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Die Winchester-Familie steht hinter Quikrete, einem der größten Baustoffunternehmen der USA. Mit vorgemischtem Beton aus dem Sack baute sie ein Vermögen von geschätzt 18 Mrd. US-$ auf – und rückte durch eine Milliardenübernahme aus der Anonymität.
Seit Jahrzehnten greifen Heimwerker und Bauprofis in den USA zu den gelb-roten Säcken von Quikrete. Die vorgemischten Betonprodukte stehen in Baumärkten wie Home Depot und werden für alles genutzt – vom Befestigen von Briefkästen über das Ausbessern von Einfahrten bis hin zu Gartenbänken und Stufen. Hinter der Marke steht eine Familie, die bislang kaum öffentlich in Erscheinung trat: die Winchesters.
Laut Forbes wird das Vermögen der Gründerfamilie auf geschätzte 18 Mrd. US-$ beziffert. Grundlage dafür ist ihre geschätzte 100-%-Beteiligung an Quikrete, einem privat gehaltenen Baustoffkonzern mit Sitz in Atlanta. Der Durchbruch in die größere öffentliche Wahrnehmung kam im Februar 2025: Quikrete übernahm den börsennotierten Wettbewerber Summit Materials für 11,5 Mrd. US-$. Nach Forbes-Schätzungen steigerte der Deal den Umsatz von Quikrete um rund 50 % auf etwa 12 Mrd. US-$.
Damit schaffte es Quikrete auf Platz 43 im erstmals veröffentlichten Forbes-Ranking der größten Familienunternehmen der USA. Nach Forbes-Schätzungen ist Quikrete zudem das 17. wertvollste privat gehaltene Familienunternehmen der USA – wertvoller als bekanntere Familienunternehmen wie Nordstrom, Wawa oder Kohler.
Die Geschichte begann deutlich kleiner. Quikrete geht auf Maintenance Products, Inc. zurück, ein 1940 in Columbus, Ohio, gegründetes Baustoffunternehmen. Laut Unternehmensgeschichte hatte die Firma zunächst nur bescheidenen Erfolg und wenig klare Richtung. Das änderte sich, als Gene Winchester, ein früherer Luftfahrtingenieur, 1950 als General Manager einstieg.
Winchester, der Sohn eines Kohlearbeiters aus Tennessee, hatte sich früh für Luftfahrt begeistert. 1927, im Jahr von Charles Lindberghs Nonstop-Soloflug von New York nach Paris, entwickelte er laut einem Nachruf seiner Familie eine Faszination für Aeronautik. Später studierte er in Glendale, Kalifornien, Luftfahrtingenieurwesen an einer von Curtiss-Wright betriebenen Fachschule und arbeitete anschließend für das Luftfahrtunternehmen in St. Louis. Nach mehreren Umzügen und der Geburt von fünf seiner sechs Kinder suchte Winchester nach mehr Stabilität – und wechselte 1950 zu Maintenance Products.
Ein Jahr später brachte er mit Gemaco Quikrete ein vorgemischtes, verpacktes Betonprodukt auf den Markt. Die Idee: trockene Betonmischung im Sack, der nur noch Wasser hinzugefügt werden musste. Damit trug Winchester dazu bei, einen Markt zu prägen, der den Heimwerker- und Bauhandel nachhaltig veränderte. Zwar war der Wettbewerber Sakrete bereits 1936 mit einer ähnlichen Trockenbetonmischung auf dem Markt, doch das Produkt hatte sich 15 Jahre später noch nicht breit durchgesetzt. Betonieren bedeutete damals meist entweder aufwendiges Mischen mehrerer Bestandteile oder die Lieferung von Nassbeton per Lkw – ein Verfahren, das für große Bauprojekte bis heute Standard ist, für kleinere und mittlere Arbeiten aber unpraktisch bleibt.
Winchester erkannte offenbar das Potenzial. 1965 kaufte er Maintenance Products, Inc. und benannte das Unternehmen in Quikrete um. Anschließend setzte er auf eine landesweite Expansion. Bis Ende der 1980er-Jahre wuchs Quikrete auf nahezu 50 Märkte in den USA und Kanada.
Entscheidend war dabei die lokale Produktion. Dennis Winchester, einer von Genes Söhnen und lange Zeit Quikrete-Manager, sagte 2015 in einem Unternehmensvideo, das Produkt habe lokale Fertigung erforderlich gemacht – und genau daraus sei ein starkes Vertriebsnetz entstanden. Kaum jemand könne einen 80-Pfund-Sack Beton innerhalb von 24 Stunden überall in den USA liefern, inklusive Hawaii und Alaska. Quikrete habe genau das bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren geschafft.
1981 übernahmen Gene Winchesters Söhne Jim, Jack und Dennis die Führung des Unternehmens und verlegten den Hauptsitz im selben Jahr nach Atlanta – nur drei Jahre nach der Gründung von Home Depot in derselben Stadt. 1985 verstärkte Quikrete seine Marketingaktivitäten in TV und Print und engagierte Don Knotts, den fünffachen Emmy-Gewinner aus „The Andy Griffith Show“, als ersten Unternehmenssprecher. Die gelb-roten Quikrete-Säcke wurden dadurch landesweit bekannt.
Unter der zweiten Generation entwickelte sich Quikrete zum größten Hersteller verpackter Beton- und Zementmischungen in den USA und Kanada. Bis 2015 hatte das Unternehmen die Zahl seiner Produktionsstätten auf mehr als 90 erhöht. Gleichzeitig überholte Quikrete Wettbewerber wie Sakrete.
Don Marsh, langjähriger Herausgeber der Fachpublikation Concrete Products, sieht vor allem die Vertriebsstärke als Kern des Erfolgs. Quikrete habe eine der ersten nationalen Marken für ein Betonprodukt aufgebaut – durch die Präsenz in großen Baumarktketten, unabhängigen Baustoffhändlern und Holzhandlungen. Es sei ein frühes Modell operativer Exzellenz in einer margenschwachen Produktkategorie gewesen.
Ab den frühen 2010er-Jahren begann Quikrete, das Geschäft breiter aufzustellen. Das Unternehmen kaufte unter anderem den Betonblockhersteller Best Block, den Fliesen-, Stein- und Bodenbelagsspezialisten Custom Building Products sowie Quality Pavement Repair, einen Anbieter im Asphaltbereich.
Die Übernahmeserie setzte sich fort: 2016 kaufte Quikrete für 1,1 Mrd. US-$ Contech Engineered Solutions, ein Unternehmen für Infrastrukturprodukte wie Brücken, Stützwände sowie Regenwasser- und Erosionskontrollsysteme. 2017 folgte das US-Betonrohrgeschäft des mexikanischen Zementkonzerns CEMEX für rund 500 Mio. US-$. 2022 übernahm Quikrete den börsennotierten Wasser- und Entwässerungsrohrhersteller Forterra für 2,7 Mrd. US-$. 2025 folgte der 11,5 Mrd. US-$ schwere Kauf von Summit Materials. Im Februar 2026 tauschte Quikrete zudem nahezu 3 Mrd. US-$ an Vermögenswerten mit dem börsennotierten Baustoffkonzern Martin Marietta Materials.
Diese Deals veränderten das Unternehmen grundlegend. Quikrete ist inzwischen nicht mehr nur stark im Geschäft mit verpackten Betonmischungen, sondern auch bei zentralen Rohstoffen für Beton – darunter Zement als Bindemittel sowie Zuschlagstoffe wie Stein, Sand und Kies. Zudem ist Quikrete mittlerweile auch im Ready-Mix-Concrete-Geschäft aktiv.
Marsh beschreibt die Entwicklung deutlich: Die Übernahmen seit 2010 hätten Quikrete von einer starken Marke in einer margenschwachen Baustoffkategorie zu einem „800-Pfund-Gorilla“ in der Branche gemacht. Heute spiele das private Unternehmen in einer Liga mit börsennotierten Wettbewerbern wie Martin Marietta, Vulcan, Amrize, CRH, Eagle Materials und Titan America.
Trotz dieser Größe bleibt die Familie öffentlich zurückhaltend. Ein Vertreter von Quikrete und der Winchesters lehnte laut Forbes mehrere Interview- und Kommentar-Anfragen ab und verwies darauf, dass die Familie aus Datenschutzgründen nicht porträtiert werden wolle. Jim Winchester, 82, führte Quikrete bis mindestens 2015 als CEO und sitzt weiterhin im dreiköpfigen Board des Unternehmens – gemeinsam mit seinen Brüdern Jack, 80, und Dennis, 77. CEO ist seit rund 2020 der frühere Präsident und Chief Operating Officer Will Magill, der nicht zur Familie gehört.
Bekannt ist über die Familie nur wenig. Einzelne öffentliche Hinweise betreffen Rollen in lokalen Organisationen wie der Buckhead Coalition in Atlanta, Engagements an ihrer Alma Mater John Carroll University in Cleveland sowie Wahlkampfspenden in Unterlagen der Federal Election Commission. Die größte genannte Spende war eine Zahlung von Dennis Winchester in Höhe von 103.000 US-$ an das Trump 47 Committee im Jahr 2024.
Auch wenn die Familie die Öffentlichkeit meidet, sind Quikrete-Produkte an prominenten Orten im Einsatz gewesen – etwa bei Restaurierungen der Freiheitsstatue, der Kuppel des US-Kapitols und von Alcatraz sowie in Sportstätten wie Fenway Park und Gillette Stadium. Für den Bau des Georgia Aquarium in Atlanta lieferte Quikrete sechs Millionen Pfund Material.
Das Wachstum hat jedoch seinen Preis. Vor allem durch die größtenteils fremdfinanzierte Summit-Übernahme hat Quikrete laut Moody’s Ratings inzwischen rund 13,7 Mrd. US-$ Schulden in der Bilanz. Die jährlichen Barzinszahlungen nähern sich laut Moody’s 1,1 Mrd. US-$.
Gleichzeitig stärkte die Summit-Übernahme die Ertragskraft deutlich. S&P Global Ratings erwartete Anfang 2025 für das kombinierte Unternehmen ein Pro-forma-EBITDA von mehr als 3 Mrd. US-$. Forbes schätzt, dass Summit Materials davon rund 1 Mrd. US-$ beitrug – basierend auf 732 Mio. US-$ bereinigtem EBITDA und 3,1 Mrd. US-$ Umsatz, die Summit in den ersten neun Monaten 2024 als börsennotiertes Unternehmen ausgewiesen hatte.
S&P Global Ratings erwartete zuletzt, dass Quikretes Umsatz 2025 durch die Summit-Übernahme um 50 % bis 60 % steigen werde, bevor sich das Wachstum 2026 auf 3 % bis 7 % normalisiert. Moody’s-Analyst Peter Doyle verweist zudem auf eine operative Marge im Bereich von 15 % bis 20 % – ein starkes Niveau für die Branche.
Quikrete bleibt damit ein ungewöhnlicher Konzern: privat, familienkontrolliert, extrem diskret – und dennoch einer der mächtigsten Baustoffanbieter Nordamerikas. Aus Beton aus dem Sack wurde ein Milliardenimperium.
Text: Matt Durot
Foto: Haneen Krimly