der 120-jährige, der aus dem nichts kam und ein system ins wanken brachte

Der Traum von einem längeren Leben begleitet die Menschheit seit Jahrhunderten. Noch nie aber waren wir seiner Verwirklichung so nah wie heute – Biotechnologie, Genforschung und personalisierte Medizin treiben die Lebens­erwartung nach oben, künstliche Intelligenz beschleunigt Diagnosen und Wirkstoffentwicklung. Unternehmen wie Altos Labs oder Calico investieren Milliarden, um das Altern selbst als behandelbare Krankheit zu verstehen. Laut dem McKinsey Health Institute könnten wir bereits in den nächsten zehn Jahren weltweit 45 Milliarden zusätzliche gesunde Lebensjahre gewinnen – im Schnitt wären das sechs Jahre pro Mensch.

Die Aussicht, dass Menschen künftig nicht 80 oder 90, sondern 120 Jahre alt werden, gilt in der Wissenschaft also nicht mehr als Science-Fiction. Erste Verfahren, die biologische Uhr zurückzudrehen, sind in der Erprobung, Bluttests verraten heute schon mehr über das wahre Alter als der Reisepass. Das medizinische Fundament für ein langes Leben ist gelegt. Doch während der Wandel selbst rasant passiert, wird über die Folgen dieser Entwicklung kaum gesprochen.

Denn ein Leben von zwölf Jahrzehnten würde ­unsere Gesellschaft nachhaltig auf den Kopf stellen. Partnerschaften und Ehen, die heute 30 oder 40 Jahre dauern, würden sich dann auf 70 oder 80 Jahre aus­dehnen. Schon heute leben mehr Menschen länger und öfter als Single, was etwa Änderungen am Wohnungsmarkt mit sich bringt. Wer mit 65 Jahren in Pension geht, verbringt nicht mehr rund 20 Jahre im Ruhestand, sondern mehr als 50 – eine Vorstellung, die unser Pensionssystem völlig veraltet wirken lässt. Und Erbschaften würden so spät fließen, dass sie für die nächste Generation kaum noch relevant wären – vielleicht erst nach 90 oder 100 Jahren. Gleichzeitig verschärft sich ein zweiter Trend: die sinkende Geburtenrate. In den OECD-Ländern ist sie seit 1960 von 3,3 Kindern pro Frau auf 1,5 im Jahr 2022 gefallen. Schon heute schrumpfen ganze Bevölkerungen, während die Zahl der über 65-Jährigen steigt. In Europa könnte die Alten­abhängigkeitsquote – also das Verhältnis von Rentnern zu Erwerbstätigen – bis 2070 auf über 50 % klettern. Frankreich etwa rechnet damit, dass die Zahl der Hundertjährigen von heute rund 30.000 auf fast 200.000 wächst. In Japan, wo bereits knapp 30 % der Bevölkerung älter als 65 sind, lässt sich beobachten, wie ein Land unter der demografischen Schwerkraft ächzt: stagnierendes Wachstum, steigende Sozialausgaben, fehlende Dynamik. Europa könnte bald ähnlich aussehen.

Diese Verschiebungen hätten Folgen weit über das Ökonomische hinaus. Bildung müsste neu gedacht werden, denn ein Studium zu Beginn des Lebens trägt niemanden durch eine hundertjährige Karriere. Universitäten könnten zu lebenslangen Abo-Modellen werden, Menschen würden mit 50 oder 70 noch einmal inskribieren. Und Familienstrukturen würden sich so verdichten, dass bis zu sechs Generationen parallel leben könnten – mit allen Konflikten, aber auch Chancen, die das mit sich bringt.

Künstliche Intelligenz verstärkt diesen Wandel zusätzlich – denn ob und inwiefern wir in 50 Jahren noch Jobs haben, ist ein großes Fragezeichen. Das alles klingt nach einer Debatte über neue Pensionssysteme; doch die Umwälzungen sind viel größer und betreffen quasi jeden Bereich unseres Lebens. Wo das alles hinführen könnte und welche Chancen und Risiken ein längeres gesundes Leben mit sich bringt, wissen wir heute noch nicht. Fest steht nur, dass unser System überhaupt nicht darauf ausgelegt ist, diesen Wandel zu tragen – und dass wir alle uns Gedanken machen müssen, welche Rolle wir in einer solchen Zukunft spielen wollen.

Klaus Fiala,
Chefredakteur

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