Das grüne Mutterschiff

die Wirkung von Begrünungsflächen in Städten messbar machen – und damit auch finanzierbar: Investoren sollen die Kosten für die Begrünung zunächst vorstrecken und erst dann daran verdienen, wenn sich der Erfolg nachweislich zeigt; etwa dann, wenn die Stadt messbar kühler wird.

Wenn Doris Schnepf über ihre Arbeit spricht, füllt sie den Raum. Warum Städte grüner werden müssen, was bei einer Stadttransformation zählt, warum einzelne Maßnahmen nicht reichen: Für jede Frage hat sie sofort eine Antwort parat. Dann kommt die Kamera – und plötzlich wirkt die Unternehmerin, die ganze Stadt­viertel umkrempeln möchte, fast ein wenig schüchtern.

Schnepf ist Mitgründerin und Geschäftsführerin von „Green4Cities“, einem Wiener Büro für die klimafitte Umgestaltung von Städten. Der begrünte Ikea am Wiener Westbahnhof trägt ihre Handschrift ebenso wie das Hauben-Wirtshaus Steirereck am Pogusch, der österreichische Pavillon der Expo Dubai oder die Grazer Burg. Das Unternehmen machte 2025 rund 1,3 Mio. € Umsatz und beschäftigt 17 Mitarbeiter an den Standorten Wien und Graz. „Es gibt größere Landschaftsarchitektur-Büros – aber mir reicht das“, sagt Schnepf.

In Wien existieren neben „Green4Cities“ auch Landschaftsarchitektur-Büros wie Auböck + Kárász oder Rajek Barosch, die in der Stadt und darüber hinaus ebenso Kühlungsprojekte vorweisen. Doch Schnepfs Problem sei ein anderes: die Finanzierung. Und die Zeit drängt – die Zahl der Tropennächte (also jener Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad Celsius fällt) ist in Wien deutlich gestiegen. Während im Zeitraum 1961 bis 1990 durchschnittlich nur ein bis zwei Tropennächte pro Jahr ­verzeichnet wurden, waren es 2024 schon 53. Der Druck auf Städte, ihre Grün- und Freiräume zu erhalten, ist zudem nicht mehr nur klimatisch bedingt, sondern zunehmend auch politisch und rechtlich: Die EU-Wieder­herstellungsverordnung etwa trat 2024 in Kraft und sieht vor, dass die Mitgliedstaaten bis Ende 2030 verhindern, dass die Fläche an städtischem Grün insgesamt abnimmt. Hinzu kommen der europäische Green Deal sowie die jeweiligen Klima- und Klima­anpassungsziele der Städte.

Bei einer Stadttransformation ist die Landschaftsarchitektur meist das Letzte, was eingeplant wird, und damit das Erste, was Einsparungen zum Opfer fällt. „Obwohl wir die Günstigsten sind, trifft es uns immer am härtesten“, sagt Schnepf. Das liegt für sie an einem Denkfehler: Solange jedes Gebäude für sich ­optimiert werde, entstehe nicht das, worauf es ankommt: die Auf­wertung des öffentlichen Freiraums. Die Begrünung wird bislang vor allem aus Steuergeld finanziert. Laut Schnepf muss sich das ändern – sonst würde der ­öffentliche Raum „das ewige Sparopfer“ bleiben.

Vor 26 Jahren ging Schnepf, damals Studentin der Landschaftsplanung an der Universität für Bodenkultur Wien (Boku), mit einem Stipendium nach Chile. Geplant waren acht Monate; doch sie wurde schwanger. In Chile gründete Schnepf dann das Beratungsbüro Arche Noah, das an Landschaftsplanungsprojekten in Santiago arbeitete. Als das Unternehmen scheiterte, kehrte Schnepf mit ihrem Kleinkind und Schulden nach Österreich zurück. „Ich habe viele Fehler gemacht, die man machen muss, wenn man noch so wenig weiß“, sagt sie. „Ich bin ein Arbeiterkind, Unternehmertum ist mir nicht in die Wiege gelegt worden.“

Zurück in Wien beendete sie ihr Studium und arbeitete parallel an Forschungsinstituten. 2008 folgte die zweite Gründung: das Bewässerungsunternehmen Hydrip, das später liquidiert wurde. „Damals war Nachhaltigkeit noch längst nicht so ein Begriff wie heute“, sagt die Landschaftsarchitektin. Bei Hydrip lernte sie, Ideen von Beginn an mit Fördergeldern zu entwickeln. Aus einem EU-Forschungsprojekt an der Boku entstand schließlich 2014 „Green4Cities“.

Das Büro untersucht Stadtplanungsprojekte auf ihre Auswirkungen auf das Mikroklima. Dafür entwickelte „Green4Cities“ eine Software: Mit Greenpass lässt sich berechnen, um wie viel Grad begrünte Fassaden oder Flächen ihre Umgebung abkühlen. Aus Greenpass wurde 2018 ein eigenes Unternehmen, ebenso wie 2021 aus Living Panels, einem Anbieter für Fassadenbegrünung. „Green4Cities“ nennt Schnepf liebevoll das „Mutterschiff“, wo neue Ideen entstehen. Sobald sie marktreif sind, werden sie als eigenes Unter­nehmen ausgegründet, an denen „Green4Cities“ rund 20 % der Anteile behält. Die Kunden von „Green4Cities“ sind vor allem öffentliche Bauträger, Städte und Architektur­büros. Derzeit betreut das Unternehmen vier Forschungsprojekte und jährlich um die 20 Planungs­aufträge. Doch Schnepf will mehr, als einzelne Projekte grüner zu machen: „Bei einer Stadttransformation kann man nicht nur begrünen – Regenwasser, Kühlung und Verkehr bedingen einander. Dafür braucht es ein Plattform-Unternehmen, das diese Produkte über neue Organisationsstrukturen verbindet und neue Finanzierungssysteme findet.“

Ich spüre einen echten Druck, weil ich die ­Verantwortung fühle.

Doris Schnepf

Ein solches System soll nun entstehen. Bisher zahlt die öffentliche Hand die Begrünung von öffentlichen Plätzen aus einem festgelegten Budget – im EU-Projekt „impaQt“ versucht „Green4Cities“, diese Logik umzudrehen: Zuerst wird mit einer Software simuliert, welche Wirkung die Umgestaltung eines Quartiers erzielen kann und welche Kosten entstehen. In Melk etwa soll eine gefühlte Temperatur von zehn Grad weniger erreicht werden; in Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf die vollständige Regenwasserautarkie. Finanziert wird das Vorhaben über einen Mix aus privatem und öffentlichem Kapital (im Fachjargon „Blended Finance“: eine Bank, ein Impact-Investor, notfalls auch Crowdfunding). Das Investment wird aber erst zurückgezahlt, wenn die versprochene Wirkung tatsächlich gemessen wurde – je größer der Erfolg, desto höher der Zins. Investoren werden also nicht für den Bau bezahlt, sondern für das Ergebnis. Genau darin sieht Schnepf den Hebel, um privates Kapital in den öffentlichen Raum zu bringen, ohne diesen zu privatisieren: „Besonders risikobehaftet ist es nicht, weil wir wissen, wie es geht.“ Nächstes Jahr will Schnepf aus „impaQt“ ein eigenes Unternehmen gründen.

Für Schnepf ist das Planen einer Stadt, die auch in 50 Jahren noch auf dieselbe Art bewohnbar ist, eine Frage der Generationengerechtigkeit – die jungen Generationen sollen die Rechnung für die Versäumnisse der Gegenwart nicht allein bezahlen. „Wie sollen die Kinder das allein schaffen? Das ist eine irre Bürde. Ich spüre einen echten Druck, weil ich die Verantwortung fühle“, fasst Schnepf ihre Motivation zusammen.

Fotos: David Payr

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