Das libertäre Experiment

Javier Milei hat Argentinien zu einem Labor für radikale liberale Wirtschaftsreformen gemacht. Die Ziele? Inflation runter, Staatsschulden weg, Märkte öffnen. Viele makroökonomische Indikatoren zeigen in die richtige Richtung – aber die Bevölkerung muss sich mit steigender Arbeitslosigkeit, sinkenden Reallöhnen und weniger Wohlfahrtsleistungen zurechtfinden; und Mileis Reformpläne sind von internationalen Beziehungen zu den USA, China und zum Internationalen Währungsfonds abhängig. Was ist die Zwischenbilanz von etwas mehr als zwei Jahren Milei-Experiment?

Mitten auf seinem Schreibtisch liegt eine acht Kilogramm schwere Kettensäge mit einem Gehäuse aus polierter Bronze. Das Sägeblatt ist 75 Zentimeter lang, darauf steht mit Laser eingraviert: «Las fuerzas del cielo»; «die Kräfte des Himmels». Sie liege dort, «damit die Minister wissen, dass das hier gerade erst anfängt. Ich habe es ihnen gesagt: ‹Wenn du schläfst, wirst du über den Tisch gezogen. Jetzt heisst es: Messer zwischen die Zähne klemmen, zusammenbeissen und weitermachen!›», sagte Javier Milei, als Forbes Argentina ihn kurz vor Weihnachten 2024 besuchte. Argentiniens Präsident ist ein knallharter Libertärer und ­bezeichnet sich selbst als «Anarchokapitalist». Im Wahlkampf vor der Präsidentschaftswahl 2023 schwenkte er auf der Bühne eine (andere) Kettensäge, die seitdem zum Symbol für die Deregulierung der Wirtschaft wurde. Im Interview mit Forbes Argentina legte Milei seine Ideen für 2025 dar: strukturelle Reformen, niedrige Inflation; und seinen Plan, Argentinien aus der Schuldenfalle zu retten, in der das Land schon so oft hängen geblieben ist.

Viele Indikatoren zeigen in die richtige Richtung. Die Jahresinflation, die zu Mileis Amtsantritt im Dezember 2023 bei 211 % lag und im April 2024 mit 289,4 %, ihren Höchstwert erreichte, lag im März 2026 bei 32,6 %. Der Haushalt weist erstmals seit 14 Jahren einen Überschuss auf. 2025 wuchs die argentinische Wirtschaft um 4,4 %, für 2026 erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) ein Wachstum von 3,5 %.

Aber nicht alles ist rosig. Der Peso ist nach wie vor überbewertet und muss von der Zentralbank gestützt werden. Ihre Reserven – die wichtig sind, um den Wert des Pesos stabil zu halten und deren Fehlen in der Vergangenheit vermehrt zu Währungskrisen geführt hat – steigen zwar, doch die Nettoreserven sind negativ. Die Monatsinflation steigt seit Mitte 2025 langsam wieder und ist mit über 3 % immer noch hoch. Besonders in der Hauptstadt klagen viele über die hohen Preise von Kleidung, Lebensmitteln und beim Ausgehen. Kürzungen im Wohlfahrtsstaat (vor allem bei den Pensions­zahlungen), sinkende Realeinkommen und eine steigende Arbeitslosenquote machen vielen Argentiniern das Leben schwer. Zwischendurch lebten laut dem nationalen Statistikamt Indec 52,9 % der Bevölkerung in Armut (im zweiten Halbjahr 2025 waren es 28,2 %). Das Wirtschaftswachstum ist vor allem in den Sektoren Öl und Gas, im Bergbau-Sektor und in der Agrar­wirtschaft konzentriert; die Industrie hingegen leidet.

Seit Juni 2025 steigt der Anteil der Argentinier, die in Befragungen angeben, den Präsidenten abzulehnen. Obwohl Mileis Partei La Libertad Avanza (LLA) in den Zwischenwahlen im Oktober mit einem guten Ergebnis überrascht hat, geben in den neuesten Umfragen ­zwischen rund 49 und 61 % an, Milei abzulehnen;
und zwischen 36 und rund 38 % an, ihm zuzustimmen. Korruptionsvorwürfe gegen ihn und seine Schwester Karina und ein Skandal rund um eine Kryptowährung helfen dem politischen Quer­einsteiger, zu dessen Wahl­versprechen Korruptions­bekämpfung zählte, nicht gerade.

Die grossen Fragen, die auch internationale Beobachter sich stellen, sind: Hat Milei das politische Kapital, um seine Reformpläne bis zum Ende seiner Amtszeit umzusetzen? Und kann er die Wirtschaft und den Peso stabil genug halten, um eine Währungskrise zu vermeiden und Investoren und Kreditgeber davon zu überzeugen, dass sich Argentiniens Geschichte nicht wiederholt?

Javier Milei wuchs im bürgerlichen Viertel Villa Devoto in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires auf. Sein Vater, ein Busfahrer, der später eine Busflotte sowie eine kleine Finanz- und Immobilienfirma aufbaute, sei ihm gegenüber gewalttätig gewesen und habe ihn beschimpft. Lange Zeit mied Milei den Kontakt zu seinen Eltern. Mit Schwester Karina hingegen blieb er eng in Kontakt; sie ist heute Präsidialamtsministerin und eine der einflussreichsten Personen in der Regierung. Sie halte ihn auf Kurs, so Milei gegenüber Forbes Argentina: «Sie ist diejenige, die mich davon abhält, auch nur minimal (von meinem politischen Kurs; Anm.) abzuweichen.»

Ich erinnere mich, dass ich im Dezember 2018 gesagt habe: ‹Auf keinen Fall werde ich kandidieren!› Und schauen Sie, wo ich gelandet bin.

Javier Milei

Nach dem Studium an der Universidad de Belgrano arbeitete Milei als Chefvolkswirt für private Renten­versicherer und Finanzberater. Parallel lehrte er Makro- und Wachstumsökonomie und veröffentlichte Bücher und Fachartikel. Er verschrieb sich der Österreichischen Schule und dem Anarchokapitalismus und zählt Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek zu seinen intellektuellen Leitfiguren. Vier seiner fünf Hunde (englische Mastiffs) heissen Murray (nach Murray Rothbard, einem Vordenker des Anarchokapitalismus), Milton (nach Milton Friedman), Robert und Lucas (nach Robert Lucas Jr.). Angeblich sind sie Klone seines ersten Mastiffs, der 2017 verstarb.

Bekannt wurde Milei ab 2016 durch provokante TV-Auftritte, in denen er regelmässig gegen «la Casta» wetterte, gegen die politische Klasse, die mächtigen Gewerkschafter und die medialen Mitläufer. ­Dabei ­kritisierte er die Mitte-rechts-Regierung von Mauricio Macri genauso wie die des Peronisten Alberto Fernández. «Ich erinnere mich, dass ich im Dezember 2018 zu Alberto Benegas Lynch (Jr., der als Vordenker des argentinischen Liberalismus gilt; Anm.) gesagt habe: ‹Auf keinen Fall (werde ich kandidieren; Anm.)!› Und schauen Sie, wo ich gelandet bin», so Milei im Interview mit Forbes Argentina. 2021 zog er für seine Partei LLA in das Abgeordnetenhaus ein. Zwei Jahre später, am 19. November 2023, gewann er die Stichwahl um die Präsidentschaft gegen den damaligen Wirtschaftsminister Sergio Massa – mit derselben systemkritischen Plattform und Versprechen radikaler Wirtschafts­reformen – mit 55 % der Stimmen.

Schon im Wahlkampf hatte Milei eine Kettensäge geschwungen – als Symbol für die «Schocktherapie», die er dem argentinischen Staat verpassen wollte. Frisch ins Amt gewählt verschwendete er keine Zeit: Zehn Tage nach seinem Amtsantritt veröffentlichte die Regierung ein Notstandsdekret, das Hunderte Gesetze und Vorschriften ausser Kraft setzte. Später folgte die «Ley Ómnibus» (grob übersetzt: «Sammel­gesetz»), aus der nach monatelangen parlamentarischen Kämpfen im Juni 2024 das «Gesetz der Grundlagen und Ansatzpunkte für die Freiheit der Argentinier» wurde. Das Gesetz reformiert die Regeln in Bereichen von Administration über das Steuerrecht bis hin zum Arbeitsrecht.

Herzstück dieses Umbaus ist die Deregulierung vieler Sektoren. Verantwortlicher ist Federico Sturzenegger; der Argentinier mit Wurzeln im Appenzell ist MIT-Absolvent, ehemaliger Chefökonom der staatlichen Ölgesellschaft YPF und ehemaliger Notenbankchef und leitet seit Juli 2024 das neu geschaffene Ministerium für Deregulierung und Staatstransformation. Bis Mitte 2025 hat sein Ministerium laut eigenen Angaben über 100 staatliche Behörden aufgelöst und 1.246 Regelungen modifiziert, die rund 9.000 Gesetzes­artikel betrafen. Liberalisiert wurden unter anderem der Miet- und Luftverkehrsmarkt sowie Preis­kontrollen bis hinunter zum Preis von Yerba Mate, dem allgegenwärtigen Aufgussgetränk. Ausserdem wurden erste Schritte eingeleitet, um staatliche Unternehmen zu privatisieren.

Milei legt grossen Wert auf die Konsolidierung des Staatshaushalts. Das soll nicht durch höhere Steuern erreicht werden – stattdessen wurden Minis­terien zusammengelegt, Subventionen gestrichen, Infrastruktur­investitionen gekürzt und rund 56.000 Staats­bedienstete entlassen. Im ersten Quartal 2024 konnte die Regierung erstmals seit über einer Dekade einen Quartalsüberschuss vermelden. Die realen Staats­ausgaben sanken laut der Regierung um rund 30 %.

Das wackeligste Element des neuen Systems ist die Geldpolitik. Zwei Tage nach seinem Amtsantritt wertete Milei den Peso um 54 % ab und führte einen «Crawling Peg» ein – eine kontrollierte Abwertung von zunächst 2 %, später 1 % monatlich. Ab April schwankte der Peso-Wert in einem Band, das sich monatlich um 1 % weitete; seit Januar 2026 weitet es sich monatlich um die Inflationsrate zwei Monate zuvor. Ziel von alldem ist es – gemeinsam mit der kontraktionären Fiskalpolitik –, die Inflation bzw. Inflationserwartungen unter Kontrolle zu bringen, was einigermassen funktioniert hat. Das sagt Investoren und besonders dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zu: Im April 2025 verkündete der Fonds Finanzierungsfazilitäten von 20 Mrd. US-$ (15,8 Mrd. CHF) über 48 Monate.

In Argentinien ist Volkswirtschaftslehre quasi ein ­nationales Hobby – viele Argentinier verfolgen die Ökonomie ihres Landes genau. Während manche Studierende von Österreichs grösster Wirtschaftsuniversität den Begriff Inflation nicht exakt definieren können (Videos, die das zeigen, kursierten vor einigen Jahren auf sozialen Medien), wissen Argentinier in der Regel über die einzelnen Wirtschaftspolitiken ihrer aktuellen Regierung Bescheid.

Zu Milei hat jeder eine Meinung – doch diese Meinungen spalten sich. Manche sind vorsichtig hoffnungsvoll, dass seine Reformen in einigen Jahren Früchte tragen: «Ich würde ihn noch mal wählen», erzählt uns ein öffentlich Bediensteter aus Posadas, einer Stadt an der Grenze zu Paraguay, fügt jedoch hinzu: «Ich finde nicht alles gut, was er macht. Aber er ist sicher besser als die Alternative.» Ein Data Scientist aus La Plata, rund eine Autostunde südöstlich der Hauptstadt, seufzt hingegen: «Wir waren schon öfter hier: Sparpolitik soll internationale Investoren dazu bringen, zu investieren. Aber die Nationalbank kann den Peso nie lange genug verteidigen, und früher oder später bricht der Wert zusammen – und mit ihm das ganze System.» Viele klagen über die Deregulierung und die ökonomische Prekarität, die sie für viele Menschen mit sich brachte.

Mein Traum ist, dass ­Argentinien das freieste Land der Welt ist, wenn ich ­meine Funktion im öffentlichen Dienst beende.

Javier Milei

Gleichzeitig entsteht nach Dutzenden Gesprächen der Eindruck, als sei die mediale Aufregung rund um das Phänomen Milei in Europa grösser als auf der anderen Seite der Welt. Ja, der Libertäre wird in Argentinien viel und heiss diskutiert, aber nicht viel mehr als etwa Friedrich Merz in Deutschland. (Und anders als Milei in Deutschland ist Merz in Argentinien nicht weitläufig bekannt.) «Bei euch ist er ein ziemlicher ‹Big Deal›, oder?», fragt uns ein Volkswirtschaftslehre-Student aus Buenos Aires.

Ja, es gibt Proteste gegen den Präsidenten, aber die zugrunde liegende Stimmung lautet eher: Zähne zusammenbeissen und weitermachen. Milei kündigte schon vor seinem Amtsantritt an, dass viele seiner Reformen schmerzlich sein werden. Wenn sie dafür in einigen Jahren die Wirtschaft beleben – super. Wenn nicht – dann ist das in Argentinien auch nichts Neues. Wie die Fussballnationalmannschaft bei der kommenden Weltmeisterschaft spielt, ist eindeutig die wichtigere Frage; schliesslich ist es die letzte, in der Weltstar Lionel Messi kickt.

Anfang September 2025 verpassten die Wähler Milei – und Forex-Investoren – einen Schreck: In Landtagswahlen in der Provinz von Buenos Aires, wo rund 40 % der wahlberechtigten Bevölkerung leben, gewann die peronistische Fuerza Patria fast 50 % der Stimmen; Mileis LLA bekam etwas mehr als 30 %. Der Peso kam nahe an die obere Grenze des Bandes und die Zentralbank blutete Reserven, um die Währung zu verteidigen. Erst als das US-Finanzministerium verkündete – und zwar einen Tag nachdem Milei US-Präsident Donald Trump traf –, dass es eine Swap-Leitung in Höhe von 20 Mrd. US-$ mit der argentinischen Zentralbank einrichten würde, beruhigten sich die Märkte. Die Episode zeigt auch, dass Mileis Erfolg zumindest teilweise von Trump abhängig ist, dem er regelmässig öffentlich schmeichelt.

Im Oktober 2025 belohnten die Wähler die LLA: ­Mileis Partei kam auf rund 40 % der Stimmen; ein Bündnis peronistischer Parteien hinter Fuerza Patria auf rund 33 %. Seitdem verfügt die Regierung über 101 von 257 Sitzen im Unterhaus (bisher 37) und 20 von 72 im Senat (zuvor 7), was es Milei leichter machen sollte, Gesetze zu beschliessen und Reformen durchzubringen.

Argentinien ist noch lange nicht über den Berg. Ob Milei seine Wirtschaftsreformen bis zum Ende seiner Amtszeit durchziehen kann, hängt einerseits davon ab, ob er das Volk weiterhin hinter sich halten kann; andererseits davon, ob die Zentralbank den Peso weiterhin verteidigen kann – und dafür ist sie von internationalen Geldern abhängig.

«Im Wahlkampf habe ich gesagt, dass wir Argen­tinien wieder gross machen werden und das Land auf einen Pfad bringen werden, der es in 40 Jahren zu einer Weltmacht machen wird», erinnerte Milei Forbes Argentina. «Mein Traum ist, dass Argentinien das freieste Land der Welt ist, wenn ich meine Funktion im öffent­lichen Dienst beende. Ich werde keine Minute rasten, bis ich das erreicht habe!»

Fotos: Alejandro Baccarat für Forbes Argentina, Getty Images / Nurphoto, IMAGO / Esteban Osorio

Erik Fleischmann,
Redakteur

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