Der erste Fritze

Fritz-Kola gilt heute als Kultgetränk. Dabei treiben den Unternehmensgründer Mirco Wolf Wiegert vor allem sein Streben nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit an.

„Ich war als Student einmal in einer kleinen Bäckerei angestellt, wo ich Kaffee und Kuchen verkaufte. Im Mai und Juni, also zur Erdbeerzeit, boten wir Erdbeerkuchen auf dem Blech an, der streifenweise um 1,80 € verkauft wurde. Der Bäcker nebenan verkaufte seinen Erdbeerkuchen in runden Formen, mit Gelatine und Sahne – aber für 3,80 €. Die Leute standen bei ihm Schlange. Ich rief also meinen Chef an und sagte ihm, wir müssten etwas tun. Ich wollte die Materialien besorgen und das selbst machen, um an diesem Erfolg zu partizipieren. Mein Chef wollte das nicht. Ich hatte ein augenscheinliches Problem und wollte es lösen. Dass ich das nicht machen durfte, hat mich nachhaltig geprägt.“
Die Anekdote, mit der Mirco Wolf Wiegert die Frage, ob er denn jemals wieder Angestellter sein könnte, beantwortet, beschreibt seinen grundsätzlichen Antrieb wohl recht gut. Dieser besteht nämlich vor allem aus der Freiheit, Probleme selbstbestimmt lösen zu können, unabhängig zu sein und tatsächlich etwas bewegen zu können.

„Wir entschieden uns für die Selbstständigkeit, denn wir wollten unser Leben frei und unabhängig bestimmen. Dieser Gründungsmoment zieht sich bis heute durch unsere Firmenkultur durch.“

Genau das tut der Hamburger seit 15 Jahren, denn Wiegert ist Gründer, Geschäftsführer und Mehrheitseigentümer der Fritz-Kulturgüter GmbH. Aushängeschild des Getränkeherstellers ist Fritz-Kola, das vor allem in Mitteleuropa als kultige Alternative zu den US-Riesen Coca-Cola und Pepsi gilt. Das Getränk zeichnet sich durch seinen reduzierten Zucker-, aber gleichzeitig erhöhten Koffeingehalt aus.

2003 standen die damaligen Studenten Wiegert und sein Mitgründer Lorenz Hampl vor der Entscheidung, was der nächste Schritt sein sollte: Anstellung oder Selbstständigkeit. Wiegert: „Wir entschieden uns für die Selbstständigkeit, denn wir wollten unser Leben frei und unabhängig bestimmen. Dieser Gründungsmoment zieht sich bis heute durch unsere Firmenkultur durch.“

„Fritz-Kola“ war geboren, was die Gründer für einen „feinen, norddeutschen Namen“ hielten. Als Logo wählten die beiden ihre eigenen Konterfeis, die die Flaschen auch heute noch zieren. Sie verkauften vorerst im Direktverkauf an die Gastronomie, heute sind Marke und Sortiment auch stark im Einzelhandel vertreten.

Mittlerweile ist das Unternehmen mehr als ein einfacher Cola-Hersteller. Neben Fruchtlimonaden aller Art findet sich unter dem Dach der Fritz-Kulturgüter GmbH heute auch die kultige Limonadenmarke Anjola. Die Produktion des von Johannes Gleske ab den 1950er-Jahren etablierten Produkts wurde 2008 eingestellt, bevor Wiegert und Hampl das Produkt 2013 wiederaufleben ließen. Dabei zeigt sich, dass trotz 15 Jahren Unternehmertum nicht alle Entscheidungen Wiegerts auf harten Zahlen fußen: „Wir haben Anjola als Kinder getrunken. Als die Gründerfamilie an uns herangetreten ist, haben wir uns entschieden, das zu machen. Das war aber in diesem Fall kein geschäftliches Kalkül.“

Überhaupt will Wiegert offensichtlich mehr als „nur“ Geld verdienen. Das Unternehmen setzt stark auf Nachhaltigkeit in der Produktion, füllt die eigenen Getränke in wiederverwertbare Flaschen ab und stellt trotz des in Mitteleuropa konzentrierten Vertriebsnetzes lokal und dezentral her, um regionale Wertschöpfung zu stärken. Zudem wird der Anteil an Plastik etwa in Werbemitteln konsequent bekämpft.

Vom Gründerduo ist übrigens nur noch einer an Bord, denn Lorenz Hampl stieg Ende 2016 aus. Wiegert: „Wir haben dieses Projekt lange zusammen gemacht. Mit Ende 30 steht dann eine Richtungsentscheidung an. Ich habe mich entschieden, Fritz weiter zu machen.“ Lorenz Hampl zog es weiter.

„Alleine“ ist Wiegert deshalb aber nicht. Neben seinen „weniger als 200“ Mitarbeitern – den sogenannten „Fritzen“ – holte sich der Unternehmer 2017 zwei neue Gesellschafter ins Boot. Neben Wiegert, der rund zwei Drittel der Anteile hält, teilen sich die Jägermeister-Familie Mast (über Florian Rehm, Anm.) sowie Dirk Lütvogt die restlichen rund 30 Prozent. Letzterer ist Eigentümer des Mineralwasserherstellers Auburg Quelle.

Dabei ist Wiegert wichtig zu betonen, dass nicht Jägermeister selbst, sondern die hinter der Marke stehende Familie Gesellschafter seines Unternehmens ist. „Ansonsten wären wir eine Unternehmensbeteiligung, das ist schon etwas anderes. Fritz-Kola hat eine bestimmte Firmenkultur, die wir stetig weiterentwickeln. Eine Unternehmensbeteiligung passt da nicht so gut dazu wie eine Familie, die sich klar zu Fritz-Kola bekennt.“ Auch ein reiner Geldgeber wäre keine Option gewesen. „Ich habe mich für einen Gesellschafterkreis entschieden, mit dem ich mich austauschen und von dem ich mich herausfordern lassen kann. Das halte ich für unser Unternehmen und mich persönlich für sehr relevant.“

Mirco Wolf Wiegert
… schuf gemeinsam mit Lorenz Hampl 2003 die Kultmarke Fritz-Kola. Wiegert ist heute Geschäftsführer und Mehrheitseigentümer der Fritz Kulturgüter GmbH, Hampl ist mittlerweile aus dem Unternehmen ausgetreten. Dirk Lütvogt und Florian Rehm der Jägermeister-Familie Mast sind die weiteren Anteilseigner der GmbH.

In Wiegerts Antworten flammt die Grundhaltung – Unabhängigkeit, Selbstbestimmtheit – immer wieder auf. Angesichts der Heimatstadt von Fritz-Kola ist das vielleicht gar nicht groß verwunderlich. Denn die Marke ist untrennbar mit Hamburg verbunden. Und die Hansestadt genoss als Stadtstaat und historisch wichtiger Hafen seit jeher nicht nur einen großen Wohlstand, sondern auch ein hohes Maß an Autonomie und Selbstbestimmtheit. Der Handel brachte Menschen aus aller Welt in den Ort, was Weltoffenheit und liberale Gedanken stärkte. Auch heute hat die norddeutsche Stadt eine Vormachtstellung in der Region.

Das hier beheimatete liberale Großbürgertum wurde in jüngerer Vergangenheit auch durch in Hamburg beheimatete Medien wie den Spiegel und Die Zeit gestützt. Wiegert: „Hamburg ist das Eingangstor zu Europa und Skandinavien. Die Stadt ist offen und wach für neue Themen.“ Diese Offenheit zeigte sich laut Wiegert vor allem in der Anfangszeit, als Gastronomen es sich nicht nur leisten konnten, etwas Neues auszuprobieren – sondern es mit Fritz-Kola auch gleich taten. Wer weiß, ob diese zwei unerfahrenen Studenten mit ihrem hanebüchenen Plan, ein Konkurrenzgetränk zu den US-Riesen etablieren zu wollen, auch in einer anderen Stadt Erfolg gehabt hätten?

Heute ist Fritz-Kola zwar ein Produkt aus Hamburg, aber längst kein Regionalgetränk mehr. In Deutschland laufen die Geschäfte gut, im Ausland ist der Umsatz jedoch überschaubar – 2016 machte das europäische Ausland nur fünf Prozent der Gesamterlöse aus. Dabei sind insbesondere die Schweiz, Österreich, die Benelux-Länder und Tschechien wichtige Absatzmärkte, für die lokal produziert wird.

Doch Fritz-Kola ist trotz seines Fokus auf nachhaltige Produktion keine Ansammlung von planlosen Weltverbesserern. Die Auskunft zu konkreten Umsatz- oder Gewinnzahlen verweigert Wiegert zwar: „Das wirft den Fokus auf die falschen Themen.“ Laut Jahresabschluss betrug der Umsatz 2015 jedoch 7,44 Mio. €, der Gewinn 2,57 Mio. €. 2016 wiederum soll laut dem Gründer das „erfolgreichste Jahr“ der Unternehmensgeschichte gewesen sein.

„Wir mussten ab der ersten Kiste profitabel arbeiten“, so der Unternehmer weiter. Dass das in der heutigen Start-up-Szene nicht mehr als Gebot gilt, ist für Wiegert schwer verständlich. „Heute ist zwar viel Geld im Markt. Doch auch heute würde ich als Gründer versuchen, sofort oder zumindest möglichst zeitnah profitabel zu sein.“ Warum ihm das so wichtig ist? Richtig geraten: Auch das ist für Fritz-Kola eine Frage der Unabhängigkeit.

Dieser Artikel ist in unserer Sommer-Ausgabe 2018 „Stadt – Land – Berg“ erschienen.

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Chief Editorial Team

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