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Der tiefste Punkt seines Lebens markierte den Beginn seines international aufsehenerregenden Werdegangs: Erwin Wurm steckte Museumsmitarbeitern Stifte in die Nase und Gurkerl zwischen die Zehen – die „One Minute Sculptures“ feiern dieses Jahr 30-jähriges Bestehen. Sie haben dazu beigetragen, den Begriff der Bildhauerei für alle Zeiten zu verändern. Heute ist Wurm einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart, der paradoxe Fragen stellt, um bessere Antworten auf drängende gesellschaftliche Probleme zu bekommen.
Hinter den Hügel mit den Zwillingsbäumen soll sich die Schafherde zurückgezogen haben; zwölf Damen und ein Bock, sagt Erwin Wurm. Lange waren die Schafe ohne männlichen Artgenossen gewesen, jetzt wartet alles nicht nur auf den sinnbildlichen Frühling, um die Herde zu verjüngen. „Die Schafe zieren sich aber“, grinst der Bildhauer, „sie schauen den Bock schief an und lassen ihn immer wieder abblitzen“, erzählt er amüsiert und macht einen kleinen Hüpfer nach vorne, die sich zierenden Schafsdamen imitierend, als stünden sie hinter ihm in der Koppel. Jedoch ist weit und breit kein Schaf zu sehen; es ist Anfang Jänner und klirrend kalt. Vermutlich haben sich die Tiere in ihren Stall zurückgezogen.
Wurm setzt sich auf den Holzzaun. In der Koppel hinter ihm steht eines seiner „Fat Houses“, vor ihm ragen zwei Männerbeine aus einer im Sonnenschein glitzernden Aluminium-Wolke in die Luft. Die Skulptur ist mit breiten Gurten auf einer Holzpalette befestigt. Man weiß nicht, ob sie gerade zurückgebracht wurde oder zum Abtransport zu einer der zahlreichen Ausstellungen bereit gemacht ist.
Fünf Hektar ist das Anwesen rund um Schloss Limberg in Niederösterreich groß, das vor rund 20 Jahren vom Stift Altenburg in Erwin Wurms Eigentum überging und mit Feingefühl renoviert und wieder bewohnbar gemacht worden ist. In den heute wieder großzügig angelegten Wohnräumen waren offenbar mehrere kleine Wohneinheiten verbaut – der Denkmalschutz schien keine große Rolle gespielt zu haben, so Wurm rückblickend. Im Stöckl neben dem Schloss, einer Art Wohnturm, kommen immer wieder Studenten unter. „Wie Artists in Residence“, so der Künstler beim Vorbeigehen. Junge Talente zu fördern hält der arrivierte Bildhauer für gut und richtig; von staatlicher Kunstförderung hält er bekanntlich wenig: „Die macht einen politisch abhängig. Ich bin der Meinung, dass man dem Markt und dem Ausstellungsgeschehen mehr vertrauen sollte. In Österreich wird so viel künstlich gestützt. Und auf die Gefahr hin, dass ich mir jetzt wieder viele Feinde mache: Künstler zu sein sollte kein Sozialprogramm sein.“
Einige Jahre hat der Bildhauer selbst an der Universität für angewandte Kunst unterrichtet. Das möchte er nicht mehr machen, sagt er immer wieder in Gesprächen mit unterschiedlichen Medien. Dazu kommt, wir zitieren: „Die Guten schaffen es alleine und die Schlechten hängen an einem wie nasse Wäsche.“ Wurm nickt das Zitat ab – es gilt für ihn immer noch: Es gebe viele „super junge Leute, der Kunstmarkt ist aber sehr klein. Ich frage mich oft, warum sich so viele bemühen, da reinzukommen. Denn so glamourös oder schön ist dieser Beruf nicht.“
Gegenüber dem Schloss hat der Bildhauer neben seinem Studio, das 14 Mitarbeiter beschäftigt und von Wurms Sohn Michael geleitet wird, drei zusätzliche Hallen errichten lassen, die als Lager für seine Kunstwerke dienen. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs war ein Gutteil der in Limberg befindlichen Werke auf dem Weg nach Paris zu einer von Wurms Ausstellungen unterwegs. Einige „alte Bekannte“ aus den unterschiedlichen Schaffensperioden des Bildhauers waren dennoch zu sehen: eine Serie an Wurst-Skulpturen („Abstract Sculptures“, 2013), ebenso eine seiner Staubskulpturen aus einer frühen Phase; drei „Fat Cars“, Einrichtungsgegenstände für seine „Narrow Houses“ oder eine „Short Bag“ aus dem Jahr 2017, neben die er sich spontan aufs Regal legt. Ebenso ordentlich abgestellt sind einige seiner Bilder, die sogenannten „Flat Sculptures“.
In einer weiteren Halle stellt sich Wurm unter seine Skulptur „Gate“ aus dem Jahr 2021, die er mit „Holding Up“ (2022) im Sommer 2025 vom Österreichischen Parlament zurückgekauft hat. Kurz vor seinem Abgang hatte Ex-Parlamentspräsident Wolfgang Sobotka beide Werke um kolportierte 271.200 € (inkl. MwSt.) erworben; unter dem aktuellen Parlamentspräsidenten Walter Rosenkranz und aufgrund einer vertraglich verankerten Rückkaufklausel seitens Wurm wurde dieser Kauf um dieselbe Summe rückabgewickelt. Eine der beiden Skulpturen – „Gate“ – schenkte Wurm gleich der Stadt Düsseldorf (dort ist für 2027 eine Einzelausstellung geplant) – „zufleiß!“, sagt er. Österreich bewege sich nicht zuletzt politisch in keine gute Richtung. Und gäbe es keine Wegzugssteuer, wäre er bereits ausgewandert, so der Künstler.
Erwin Wurm wurde 1954 in Bruck an der Mur geboren und zog mit seinen Eltern kurze Zeit später nach Graz. Sein Vater, erzählt er, war Kriminalpolizist, die Familie liebevoll, wenngleich Wurms Wunsch, Künstler zu werden, auf völliges Unverständnis stieß. In der Nachkriegszeit sei der Künstler dem Bürgerschreck gleichgestellt gewesen, sagt er. Nichts im Umfeld seiner Familie habe auch nur annähernd etwas mit Kunst zu tun gehabt, erinnert sich Wurm. Das „Background-Rauschen“ seines Großwerdens, das er auch nicht weiter bewusst wahrgenommen habe, waren am ehesten noch die im jeweiligen Zeitgeist eingerichteten Wohnungen, sagt er. „Zuerst waren es die Möbel meiner Großeltern, also der Stil der 20er-, 30er-Jahre, und als meine Eltern nach Graz gezogen sind, haben sie dann die neue Wohnung mit 50er-Jahre-Möbeln eingerichtet.“
Er selbst wurde von Kunst und Literatur aber regelrecht angezogen, erzählt Wurm. „Ich weiß wirklich nicht, woher das kommt. Ich hatte einen Mittelschullehrer, Norbert Nestler, der mich mit der Kunst infiziert hat.“ Vielleicht habe sich sein Interesse daraus entwickelt. Er habe aber schon als Kind gerne mit Krippenfiguren gespielt, auch Bilderrahmen hätten ihn fasziniert, sagt er. „Das Schnitzwerk, das Haptische hat mich interessiert“, so Wurm. Früh war ihm klar: Er will Künstler werden. Wieso so viele namhafte Künstler, etwa Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, aus dem Mürztal kommen, sei ihm rätselhaft: „Vielleicht war da was im Essen drinnen oder Kometen sind über uns drübergeflogen.“ Wer weiß das schon …
Der junge Wurm wollte Maler werden, wurde nach der Aufnahmeprüfung am Mozarteum in der Malerei-Klasse aber abgelehnt. Stattdessen wurde er zu den Bildhauern gesteckt, sagt er: „Ich war extrem frustriert.“ Nie habe er davor mit Bildhauerei gearbeitet oder in diese Richtung gedacht, und er sei auf diesem Feld auch komplett unerfahren gewesen, erinnert er sich. Nach dieser ersten Phase der Frustration aber „habe ich die Herausforderung angenommen und bin langsam in die Bildhauerei hineingewachsen“. Er habe sich an ihrem Prinzip abgearbeitet – dies stets mit einem sozialen Element im Blick. Wurm: „Ich lebe in unserer Zeit und in unserer Welt, die ich stets mit bildhauerischen Fragestellungen verbinde.“ Die Bildhauerei lebe von der jeweiligen Materialität, vom Hinzufügen bzw. vom Wegnehmen, holt er erklärend aus. „Wenn wir etwas essen, können wir zunehmen, wir können aber auch abnehmen; Volumen zu- oder Volumen wegnehmen“, erklärt Wurm weiter. „Gleichzeitig ist aber auch klar, dass mit der Volumenänderung eine Inhaltsveränderung zustande kommt.“ Er habe so Themen des Alltags nach bildhauerischen Qualitäten hinterfragt, und herausgekommen sei „etwas Drittes“, so der Künstler. „Und irgendwann bin ich dann draufgekommen: Wenn ich an meine Zeit und an meine Realität absurde Fragen stelle, bekomme ich interessante Antworten – vielleicht bessere Antworten als auf normale Fragen.“ So entstanden die Themenfelder der Absurdität und des Paradoxen, die ihn nach wie vor antreiben, sagt er.
Pathos macht den Betrachter klein. Das will ich nicht. Ich will den Betrachter und die Betrachterin levitieren. Ich will den Menschen auf Augenhöhe begegnen.
Erwin Wurm
Wurms Arbeiten wirken auf den ersten Blick fast fröhlich, kommen in poppigen Farben und Formen daher; es fehlt ihnen sichtlich an Monumentalem oder gar Belehrendem. „Viele Künstlergenerationen vor mir haben ernste Themen mit reichlich Pathos bearbeitet“, sagt er dazu. „Und da stehen diese von Tauben zugeschissenen pathetischen Skulpturen herum, die den Betrachter klein machen. Und das wollte ich nicht. Ich will die Betrachterin, den Betrachter levitieren, ich will den Menschen auf Augenhöhe begegnen.“ So gesehen liege der leichte Umgang mit schweren Themen wohl eher im Zentrum seines Schaffens, sagt Wurm; obwohl es auch schwere Themen mit schwerem Umgang in seinen Arbeiten gebe, korrigiert er sich sofort selbst. „Ein Beispiel ist das ‚Narrow House‘ als Symbol für eine sich verengende Gesellschaft. Vor Kurzem habe ich auch die ‚Narrow School‘ gemacht, die sichtbar macht, wie sich vieles vom Wissen meiner Zeit innerhalb von 50 Jahren zu etwas Toxischem verändert hat. Vieles hat sich ins Gegenteil umgekehrt“, so Wurm. Das sage viel über unser Bewusstsein und unsere Weltanschauung aus – und auch über unseren Sprachgebrauch.
So hat Wurm etwa für eine Schau im Yorkshire Sculpture Park seine „Fat Cars“ auf deren Bitte in „Cars, Big“ umbenannt – wegen der Political Correctness; obwohl das „fette“ Auto quasi das der „Bonzen“ im kapitalistischen Sinn repräsentieren solle, nicht das der Übergewichtigen. „Manches Mal ist Sensibilität gefragt“, sagt Wurm dazu. „Ich bin ja ganz anders aufgewachsen. Bei uns war Bodyshaming alltäglich – da
Man muss einen starken Willen haben; einen Willen, sich immer wieder zu erneuern und etwas Positives aus der Kritik ziehen zu können.
Erwin Wurm
gab’s den Bladen (österreichisch für den „Dicken“), den Gfüd’n (siehe den „Bladen“) ebenso wie den Schiaglad’n (österreichisch für den „Schielenden“). Die haben sich am Telefon aber auch alle selbst so gemeldet. Mir ist bewusst, dass das heute so nicht mehr geht.“ Die Verantwortlichen des Yorkshire Sculpture Park hätten sich allerdings später für das Missverständnis bei der Bezeichnung der „Fat Cars“ entschuldigt, erzählt Wurm. „Und trotzdem möchte ich nicht in Shitstorms aufgrund von Misinformation geraten“, sagt er. „Das bekommt man so schnell nicht mehr los. Da bin ich sensibel.“ Das Ausmaß eines potenziellen Schadens für den eigenen Ruf und auch fürs Geschäft steigt mit der Bekanntheit einer Person; eine Vorsicht, die nachvollziehbar ist.
Zu breiter Bekanntheit brachte Erwin Wurm es mit seinen „One Minute Sculptures“, die erstmals im Jahr 1996 gezeigt wurden und die somit in diesem Jahr ihr 30-Jahre-Jubiläum feiern. Just in dem Jahr, das der Künstler als das schwierigste seines Lebens bezeichnet – beide Eltern starben und Wurms erste Ehe ging in die Brüche –, sollte sich sein Erfolg als Künstler manifestieren.
Im Künstlerhaus Bremen sollten Arbeiten Wurms ausgestellt werden, durch die Lebenskrise aber versiegte der Output des sonst als Workaholic bekannten Bildhauers. In der Not, so heißt es, machte er aus den Museumsmitarbeitern lebende Kunstobjekte und versah sie mit Stiften in ihren Nasen oder steckte ihnen Gurkerl zwischen die Zehen.
Eine Idee, die er weiterentwickelte, indem er unterschiedliche Objekte mit Anweisungen für die Ausstellungsbesucher versah und sie kurzerhand von Subjekten zu Kunstobjekten machte. Von Letzteren wurden Polaroids gemacht, „um dieses Ephemere, diesen kurzen Moment länger wirken zu lassen und aus diesem Augenblick Bestand zu schaffen. Diese ‚Minis‘ hängen heute alle in den großen Museen – im Pompidou, in der Tate Modern, im Moma und wie sie alle heißen.“ Durch diese Fotografien und auch durch Zeichnungen wurde die Wiederaufführbarkeit der Skulpturen sichergestellt – einer Partitur in der Musik gleich, so Wurm, der darauf achtet, dass seine „One Minute Sculptures“ ausschließlich im musealen Kontext präsentiert werden, um damit nicht ins Klamaukhafte abzurutschen. Mit dem Jahr 2003 manifestierten sich Wurms „One Minute Sculptures“ letztgültig in der Aufmerksamkeit einer sehr jungen weltweiten Öffentlichkeit: Für das Musikvideo zu „Can’t stop“ der bekannten US-Rockband Red Hot Chili Peppers hat sich Regisseur Mark Romanek von Wurms „One Minute Sculptures“ inspirieren lassen. Man fragte den Bildhauer, ob er mit dieser Darstellung einverstanden sei. Wurm stimmte der Idee sofort zu, mit der Bedingung, in den Credits im Abspann genannt zu werden, was genau so passierte. „Danach ging’s richtig ab“, sagt er.
Heute gehört der gebürtige Steirer zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart – laut der Plattform Artfacts rangiert Wurm weltweit auf Platz 16. Artfacts zählt insgesamt rund 1.400 Einzel- und Gruppenausstellungen, mehr als 40 Biennalen und mehr als 100 Kunstmessen, bei denen der Bildhauer vertreten war. Er arbeite viel, sagt er selbst; gerne von 9:00 bis 17:00 Uhr mit Mittagspause: „Ich bin ein Maniac; manche sagen auch: ein Kontrollfreak.“
Auf die Frage, ob künstlerischer Erfolg in dieser Größenordnung in gewisser Weise steuerbar sei – neben Talent als Voraussetzung –, antwortet Wurm so: „Talent ist eine schöne Voraussetzung und ganz wichtig. Aber Talent allein ist bei Weitem nicht genug. Man muss einen starken Willen haben; einen Willen, sich immer wieder zu erneuern und etwas Positives aus der Kritik ziehen zu können. Denn eine gute Idee in der Kunstwelt ist nicht genug; man muss die Idee mitnehmen und immer wieder versuchen, neue Ideen einzubringen – und dabei seinen Wiedererkennungswert nicht verlieren. Und selbst dann kann es trotzdem nicht funktionieren.“ Es sei ihm wichtig gewesen, sein Werk auf breite Beine zu stellen, sagt Wurm – auch, was die Materialität betreffe. Es habe Zeiten gegeben, wo er nur Videos oder nur Fotos gemacht habe, holt er aus. „Ich konnte nicht von diesem Kasteldenken weg“, sagt er. Er habe sich regelrecht zwingen müssen, etwas anderes zu denken, etwas anderes zu machen, um zu einem anderen Muster zu kommen. „Das Repetitive in nur diesem einen Kastel nervt mich wahnsinnig“, erklärt Wurm. Das sei ein Grund, warum er gerne von einem Medium zum anderen springe.
Nicht zuletzt komme beim Erfolg das Glück ins Spiel, so Wurm weiter: „Da muss man die richtigen Leute zur richtigen Zeit treffen, sich tief mit Kollegen und Gleichgesinnten austauschen, viel diskutieren und in sich hineinarbeiten. Ich habe immer sehr viel gearbeitet, habe immer sehr viel gelesen – und irgendwie, ich weiß nicht, wie, ist der Erfolg dann so passiert.“ Und: „Ich versuche im richtigen Moment ‚Ja‘ und im richtigen Moment ‚Nein‘ zu sagen.“ Nicht zu vergessen seien die Galerien, die essenziell zum Erfolg beitragen können, fügt der Künstler hinzu.
Wurm wird unter anderem von Thaddaeus Ropac repräsentiert. Er sei ein teurer Künstler; dies auch, weil die Galeristen dazu einiges beitragen, so Wurm. Es bestimme den Preis wesentlich mit, bei welchen Galerien man ausstellt und aus welchem Land man kommt, sagt er. Wurm: „Wäre ich Amerikaner, Engländer oder Chinese, würde ich ein Vielfaches von dem kosten, was ich koste. Diese Länder haben eine andere Einstellung zu ihrer Kunst und zu ihren Künstlern. Deren Kunst wird unterstützt und hinaufgesteigert, weil sie darauf stolz sind. Die Österreicher sind Schnäppchenjäger.“
Es gebe keinen einzigen österreichischen Gegenwartskünstler, der mit seinen Arbeiten über eine Million Euro erziele – „wenn das einmal bei einer Lassnig oder vielleicht einmal bei mir passiert, dann ist das eine Ausnahme. In der Regel liegen die Preise für meine Arbeiten weit unter jenen der Amerikaner, Engländer oder Deutschen.“ Wurms „Short Bag“ liegt bei einem Kostenpunkt von kolportierten 72.000 €, mit seinen größeren Skulpturen wie „Gate“ liegt der Österreicher im niedrigen sechsstelligen Bereich. Wenn man Arbeiten des US-Amerikaners Jeff Koons preislich vergleichen möchte, war dieser im Jahr 2019 in aller Munde, als seine Skulptur „Rabbit“ bei einer Auktion bei Christie’s einen Preis von 91 Mio. US-$ (77 Mio. €)erzielte. Da nimmt sich „The Golden Calf“ des britischen Künstlers Damien Hirst, das um 10,3 Mio. Pfund (11,8 Mio. €) bei Sotheby’s versteigert wurde, geradezu als Okkasion aus.
Auch weit abseits dieser monetären Dimensionen eines Jeff Koons hat es Wurm mit seiner Kunst zu Wohlstand gebracht – er hat sich über die Jahrzehnte ein beachtliches Œuvre aufgebaut, das der Künstler seiner Familie in einer Art Foundation organisiert hinterlassen möchte. „Da können wir ganz ehrlich sein: Mit bald 72 hat man kein so langes Outcome mehr“, schmunzelt er ob der Wortwahl. „Da bin ich realistisch und pragmatisch – und ich möchte kein Chaos hinterlassen.“ Er habe drei Kinder und eine junge Frau und habe sich die Frage gestellt, wie es mit seinem Vermächtnis, „mehreren Häusern in verschiedenen Ländern, einer super Kunst- und Designsammlung“ weitergehen solle, „wenn ich – wie man so schön sagt – einmal ‚departe‘“. Auch stelle sich die Frage, wie mit der eigenen Kunst verfahren werden solle, so Wurm. „Die Sammlung ist sehr groß, weil wir wirklich viel produzieren. Es sind zwar schon in über hundert Museen Arbeiten von mir in den jeweiligen Sammlungen – und trotzdem bleibt noch viel, das wir versuchen, gut in den Griff zu bekommen“, so Wurm weiter.
Die Foundation soll von seinem Sohn und seiner Frau weitergeführt werden. „Und noch etwas kommt dazu“, so Wurm weiter. Es mache einen großen Unterschied, wie künstlerische Vermächtnisse verwaltet würden, erklärt er anhand eines Beispiels: „Henry Moore in England und Fritz Wotruba in Österreich, beide Bildhauer, waren zu einer bestimmten Zeit auf gleicher Höhe, haben gleich viel ausgestellt. Heute zahlt man für einen Moore zwischen 60 und 80 Mio. € und für einen Wotruba 100.000 €. Warum ist das so? Weil der Nachlass dramatisch schlecht geführt wurde“, erklärt Wurm.
Diese Foundation mache er nicht für sich, sondern für seine Frau und seine Kinder. „Ob sie das dann gut machen oder nicht, liegt danach nicht mehr an mir. Wenn sie das aber gut weitertreiben, haben sie noch lange was davon“, so der Künstler.
Von Aufhören ist aber noch lange nicht die Rede.
Er und seine Arbeit, sagt Wurm, das sei eine Einheit. Die Kunst, das Reisen, die Literatur – das sei Freude pur: „Das ist mein Lebenselixier. Ich bin immer noch am Suchen und wache jeden Tag mit Freude auf. Auch wenn ich mich über vieles ärgere und mich Dinge nerven, habe ich es auf der anderen Seite mit vielen tollen Leuten zu tun. Und mit vielen neuen Ideen. Wie heißt es so schön? Das Leben ist kein Ponyhof!“
Fotos: Peter Rigaud / Shotview Photographers