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Dalibor Cicman ist Programmierer und interessierte sich lange weder für Fitness noch für Proteinpulver. Dennoch hat er aus einem kleinen Onlineshop in der ostslowakischen Provinz den Konzern GymBeam aufgebaut, der 2025 nach eigener Analyse zur größten Sporternährungsmarke der EU aufstieg. Nun will Cicman GymBeam auch im DACH-Raum zum Standard machen.
Mitten in einer der belebtesten Ecken Wiens, nur wenige Schritte von der Staatsoper entfernt, liegt ein Geschäft, das für Sportbegeisterte einem kleinen Paradies gleicht. Wer durch die Türen von GymBeam tritt, findet sich links und rechts von Regalen voller Proteinpulver, Fitness-Riegel und Nahrungsergänzungsmittel umgeben. Zwei Etagen höher aber, über dem Verkaufsraum, findet die Arbeit hinter den Kulissen statt: An langen Reihen von Schreibtischen sitzen junge Menschen vor ihren Bildschirmen. Rund 15 Vollzeitkräfte arbeiten in diesem Wiener Headquarter, das der Konzern erst vor Kurzem zu seinem neuen Hauptsitz gemacht hat.
Hier, zwischen Ringstraße und Oper, sitzt die Zentrale eines Unternehmens, das 2025 nach eigener Analyse zur größten Sporternährungsmarke der EU aufgestiegen ist und nun verstärkt im DACH-Raum auftreten will. GymBeam verbuchte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 232 Mio. €, ein Plus von 24 % gegenüber dem Vorjahr, und ein EBITDA von 18,7 Mio. €. Damit überholt das Unternehmen etablierte Mitbewerber wie MyProtein oder Prozis – und das, obwohl sich der Gründer und Geschäftsführer Dalibor Cicman lange weder für Fitness noch für Proteinpulver interessierte. „Für mich war das damals wie ein Sprung ins kalte Wasser, ich wusste in dem Bereich fast nichts, praktisch null", sagt er.
Zurück in die 90er-Jahre: Als Cicman ein Kind war, wollte er unbedingt Computerspiele spielen, besaß aber keinen Computer. Also besuchte er einen Computerkurs und lernte dort nebenbei auch das Programmieren. Mit zwölf Jahren verdiente er damit sein erstes Geld in Internetforen, beauftragt von einem Software-Ingenieur aus Australien, den er nie persönlich traf. „Ein paar Jahre später habe ich meine ersten Websites programmiert. Mit 18 hatte ich ein Team und eine Firma, wir haben Websites und E-Commerce-Lösungen für andere entwickelt", erzählt Cicman. 2004 gründete er seinen ersten eigenen Onlineshop, danach viele weitere. „Einige davon habe ich mit großem Erfolg verkauft, bevor GymBeam kam. Eine Firma, die ich 2008 gegründet habe, existiert bis heute”, erzählt der 39-Jährige.
Irgendwann wurde es ihm zu viel. „Ich hatte rund 14 Onlineshops gleichzeitig und etwa 50 Leute, die daran arbeiteten", sagt Cicman. Parallel schrieb er seine Doktorarbeit über die Implementierung von Business-Intelligence-Lösungen im E-Commerce, also darüber, wie man mit Daten Kunden besser versteht und monetarisiert. Nach dem ersten Jahr setzte er alles auf eine Karte: Er verkaufte die anderen Projekte und konzentrierte sich nur noch auf GymBeam. Als er die Marke 2014 gründete, war der Markt für Sporternährung längst verteilt, Optimum Nutrition gab es seit 1986, MyProtein seit 2004. Cicman kam Jahre zu spät, setzte aber auf ein Modell, das in dieser Kategorie noch neu war. „2014 waren wir Vorreiter eines Geschäftsmodells: Direct-to-Consumer. Die Wettbewerber waren damals meist Multibrand-Stores, also Händler mit vielen fremden Marken. Wir dagegen hatten einen eigenen Namen und eigene Produkte", sagt er. Statt sich in den Kampf um dieselbe kleine Zielgruppe zu stürzen, um die alle rangen, richtete er GymBeam konsequent auf jene aus, die bis dahin kaum jemand umwarb: Frauen, Einsteiger und Menschen, die gerade erst mit dem Training begannen. „Alle kämpften um die wenigen Bodybuilder, und wir haben uns die neuen Kunden geholt", erzählt Cicman. Wo die Konkurrenz auf glänzende, martialische Dosen setzte, entwarf GymBeam transparente Verpackungen und eine eigene Produktlinie für Frauen, und weil der Gründer aus dem E-Commerce kam, ließ er von Beginn an eine eigene Software soziale Netzwerke, Foren und Google-Suchen durchkämmen, um die Kluft zwischen wachsender Nachfrage und dünnem Angebot aufzuspüren.
Aus diesem datengetriebenen Blick auf den Markt ist über die Jahre ein Sortiment von rund 11.500 Artikeln erwachsen, nach Angaben des Unternehmens mehr als das Zweieinhalbfache des nächstgrößeren Wettbewerbers. GymBeam erzielt 86 % des Umsatzes über eigene Kanäle statt über Marktplätze wie Amazon und Co. Das Geschäftsmodell scheint aufzugehen: Nach GymBeams eigener Vergleichsrechnung liegt die EBITDA-Marge mit 8 % über dem Median einer Gruppe von fünf großen Wettbewerbern (5,4 %). Gymbeams Umsatz hat sich seit 2022, als er noch bei 89 Mio. € lag, fast verdreifacht. „Das Geheimnis ist: Wir waren schnell, haben die Nachfrage früh erkannt und haben ein sehr breites Sortiment", sagt Cicman. Während der Umsatz 2025 um fast ein Viertel zulegte, schrumpfte die Belegschaft um 8 % auf rund 650 Menschen. In der eigenen Auftragsabwicklung, in der Roboterarme die Bestellungen kommissionieren, bewältigen nach Cicmans Angaben etwa 18 Vollzeitkräfte täglich 15.000 Bestellungen. Wo vor zwei Jahren noch 42 Übersetzer beschäftigt waren, übernimmt heute die künstliche Intelligenz die Lokalisierung für 16 Märkte. „Das verändert die Kostenstruktur eines Unternehmens", sagt Cicman. „Wir haben dadurch ein größeres Budget für die Kundengewinnung, und wer das größere Budget hat, übernimmt am Ende den Markt."
Gewachsen ist GymBeam dort, wo die großen Wettbewerber ihre Budgets nicht einsetzen. In Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Rumänien und der Ukraine ist das Unternehmen nach eigenen Angaben Marktführer. Nun richtet es den Blick nach Westen, auf Italien und die DACH-Region. Der Sprung nach Wien ist Teil dieser strategischen Entscheidung: Die Stadt liegt mittig zwischen der Basis in Košice, der neuen Produktion in Düsseldorf und dem Logistikzentrum bei Mailand.
Dass der Programmierer heute selbst ein Fitness-Mensch ist, hat mit den Anfangsjahren von GymBeam zu tun. „In den ersten Jahren habe ich über 20 Kilo zugenommen. Das Wachstum war so stressig, immer wieder etwas Neues, ständig neue Abläufe, enormer Druck", sagt Cicman. Der Wendepunkt kam in einem Kurs, in dem es darum ging, wie man mit stressigen Situationen umgeht. Er habe Tipps erwartet, erzählt er, die Antwort aber lautete: guter Schlaf und Sport. Seitdem beschäftigt er sich intensiv mit Fitness, nicht mehr nur um Produkte zu verkaufen, sondern auch für sich selbst.
Diese Wandlung spiegelt sich in der Strategie des Unternehmens, denn GymBeam soll mehr sein als ein Supplement-Shop. „Wir machen inzwischen rund 30 % des Umsatzes mit der Bekleidungskategorie. Das ist viel", sagt Cicman. Die Marke will er als Lifestyle-Marke positionieren und auf einen Trend setzen, der aus den USA nach Europa schwappt: die Kombination aus Diagnostik-Tools wie Blut- oder DNA-Tests, Supplements und einem Abo-Modell statt des einmaligen Kaufs.
In einem Trend aus den USA sieht Cicmann ebenso viel Potenzial: Longevity. Dafür arbeitet er mit Bryan Johnson, dem bekanntesten Vertreter der Bewegung, die den Alterungsprozess aufhalten will. Johnsons Marke wird bereits exklusiv von GymBeam in der EU vertrieben werden. Aus der eigenen Versandlogistik wiederum hat der Gründer mit Boxpi eine Softwareplattform gemacht, die grenzüberschreitende Lieferungen inzwischen auch für fremde Händler steuert und im ersten Jahr 1,54 Mio. € einspielte; für das nächste Jahr werden 5 Mio. € erwartet. Für das kommende Jahr plant Cicman zudem eine Kapitalrunde über mehr als 100 Mio. €, ehe GymBeam vor 2030 an die Börse gehen soll. Der Geschäftsführer hält heute noch immer 71 % der Anteile an GymBeam. Aber bis dahin sollen noch etliche Produkneuheiten auf den Markt gebracht werden. „Keine Sorge, ich habe noch so viel in der Pipeline", sagt Cicman.
Fotos: Niko Havranek