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Lange galt Österreich in Sachen Sicherheit als „Insel der Seligen“. Diese Einschätzung ist falsch, sagen Richard Lanczmann und Rony Halevi. In einer ehemaligen Speiseölfabrik am Rande Wiens haben die Personenschützer und Sicherheitsspezialisten einen „One-Stop-Shop“ für Sicherheitsleistungen aufgebaut – realitätsnahe Szenarien trainieren Laien und Profis für den Ernstfall.
Mit quietschenden Reifen biegt ein kleines Auto um die Ecke. Wer schnell genug ist, erhascht einen Blick auf den Fahrer – es ist Richard Lanczmann, mit einer blauen Wollmütze auf dem Kopf, ganz so, wie in den wenigen Artikeln abgebildet, die sich im Internet zu dem Sicherheitsspezialisten finden. Lanczmann ist auf dem Weg in das Kampf- und Schieß-Trainingszentrum, das er vor vier Jahren mit seinem Geschäftspartner Rony Halevi eingeweiht hat.
Wer die Anreise in den 22. Wiener Bezirk auf sich nimmt, findet sich an einem Ort der Gegensätze wieder: Gegenüber dem Parkplatz, den Lanczmann ansteuert, liegt ein altes Wohnhaus aus dunklem Holz, das wie aus der Zeit gefallen scheint. Unweit davon reihen sich die herausgeputzten Häuschen eines Kleingartenvereins aneinander. Über ihnen ragen die denkmalgeschützten Schornsteine der ehemaligen Elin-Union-Werke in den Himmel; heute sind sie Teil des Veranstaltungszentrums Metastadt. In diesem bunt zusammengewürfelten Umfeld tanzen die sonnengelben Fassaden des Kampf- und Schieß-Trainingszentrums kaum aus der Reihe – „Halevi Partner“ prangt über dem Eingang der ehemaligen Speiseölfabrik. Wieso nicht „Lanczmann“? „Dreimal dürfen Sie raten, was besser klingt!“, sagt Richard Lanczmann bei der Begrüßung und lacht.
Wer durch die Tür tritt, steht im Eingangsbereich des Schulungszentrums. Er besteht aus einer kleinen Sofaecke und einem langen Tresen, an dem Rony Halevi und Richard Lanczmann Kunden empfangen und Geschäfte abwickeln. Eine Wand ist gespickt mit Steckbriefen von Waffen, die einen neuen Besitzer suchen – ein Verkäufer bietet eine Smith & Wesson Model 59 um 400 € feil, daneben hängt das Angebot für eine Glock 49 MOS um 700 €.
Wer hierher kommt, ist üblicherweise Sicherheitsverantwortlicher, Polizist auf der Suche nach zusätzlichem Schießtraining oder interessierter Laie. Lanczmann bezeichnet das Gelände als einen „One-Stop-Shop für Sicherheitsleistungen“. Er und sein Geschäftspartner geben ihr Wissen in Kursen weiter, beraten Unternehmen in Sicherheitsfragen und stehen selbst als Personenschützer im Einsatz. Rund zehn Mitarbeiter unterstützen die Gründer. „Aber wenn wir morgen 20 hoch spezialisierte Personenschützer gleichzeitig brauchen, haben wir einen Pool von Leuten, mit denen wir laufend zusammenarbeiten“, sagt Lanczmann.
Das Lebensthema von Halevi und Lanczmann ist, seit sie das Schieß- und Trainingszentrum im Jahr 2022 eröffnet haben, noch stärker in die Mitte der Gesellschaft gerückt: Ukraine-Krieg, Terrorismus, hybride Bedrohungen – die Liste der Gefahren ist lang und scheint unaufhörlich zu wachsen. Österreichische Kriminalstatistiken zeichnen ein differenzierteres Bild: Im Jahr 2024 wurden hierzulande 534.198 Straftaten zur Anzeige gebracht. Das entspricht einem Anstieg um 1,2 % im Vorjahresvergleich und deutet auf eine relativ stabile Gesamtlage hin.
Schwieriger zu beziffern ist, wie viele Straftaten durch Präventionsmaßnahmen verhindert werden können. Schlagzeilen macht das Thema Sicherheit vor allem dann, wenn sie nicht ausreichend gewährleistet ist – wie im Fall von Brian Thompson, CEO von United Health, dem größten privaten Krankenversicherer der Vereinigten Staaten: Am Morgen des 4. Dezember 2024 wurde der Multimillionär auf dem Weg zu einer Videokonferenz mit Investoren von hinten erschossen. Der Mord an Thompson entfachte Diskussionen über das Geschäftsgebaren der großen US-Versicherer – und die Sicherheit von Top-Managern. Wie viele CEOs in Österreich greifen auf Personenschutz zurück? „Weit weniger, als Sie denken“, sagt Lanczmann. Doch Vorfälle wie jener rund um Thompson schlagen sich auch in der Nachfrage nach Leistungen von Halevi Partner nieder, so Lanczmann und sein Kollege Halevi.
Sicherheit ist eigentlich ein langweiliger Job.
Richard Lanczmann
Eines verkaufen die Geschäftspartner nicht: hundertprozentige Sicherheit. „Wie nahe wir an die 100 % kommen, variiert von Kontext zu Kontext“, so Lanczmann. Die Sicherheitsunternehmer wägen Risiken ab, aber auch den finanziellen Aufwand und die Einschränkungen des täglichen Lebens, die durch die Sicherheitsmaßnahmen entstehen. Lanczmann betont, dass Sicherheitssysteme realistisch sein müssen – praktisch wie finanziell. Darüber, in welcher Beziehung Sicherheit und Geld zueinander stehen, muss er nicht lange nachdenken: „Security costs money – the absence of security costs more money“, so Lanczmann; Sicherheit kostet, fehlende Sicherheit kostet mehr. Das heißt aber nicht, dass Sicherheit teuer sein muss. So kommt es vor, dass Halevi Partner Kunden rät, ihre Sicherheitsvorkehrungen einfacher zu gestalten. Dieser kritische Zugang dürfte vor allem dann leicht fallen, wenn Leute, die ihre Sicherheitssysteme hinterfragen, eine Zweitmeinung bei dem Unternehmen einholen; und er lohnt sich mitunter doppelt: Oft melden sich manche von ihnen später mit einem Auftrag bei Halevi Partner, meist, weil akuter Bedarf besteht. Dann führen Halevi und Lanczmann ein Gespräch, um die Bedürfnisse des Interessenten kennenzulernen, führen eine Bedrohungsanalyse durch und entwickeln den Sicherheitsplan.
Beratungsleistungen wie diese tragen zu etwa einem Drittel zum Umsatz des Unternehmens bei. Die verbleibenden zwei Drittel verdienen Halevi und Lanczmann mit Tätigkeiten im Personenschutz und Kursen, die sie in ihrem Kampf- und Schieß-Trainingszentrum abhalten. Dazu zählen ein „Rifle Basic“-Workshop ebenso wie ein Krav-Maga-Kurs und Selbstverteidigungsangebote für Frauen, wobei der Preis für vier Einheiten „Pistole Basic“ bei 289 € liegt.
In Workshops für Unternehmen verraten Halevi und Lanczmann, wie sich Techniken aus dem Bereich Special Operations auf das Management anwenden lassen. Genau beziffern möchten die Unternehmer ihren Umsatz nicht; man befinde sich schließlich erst im vierten Jahr, betont Lanczmann. Der Blick ins österreichische Firmenbuch zeigt tiefrote Zahlen: Über 400.000 € Bilanzverlust verzeichnete das Unternehmen in den vergangenen vier Jahren. Nach Angaben von Halevi Partner ist das der mit Abstand größten Ausgabe zuzuschreiben, die die Unternehmer in dieser Zeit bestritten haben: das ehemalige Fabriksgebäude zu renovieren.
Sichtlich stolz teilt Lanczmann Fotos, die die Ruinen der Speiseölfabrik vor dem Umbau zeigen. Heute beheimatet das Areal eine große Halle für sogenanntes „Force-to-Force“-Training (realitätsnahe und dynamische Szenarien gegen „echte“ Gegner), mehrere Trainingsräume und zwei Schießanlagen im Keller. Unterstützung hatten die Unternehmer von drei Investoren, darunter Wearedevelopers-Gründer und Forbes Under 30-Listmaker Ben Ruschin, der mit 16,07 % in Halevi Partner investiert ist. Die Mehrheit der Anteile liegt jedoch bei Halevi und Lanczmann selbst.
„Einen Ort wie diesen gab es davor nicht“, sagt Lanczmann – und meint damit ein Trainingszentrum, das alle Aspekte des Sicherheitstrainings bedienen will, von theoretischen Schulungen über waffenlosen Nahkampf bis hin zu Schusswaffentraining. Besonders Letzteres scheint für die Teilnehmer eine überraschende Begegnung mit der Wirklichkeit zu sein – unzählige bunte Flecken an den Wänden der Übungshalle zeugen von der Selbstüberschätzung der angehenden Waffenträger.
Dass Pistolen ähnlich zu bedienen sind, wie es Actionfilm-Helden demonstrieren, ist nur eine von vielen Fehlannahmen über die Arbeitsrealität in der Sicherheitsbranche – den „Coolness-Faktor“ halten Halevi und Lanczmann für das größte Vorurteil. „Sicherheit ist eigentlich ein langweiliger Job“, sagt Lanczmann. Es gehe darum, zu trainieren, auszuharren, abzuwarten. Wer darüber die Konzentration verliert, ist der größten Gefahr ausgesetzt: „Boredom kills“ – Langeweile tötet. Trotzdem fußt das Geschäftsmodell der Unternehmer auch auf dem Erlebnis-Aspekt. Einen Widerspruch will Lanczmann darin nicht sehen: Menschen besitzen laut ihm einen instinktiven Spieltrieb, um sich miteinander zu messen; ihr Trainingszentrum biete einen sicheren „Spielplatz“, um das auszuleben.
Hinter der nachvollziehbaren betriebswirtschaftlichen Argumentation für ihr Projekt steckt viel Idealismus. Halevi, geboren in Jerusalem, verbrachte die ersten 30 Jahre seines Lebens in Israel. In das Betätigungsfeld Sicherheit wurde er „hineingeboren“, wie er sagt – nach seinem Grundwehrdienst bei der israelischen Armee diente Halevi als Special-Operations-Officer in der Terrorismus-Abwehr. Mehr als die nötigsten Informationen zu seinem Werdegang gibt er nicht preis. Halevi hält sich im Hintergrund, großteils führt Lanczmann das Gespräch, das in einer Mischung aus Deutsch und Englisch stattfindet.
Doch auch Lanczmann hat sichtlich Übung darin, nicht mit persönlichen Informationen hausieren zu gehen. Anders als Halevi ist er erst in seine Berufung hineingewachsen: „Du wachst nicht mit dem Wunsch auf, im Sicherheitsbereich zu arbeiten“, sagt er. Lanczmanns Motivation entwickelte sich aus seiner Familiengeschichte: Sein Vater überlebte ein Konzentrationslager der Nationalsozialisten. Die österreichische Nachkriegsmentalität mit ihrer Tendenz,
den Holocaust als einmaliges Geschichtsereignis abzuschreiben, schürte Wut in ihm. So näherte sich der junge Mann dem israelischen Sicherheitsdienst an.
Wo oder wie er ausgebildet wurde, darüber möchte er nicht sprechen. Mit Ende 20 fungierte Lanczmann als Personenschützer von Simon Wiesenthal. Wiesenthal, selbst Überlebender des Holocaust, hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, NS-Täter der Justiz zuzuführen. Dies war für Lanczmann der Beginn einer Karriere, die seit rund 40 Jahren andauert. Ungeachtet dieser Zeitspanne wirkt er genauso fit wie sein zwei Jahrzehnte jüngerer Kollege Halevi.
Ein großer Schriftzug in der Eingangshalle des Kampf- und Schieß-Trainingszentrums erinnert an die Überzeugung, die die beiden kampferfahrenen Sicherheitsspezialisten teilen: „Train as you fight, fight as you train.“ Die Unternehmer bieten nichts an, das sie nicht selbst bereits angewandt hätten, sagen sie: „Wir lernen aus realen Einsätzen und Erfahrung, entwickeln Techniken weiter und lehren dann die optimale Vorgehensweise“, so Lanczmann. Ihr Sicherheitsverständnis habe sich im Laufe ihrer Karriere verändert; vor allem aber das ihres Umfelds: „Wir sehen erst in den letzten Jahren langsam ein Bewusstsein für das Thema Sicherheit entstehen“, sagt Halevi. Lanczmann ergänzt: „In Österreich haben wir uns geschichtlich als ,Insel der Seligen‘ wahrgenommen, nach dem Motto ,Es passiert eh nichts‘.“ Beide geben aber an, zu merken, wie diese Einschätzung nach und nach einem realistischeren Sicherheitsbild weicht. An ihrem Alltag ändert das nichts, denn dieser war noch nie von Routine geprägt – noch heute könnte ein Auftrag eingehen, für den Halevi und Lanczmann morgen im Einsatz sind.
In den kommenden zwölf Monaten wollen Halevi und Lanczmann eine dritte Halle für Schießtrainings in Betrieb nehmen. „Wir machen einen guten Job“, sagt Lanczmann, „natürlich wollen wir wachsen.“ Druck, bestimmte Wachstumsparameter einzuhalten, verspüren sie aber nicht. Weder Halevi noch Lanczmann bezeichnen sich vordergründig als Unternehmer. Sondern? „Kämpfer!“, sagt Halevi. Lanczmann braucht länger, um eine Antwort zu finden. „Sicherheitsspezialist“, sagt er schließlich, nachdem er verschiedene Möglichkeiten sorgfältig abgewogen hat …
Fotos: David Višnjić