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Der CAMPUS SURSEE begann 1972 als Ausbildungsstätte für die Schweizer Bauwirtschaft, heute ist er darüber hinaus nicht nur das größte Hotel der Schweiz, sondern auch ein Seminar- und Sportzentrum. Direktorin Andrea Ming erklärt, wie drei Geschäftsfelder unter einem Dach funktionieren – und warum die Berufsbildung im Zentrum bleibt.
Montags füllt sich der CAMPUS SURSEE: Lehrlinge, Kursteilnehmer aus der Erwachsenenbildung und mitunter Führungskräfte großer Unternehmen checken ein. „Mein Lieblingstag in der Woche“, sagt Leonora Blakaj, Teamleiterin der Rezeption: Ein Maurerlehrling benötige andere Informationen als ein Sportlerteam oder ein Seminargast; „diese Vielfalt finde ich einmalig, die habe ich so noch nirgends erlebt“, sagt Blakaj, die 2024 aus der Luxushotellerie zum Campus wechselte.
Gegründet wurde der Campus 1972 vom Schweizerischen Baumeisterverband, um die Berufsbildung der Bauwirtschaft zu fördern. Mehr als 240.000 Personen haben dort seither Kurse absolviert; mittlerweile sind es jährlich rund 18.000 in über 300 Weiterbildungsangeboten. Die Stiftung CAMPUS SURSEE führt drei Geschäftsfelder – Bildung, Hotellerie und Sport. Das umfasst 550 Hotelzimmer, fünf Restaurants und 67 Räume, darunter eine Eventhalle für bis zu 1.000 Personen. Die Sportarena bietet ein 50-Meter-Olympiabecken und eine Tribüne für 700 Zuschauer. Mehr als 270 Mitarbeitende sind am Campus tätig.
Die Hotellerie entstand aus dem praktischen Bedürfnis der Lehrlinge: Wer mehrere Wochen Kurse besucht, muss vor Ort übernachten können. Nach den ersten Jahrzehnten wurde die Auslastung zur finanziellen Herausforderung, also öffnete sich der Campus über das Bauhauptgewerbe hinaus: 2006 begann der Wandel zum Seminar- und Kongresszentrum, im April 2019 folgte die Sportarena. Der Umsatz liegt heute bei gut 50 Mio. CHF (54 Mio. €). Mit 50 % entfällt der Großteil nach wie vor auf die Bildung, das Kernthema der Stiftung.
Direktorin Andrea Ming stammt nicht aus der Baubranche, auch wenn ihr Vater als Maurer tätig war. Vor ihrer Bestellung zur Stiftungsdirektorin leitete sie beim Migros-Genossenschafts-Bund die Direktion Klubschulen und Freizeitanlagen. Am 1. März 2021 übernahm sie den Campus, mitten in der Coronapandemie. Dass eine Frau ohne Bau-Hintergrund die Direktion übernahm, sei nicht allen leichtgefallen, erzählt sie. Nach einem halben Jahr sprach sie ein älterer Herr bei einem Pensioniertentreffen an: Er habe die Entscheidung des Baumeisterverbands zunächst für übergeschnappt gehalten, nun aber glaube er, dass es die richtige Wahl sei. Trotzdem sagt Ming: „Ich bin nicht hierhergekommen, um Vorurteile zu widerlegen.“
Wer sich weiterentwickeln möchte, muss bereit sein, die Komfortzone zu verlassen.
Andrea Ming
Wichtiger sind ihr die inhaltliche Weiterentwicklung des Campus sowie die persönliche und fachliche Weiterentwicklung der Menschen, die hier lernen und arbeiten. Zwei Entscheidungen prägen ihre Amtszeit bisher: Ming verankerte die Aus- und Weiterbildung wieder stärker in der Strategie; außerdem ließ sie die beiden Aktiengesellschaften für das Bildungs- und das Seminarzentrum auflösen, alles läuft nun direkt unter der Stiftung. „Dem Kunden ist es egal, wer wo arbeitet“, sagt die Direktorin. „Er möchte, dass es perfekt abläuft.“
Im Schnitt übernachten 300 Lehrlinge am Tag auf dem Campus, dazu kommen rund 200 weitere Teilnehmende aus der Aus- und Weiterbildung; eine stabile Grundauslastung der 900 Betten, die den Campus nach eigenen Angaben zum größten Hotel der Schweiz machen. Hotellerie und Sport müssen den Rest füllen. Seit zwei, drei Jahren arbeitet der Campus dafür verstärkt mit Reiseveranstaltern zusammen. Im Haus ist das nicht selbstverständlich, schließlich war es ursprünglich ausschließlich für die Baubranche konzipiert. Ming: „Am Ende profitieren alle, wenn es dem Campus betriebswirtschaftlich gut geht.“
Wie breit das Spektrum ist, zeigt Tanja Dumuid aus dem Team Veranstaltungen: Ihr Team aus neun Personen begleitet Seminare mit 20 Teilnehmenden ebenso wie Anlässe mit 300; in Ausnahmefällen sind bis zu 1.500 Gäste auf dem Gelände. Ein Unternehmen stellte eine eigene Schwingarena auf (traditioneller Schweizer Ringkampf), ein anderes Mal hatte die Frauen-Tour-de-Suisse hier ihre Zieleinfahrt. Dabei wird jede Veranstaltung von einer Person begleitet, von der Anfrage bis zur Rechnung. Zufrieden ist das Team, wenn ihm gelingt, was es „Kundenverblüffung“ nennt: Einem Rasenexperten servierte es einen grünen Smoothie, einem Kunden, dem eine Werbekampagne einen Buchstaben des Logos „gestohlen“ hatte, schickte es einen Kuchen in dessen Form.
Auch hinter den Kulissen entwickelt sich der CAMPUS SURSEE weiter: Die interne Kampagne „Campus innovativ“ sammelt Ideen der Mitarbeitenden, um sich nicht auf dem bisher Erreichten auszuruhen. Ein Hotelgebäude wird modernisiert, im Selbstbedienungsrestaurant gibt es mittlerweile auch vegetarische Gerichte auf der Karte. Bei Bildungsangeboten will Ming schnell sein – neue eidgenössische Abschlüsse übernimmt der Campus zügig und bildet zu Themen wie Projektallianzen und Digitalisierung in der Baubranche aus.
Eine Plattform für Frauen hat Ming vor rund dreieinhalb Jahren mit „Kaderfrauen plus“ geschaffen: Rund 20 Mitarbeiterinnen treffen sich etwa viermal im Jahr, die Inhalte bringen sie selbst ein. „Wer sich weiterentwickeln will, muss bereit sein, die Komfortzone zu verlassen“, sagt Ming. Blakaj und Dumuid sind selbst Teil des Programms. Sie schätzen den offenen Austausch – auch und gerade über die Geschäftsfelder hinweg.
Foto: Mara Truog