Der Architekt und die Details

Städte und ihre Erscheinungsbilder erzeugen ein stetes Spannungsfeld – Schönheit ist wie immer Ansichtssache. Einer derjenigen, die diese Bilder seit Jahrzehnten prägen, ist Max Dudler. Der Schweizer, weder kompromissloser Modernist noch romantischer Historist, führt ein äußerst erfolgreiches Architekturbüro. Fragen zu Geld beantwortet er kühl – geht es um seine Werke, spricht Dudler jedoch leidenschaftlich und bestimmt.

Max Dudler reiste aus Gallneukirchen nach Wien. Dort verantwortet er das Projekt „Riepl-Gründe“, einen Gebäudekomplex mit Wohnungen und Gastronomiebetrieben, ein kurzer Abstecher nach Wien war also naheliegend. Dudler checkt im Wiener Palais Coburg, einem spätklassizistischen Gebäude des 19. Jahrhunderts, ein. Später wird der Architekt das Palais als „über­ladenen Historismus“ bezeichnen. Dudler trägt – wie immer – einen schwarzen Dreiteiler, die Hemdknöpfe an der Brust und den Ärmeln sind auf­geknöpft, dazu Brille; sein graues Haar ist ­stachelig aufgestellt – Dudler hat Wiedererkennungswert. Eine Eigenschaft, die der Architekt auch seinen Werken verpassen will.

Mit seinem Architekturbüro, das Stand­orte in Berlin, Zürich, Frankfurt und München hat, setzte der Schweizer einige der spannendsten baulichen Projekte Europas um: das Jacob-­und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin, die Europa­allee in Zürich, das Eisenbahnmuseum in Bochum oder die Stadtbücherei in Esslingen. Auch in der Brüsseler Innenstadt hat Dudler seine ­Finger im Spiel: Vier neue Wohn- und ein Schulgebäude sollen ausgehend von seinen Skizzen ­Realität werden. Europaweit plant und entwickelt Dudlers Büro mit 110 Mitarbeitern aktuell rund 40 Bauvorhaben.

Max Dudler
... studierte Architektur in Frankfurt und Berlin. Nach Tätigkeiten in Architekturbüros machte er sich mit Partnern 1986 selbstständig. Seit 1992 führt Dudler sein eigenes Büro, das heute 110 Mitarbeiter und Standorte in Zürich, Frankfurt, München und Berlin hat.

Als wir Dudler zum Gespräch treffen, setzen wir uns im Foyer nieder – der Blick geht auf das dem Palais Coburg gegenüberliegende Gebäude. Es ist ein im Bauhausstil gehaltenes Haus, das sich so gar nicht in die imperiale Wiener Innenstadt einfügen will. Dudler zeigt hinüber: „Es (das Gebäude, Anm.) ist teils fürchterlich im Detail, aber in der städtebaulichen Haltung im Grunde nicht uninteressant. Man sieht hier, wie wichtig das architektonische Detail und die Materialbehandlung in der Architektur sind.“ Wieso? Am Gebäude gibt es keine gotischen, barocken oder klassizistischen Elemente – alles, was Wien ausmacht, fehlt. Dudler: „Heutige Architekten können die Merkmale historischer Gebäude nicht einfach kopieren. Wir sind von der Tradition getrennt. Trotzdem ist es unsere Aufgabe, eine Verbindung zur Geschichte aufzunehmen. Wir wollen etwas Neues schaffen, das ohne das Alte nicht denkbar ist; eine Architektur, die eine Brücke über die Zeiten spannt.“ Was das konkret bedeutet? „Am Postgebäude von Otto Wagner hier in Wien kann man eine moderne und zugleich zeitlose Verarbeitung der Tradition studieren. Der überladene Historismus eines Palais Coburg war den Zeitgenossen vielleicht zugänglicher als unserer Zeit. Selbst die vielen, denen diese Architektur gefällt, würden sie als Ausdruck unserer Zeit ablehnen.“

Max Dudler machte schon früh seine ­ersten Schritte in der Branche. Bereits als Kind zeichnete er leidenschaftlich gern. Sein Vater war Unternehmer, besaß Steinbrüche und Kunststeinwerke am Bodensee. In dessen Fußstapfen zu ­treten war aber weder für Dudler noch für seine Brüder eine Option, obwohl Dudler sich durchaus kurz als Steinmetz versuchte. „Das war sehr harte Arbeit“, sagt er heute darüber.

Dudler zog nach Amsterdam, wollte Musiker werden – ohne Erfolg. „Ich musste anerkennen, dass ich mehr Ambitionen als Talent zum Rock-’n’-Roller hatte.“ Der Schweizer begann, Architektur zu studieren – diesmal mit Erfolg. Doch Dudler wollte sich in der neuen Szene beweisen, ohne dafür Gefallen einzufordern: „Schweizer Architekten sind ja dem Klischee nach sehr beziehungsorientiert. Doch anders als viele Kollegen erhielt ich meine ersten Aufträge nicht über Beziehungen, sondern über Wettbewerbe und Gutachten. Von Anfang an musste ich mich gegenüber meiner Konkurrenz mit besseren Projekten durchsetzen.“ Und das tut er noch immer, wie er erzählt: Alleine in der Woche vor unserem Gespräch gewann sein Büro drei Wettbewerbe und zwei Aufträge, konkret in Hamburg und Luzern.

Die europäische Stadt lebt von der Qualität des öffentlichen Raums.

So gerne Dudler über Architektur und Details seiner Bauten spricht, so wenig Interesse zeigt der Architekt an den unternehmerischen Aspekten seines Daseins. Als wir wissen wollen, wie viel Umsatz sein Büro macht, antwortet er mit einer Bandbreite: „Wir machen wohl sieben bis zehn Millionen € Umsatz im Jahr. Ich studiere aber nicht ständig unsere Kontoauszüge. Unser Antrieb ist nicht das Geld.“

Dudler bewegt sich zwischen den Welten. Ein rein moderner oder rein historistischer Stil ist nichts für ihn. Er ist vielmehr ein Architekt der Moderne, der die Vergangenheit nicht aus dem Stadtbild ausradieren will. Seine Philosophie fasst Dudler auf seiner Homepage so zusammen: „Es ist einfach, ein Haus mit hundert beliebigen Details zu bauen. Wenn man nur auf zehn Details setzt wie wir, muss jedes Detail perfekt sein.“ Seine Liebe für ausgewählte Materialien und seine Neu­interpretation historischer Stile, auf Minimalismus und Abstraktes reduziert, dient Dudler dazu, etwas Zeitloses zu schaffen. Er holt die Essenz aus der gewachsenen Stadt und gießt sie in ein Design, welches seiner Ansicht nach ewige Aktualität versprechen soll. Dudler versucht damit, die besten Architekten der Geschichte zu übertreffen, indem er ewig aktuelle Bauten realisiert.

„Wenn wir gegen ihre Geschichte und Struktur arbeiten, verlieren unsere Städte irgendwann ihre Identität“, so Max Dudler.

Dabei arbeitet er stets auf den Kontext bezogen; die Materialisierung der Gebäude bezieht sich auf den jeweiligen Ort – was auch heißt, dass Dudler ortstypische Materialien nutzt, wo möglich. „Mein Thema ist die architektonische und historische Kontinuität, ich möchte die Stadt im Bewusstsein der gewachsenen Geschichte weiterbauen. In Österreich, aber auch zum Beispiel in Holland besteht ja die Tendenz, den Stadtraum durch modernistische – oder besser gesagt selbstherrliche – Eingriffe zu verbauen. Diese Gegenwelten sind nicht mein Ansatz. Wir bauen auch modern, der Unterschied ist aber, dass wir an die historisch gewachsenen Strukturen anschließen, sie für unsere Zeit neu interpretieren. Wenn wir gegen ihre Geschichte und Struktur arbeiten, verlieren unsere Städte irgendwann ihre Identität.“

Für Dudler müssen Bauprojekte Stadt­räume bieten, an denen sich Menschen gerne treffen und aufhalten. In Städten sollte dichter und höher gebaut und jede verfügbare Fläche ausgenutzt werden, so Dudler. Als Beispiel nennt er die Humboldt-Universität in Berlin, die laut dem Wochenmagazin Der Spiegel der „größte Kontakt­hof“ Deutschlands sein soll. Für 3.000 ­Besucher pro Tag wurde das Gebäude ursprünglich geplant, heute sind es 9.000. Dass sich die Menschen in seinen geschaffenen Räumen treffen, macht Dudler sichtlich stolz: „Die europäische Stadt lebt von der Qualität des öffentlichen Raums. Wo diese Eigenschaft fehlt, kommt Verrohung zum Vorschein – wie in den Pariser Banlieues.“ Dudler hat daher nicht nur den Stil eines Gebäudes im Blick, sondern stets auch die Funktionalität. Beide Aspekte müssen für ihn in einer Symbiose zueinander stehen.

Doch es gibt auch Kritik – teils ­durchaus harsche. In Bremen skizzierte Dudler das City-­Gate, einen Gebäudekomplex mit Büros, Hotels und Gastronomie. Radio ­Bremen hat vor Ort Meinungen dazu eingeholt: Es sei klotzig, hässlich, seelenlos, einfallslos und viel zu groß. Auch andere Stimmen werfen Dudler vor, wenig ansehnlich zu bauen. Ein besonders spöttischer Onlinekommentar besagte etwa, Dudler würde „Schuhkartons mit Schießscharten als Fenstern“ entwerfen. Sobald es um die Ästhetik seiner Bauten geht, wird Dudler emotional. „Ich baue nicht nur ‚Schuhkartons‘. Diese Kritik kenne ich nun seit 20 Jahren. Es ist wohl vielmehr so, dass meine Kritiker nur eine Schublade benutzen. Wir haben kürzlich ein Buch mit allen unseren Projekten veröffentlicht. Da finden Sie über 400 Entwürfe; jeder ist anders. Sie finden immer neue Themen, die wir erarbeiten. Unsere Haltung zum Beispiel in Bezug auf die Fassade – das alles entwickelt sich immer weiter und weiter. Aber wir verleugnen uns auch nicht.“

Doch die Konstruktion von Gebäuden verändert sich durch ihre zunehmende Technologisierung. Für solche Trends hat Dudler wenig übrig: „Ich weiß am Ende nicht, was smarte Gebäude und Smart Cities sein sollen. Ich möchte das auch nicht mehr hören, das ist albern. Ein Haus ist ein Haus und ein Baum ist ein Baum – so einfach denke ich. Ich gebe zu, dass wir an solchen Ansätzen auch schon gearbeitet haben, aber an einer totalen Technisierung ist überhaupt nichts smart.“ Laut Dudler bringe das Hightech-Equipment den Menschen keinen Mehrwert. Den Kühlschrank in der Wohnung per Smart Device aus dem Büro kühler zu stellen oder sich das Essen in der Mikrowelle aus der Ferne aufzuwärmen empfindet Dudler als lächerlich. „Das ist doch unerotisch bis zum Gehtnichtmehr.“

Text: Muamer Bećirović
Fotos: David Visnjic

Der Artikel erschien in unserer Juli/August-Ausgabe 2020 „Smart Cities“.

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