Bad-Boy-Comedy

Wenn Felix Lobrecht eine Bühne betritt, dann ist es mit Political Correctness vorbei: Der 34-Jährige polarisiert und spaltet regelmäßig das Netz. Während Massen von Fans an seinen Lippen hängen, würden ihm andere gerne das Wort verbieten. Lobrecht hat den Widerspruch zur Kunstform erkoren – und ist dabei selbst zur Marke geworden.

Er steigt – wie immer, wenn er in Wien ist – im Steigenberger Hotel ab. Die meisten Männer, die in der Lobby warten, tragen Anzug und Krawatte, Lobrecht bevorzugt T-Shirt und Jogginghose. Für seinen Aufenthalt hat er sich für die Terrassensuite entschieden;
am Handgelenk schimmert eine 40.000 € teure Rolex. Obwohl Lobrecht regelmäßig auf der großen Bühne steht, wird schnell klar, dass er nicht gerne Interviews gibt: „Medien tendieren dazu, dich auf eine Punchline herunter­zubrechen“, erklärt er und schaut zu Boden.

Der Comedian ist in Berlin-Neukölln aufgewachsen – ein Stadtbezirk, der als „kriminalitäts­belastet“ gilt. „Ich hatte nie das Bedürfnis, meine Neuköllner Herkunft zu verstecken“, erklärt Lobrecht darauf angesprochen. Regelmäßig erzählt er in Podcasts oder seinen Gags, wie er als Sohn eines alleinerziehenden Vaters unter Hartz IV im Berliner Brennpunktviertel aufwuchs, Lernmittel-Förderungen erhielt und vom Gym­nasium ausgeschlossen wurde. Wo es vielleicht an finanziellem Kapital fehlte, gab es kulturelles und soziales im Überschuss: „Ich hatte wirklich großes Glück mit meinem Vater – er hat uns vorgelesen und Musik vorgespielt, während andere meines Alters vor dem Fernseher geparkt wurden“, so Lobrecht.

Sein Abitur schaffte der 34-jährige Comedian im Übrigen autodidaktisch, durch eine Nichtschülerprüfung. In seinen Zwanzigern belegte er gefühlt, wie er sagt, jeden Job im Niedriglohnsektor – egal ob Kellner im Restaurant, Essenslieferant für Sushi, Verkäufer im Einzelhandel oder Rezeptionist im Fitnessstudio. Als Lobrecht 2012 fürs Studium nach Marburg zog, begann er sich einen Namen als Poetry-Slammer zu machen, bevor ihm schließlich 2016 mit seinem Bühnenprogramm „Kenn ick“ sein Comedy-Durchbruch gelang. „Ich habe einfach rumprobiert und nichts durchgezogen, was mir nicht wirklich Spaß gemacht hat. Es gab keinen Felix-Lobrecht-Masterplan“, erklärt er und beginnt, sich eine Zigarette zu drehen. Heute ist Lob­recht Millionär und als Comedian derart begehrt, dass seine Shows bereits nach wenigen Stunden aus­verkauft sind. Da ihm als 23-Jährigem selbst das Geld für Konzert­tickets fehlte, verschenkt er heute vor jeder Show Karten an Fans aus prekären Verhältnissen.

Laut Angaben des Focus Magazins erhält Lobrecht aktuell Gagen von durchschnittlich 40.000 €, womit er allerdings nicht in derselben Liga spielt wie US-Comedygrößen wie Kevin Hart (eine Mio. US-$) oder Amy Schumer (500.000 US-$). Zu­sätzlich zu den Show-Einnahmen kommen monatlich noch 12.000 €, die er und sein Kollege Tommi Schmitt mit ihrem Podcast „Ge­mischtes Hack“ verdienen.

Den Blick auf seinen Kontostand scheut Lobrecht bis heute und überlässt seine Finanzen ganz seinem Buchhalter. Jeder überschüssige Cent fließt entweder in karitative Projekte oder auf das Konto seines Vaters. Zwar bekommt er jedes Halbjahr einen neuen Wagen von Mercedes gestellt, doch er habe „Luxus um des Luxus willen“ längst abgeschworen. Ob er seine Geschichte als märchenhafte Erfolgsstory sieht? „Diese ‚Jeder kann es schaffen, wenn er nur hart genug arbeitet!‘-Geschichte ist doch vollkommener Quatsch. Meine Geschichte ist ja nur spannend, weil ich eine Ausnahme bin und eben nicht die Regel“, sagt er und beginnt, sich eine weitere Zigarette zu drehen.

Felix Lobrecht vor seinem Auftritt in der Wiener Stadthalle im Rahmen seiner „All You Can Eat“-Tour.

Lobrecht versteckt sich im Unterschied zu manch anderem Komiker nicht hinter der Fassade eines Alter Egos. Besonders bei jüngeren Menschen kommt das gut an: Auf Instagram hat er bereits eine Million Follower und sein wöchent­licher Podcast „Gemischtes Hack“, in dem er gemeinsam mit seinem Comedykollegen Tommi Schmitt über alltägliche Banalitäten schwa­droniert, ist mittlerweile einer der beliebtesten Podcasts Deutschlands.

Wer eine von Lobrechts Folgen hört oder seine Vorstellungen besucht, sollte seine moralischen Prinzipien für ein paar Stunden beiseitelegen – Lobrecht ist groß­zügig mit Kraft­ausdrücken und greift auch gern in die untersten Schubladen des schwarzen Humors. „Comedy muss in erster Linie lustig sein – ein Fakt, den viele meiner Kolleginnen und Kollegen vergessen haben“, erzählt er und zieht an seiner Zigarette. Mittlerweile ist Lobrecht vom Sofa zur Dachterrasse gewandert und lehnt kurz still an der offenen Fenstertür.

Wer im Internet nach Negativschlagzeilen rund um den Comedian sucht, wird schnell fündig: Sexis­tische und rassistische Äußerungen unter dem Deckmantel der Satire wirft man ihm vor. Der Berliner sagt dazu: „Das Schlimmste, was einem Künstler passieren kann, ist, dass dich alle okay finden.“

Seriosität und Vulgarität sind bei ihm im ständigen Wechsel miteinander. „Ich glaube, dass jeder Mensch Widersprüche in sich trägt, und dass ich im Gegensatz zu anderen Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, versuche, diese nicht auf Krampf zu verstecken und ein eindimensionales Narrativ zu bedienen“, so Lobrecht.

Lobrecht mischt im öffent­lichen Diskurs mit und scheut dabei auch nicht den Kontakt mit Bundeskanzler Olaf Scholz. „Wir reden über alle Diskriminierungsdimensionen wie Rassismus, Sexismus und Diskriminierung, aber gefühlt niemals über soziale Herkunft“, erklärt Lobrecht.

In seinem Buch „Sonne und Beton“ wirft er einen kritischen Blick auf die deutsche Klassengesellschaft. Das Buch gehört in Deutschland mittlerweile zur Schullektüre. Es verkaufte sich über drei Millionen Mal und war wochenlang auf Platz eins der Bestsellerlisten. Seit März 2023 läuft „Sonne und Beton“ auch als Film in den deutschen Kinos und konnte dort bis heute ein Einspiel­ergebnis von 9,8 Mio. € erzielen.

Über eine Dekade lang hat Felix Lobrecht pausenlos performt, Hallen gefüllt, Programme und Texte ge­schrieben, Interviews geführt, Pod­casts aufgenommen und sich auf Twitter unerbittliche Wortgefechte geliefert. Seine Aussagen wie etwa „Gymnasien sind nur eine soziale Abgrenzung nach unten“ erhitzen regelmäßig die Gemüter und sorgen sogar für unzählige Morddrohungen. Das blieb nicht ohne Folgen: Erst kürzlich wurde öffentlich, dass Lobrecht seit über zwei Jahren unter Depressionen und Schüben von Panikattacken und Angstzuständen leidet. Für das kommende Jahr hat er daher vor, sich eine einjährige Auszeit zu nehmen, in der er die Welt bereisen und sich um seine psychische Gesundheit kümmern will. Ein Ende des Hypes um seine Person sieht er nicht kommen: „Bis jetzt habe ich an jedem Tag, an dem ich aufwache, mehr Fans als am Tag zuvor.“

Der 34-jährige Felix Lobrecht wuchs im Berliner Brennpunktviertel Neukölln auf, jobbte in Fitnessstudios und Restaurants und finanzierte sich seine Miete mit Poetry-Slams. Mittlerweile erreicht er mit seinem wöchentlichen Podcast „Gemischtes Hack“ Millionen von Fans.

Text: Helene Hohenwarter
Fotos: Marvin Ruppert
Infografiken: Emin Hamdi, Valentin Berger

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