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Die Menschen verbringen heutzutage immer mehr Zeit vor Bildschirmen, doch analoge Erlebnisse und Produkte werden dennoch immer beliebter – oder genau deswegen, vermutet Jérôme Bacquias. Der Wahlwiener ist Gründer und CEO der Notizbuch-Marke Paper Republic und setzt nicht nur auf physische Notizbücher, die ein Leben lang halten sollen, sondern auch auf physische Räume, in denen seine Kunden zusammenkommen können – und natürlich auch etwas einkaufen.
Laute Dubstep-Musik und Gelächter von tanzenden Mitarbeitern begrüßen uns während einer Tour durch die vier Produktionsstandorte von Paper Republic im neunten Wiener Gemeindebezirk. Jérôme Bacquias, Gründer und CEO, hebt seine Stimme, um über den Trubel gehört zu werden, und macht darauf aufmerksam, dass die Presse da sei. Die Musik dröhnt weiter; Bacquias schenkt uns ein etwas verlegenes Lächeln.
Man würde der Szenerie nach vielleicht ein hippes Tech-Start-up erwarten, doch der Schein trügt: Hier wird Leder gelagert, geschnitten, geprägt und mit Papier ausgestattet sowie versandt – an einer fünften Adresse befindet sich die Administration des rund 150 Köpfe starken Unternehmens. Paper Republic verkauft Premium-Notizbücher, die ein Leben lang halten sollen. Ist eines vollgeschrieben, kann das Papier, das mit Gummibändern am Ledereinband befestigt wird, ausgetauscht werden. Ein Einband in der kleinsten Größe (ungefähr die eines Reisepasses) mit fünf Blöcken Papier und Gummibändern kostet im Set 135 €. Für ein größeres Lederportfolio (A4 ist hier die kleinste Größe), das im Einband Fächer für lose Zettel und Schlaufen für Stifte oder Karten enthält, inklusive eines Blocks zahlt man 300 €.
Letztes Jahr, schildert Bacquias, machte das Unternehmen rund 20 Mio. € Umsatz; heuer soll er auf über 30 Mio. € steigen. Die meisten Einnahmen stammen aus dem Ausland: Laut dem Gründer macht Österreich nur 5 % aus, 35 % kommen aus dem Rest Europas und weitere 35 % aus den USA; der Rest ist in aller Welt verteilt.
Doch Bacquias möchte mit seinen Notizbüchern mehr als ebensolche verkaufen – einen Schritt raus aus der digitalen Welt und zurück in die analoge. „Es ist faszinierend zu sehen, dass in einer Zeit, in der KI so stark ist, so viele auf unsere Bücher zurückgreifen“, sagt er und verweist auf steigende Verkaufszahlen von anderen analogen Produkten wie physischen Büchern und Schallplatten. „Das wird bleiben. Und ich glaube, das wird noch stärker werden, je mehr wir uns in die digitale Welt bewegen.“ Dennoch schwört Paper Republic dem Digitalen nicht ab: Die Marke arbeitet viel mit Onlinemarketing; und rund 85 % des Umsatzes kommen laut Bacquias durch den Onlineshop herein. Trotzdem setzt der Gründer mit neuen Geschäften weiter auf die physische Welt.
Bacquias gründete Paper Republic 2012 in Wien, wuchs jedoch in Melun auf, rund 50 Kilometer südöstlich von Paris. Er studierte Politikwissenschaften am Institut d’études politiques de Paris, einer von Frankreichs Eliteunis, und Europarecht in Brügge, Belgien. Nach dem Studium arbeitete er für verschiedene Institute als Unternehmensberater. „Ich habe das drei Jahre gemacht, es hat mir gut gefallen – aber es war nichts für mich. Das war zu entfernt von der Realität und hatte trotzdem einen direkten Einfluss auf die Menschen in den Firmen“, erinnert er sich. 2011 beschloss Bacquias, zu kündigen.
„Ich habe am Montag gekündigt, am Dienstag bin ich gegangen“, sagt er – „und am Mittwoch habe ich mich gefragt, was ich jetzt machen möchte.“ Er habe schon immer gerne mit der Hand geschrieben, sei aber mit der Qualität der meisten Notizbücher unzufrieden gewesen. Zwar habe es bereits Notizbücher, die mit „Inserts“ an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden konnten, gegeben (neben Papierblöcken können das etwa Kalender, Kartenhalter oder kleine Reißverschlusstaschen sein); aber, so Bacquias, „es wurde nicht in Europa produziert, die Leder- und Papierqualität war nicht die, die ich gesucht habe, es waren nicht die Farben, die ich wollte.“
Ein Jahr lang suchte er nach der richtigen Gerberei und dem passenden Papierhersteller – beide sollten in Europa und, wenn möglich, in Österreich sein –, bevor er die erste Charge produzierte. Damals schnitt er das Leder noch selbst. „Warum sind sie (die Lederumschläge; Anm.) nicht gerundet, sondern eckig? Es hat mir auch gut gefallen, aber die ersten drei Jahre habe ich alles mit der Hand geschnitten – und eckige Umschläge sind leichter zu produzieren.“ Heute kommt das Papier der meisten Notizbücher aus Niederösterreich (das für Aquarellblöcke kommt aus Deutschland) und das Leder aus der Toskana.
Bis 2018 arbeitete Bacquias mit rund 200 Resellern weltweit zusammen. Dann beschloss er, die Zusammenarbeit mit allen außer einer Handvoll zu beenden und seine Waren fast ausschließlich über den eigenen Onlineshop zu verkaufen. Zwei Jahre später, als die Coronavirus-Pandemie der gesamten Branche einen Schub gab, schossen die Verkaufszahlen von Paper Republic in die Höhe. „Die Coronajahre waren extrem anstrengend, weil wir ein sehr kleines Team waren. Aber weil wir alles in Wien produziert haben, konnten wir perfekt weiterarbeiten“, sagt Bacquias. Paper Republic nutzte das Momentum und fing an, viel auf Social Media zu werben – und verpasste sich damit den nächsten Wachstumsschub, fügt Claire Alicia Gautier, CMO und Creative Director, hinzu. „Damit haben wir unsere größte Wachstumsphase eröffnet.“
Wegen Social Media und dem schnelllebigen Online-Dasein möchten sich viele erden und suchen etwas, mit dem sie sich mit sich selbst auseinandersetzen können. Und das sind diese Notizbücher.
Claire Alicia Gautier
Bacquias hat recht, wenn er sagt, dass Notizbücher im Trend liegen: Das weltweite Suchinteresse nach dem Begriff „journal“ hat sich laut Google Trends seit August 2025 gegenüber dem Durchschnitt der Jahre davor mehr als verdoppelt; das Interesse an den Suchbegriffen „Paper Republic“ und „Louise Carmen“ (ein etwas höherpreisiger französischer Konkurrent) ist noch stärker gestiegen. Auf der Kurzvideoplattform Tiktok gibt es mehr als vier Millionen Videos mit den Hashtags „journal“ oder „journaling“. „Gerade wegen Social Media und dem schnelllebigen Online-Dasein möchten sich viele erden und suchen etwas, mit dem sie sich mit sich selbst auseinandersetzen können. Und das sind diese Notizbücher“, erklärt Gautier den Trend. Dazu komme die Tatsache, dass die Notizbücher personalisierbar (etwa mit Stickern oder Zeichnungen) und nachhaltig seien.
Dabei sind Papierprodukte natürlich nichts Neues. Guillaume Bauer betreibt ein Schreibwarengeschäft in Paris. Er war einer von Bacquias ersten Kunden und arbeitet auch heute noch mit Paper Republic zusammen; und er sagt: „Mit meinen 59 Jahren und 35 Jahren Papeterie hinter mir kann ich sagen: Das gab es schon immer. Ich verkaufe seit 35 Jahren genau die gleiche Anzahl an Kalendern. Das ist nichts Neues. Was aber lustig ist, ist, dass die jungen Menschen das entdecken und plötzlich sagen: ‚Mein Handy nervt, ich wusste gar nicht, dass es so etwas geben kann!‘“
Auch Nathalie Valmary, die Gründerin von Louise Carmen, sagt, dass der starke Digitalisierungsgrad der Gesellschaft und soziale Medien insbesondere den Markt für Notizbücher verstärken: „Ein Notizbuch bietet etwas, das immer seltener wird: einen Ort, an dem niemand versucht, deine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.“ Sie möchte finanzielle Kennzahlen nicht kommentieren, sagt aber, dass Louise Carmen in einem „weitgehend ähnlichen“ Umsatzbereich unterwegs ist wie Paper Republic und in den letzten Jahren gewachsen ist.
Bacquias setzt jedenfalls weiter auf die zwei Dinge, die er für seinen bisherigen Erfolg verantwortlich macht: viele Personalisierungsmöglichkeiten und „das Analoge“. Über „L’Atelier“ – Paper Republics Personalisierungsangebot – haben Kunden die Möglichkeit, die Ledereinbände nach ihren Wünschen gestalten
zu lassen: angefangen von simplen Motiven wie Farbmustern bis hin zu komplexeren wie Blumen oder Vögeln. Eine Kundin wollte etwa das Gesicht ihres Sohnes auf dem Einband haben, erzählt Bacquias. Drei Mitarbeiter von Paper Republics Ledermanufaktur arbeiten ausschließlich an solchen personalisierten Produkten. Der Umsatz über L’Atelier mache zwischen 8 und 10 % des Gesamtumsatzes aus, sagt der Gründer.
Und auch in „Offline-Erlebnisse“ investiert Bacquias: Im Oktober 2025 eröffnete Paper Republic im ersten Bezirk in Wien den ersten Flagship-Store. „Das ist ein Ort, auf den wir wahnsinnig stolz sind, weil wir es geschafft haben, die Vision von Paper Republic in einen Raum zu übersetzen“, so Gautier. Der Store ist auch wahnsinnig „instagrammable“: Auf Holzschränken und -tischen liegen dort Ledereinbände, Papiereinlagen und Accessoires wie Stifte oder Lesezeichen, es gibt ein kleines Café und einen langen Tisch, an dem Kunden lesen oder schreiben können. Paper Republic bietet dort regelmäßig Workshops wie Schreib-, Fotografie- oder Nähkurse an. „Uns besuchen dort Menschen aus der ganzen Welt“, so Bacquias.
Solche Standorte möchte Bacquias auch in anderen Teilen der Welt eröffnen. Durch den hohen Online-Anteil an den Verkäufen weiß er viel über seine Kunden (die laut ihm und Gautier bunt gemischt sind); etwa in welchen Ländern die Nachfrage am stärksten ist. In New York und Los Angeles gibt es bereits Paper-Republic-„Embassies“, die mit Topdrawer, einem Einzelhändler unter anderem für Papierwaren, betrieben werden; in Paris gibt es eine in Zusammenarbeit mit Guillaume Bauers Papeterie Perjac. „Vor einigen Tagen habe ich die Pariser Embassy besucht. Es war ein außergewöhnliches Erlebnis“, schreibt ein Nutzer im Onlineforum Reddit in einer Diskussion über die Geschäfte. „Ich ging mit einem voll ausgestatteten Notizbuch, einem Stifthalter und einem Stift nach Hause“, so der Kunde weiter.
Gautier erzählt von einer Kundin, die aus dem fernen Peru angereist ist und einen ganzen Tag im Flagship-Store verbracht hat; Nathalie Valmary von Louise Carmen beschreibt ähnliche Erfahrungen. Bacquias glaubt nicht, dass sich die Menschen von neuen Technologien abwenden werden – im Gegenteil: „Wir erleben eine starke Digitalbewegung.“ Gleichzeitig ist der Gründer aber überzeugt, dass auch die Nachfrage nach analogen Erlebnissen weiter wachsen wird: „Der Markt für Notizbücher wird in 30 Jahren größer sein, als man es sich heute vorstellen kann.“
Fotos: Paper Republic