Der Baumeister

Seit fast fünf Jahrzehnten entwickelt Dieter Becken Immobilien. Seine Gebäude prägen Hamburg, seine Holding hat Projekte im Milliardenwert realisiert. Doch der Immobilienmarkt, in dem Becken groß geworden ist, existiert so nicht mehr: Zinsen, Regulierung und eine veränderte Arbeitswelt zwingen die Branche zum Umdenken. Becken reagiert, wie er es schon mehrfach getan hat: Er baut um – Gebäude, Geschäftsmodell und inzwischen auch seine eigene Rolle.

Wer Hamburgs Sehenswürdigkeiten besichtigt, kommt an den Klassikern kaum vorbei: an der Binnenalster und dem Jungfernstieg, am Rathaus, an der Speicherstadt und der Elbphilharmonie. Manch einer kommt bei seinem Spaziergang durch die Stadt auch am gläsernen Berliner Bogen am Anckelmannsplatz vorbei, an den Hochhäusern Doppel-X-Hochhaus oder dem Berliner Tor Center. Gerade letztere drei Objekte verbindet ein Name: Dieter Becken. Seit 1978 entwickelt der Unternehmer Immobilien; so einiges, was heute das Stadtbild prägt, lief über seinen Schreibtisch.

„Das ist eine besondere Architektur“, sagt Becken über das Gebäude, in dem wir an diesem Nachmittag sitzen. Das denkmalgeschützte Finnlandhaus an der Esplanade stammt aus den 1960er-Jahren. Becken hat die 5.600 Quadratmeter Mietfläche mit einem Projektvolumen von 50 Mio. € umfassend revitalisiert und dort seit 2017 den Hauptsitz seiner Becken Holding.

Blickt man aus den Fenstern weit oben im Konferenzraum, in dem unser Gespräch stattfindet, oder dreht sich wenig später beim Fotoshooting auf der Dachterrasse einmal um die eigene Achse, wird sichtbar, wie stark Becken die Stadt in den letzten Jahrzehnten geprägt hat. Es gibt quasi keine Richtung, in die wir blicken, in die er nicht mit dem Finger in die Ferne zeigt und auf ein Gebäude verweist, das seine Handschrift trägt. „Stolz, Freude und große Zufriedenheit“, sagt Becken, als er gefragt wird, was es mit ihm macht, in Hamburg überall auf eigene Projekte zu treffen.

Seit 1978 ist Becken im Immobiliengeschäft. In knapp fünf Jahrzehnten hat seine Gruppe Projekte mit einem realisierten Immobilienvolumen von rund 3,2 Mrd. € umgesetzt; gemeinsam mit der 2021 übernommenen Industria verwaltet sie heute rund 6,3 Mrd. € an Immobilienvermögen und beschäftigt 230 Mitarbeitende an den Standorten in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt.

Sein persönliches Vermögen wird in externen ­Rankings inzwischen auf rund 1,2 Mrd. € geschätzt – damit zählt Becken zu den vermögendsten ­Deutschen. Worin genau das Vermögen der Familie Becken steckt, legt diese nicht offen. Klar ist jedoch, dass Immo­bilien nur einen Teil der Vermögensstruktur aus­machen. Das familieneigene Single Family Office Capella ­verwaltet neben den Beteiligungen rund um das ­Immobiliengeschäft auch liquide Kapitalanlagen und Private-Market-Investments.

Dass Beckens Name auch innerhalb der Branche Gewicht hat, zeigen die Auszeichnungen der vergangenen Jahre: 2022 erhielt er den Hamburger Gründerpreis für sein Lebenswerk, im März 2026 folgte der Lifetime Award des Fachmagazins Immobilienmanager.

Die Welt, in der Becken sich einen Namen gemacht hat, hat sich vor allem in den letzten Jahren stark verändert. Die Inflation erreichte in Deutschland 2022 mit 10,4 % den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung; gleichzeitig leitete die Europäische Zentralbank eine der schnellsten Zinswenden ihrer Geschichte ein: Der Einlagenzins, der im Sommer 2022 noch bei minus 0,5 % gelegen hatte, stieg bis September 2023 auf 4 %. Das hatte Folgen: Im ersten Halbjahr 2023 brach das Transaktionsvolumen am deutschen Immobilieninvestmentmarkt gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 64 % auf 13 Mrd. € ein. Im Gesamtjahr wechselten Immobilien im Wert von 28,6 Mrd. € den Eigentümer – 57 % weniger als noch 2022. Seither hat sich der Markt zwar stabilisiert, von den alten Größenordnungen ist er aber weiterhin entfernt.

Becken hat in seiner Karriere als Immobilieninvestor und Projektentwickler bereits mehrere Abschwünge erlebt. Die aktuelle Krise unterscheidet sich für ihn jedoch vor allem durch ihre Geschwindigkeit: „Die Zinsen sind ein großes Problem“, sagt er. „Die Banken sind noch vorsichtiger geworden, gehen immer weniger Risiken ein und verlangen immer mehr Eigenkapital. Gleichzeitig bewerten sie ihre Kredite in sehr kurzen Abständen neu. Das stellt uns vor große Herausforderungen.“

Vor allem beim Wohnungsbau zeigt sich das ­Ausmaß: 2025 wurden in Deutschland 18 % weniger Wohnungen als im Vorjahr fertiggestellt und so wenige wie seit 2012 nicht mehr. Inzwischen zeigen sich erste Anzeichen einer Erholung – im ersten Halbjahr 2026 wurden 126.300 Wohnungen genehmigt, 15,1 % mehr als im Vorjahreszeitraum. Für Becken löst das das grundlegende Problem noch nicht: „Die Nachfrage ist ja da. Wir können nur keinen Wohnraum wirtschaftlich bauen, der zu bezahlbaren Mieten angeboten werden kann“, sagt er und führt weiter aus: „Die Wohnwirtschaft wird dieses Problem nicht lösen können. Hier muss der Staat unterstützen und gezielt fördern.“

Im Büromarkt sieht das Bild wiederum anders aus. Becken rechnet langfristig mit weniger Flächenbedarf und damit mit einem kleineren Markt. Das hat vor allem mit New Work und der flexibleren Nutzung von Flächen sowie Homeoffice zu tun; aber auch mit KI und Robotik. Auch die aktuellen Hamburger Zahlen zeigen Zurückhaltung: Im ersten Halbjahr 2026 wurden rund 157.000 Quadratmeter Bürofläche vermietet, 31 % weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs. „Der Markt wird kleiner, weil die Nachfrage nach Büroflächen langfristig zurückgehen wird“, sagt Becken. Für sein eigenes Geschäft sieht er darin allerdings nicht unbedingt einen Nachteil: „Viele sind in den vergangenen vier Jahren auf der Strecke geblieben und viele werden auch nicht wiederkommen. Der Markt wird kleiner, ebenso die Zahl der Mitbewerber.“

Im Wettbewerb trifft Becken auf einige deutlich größere sowie ähnlich positionierte Immobilienunternehmen, etwa die Hamburger Art-Invest Real Estate, die bundesweit tätige ABG Real Estate Group und die ebenfalls in Hamburg verwurzelte Behrendt Gruppe. Art-Invest verwaltet rund 12,5 Mrd. € an Immobilienvermögen und ist als Investor, Assetmanager und Projektentwickler in mehreren europäischen Metro­polen aktiv. ABG kommt auf rund 4 Mrd. € verwaltetes Vermögen und entwickelt vor allem Büro-, Wohn- und Quartiersprojekte. Die familiengeführte Behrendt Gruppe wiederum gehört zu den etablierten Ham­burger Projektentwicklern und beziffert ihr bislang realisiertes Projektvolumen auf mehr als 2,5 Mrd. €.

Wenn ich nachdenken kann und sehe, dass sich daraus etwas entwickelt, erfüllt mich das ungemein.

Dieter Becken

Wie Becken in diesem Umfeld denkt, zeigt sich an einem prominenten Beispiel, dem Hamburger Elbtower: Seit der Insolvenz der Signa-Gruppe rund um René Benko steht der Rohbau am östlichen Rand der Hafen City unvollendet. Seit Dezember 2024 verhandelt ein von Becken angeführtes Investorenkonsortium exklusiv über Kauf und Weiterbau des Projekts. Zu den Beteiligten zählen unter anderem der Rossmann-­Gründer Dirk Roßmann, die Signal Iduna und das Bauunternehmen Adolf Lupp; auch der Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne gehörte bis zu seinem Tod im August 2026 zur Investorengruppe.

Während viele die Finger von dem Objekt lassen, interessiert Becken, wie sich aus dem Projekt etwas machen lässt. Denn an der grundsätzlichen Qualität des Elbtowers zweifelt er nicht: „Das ist eine der besten Lagen, die wir hier in Hamburg haben.“ Er verweist auf S- und U-Bahn direkt am Gebäude, die Nähe zur Innenstadt und die Architektur und führt weiter aus: „Sehr wohl hatte dieses Gebäude einen Mangel: Die unteren Geschosse waren so geplant, dass dafür nur sehr wenige Nutzer infrage gekommen wären. Ich habe mir gesagt: Wenn ich dort einen passenden Nutzer finde, dann ist das ein perfektes Haus.“ Diesen Nutzer sieht Becken im Naturkunde­museum. Für die übrigen Flächen sieht das derzeitige Konzept unter anderem Hotel-, Büro- und Gastronomienutzungen vor. Ein endgültiger Vertrag mit der Stadt über das Naturkundemuseum liegt bislang allerdings nicht vor; auch die Vermietung der übrigen Flächen ist noch nicht abgeschlossen.

Der Elbtower passt damit zu einer grundsätz­licheren Überzeugung Beckens: Immobilien funktio­nieren für ihn nicht allein über Architektur, sondern über Nutzung. Wohnen, Arbeiten, Handel und Gastronomie müssen dort zusammenspielen, wo es sinnvoll ist. In Hamburg entwickelt er derzeit in den Colon­naden selbst ein Gebäude nach diesem Prinzip: Gewerbe im Erdgeschoss, Büroflächen darüber, Wohnen in den oberen Etagen.

Noch deutlicher wird dieser Pragmatismus beim Umgang mit bestehender Bausubstanz. Becken: „Ich glaube fest daran, dass man jedes Haus sanieren kann. Ich entscheide danach, wo das Haus steht. Wichtig ist mir auch, dass der Rohbau aus Beton oder Stein besteht. Schwieriger wird es bei alten Gebäuden mit Holzbalken­decken, weil dann Schallschutz und Technik anspruchsvoller sind. Aber ansonsten sage ich: Aus jedem alten, schrecklich aussehenden Haus kann man wieder ein modernes Bürogebäude machen.“

Nicht jedes Problem lässt sich allerdings baulich lösen – Planungs- und Genehmigungsverfahren sind für Becken inzwischen selbst Teil der Investitions­rechnung. „Wir brauchen in Berlin 105 Monate, um einen Bebauungsplan aufzustellen, und noch einmal etwa 60 Monate, um eine Baugenehmigung zu bekommen. Das sind fast 15 Jahre. Ich plane heute ein Bürogebäude für bestimmte Mieter und kann es ihnen erst 15 Jahre später übergeben . Das ist ein Risiko.“

Dieter Becken wurde 1949 in Mecklenburg-Vorpommern geboren. Seine Familie floh später aus der DDR nach Westdeutschland und kam 1960 nach Hamburg. Nach Zwischenstationen in Flüchtlingslagern wuchs er in Tornesch auf. Als er mit 15 Jahren zur Berufs­beratung ging, fiel das Urteil ernüchternd aus: Für ihn kämen vor allem einfache handwerkliche Berufe infrage. Becken entschied sich für eine Maurerlehre.

Dabei blieb es nicht: Parallel zur Arbeit auf dem Bau holte er auf dem zweiten Bildungsweg die Fachhochschulreife nach, studierte zunächst Architektur in Hamburg und anschließend Ingenieurwissen­schaften in Hannover. Noch am Wochenende nach seinem Abschluss suchte er sich ein kleines Büro, am darauf­folgenden Montag machte er sich selbstständig. Kapital oder ein Netzwerk hatte er nicht; stattdessen standen am Anfang rund 6.000 Mark Schulden und zunächst vor allem eines: keine Aufträge. „Im Nachhinein muss ich ganz offen sagen: Das war schon sehr blauäugig. Das könnte heute nicht mehr gelingen“, resümiert Becken.

Die ersten Monate überbrückte Becken mit vergleichsweise einfachen Schalungszeichnungen für Betonwerke. Dann kaufte er sein erstes Grundstück, damals noch vollständig fremdfinanziert, und errichtete darauf ein Doppelhaus. Planung, Statik und Teile der handwerklichen Arbeit übernahm er selbst. Aus dem Doppelhaus wurden Reihenhäuser, aus kleinen Projekten größere Entwicklungen. 1978 entstand daraus schließlich das Unternehmen, das heute seinen Namen trägt.

Diese Herkunft erklärt auch, warum Becken über Risiko bis heute anders spricht als viele Investoren. „Ich bin ein mutiger Mensch. Aber ich bin auch feige. Wenn ich davon ausgehe, dass wir in eine gute Zeit hineinkommen, bin ich schon mal sehr mutig. Diese drei Hochhäuser habe ich in einer Krisenphase gebaut, und sie waren fertig, als die Krise vorbei war. Solche Häuser fast ohne Eigenkapital zu bauen war grenzwertig. Aber wenn Sie mir heute solche Häuser anbieten würden, wäre ich feige. Ich würde sie nicht beginnen, sondern noch zwei oder drei Jahre warten“, so Becken.

Dieser Ansatz machte sich auch 2006 bezahlt – damals verkaufte Becken einen großen Teil seines Immobilienbestands an Morgan Stanley. Das Volumen lag bei rund 700 Mio. €. Wenige Monate später begann die internationale Finanzkrise. „Natürlich habe ich diese Finanzkrise nicht vorausgesehen. Ich habe diese Immobilien aus ganz anderen Gründen verkauft. Mein Geschäftsmodell war bis dahin: Immobilien entwickeln, bauen, vermieten und im Bestand halten. Ich wollte aus den Mietüberschüssen die Zinsen bezahlen, möglichst tilgen und davon mein Personal und meinen Lebens­unterhalt finanzieren. Aber ich hatte die Häuser mit sehr wenig, teilweise gar keinem Eigenkapital auf­gebaut – und ich habe erkannt, dass man Immobilien, die zu 100 oder sogar 105, 110 % finanziert sind, langfristig nicht sicher halten kann. Wenn dann Leerstand entsteht, ein Mieter nicht zahlt oder größere Sanierungen anstehen, wird das schnell zu einer erheblichen Belastung.“

Rund zwei Jahrzehnte später steht Becken erneut vor einer solchen Neuordnung. Auf die Immobilienkrise seit 2022 reagierte die Gruppe, indem sie ihr Geschäftsmodell breiter aufgestellt hat: Statt Projekte aus­schließlich für die eigene Bilanz zu entwickeln und ­anschließend zu verkaufen, arbeitet Becken heute ­stärker als Entwickler für Dritte. Mit der Übernahme des Frankfurter Immo­bilien- und Investmentmanagers Industria im Jahr 2021 baute die Gruppe zudem ihr Geschäft aus – ein Kaufpreis wurde nicht veröffentlicht.

Hinzu kommen erste Investments in Bereiche außerhalb der klassischen Projektentwicklung, darunter Photovoltaik und Batteriespeicher. Der Gedanke dahinter ist derselbe wie schon 2006: Einnahmequellen ­schaffen, die weniger stark von einzelnen Immobilienzyklen ­abhängig sind. Becken: „Die Fähigkeit, sich anzupassen, ist entscheidend. Man muss auch den Mut zur Veränderung haben. Das kann total daneben gehen. Ich bin mit dem Erwerb eines Assetmanagers in die Finanzdienst­leistungsbranche eingestiegen. Ich bin gelernter Maurer und Architekt, kein Banker. Natürlich verstehe ich das Immobiliengeschäft, aber das ist trotzdem noch einmal etwas anderes. Da braucht es den Mut, einzusteigen, daran zu glauben – und nicht aufzugeben, wenn es am Anfang schwierig wird.“

Ganz verlassen will Becken sein Kerngeschäft damit allerdings nicht, im Gegenteil: Im Wohnungsbau bereitet sich die Gruppe bereits auf eine Phase vor, in der Neubau wieder wirtschaftlicher wird. Im gewerblichen Bereich bleibt er vorsichtiger und wartet auf deutlichere Signale aus dem Markt. Sein Prinzip bleibt damit dasselbe wie seit Jahrzehnten: früh planen, aber nicht um jeden Preis früh bauen. „Pass dich an, beobachte den Markt und entwickle ein Gefühl für ihn“ – Becken formuliert diesen Satz später als einen der Ratschläge, die er seiner Tochter für die Zukunft mitgeben will. Jeden Dienstag treffen sich die beiden für rund zwei Stunden zu ihren „Dienstagsgesprächen“. Nadine Becken ist längst Teil der Unternehmensstruktur: Sie ist stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungsrats der Becken-Gruppe und geschäftsführende Gesell­schafterin der Capella Vermögensverwaltung, dem Family Office der Familie. Der 2019 geschaffene Verwaltungsrat soll auch sicherstellen, dass die nächste Generation frühzeitig in strategische Entscheidungen eingebunden wird.

Für Dieter Becken geht es dabei nicht darum, seiner Tochter einen fertigen Bauplan für die Zukunft zu hinterlassen – er versucht vielmehr, Erfahrungen und Prinzipien weiterzugeben. „Vertraue deinen Leuten und kompetenten Leuten. Arbeite mit denen eng zusammen. Hinterfrage alles. Mach nichts, was du nicht verstehst“, nennt er einige davon. Dass seine Tochter ihm mittlerweile gelegentlich auch widerspricht, wertet Becken als gutes Zeichen: „Daran merke ich, dass sie es verstanden hat.“ Doch an Ruhestand denkt Dieter Becken nicht: „Ich liebe meinen Job. Ich brenne für meinen Job. Wenn ich nachdenken kann und sehe, dass sich daraus etwas ent­wickelt, erfüllt mich das ungemein. Und ich denke, wer ständig dabei ist und arbeitet, bleibt jung.“

Fotos: Georg Tedeschi

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