Die dunkle Traube Malbec

Wie schlägt sich das vom Österreicher Michael Halstrick geführte Weingut am argentinischen Markt?

Am Anfang sei es gar nicht so einfach gewesen, sich einzuleben. Die neue Umgebung, die Sprache, die Art, Geschäfte zu machen. „Das war eine große Herausforderung. Meine Philosophie ist aber Learning by Doing. Ich hatte auch das Glück, mit dem Weingut groß zu werden.“ Michael Halstrick pflückt eine dunkelblaue Traube von den Weinreben, begutachtet sie für einige Sekunden und legt sie wieder weg. Langsam spaziert er zwischen den Weinstöcken entlang, sein Blick schweift über die mehreren Hundert Hektar Anbau­fläche hin zu der „weißen Wand“ der Anden. Nicht nur an der ­Vertrautheit, mit dem eigenen Grund und Boden umzugehen, sondern auch an der Selbstverständlichkeit, über das argentinische Weingeschäft zu sprechen, bemerkt man: Halstrick hat diese Themen im Blut. Argentinien ist für den gebürtigen Österreicher zu einer zweiten Heimat geworden.

So richtig geprägt hat den Unternehmer tatsächlich die Arbeit auf einem Weingut – jenem von Bodega Norton. Mit 27 Jahren, 1989, kam er aus Österreich in die westargentinische Provinz Mendoza in der Großregion Cuyo. Bereits zwei Jahre später wurde er zum CEO bestellt. Kein schlechter Boden, um beruflich durchzustarten: Mendoza ist die größte Weinbauregion Argentiniens, über 70 Prozent der produzierten Weine stammen von hier. Die Lage der Weingärten zwischen 800 und 1.200 Höhenmetern, das trockene Klima, die großen Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht sowie die Böden aus Kies und Sand fördern sowohl den Weingeschmack als auch die Sortenvielfalt.

„Die Familie Swarovski besitzt seit 50 Jahren im Süden Argentiniens eine Ranch; dort wurde immer Norton-Rotwein getrunken. Mein Vater hat das Potenzial des argentinischen Weins bereits früh erkannt. Und dann war die Santos-Familie interessiert daran, Bodega Norton 1989 zu verkaufen“, schildert Halstrick. Damit fiel das Weingut in österreichische Hände. Gernot Langes-Swarovski, von 1965 bis 2002 CEO der Swarovski-Gruppe, war der erste ausländische Investor im argentinischen Weingeschäft. Nähere Angaben zur Übernahme, insbesondere zum Kaufpreis, macht sein Stief­sohn Halstrick aber nicht. Nur so viel: „­Bodega Norton investierte insgesamt zwischen 40 und 45 Millionen US-$ in die Bodega (Weinkeller, Anm.). Erst kürzlich haben wir einen neuen Weingarten in La Colonia ­zugekauft (innerhalb der ­Verwaltungseinheit Maipú in der Provinz Mendoza, Anm.).“ Die Vorteile lagen jedenfalls auf der Hand: Bodega Norton war ­eines der wenigen Weingüter, wo Produktionsstätte und Weingarten direkt nebeneinanderlagen. Dazu sind die Reben, etwa in Agrelo, bereits bis zu 100 Jahre alt.

Argentinien produzierte damals überwiegend billigen Tafelwein („vino de mesa“) für den inländischen Konsum, das Exportgeschäft bot aber neue Wachstumschancen. „Argentinien war zu dieser Zeit bereits der viertgrößte Weinproduzent der Welt – doch keiner wusste davon. Das Land war ein schlafender Riese, den man wecken musste. Das hat mich ­gereizt“, sagt Halstrick. ­Argentinische Weingutbesitzer und Önologen (Wein­wissenschafter) arbeiteten am gemeinsamen Ziel, argentinischen Wein in der Welt bekannt zu machen.

Internationale Investoren witterten damals ihre Chancen, Weingüter auszubauen und vermehrt Premium­weine für den Export zu produzieren. Ein Weg, den auch Bodega Norton konsequent verfolgte: Zählten die Anbauflächen anfangs noch 200 Hektar, baute das Unternehmen diese kontinuierlich auf 1.200 Hektar aus – mit heute insgesamt fünf Weingärten in der Region. Ebenso wurde in die ­Kellereitechnik investiert, also Weinpressen, Tanks und Kühlsysteme zugekauft. Dies machte sich offenbar bezahlt: 20 Millionen Flaschen setzt die Bodega nach eigenen Angaben jährlich am heimischen Markt ab. Zum Vergleich: Bei einem der größten Weinmacher Österreichs, Lenz Moser, sind es laut Falstaff 17 Millionen ­Flaschen. In den Export ­fließen bei Bodega Norton mehr als 40 Prozent der gesamten Produktion, mittlerweile umfasst der Markt 65 Länder – allen voran die USA, die Niederlande, Großbritannien, Kanada und Brasilien. Der Gesamtumsatz beträgt heute 90 Millionen argentinische Pesos (3,6 Millionen €) – im Vergleich zum Wert von sechs Millionen argentinischen Pesos (241.000 €) im Jahr 1993. Damit zählt Bodega Norton nicht nur zu den Top-Fünf-Weinexporteuren Argentiniens; das 1895 gegründete Weingut gehört auch zu den ältesten des Landes.

Halstrick geht von den Wein­stöcken in Richtung seines Büros, vorbei am großen Hauptgebäude. Dann macht er kurz halt vor der Produktionsstätte mitsamt dem Weinkeller, wo eine Handvoll Mitarbeiter gerade einen Lastwagen befüllt. „Gestern hat es stärker geregnet. Den ­Weingärten ist aber nichts Gröberes passiert. 1998 hagelte es aber einmal so stark, dass wir einen Teil unserer Weinflächen verloren. Seitdem schützen wir unsere Rebstöcke mit Netzen“, so Halstrick. Beim anschließenden Gespräch im Inneren des Hauses sitzen wir in braunen Couchsesseln, in der Mitte ein kleiner Glastisch, an der Wand hängen Landschaftsbilder. „Der beste Malbec (Rotweinsorte, Anm.) der Welt wird in Argentinien produziert. Er spricht viele Konsumenten an, hat eine schöne Nase und einen leichten Gaumen.“ Bodega Norton hat sich unter seinen 18 Weinsorten auf die dunkelblaue Traube spezialisiert. Der meistverkaufte Wein des Unternehmens, „Norton Reserva Malbec“, ist im Onlineshop für 19 US-$ zu haben. Die Dominanz der roten Rebsorte zeigt sich auch an den Zahlen: Drei Viertel aller Malbec-Anbauflächen der Welt sind in Argentinien. Insgesamt umfassen die argentinischen Weinanbau­flächen über 220.000 Hektar.

Die Geschichte der Malbec-Traube baut, so wie jene des ganzen ­Landes, auf Einwanderern auf. Ursprünglich stammt die Rebe aus Frankreich, wo sie besser als Côt bekannt ist. Der französische Agraringenieur Michel Aimé Pouget brachte 1853 verschiedene Traubensorten in das Land – darunter Malbec. Seitdem ist sie unangefochtene Nummer eins, rund ein Drittel der gesamten Weinproduktion wird mit ihr bestritten. Auch die Weinbauern – wie Luigi Bosca (spanisch-italienisch), Bodegas López (spanisch) oder Catena Zapata (italienisch) – haben oftmals ausländische Wurzeln. Der Gründer von Bodega Norton war sowohl aus Europa als auch betriebsfremd: Der britische Ingenieur Edmund James Palmer Norton erlangte durch den Bau der 248 Kilometer langen Eisenbahnverbindung von Mendoza nach Santiago de Chile Bekanntheit. Seine Leidenschaft für Wein mündete 1895 in der Gründung von Bodega Norton. Der Kauf durch Gernot Langes-Swarovski 1989 schloss damit nahtlos an diese Tradition an – mit dem bereits erwähnten Unterschied, dass er der erste internationale Investor und nicht der Gründervater war. „Die Übernahme ist nicht nur als reine ­Investition zu sehen, sondern als eine langfristige Entscheidung. Deshalb bin auch ich als Familienmitglied hier“, sagt Halstrick.

Langfristig wird sich auch der Wettbewerb zwischen den ­Bodegas verschärfen. In Mendoza gibt es über die verschiedenen Regionen hinweg – Luján de Cuyo, das Uco-Tal und Maipu – rund 900 Weingutbesitzer. Zwar betont man nach außen jeweils die Gemeinsamheit, argentinischen Wein in der Welt bekannter zu machen; der Kuchen wird in den kommenden Jahren aber kleiner werden. Zunächst muss die argentinische Weinindustrie aber erst einmal kräftig aufholen: Nach einem Hoch ab der Jahrtausendwende büßte sie in den ­vergangenen Jahren einiges an internationaler Wettbewerbsfähigkeit ein. Die Exportraten knickten – sowohl, was das ­Volumen als auch den Geldwert betrifft – in den Jahren 2012 und 2013 ein. Strenge Preiskontrollen und eine Exportsteuer von fünf Prozent machten argentinischen Weinproduzenten das Leben schwer. Zudem erschwerte eine Hyperinflation von zwischenzeitlich bis zu 23,9 Prozent (2014) den internen Konsum. Internationale Investments, die ab 2000 einen Boom erlebten, brachen aufgrund der volatilen Politik weg. Seit der marktfreundlicheren Reformpolitik von Präsident Mauricio Macri erholt sich die Sparte jedoch zusehends. Mit seinem Amtsantritt 2015 beseitigte er die Exportsteuern und gab zudem den argentinischen Peso zum US-Dollar frei, seitdem existiert nur mehr ein einheitlicher Wechselkurs. In Folge erlitt der vormals künstlich stark gehaltene argentinische Peso eine starke Abwertung; der Preis argentinischer Weine reduzierte sich am Weltmarkt.

Die argentinischen Exporte wuchsen 2016 laut dem Onlineportal „World Top Exports“ um 2,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 816,8 Millionen US-$. Frankreich (9,1 Milliarden US-$ mit einem Marktanteil von 28,2 Prozent), Italien, Spanien und Chile sind auf den Spitzenpositionen vertreten. Bodega Norton hat diese Zeiten gut überstanden, so Halstrick, denn durch einen solide aufgestellten Inlandsmarkt und einen (weiterhin) im Wachsen begriffenen Exportmarkt sei man „krisenfest“. Der Entrepreneur sieht besonders China als einen der großen Absatzmärkte für die Zukunft. So installierte Bodega Norton kürzlich einen Key-Account-Manager in Shanghai, der eng mit dem Importeur für den chinesischen Markt zusammenarbeitet (von dort gehen die Weine an die inländischen Distributeure, Anm.). Eine Verschärfung des Inlandswettbewerbs sieht Halstrick nicht: „Wir Weinbauern in der Region gehen sehr offen miteinander um und ­verkosten auch gegenseitig Weine. Konkurrenz ist aber immer gut.“ Nachsatz: „Das Geheimnis beim Weinmachen liegt im Weingarten. Den kann keiner kopieren.“

Dort liegen auch die größten ­Herausforderungen für die Zukunft. ­Bereits jetzt pflückt Bodega Norton nicht nur selbst die Trauben, sondern bezieht auch diverse Sorten von 180 Weinbauern aus der Region. Die Weine stammen somit von verschiedenen „Terroirs“ (Weinböden); das gelte es, auszubauen. Ebenso müsse Bodega Norton bei der Verarbeitung immer auf dem neuesten ­technischen Stand sein. Erst kürzlich kaufte das Unternehmen eine automatische Auslesemaschine für die „High-End-Weine“, die Trauben werden anhand von 14.000 Bildern pro Sekunde auf Verunreinigungen gescreent. Denn am Ende des Tages zählt laut Halstrick nur eines: Qualität.

Auf jenen, der den Wein schließlich aufs Tableau bringt, warten ebenfalls Herausforderungen. Nach langjähriger Abstinenz gibt der Weinmacher David Bonomi sein Comeback bei Bodega Norton. Die Erwartungshaltung ist hoch: Er folgt dem renommierten Weinmacher Jorge Riccitelli nach, der 25 Jahre lang die verschiedenen Geschmacksrichtungen prägte. „Ich bin der Besitzer der Galerie, aber was würde ich ohne einen Künstler machen?“, ist Halstrick optimistisch.

Bodega Norton muss also auf verschiedensten Ebenen beweglich bleiben. „Wenn es neue Wachstumsmöglichkeiten gibt, ist es meine Verantwortung, diese zu präsentieren – die Entscheidung liegt aber beim Hauptaktionär“, sagt Halstrick. Bodega Norton steht zu 100 Prozent im Eigentum der Gernot Langes-Swarovski Privatstiftung. Mit der Swarovski-Gruppe hat dies im engeren Sinn nichts zu tun, dennoch „kennt jeder hier die Marke Swarovski“. Das nächstgelegene Ziel wartet schon in ein paar Wochen – dann, wenn der Wein reif ist, geerntet zu werden.

Dieser Artikel ist in unserer März-Ausgabe 2018 „Food“ erschienen.

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Editorial Team

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