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Mayowa Nwadike ist ein Maler des Jetzt – und aufstrebender Künstler und moderner Geschäftsmann zugleich. Während er zwischen den Widersprüchen seiner eigenen Realität pendelt, wird er zum Brückenbauer, Versöhner und Sucher nach der Wahrheit.
Mayowa Nwadike ist ein Zeitreisender. „Was war, was ist, was sein könnte“, erklärt er und zeigt auf die Gemälde, die an der Wand seines Studios aufgehängt sind. Es ist eine dreidimensionale Denkaufgabe, die er sich
in seiner Kunst stellt: die Gegenwart, die Vergangenheit und die potenzielle Zukunft.
Nwadikes Gemälde zeigen Männer und Frauen, People of Color, aber auch Kinder und Tiere. Sie blicken energisch aus den Gemälden heraus; stieren die Betrachter mit Wut, Neugierde oder Misstrauen an. Das Nächste, was auffällt, sind die Farben: „Da war ich in meiner Lila-Phase“, scherzt Nwadike und deutet auf das ernste Jungen-Porträt vor einem fliederfarbenen Hintergrund; „und hier in meiner Rot-Phase“ – mit Fingerzeig auf eine rot bekleidete Frau vor einem roten Hintergrund.
Die Gemälde scheinen zeitlos. Bei bloßer Betrachtung wäre man sich nicht sicher, ob sie in ein New Yorker Wohnzimmer gehören oder in eine Galerie zur Ehrung eines Künstlers vergangener Jahrhunderte. Dabei ist Nwadike ein Maler im Jetzt. In seiner Arbeit und seiner Art ist er ein Pendler zwischen den Welten: Er ist ein Künstler und Kreativer, aber auch ein Geschäftsmann. Er ist ein Student alter Meister, aber auch ein klassischer Vertreter seiner Generation. Er ist ein Immigrant aus Nigeria, ein Mensch in der afrikanischen Diaspora, wie er sagt, aber auch ein New Yorker. Mit gerade einmal 28 Jahren hat er das Malen zu seinem Vollzeitjob gemacht – in einer Stadt wie New York City, wo selbst Menschen, die in glänzenden Bürogebäuden arbeiten, Mühe haben, sich die Stadt leisten zu können.
Je mehr man sich mit dem Geschäftlichen beschäftigt, desto besser kann man für sich selbst einstehen.
Mayowa Nwadike
Doch selbst als klassischer Kreativer ist Nwadike dieser Welt näher, als man vermuten könnte. Sein Studio erreicht man über einen Co-Working-Space in Brooklyn. Im Gemeinschaftsbereich sitzen junge Tüftler mit Noise-Cancelling-Kopfhörern vor ihren Laptops. An der Getränketheke werben Aufsteller für die freitägliche Happy Hour und das nächste Community-Event.
Im hinteren Bereich arbeitet Nwadike in seinem kleinen Studio mit hohen Decken. An einer Seite steht ein Schreibtisch, darauf ein Monitor, Post-its, Ladekabel. Nwadike arbeitet dort an seinem Newsletter und anderen Projekten; zum Beispiel seinem ersten Kunstdruck, den er gerade über Social Media bewirbt. Er erwähnt seinen Manager, Deadlines, E-Mails; ein festes Zeitfenster pro Woche, das er vor allem für administrative Aufgaben nutzt. All das klingt in der Tat nach einem Job, der in einen Brooklyner Co-Working-Space gehört.
„Es gibt auch solche Künstler mit rohem Talent, für die andere den Business-Part übernehmen“, erklärt Nwadike. Doch er kümmere sich lieber selbst um das Geschäft. „Ich verstehe, warum sich viele Künstler lieber nicht damit herumschlagen wollen“, sagt er. „Aber je mehr man sich damit beschäftigt, desto besser kann man für sich selbst einstehen und sich selbst seine Möglichkeiten erschaffen.“
Das gebe ihm auch die Freiheit, Nein zu sagen.
„Die Kunstwelt ist wie ein ‚Twilight‘-Movie, weißt du? Da gibt es Vampire, die sagen: ‚Lass mich dein Blut saugen!‘“, sagt er lachend – und setzt dann ernster hinzu: „Und das werde ich nicht zulassen.“
Nwadike spricht beschützerisch und strategisch von seinem Business, wie auch von seiner Kunst selbst. Er bewegt sich agil durch den Raum, während er sein Schaffen erklärt; öffnet die Schubladen eines kleinen Wagens, der vollgepackt ist mit Stiften, Pinseln und Farbtuben. Er zeigt sich als etablierter Künstler mit beeindruckenden Fähigkeiten, der sich sein Selbstbewusstsein klar erarbeitet hat. Aber es scheint auch der 28-jährige New Yorker durch: „Diese Farbe hat mich traumatisiert“, scherzt er und wirft eine Tube zurück in eine offene Schublade, nachdem er von der quälenden Arbeit mit einer zu schnell trocknenden Acrylfarbe erzählt hat.
An einer Wand hängen DIN-A4-Papiere mit kreisrunden Diagrammen darauf – Farbskalen. Nwadike erklärt, wie er sich Farbschemata ausdenkt, mit Stift und Papier, Komplementärfarben und Ideen in ein Diagramm einzeichnet, bevor er zum ersten Pinselstrich ansetzt. Er erzählt von den Techniken alter Meister, derer er sich bedient – ganz der traditionelle Künstler, mit einer Obsession für Farbtheorie, Realismus und die Techniken großer Maler. Wo hat er all das gelernt? Vor allem auf Youtube, sagt er – und da ist er wieder der klassische Vertreter seiner Generation.
Die Reise, die Nwadike hinter sich hat, ist vergleichsweise kurz. Erst zu Beginn der Pandemie habe er zum ersten Mal ein Gemälde fertiggestellt – und dem Drang, diesem Interesse nachzugehen, nicht mehr widerstehen können. Nwadike schmeißt sein Studium in Lagos, Nigeria – dem Land, in dem er geboren und aufgewachsen ist –, hin. Auf der Suche nach dem Weg in die Kunst und mit einem klaren Ziel im Kopf zieht er ins ferne Amerika: „Wenn es das Ziel ist, Vollzeit-Künstler zu sein, dann muss man im Mekka sein.“ Und das Mekka ist in dem Fall New York City. Gut fünf Jahre später schmeißt er bereits seinen Nebenjob, bezieht sein eigenes Studio – und schafft es auf die 30 under 30-
Kunstliste von Forbes in den USA.
Nwadike spricht ausführlich über die Bedeutungsschwere seiner Gemälde und ist doch sehr selektiv in dem, was er verrät. Fünf große Themen beschäftigen ihn in seiner Kunst. Welche das sind? „Das kann ich nicht verraten. Das ist das Geheimrezept.“
Die nächste Frage, die sich aufdrängt: Wer sind die Menschen in den Gemälden? „Das sind Menschen, die ich im Lauf der Zeit kennengelernt habe und mit denen ich befreundet bin.“ Doch die Geschichten, die in den Gemälden stecken, sind puzzlehaft: „Viele dieser Geschichten sind grob an vertraute Situationen angelehnt. Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin; Gesprächsthemen, mit denen ich aufgewachsen bin.“
Das ist der Ausgangspunkt für die inhaltliche Bedeutung von Nwadikes Gemälden. Wenn diese Idee steht, dann „geht es in die Jagdphase“: Nwadike macht sich auf die Suche nach Menschen, „die diese Geschichten und Charaktere verkörpern“. In gewisser Weise wird er so zum Casting-Direktor.
„Diese Frau hier“ – er zeigt auf eines der Gemälde – „habe ich bei ‚Kaia‘ kennengelernt“; der Weinbar auf der Upper East Side, bei der Nwadike zuvor gearbeitet hat. „Und die beiden Jungen hier“ – er deutet auf ein anderes Gemälde – „habe ich im Bus gesehen.“
New York City mit seiner schier endlosen Masse an Charakteren und Menschen wird so zum Zufallsgenerator für Nwadikes Subjekte. „Sie müssen aber etwas mit dem zu tun haben, woran ich arbeite“, setzt er hinzu. „Ich habe eine Idee für einen Charakter, aber damit ich meiner Geschichte treu bleiben kann, muss diese Person die Merkmale dieses Charakters mitbringen.“
Praktisch klingt dieser Prozess wie eine Mischung aus extremer Intuition und einem Näherungsprozess, der an Psychotherapie gemahnt. Nwadike erinnert sich an eines seiner Subjekte, das er im Restaurant beim Essen beobachtet hat. „Sie schien so kämpferisch, hatte diese Entschlossenheit“, erinnert er sich an die Frau, die er später malte. Nwadike stellte sich der Frau im Restaurant vor und baute schließlich eine Freundschaft zu ihr auf; auch, um sicherzugehen, dass seine Intuition zu dieser Person, sein erster Eindruck, sich bewahrheitet.
„Art imitates life“ lautet ein bekanntes Zitat über Kunst. In Nwadikes Fall scheint „imitates“ zu kurz zu greifen. Seine Kunst ist dem Realismus zugehörig – während viele Künstler mit ihrer Kunst eine neue Welt erschaffen wollen, einen Ort der Fantasie und der Grenzenlosigkeit, die das Leben maximal „imitiert“, scheint Nwadike besessen von der Realität; und nicht im Geringsten daran interessiert, Dinge als etwas anderes darzustellen als das, was sie sind.
So ist Nwadikes Reise auch die auf der Suche nach der Wahrheit; eine Suche, die sich in seinen Gemälden widerspiegelt, die er aber auf persönliche Art und Weise erlebt hat, zum Beispiel, als er in die USA zog: „Über die Jahre habe ich verschiedene Phasen der Selbstreflexion durchlaufen, basierend auf meiner neuen Identität und dem Übergang zwischen dem Leben als Afrikaner und dem als Afrikaner in der Diaspora.“ Dieser Übergang habe es in sich gehabt, sagt Nwadike: „Viele der Geschichten, die ich versuche zu erzählen, sind auch ein Versuch der Versöhnung zwischen afrikanischen Menschen in Afrika und afrikanischen Menschen in der Diaspora.“
Nwadike spricht vom Brückenbau. Seine Kunst erzählt die Geschichten komplizierter Reisen zwischen diesen und jenen Welten und der angestrengten Suche nach der Wahrheit. Reisen, die er selbst wohl nur zu gut kennt. Auch das wird Teil seines Geheimrezepts sein …
Text: Sarah Sendner
Fotos: Sasha Bianca Photography