sind international, die Altersgruppen bunt gemischt – sogar so gemischt, dass Leibundgut nicht mehr vom wöchentlichen Hostel-Pub-Crawl spricht, sondern vom Slow-Crawl: Weil meist ältere Altersgruppen dabei sind, geht es weniger ums Partymachen als um das Genießen von ein paar guten Drinks in den Bars von Chur. Insgesamt verfügt das Bogentrakt-Hostel über 25 Zimmer mit 70 Betten. Die Preise sind dynamisch, günstige Übernachtungen beginnen je nach Datum bei rund 45 bis 60 CHF pro Person und Nacht. 2025 verbuchte das Hostel 15.596 Übernachtungen und 11.839 Gäste.
Ganz neu ist die Idee, in einem ehemaligen Gefängnis zu übernachten, in der Schweiz nicht: Zwar ist der Bogentrakt das erste Hostel in Chur, in Luzern empfängt das Barabas Hotel jedoch bereits seit 1999 Gäste in einem früheren Zentralgefängnis und gilt als erstes Gefängnishotel des Landes. Der zentrale Unterschied: Leibundgut will das Bogentrakt-Hostel nicht als einmaliges Gefängnis-Gimmick positionieren, sondern als vollwertiges Hostel, in das Gäste wiederkommen. „Vielleicht kommt man beim ersten Mal, weil man einmal in einem Gefängnis übernachten will. Aber wenn man hier ist, soll man merken, dass es komfortabel ist, wir nette Leute sind – und dann soll man gerne wiederkommen“, so Leibundgut.
Viele reisen laut Leibundgut mit dem Zug durch die Schweiz und machen in Chur nur einen Zwischenstopp – etwa auf dem Weg mit dem Bernina Express oder dem Glacier Express. 2025 gehörte Chur laut dem Amt für Wirtschaft und Tourismus Graubünden zu den Bündner Regionen mit besonders starkem Wachstum. Graubünden verzeichnete insgesamt mehr als 5,5 Millionen Übernachtungen von Touristen – das beste Jahr der Branche seit 2010. Dass Chur ankommt, merkt Leibundgut auch am Gästefeedback: „Viele sagen beim Abreisen: ‚Hätten wir doch zwei Nächte gebucht – es gäbe noch so viel mehr zu sehen! Das war uns gar nicht bewusst‘.“ Tatsächlich beobachtet Leibundgut inzwischen erste Wiederkehrer, teilweise mit Freunden im Schlepptau. Für ihn ist genau das der Beweis, dass der Bogentrakt mehr ist als ein einmaliger Erlebnisort; und mehr als eine abgeschlossene Touristenwelt – denn durch das Restaurant, die Wohnungen, Ateliers und Gemeinschaftsflächen sowie Leibundguts Hostel treffen im Sennhof Reisende und Einheimische aufeinander. „Es fühlt sich ein bisschen wie eine kleine Nachbarschaft an“, sagt Leibundgut.
Fotos: Hannes Heinzer Photography