Den Hürden zum Trotz

Das österreichische Unternehmen ist Marktführer in Sachen Bitcoin-ATMs.

Nicht Singapur oder San ­Francisco, auch nicht Tel Aviv oder ­Berlin – der größte Be­treiber von Bitcoin- bzw. Krypto­währungs-ATMs (Automated Teller Machine, Geldausgabe­automat) kommt aus der 18.000-Ein­wohner-Stadt Kufstein in Österreich. Von dort aus haben die beiden Tiroler Wolfgang Thaler und Christopher Rieder, Gründer des Unternehmens Cointed, ein globales Netzwerk von 123 Bitcoin-­ATMs aufgebaut. Doch Cointed versteht sich nicht als reiner Betreiber von Geldautomaten. Marketingchef Albert Sperl beschreibt das so: „Wir verstehen uns selbst als One-Stop-Shop. Wir decken den gesamten Kreislauf – von der Produktion über den Vertrieb bis zur Akzeptanz im Shop – ab. Mit den Automaten machen wir den Zugang zu Krypto­währungen so einfach wie möglich.“

Rieder und Thaler gründeten Cointed aus einem eigenen Bedürfnis. Denn als die passionierten Gamer 2014 erstmals von Bitcoin hörten, wollten sie sich die digitale Währung unbedingt beschaffen. Doch das war mit sehr hohen Gebühren verbunden, was die beiden wiederum auf die Idee brachte, sich selbst eine Lösung zu bauen. Cointed stellte also die ­ersten Automaten auf – und betreibt heute 123 Maschinen in fünf Ländern. Laut Sperl steht man heute rund 30.000 registrierte Kunden mit 90.000 Abhebungen. Der ATM selbst kostet rund 3.500 €, wobei vor allem Two-Way-Automaten, bei denen man Kryptowährungen sowohl kaufen als auch verkaufen kann, im Kommen sind.

Doch das ATM-Geschäft macht laut Sperl nur etwa 30 Prozent des Umsatzes aus. Weitere 30 Prozent kommen aus dem Mining-­Geschäft, also dem Schürfen von digitalen Währungen über leistungsstarke Rechner; noch einmal 30 Prozent verdient Cointed über die eigene Kryptowährungsbörse. Die ­übrigen zehn Prozent stammen aus Einnahmen mit der Schnittstelle Payco, die das Unternehmen für Business­kunden programmiert.

2017 verdiente Cointed damit rund 150 Millionen €. Doch das Geld ist hart verdient, denn die Kryptowährungsszene ist ein heißes Pflaster. Zahlreiche betrügerische Aktivitäten, der Boom mit Initial Coin Offerings (ICOs) – verkürzt erklärt sind das digitale Börsengänge – mit zusätzlichen „Scams“ (Betrugsfälle) sowie die Hoffnung auf das schnelle Geld lassen die Branche zum Haifischbecken werden. So schlug sich Cointed lange mit Vorwürfen des tschechischen ATM-­Herstellers General Bytes herum. In einem offenen Brief hatte das Unternehmen Cointed, den damals größten Abnehmer der Maschinen, heftig attackiert: Cointed habe General-­Bytes-Geräte als seine eigenen ausgegeben und Features versprochen, die die Maschinen nicht hätten. Beweise für die Vorwürfe gab es damals keine.

Doch für das Image des Unternehmens dürften solche Ereignisse nicht ideal sein. Auch im Rahmen der mit des von Cointed selbst lancierten ICOs wurden in diversen Foren Vorwürfe geäußert: Falsche Angaben habe Cointed im zugehörigen Prospekt gemacht, etwa zur Zahl an Bitcoin-ATMs, die betrieben würden. Albert Sperl bestätigt die Zahl von 123 Maschinen weltweit auf Nachfrage jedoch – und sieht auch die Vorwürfe von General Bytes gelassen; letztendlich hätten die Anschuldigungen ja nicht bewiesen werden können.

Und auch, dass im April eine Hausdurchsuchung im Tiroler Büro von Cointed stattgefunden hat, hält Marketingmann Sperl und sein Team auf Trab. Die Untersuchungen liefen im Zusammenhang mit dem Bitcoin-Betrug rund um das Pyramidenspiel Optioment. Ende 2017 fiel das Investmentsystem in sich zusammen, Tausende österreichische Anleger bangen noch um ihr Geld. Schätzungen zufolge sollen rund 10.000 Personen betroffen sein, der Schaden könnte 100 Millionen € betragen.

 

Laut Ermittlern gibt es Hinweise, dass Optioment eine Schnittstelle von Cointed benutzt hat. Albert Sperl sagte gegenüber Medien, dass Cointed damit absolut nichts zu tun habe, vielmehr sei einer der Mitbegründer von Cointed, ein namentlich nicht genannter Tiroler, der seit mehreren Wochen in Asien unterwegs sei, in den Betrug verstrickt. Doch laut Sperl hat man sich von ihm schon vor geraumer Zeit „im Guten getrennt“, der Verdächtigte halte auch keine Anteile am Unternehmen mehr. Dass eigentlich ein anderer Cointed-Mitarbeiter Grund der Ermittlungen war, macht die Sache noch etwas komplizierter. Die Ermittlungen liefen zu Redaktionsschluss jedenfalls noch.

Offensichtlich ist, dass ­Cointed auch ohne die ganzen Querelen genug Arbeit hätte. Mit dem Mining-Geschäft expandiert das Unternehmen nach Skandinavien und will das Green Mining vorantreiben, bei dem erneuerbare Energien für die Rechner genutzt werden, um den energieintensiven Prozess nachhaltiger zu gestalten. Auch die benötigten Grafikkarten sollen so umgestaltet werden, dass sie ihren Verbrauch um 40 Prozent reduzieren können. Laut Sperl gebe es aber auch spannende Experimente mit den entstehenden „Abfallprodukten“ – so würde in Sibirien etwa die Abwärme der Rechner genutzt, um Häuser zu beheizen. Cointed besitzt Mining-Equipment im Wert von rund acht Millionen €.

Gleichzeitig soll aber auch die Exchange, also die Krypto-Börse von Cointed, weiter ausgebaut und die Aufstellung von ATMs insbesondere im asiatischen Raum forciert werden. Dabei könnten auch Partnerschaften mit Unternehmen folgen, die bereits über große Vertriebsnetzwerke verfügen, um die jeweiligen Filialen mit Krypto-ATMs auszustatten. „Es gibt in diese Richtung Ideen und Verhand­lungen“, sagt Sperl.

Die größten Hoffnungen macht sich Sperl aber zur hauseigenen Kryptowährungs-Schnittstelle: „In Payco stecken wir sehr große Hoffnungen.“ Auch in Sachen Umsatzziel ist Cointed nicht bescheiden unterwegs: 2018 sollen 500 Millionen € generiert werden. Dass die Cointed-Mutter mittlerweile ebenfalls in Hongkong sitzt, sei aber vor allem damit zu begründen, dass Cointed eine internationale Konzernstruktur be­nötigt habe. An der Mutter sind vier Österreicher zu je 25 Prozent beteiligt: CTO Charli Aho, COO Daniil ­Orlov, CEO Wolfgang Thaler sowie CFO Christopher Rieder.

Neben den Expansionsplänen steht bei Cointed aber auch ein Rebranding an. „Wir wollen, wenn es um unsere Farben geht, zurück zu den Wurzeln.“ Wie das Re­branding sowie die doch signifikan­te internationale Expansion (bald will Cointed mit der eigenen Krypto-Börse etwa in die Türkei expandieren) und das zugehörige Wachstum in Zukunft genau finanziert werden sollen, darüber ist sich Cointed offensichtlich noch nicht ganz im Klaren. Sperl: „Bisher wurde alles aus dem laufenden Geschäft finanziert. Wir haben kein Fremdkapitel in der Firma, wollen aktuell keine Anteile abgeben.“ Der bereits erwähnte Cointed-ICO soll der internationalen Expansion dienen. Das Unternehmen sammelte ­dabei 4,2 Millionen € ein, womit die ersten Schritte finanziell wohl ab­gedeckt sind. Doch um ein global agierendes Unternehmen aufzubauen braucht es wohl eine höhere Summe. Möglich wäre natürlich ein weiterer ICO. Doch Cointeds Überlegungen, wie die langfristige Finanzierung aussehen könnte, gehen in eine etwas konservativere Richtung: Cointed denkt nämlich auch laut über einen klassischen Börsengang nach. Albert Sperl zufolge sei es nämlich durchaus eine Möglichkeit, sich à la longue betrachtet an der Wiener Börse zu listen. „Das könnte in der Zukunft eine Option sein.“ Erste Gespräche hätten jedenfalls schon stattgefunden. Julia Resch, Sprecherin der Wiener Börse, betonte auf Nachfrage, dass man mit vielen verschiedenen Unternehmen in Kontakt sei und beratend zur Seite stünde; konkrete Auskünfte zu Gesprächen mit ein­zelnen Unternehmen könne die Wiener Börse jedoch nicht machen.

Neue Geschäftszweige, etwa Blockchain-Applikationen abseits von Kryptowährungen, sind laut Sperl ­aktuell kein Thema. Derzeit liegt der Fokus auf Kryptowährungen, denn Mitgründer Christopher Rieder ist sich sicher: „Wir sind fest davon überzeugt, dass sich Bitcoins und andere Kryptowährungen langfristig als ­gängige Zahlungsmittel durchsetzen werden.“ Albert Sperl schlägt ähn­liche Töne an: „Kryptowährungen werden uns bleiben – sie sind der nächste Schritt in Sachen Zahlungsmittel.“ Ob Cointed aus dem kleinen Kufstein uns ebenfalls erhalten bleiben wird und die Kryptobranche erobern kann? Sperl und Rieder würden wohl auch das bejahen.

Dieser Artikel ist in unserer April-Ausgabe 2018 „Regulierung“ erschienen.

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Chief Editorial Team

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