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Franz Viehböck ist der einzige Österreicher, der jemals ins Weltall geflogen ist. Heute lenkt er als CEO die Geschicke der Berndorf AG – ein globaler Konzern mit 2.450 Mitarbeitern und rund 575 Mio. € Jahresumsatz. Zwischen Industrieöfen und Schwimmbecken aus Edelstahl ist der Flug zur Raumstation „Mir“ noch immer präsent. Ein Gespräch über Nischenmärkte, Standortbedingungen – und Hoffnung auf die erste Österreicherin im All.
Nur wenige Menschen machen Erfahrungen, die fast allen anderen verwehrt bleiben – Franz Viehböck ist einer von ihnen: Der gebürtige Wiener war 31 Jahre alt, als er 1991 in der Sojus-TM-13-Rakete zur Raumstation „Mir“ aufbrach. Bis heute ist Viehböck der einzige Österreicher, der die Kármán-Linie (international anerkannte gedachte Grenze auf 100 Kilometern über dem Meeresspiegel, die den Übergang von der Erdatmosphäre zum Weltraum markiert) überschritten hat, im Erdorbit und auf einer Raumstation gewesen ist. Doch selbst im Leben eines Astronauten kehrt irgendwann wieder Alltag ein.
Auf dem überdimensionalen Konferenzbildschirm in Viehböcks Büro klebt ein kleines Bild, das seine Assistentin dort angebracht hat: Darauf zu sehen sind eine Frau, die meditiert, und ein lang gezogenes „Ommmm“. Viehböck ist gerade aus einem zweiwöchigen Urlaub in Sri Lanka zurückgekehrt, das Interview findet an seinem ersten Arbeitstag statt. Dürfen CEOs ohne schlechtes Gewissen auf Urlaub fahren? Viehböck schaut ernst und sagt mit Nachdruck in seiner Stimme: „Man muss auch als CEO Urlaub machen. Jeder Mensch braucht Erholungsphasen.“
Mir war klar, dass ich jetzt keine Ausreden mehr habe und es an mir liegt, ob das Projekt gelingt.
Franz Viehböck
Seit rund fünfeinhalb Jahren ist Viehböck Vorstandsvorsitzender der Berndorf AG. Der Konzern, der bei vielen Österreichern Erinnerungen an Besteck-Sets weckt, ist längst eine global agierende Unternehmensgruppe; mit 575 Mio. € Umsatz im Jahr 2024 (für 2025 liegt noch kein endgültiger Geschäftsbericht vor). In 20 Ländern sind rund 2.450 Mitarbeitende für 83 Unternehmen tätig, die Berndorf angehören. Es sind allesamt mittelständische Betriebe, die in Nischen der Metallverarbeitung sowie Industrie tätig sind und mit diesen Produkten zu den dominierenden drei Anbietern weltweit zählen. Dazu gehören etwa Berndorf Bäderbau, ein Unternehmen, das Schwimmbecken aus Edelstahl herstellt, genauso wie Aichelin, der weltweit führende Hersteller von Industrieöfen.
In seiner Funktion als CEO der Unternehmensgruppe sieht sich Viehböck als Sparringspartner für die Chefs der Berndorf Unternehmen. Während Chief Financial Officer und Co-Vorstand Thomas Karazmann die Zahlen im Blick behält, verantwortet Viehböck vor allem die Technik, die Öffentlichkeitsarbeit und die Auswahl und Entwicklung der Führungskräfte.
Übung im Umgang mit Öffentlichkeit und Presse hat der Manager mehr als genug. Nach seiner Zeit im All stand er weitere zwei Jahre im Dienst der Republik Österreich – um wissenschaftliche Experimente nachzubereiten, aber auch, um in unzähligen Vorträgen von seinen Erlebnissen außerhalb der Stratosphäre zu berichten. Dafür erhielt Viehböck rund 90.000 Schilling (6.540 €) pro Monat ausbezahlt. Die Vielzahl an Interviews und Medienberichten lassen erahnen, wie überwältigend die Anzahl an Anfragen gewesen sein muss. Mittlerweile hat sich das zwar eingependelt, doch die meisten Menschen kennen Viehböck nach wie vor in erster Linie als „Austronaut“. Nervt es, in Interviews und Vorträgen mehr als 30 Jahre nach der Weltraummission wiederholt auf dieselben Themen angesprochen zu werden? Der CEO verneint. Die spannendsten Fragen kommen laut ihm stets von den Kleinsten: „Kinder trauen sich zu fragen, was sie wirklich interessiert“, schmunzelt er, „zum Beispiel, wie auf einer Weltraumstation das Klo funktioniert.“
Viehböck nimmt auch Forbes bereitwillig auf eine Erinnerungsreise in die späten 1980er-Jahre mit. Der junge Mann arbeitete nach seinem Elektrotechnik-Studium als Assistent an der Technischen Universität Wien, als er darauf aufmerksam wurde, dass die österreichische Regierung nach einem Kosmonauten für das sowjetisch-österreichische Weltraumprojekt Austromir 91 sucht. Die Wahl fällt auf Viehböck und den Mediziner Clemens Lothaller. In den folgenden zwei Jahren durchliefen sie in Swjosdny Gorodok, einem 3.000-Einwohner-Ort unweit von Moskau, die Ausbildung für das Weltraumprojekt. Die größte Herausforderung waren aber nicht sportliche oder technische Tests, sondern Russisch zu erlernen: Acht Stunden täglich feilten Viehböck und Lothaller in den ersten Monaten mit einer Universitätsprofessorin an ihren Sprachkenntnissen. „Dadurch kann ich die Sprache bis heute“, sagt der CEO. Ein halbes Jahr vor dem geplanten Raketenstart erhielt er dann einen Anruf vom damaligen Forschungsminister Erhard Busek: Viehböck sei für den Flug vorgesehen, Lothaller sei die Reserve. Wie fühlt es sich an, so eine Nachricht zu erhalten? Viehböck verspürte keine Euphorie: „Eher habe ich die Verantwortung gespürt“, erzählt er. „Mir war klar, dass ich jetzt keine Ausreden mehr habe und es an mir liegt, ob das Projekt gelingt.“
Das tat es. Rund acht Tage nachdem die Rakete gestartet war, kehrte der Astronaut wohlbehalten zur Erde zurück. Wie es die Ironie des Lebens so will, ereignete sich Hunderte Kilometer entfernt auf österreichischem Boden ein wohl genauso einschneidendes Erlebnis: Viehböcks Tochter kam auf die Welt. „Das war emotional der Höhepunkt für mich“, sagt der Astronaut.
Nach den zwei Jahren, in denen Viehböck die Mission im Auftrag der Regierung nachbereitete, zog die Familie für das Luft- und Raumfahrt-Unternehmen Rockwell International nach Kalifornien. 1996 verkaufte das Unternehmen seine Weltraum-Sparte an Boeing, wo Viehböck nach mehreren Stationen den Geschäftsbereich Space & Communications für Europa verantwortete. Dafür eröffnete Boeing ein Büro in Wien, indem Viehböck fortan tätig war. Doch es kam anders als geplant: Die Terroranschläge vom 11. September 2001 zwangen Boeing aus Kostengründen dazu, diese Zweigstelle wieder aufzugeben. Ein erneuter Umzug in die USA stand im Raum. „Die Kinder sind damals aber schon in Österreich in die Schule gegangen, hatten Wurzeln geschlagen“, so Viehböck. Er selbst pendelte ein halbes Jahr für das Unternehmen, bis Norbert Zimmermann – Vorstandsvorsitzender der Berndorf AG – dem Manager anbot, die Geschäftsführung bei Berndorf Band zu übernehmen. Leicht fiel ihm die Entscheidung nicht, erzählt Viehböck: „Es war auch eine Entscheidung für die Familie.“ Im Herbst 2002 wurde er Teil der Geschäftsführung von Berndorf Band.
Viehböck nimmt Forbes auf einen Spaziergang über das weitläufige Gelände der Berndorf AG in der gleichnamigen Gemeinde im niederösterreichischen Triestingtal mit. Etwa 20 kleinere und größere Gebäude sind darauf verteilt, manche von ihnen tragen denkmalgeschützte Schornsteine. Das Innere ist hochmodern: Eigens konzipierte Maschinen erzeugen Stahlbänder, die die Berndorf-Kunden kaufen, um beispielsweise Spanplatten zu pressen oder LCD-Bildschirme herzustellen.
Ein 160 Meter langes Band bewegt sich – fest in die Maschine eingespannt – durch die große Halle. In Stichworten erklärt Viehböck, wie die Maschinen arbeiten, doch für den technischen Laien bleibt der Produktionsprozess schwer zu durchschauen. Dem studierten Techniker fällt das nicht nur aufgrund seiner Ausbildung leichter: „Ein Nebenaspekt des Weltraum-Themas war, dass ich verschiedenste wirtschaftliche Bereiche und Branchen kennenlernen durfte“, so der CEO. „Das hat mir auch im späteren Leben sehr viel geholfen.“
Trotzdem hat er nicht den Anspruch, alles, was auf technischer Seite bei der Berndorf AG passiert, im Detail zu verstehen. Beide Vorstandsmitglieder sehen ihre Aufgabe laut Viehböck darin, die CEOs und Geschäftsführer der ihnen unterstellten Unternehmen
zu betreuen und zu coachen. „Wenn es gut läuft, telefonieren wir einmal die Woche. Sollte es schlecht laufen, arbeiten wir viel enger zusammen“, sagt er.
Fünf Jahre nachdem Viehböck zu Berndorf Band gestoßen war, stieg er als Chief Technology Officer in den Vorstand auf. 2020 folgte Viehböck dann dem in Pension gegangenen Vorstandsvorsitzenden Peter Pichler nach. Viehböcks Büro liegt seitdem im ersten Stock eines Backsteingebäudes auf dem Berndorf-Gelände.
Auch wenn sein Alltag nun vor allem aus Besprechungen bestehen dürfte, erinnern eingerahmte Poster neben seinem Schreibtisch an die Zeit im Weltraum. Sie stammen von mehreren Konferenzen der Association of Space Explorers, einem internationalen Verein für Astronauten, und sind mit zahlreichen Unterschriften verziert. Wer genau hinsieht, entdeckt etwa die Unterschrift von Buzz Aldrin, der im Zuge der Apollo-11-Mission kurz nach Neil Armstrong als zweiter Mensch der Welt seinen Fuß auf den Mond setzte.
Auf der Kommode daneben thront ein grüner Gegenstand. „Das ist eine Düse von Gatespace, einem österreichischen Start-up für Satellitenantriebe, in das ich investiert bin“, klärt Viehböck auf. Einen kleinen Anteil an der Berndorf AG besitzt der CEO ebenfalls.
Dass die Gruppe aus vielen Unternehmen besteht, deren Gemeinsamkeiten erst auf den zweiten Blick zutage treten, hat sich in Krisenzeiten immer wieder als Vorteil erwiesen. „Natürlich spüren wir die wirtschaftliche Schwäche in Europa“, so Viehböck, „aber anderswo geht es bergauf.“ Berndorf-Unternehmen produzieren in Europa, Asien und den USA, die Kunden sitzen auf der ganzen Welt.
Wie schaffen es Mittelständler aus Österreich, sich international als Marktführer zu behaupten? Indem sie nicht gegen Großkonzerne ankämpfen, sagt der CEO, sondern Nischen im B2B-Geschäft belegen und innovative Technologien entwickeln. Viele der Produkte sind langlebige Investitionsgüter, weshalb der After-Sales-Bereich einen wichtigen Stellenwert einnimmt. Ein Wärmebehandlungsofen etwa, wie ihn Aichelin produziert, hält 30 bis 40 Jahre.
Der Energiebereich ist ein Wachstumsmarkt für die Berndorf AG, die steigenden Energiepreise sind aber auch eine der größten Herausforderungen. Viehböck beklagt die hohen Ausgaben in Österreich. Die Folgen des Kostendrucks bei Energie und Löhnen: Manches, das Berndorf früher in Österreich produzieren ließ, stellt das Unternehmen jetzt in China, Tschechien oder Polen her. Der Manager schließt nicht aus, dass zukünftig weitere Produktionsprozesse ins Ausland abwandern könnten – und wiegelt doch etwas ab: „Man schließt nicht einfach ein Werk und sperrt es morgen woanders auf.“ Schließlich ist da auch Viehböcks enge Verbindung zu Niederösterreich, das er in den frühen 2000er-Jahren als Technologiebeauftragter prägte.
Als die österreichische Regierung im Jahr 1988 zwei Kandidaten für die Austromir-Mission suchte, waren in der letzten Stufe des Auswahlprozesses vier Personen übrig: Viehböck und Lothaller sowie die Mathematikerin Gertrud Waich und die Pilotin Elke Griedl. Die Wahl sollte zwischen dem Männer- und dem Frauen-Duo erfolgen. Die Regierung entschied sich für Ersteres.
Viehböck hat davon profitiert. Doch er hofft, dass auf den ersten Österreicher im All bald eine Österreicherin folgt: Die aussichtsreichste Kandidatin ist die Medizinerin Carmen Possnig; seit November 2022 ist sie Mitglied der Astronautenreserve der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA. „Der Zeitpunkt ist eigentlich ideal“, so Viehböck – etwa weil mit Josef Aschbacher ein Österreicher das Amt des ESA-Generaldirektors bekleidet. Wenn die Organisation eine bemannte Raumfahrtmission initiiert und sich die österreichische Regierung beteiligt, besteht die Chance, dass Possnig ins Weltall aufbricht. Sie ist in dem Jahr geboren, in dem Viehböck für die Austromir-Mission nominiert wurde. „Zeit wird’s!“, sagt er.
Fotos: Gianmaria Gava