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Was als kleines, eigenfinanziertes Projekt der Ärztin Dr. Regina Girgis (links im Bild) und der Krankenpflegerin Isabelle Doczy, B. Sc. (rechts), begann, entwickelte sich innerhalb von nur drei Jahren zu einem Periodenwäsche-Unternehmen mit mehr als 200.000 Kundinnen und einem achtstelligen Jahresumsatz – ganz ohne externes Kapital.
Wer von Kopf bis Fuß in Knallrot zum Interview erscheint, hat nicht vor, übersehen zu werden. Die beiden Frauen, die an diesem Tag im Partnerlook zum Gespräch kommen, verkaufen ein Produkt, über das lange nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde: „Wir haben relativ früh entschieden, Menstruation so zu zeigen und darüber zu sprechen, wie sie tatsächlich ist – nicht so, als müsste man sich für seine Periode schämen“, sagt Dr. Regina Girgis. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Dr. Kerollos Girgis und Isabelle Doczy, B. Sc., hat sie 2023 die Periodenunterwäsche-Marke my•mense gegründet. Die 26-jährigen Wienerinnen Girgis und Doczy sind seit Kindertagen befreundet. Heute zählt das Wiener Unternehmen nach eigenen Angaben mehr als 200.000 Kundinnen, verkaufte innerhalb von drei Jahren knapp zwei Millionen Perioden-Unterhosen und erreichte im August dieses Jahres erstmals einen Umsatz im achtstelligen Bereich.
Dass Periodenunterwäsche längst mehr als eine Nische ist, zeigen aktuelle Nutzungszahlen: Im österreichischen Menstruationsgesundheitsbericht 2024 gaben 11,3 % der Befragten an, Periodenunterwäsche zu verwenden. Gleichzeitig wächst der Markt: Der Umsatz im deutschen Handel stieg laut einer Yougov-Befragung zwischen August 2024 und Juli 2025 um 39 % auf 16,4 Mio. €.
Für die beiden Gründerinnen war das Marktpotenzial vor drei Jahren noch kein Thema. Sie hatten zunächst ein anderes Problem: Sie fanden kein Produkt, das sie selbst gerne tragen wollten. Manche Modelle waren zu dick, andere raschelten, wieder andere liefen bei stärkerer Blutung nach wenigen Stunden aus. „Irgendwann haben wir uns gefragt: ,Warum entwickeln wir nicht einfach die Periodenunterwäsche, die wir selbst gerne tragen würden?‘“, sagt Girgis. Dabei konnten sie auf etwas zurückgreifen, das sie sich zuvor aufgebaut hatten: eine bestehende Community. Über ihren Social-Media-Kanal „medicineXcare“ erklärten sie Gesundheitsthemen und standen im direkten Austausch mit ihrer Zielgruppe. Auf Instagram, Facebook und Tiktok zählt der Account über 380.000 Follower.
Ein Tabuthema kann unternehmerisch auch eine unglaubliche Chance sein.
Dr. Regina Girgis
Abheben soll sich das my•mense-Produkt durch den Blick, den die Gründerinnen aus ihren Gesundheitsberufen mitbringen. Statt nur zu überlegen, wie Periodenunterwäsche aussehen muss, hätten sie sich andere Fragen gestellt, erklärt Girgis; etwa: „Welche hautverträglichen Materialien verwenden wir?“ Entstanden ist ein vierlagiges System mit einer Wabenstruktur an der Oberfläche, die Flüssigkeit rasch von der Haut wegleiten soll. Die stärksten Modelle nehmen laut dem Unternehmen so viel auf wie bis zu fünf Tampons. Die Unterhosen seien zudem frei von Bioziden sowie per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (Gruppe von Industriechemikalien) und bei richtiger Pflege mindestens drei Jahre nutzbar. Eine Frau verbraucht im Lauf ihres Lebens 8.000 bis 12.000 Tampons oder Binden, rechnen die Gründerinnen vor, während viele Kundinnen mit drei bis vier Unterhosen durch ihre Periode kommen. „Man zieht morgens seine Periodenunterwäsche an und kann sich anschließend wieder auf seinen Alltag konzentrieren“, ergänzt Doczy. Das Konzept fand schnell Anklang: Sechs Monate nach dem Start waren es 10.000 Kundinnen, Ende 2025 bereits 100.000. Inzwischen führt der Onlineshop auch BHs und Perioden-Bademode. Das Wachstum finanzierten die Gründerinnen aus eigener Tasche und dem laufenden Cashflow. „Wir sind dabei ziemlich konsequent all-in gegangen“, sagt Girgis. Der Verzicht auf Risikokapital war eine bewusste Entscheidung: „Wir konnten my•mense bis heute unabhängig entwickeln und sehr schnell Entscheidungen treffen, ohne uns mit externen Investoren abstimmen zu müssen.“
Die Offenheit, mit der my•mense für seine Produkte wirbt, hat ihren Preis: Unter Anzeigen, die Periodenblut zeigen, sammeln sich Kommentare wie „Wie eklig“. Doch laut Doczy dürfe man nicht den Fehler machen, „die komplette Kommunikation auf diejenigen auszurichten, die das Produkt ohnehin niemals kaufen würden“. Ihr Rat an andere Gründerinnen: „Das Tabuthema nicht größer machen, als es tatsächlich ist.“ Möglicherweise habe gerade die Direktheit der Werbung dazu beigetragen, dass die Marke so stark wahrgenommen wurde. „Ein Tabuthema kann unternehmerisch auch eine unglaubliche Chance sein“, ergänzt Girgis.
Heute umfasst das Kernteam sechs Personen. In fünf Jahren soll der Umsatz im hohen achtstelligen Bereich liegen. Wachstum versprechen sich die Gründerinnen vor allem vom Schritt aus dem eigenen Onlineshop in Drogerien und Apotheken, auf Marktplätze und in weitere Länder. „Unser Ziel ist, my•mense zu einer der führenden Marken für Periodenunterwäsche und Frauengesundheit in Europa aufzubauen“, sagt Girgis.
Foto: Julia Rotter