Der Handel mit Knappheit

CEO Andreas Kroll bewegt mit seinem Unternehmen Noble Elements seltene Erden und Technologiemetalle für gigantische Summen. Je knapper die Metalle werden, desto besser läuft sein Geschäft. Jetzt will er vom Händler zum Produzenten werden.

An einem Ort nahe Berlin muss man mehrere Sicherheitstüren passieren, ehe man das wertvolle Gut beäugen kann. Im Lager selbst wirkt alles unaufgeregter, als die Vorkehrungen es vermuten ließen: Fässer stehen aufgereiht zwischen Türmen von beschrifteten Kartons in einem Raum. Insgesamt lagert hier Handelsgut im Wert von etwa 80 Mio. €. Es sind strategische Rohstoffe, die meisten davon seltene Erden – jene 17 Elemente des Periodensystems, ohne die in einem modernen Auto, in einem Abwehrsystem oder in einem Smartphone nichts richtig funktionieren würde.

Ein Kilogramm Yttriumoxid kostet in China rund 6 bis 9 US-$ (5 bis 7,7 €) – in Europa zahlt man dafür derzeit bis zu 1.000 US-$. Es ist ein weißes Pulver, von dem die meisten Menschen noch nie gehört haben, und doch steckt es in den Displays, die wir alle ­täglich in der Hand halten, sowie in Leuchtstoffen oder Lasern. Wer die Preis­differenz verstehen will, muss vier Bürogebäude be­suchen, die sich über eine Straße in Berlin verteilen. Dort sitzt ein Mann, der mit diesen Stoffen handelt. Er heißt Andreas Kroll, ist 57 Jahre alt und alleiniger Inhaber und Geschäftsführer der Noble Elements GmbH, die nach eigenen Angaben einer der größten Händler für seltene Erden und Technologiemetalle im deutschsprachigen Raum ist. In diesem Jahr wird Noble Elements laut dem Unternehmer rund 100 Mio. US-$ an Umsatz einnehmen – 2025 waren es noch 35 Mio. US-$. Derzeit zählt Noble Elements 3.117 Kunden – und steht mitten in einem historischen Umbau: Aus dem Händler, der Rohstoffe nur besorgt und weiterreicht, soll ein Produzent werden, der sie selbst aus dem Boden holt. Damit begibt sich Noble Elements in den andauernden Kampf um die kritischen Rohstoffe des 21. Jahrhunderts.

Angefangen hat alles mit dem ersten iPhone. Zu dieser Zeit war Kroll noch Finanzmarktanalyst und hatte den Auftrag, für ein Unternehmen einen Fahrplan zum Thema Gold zu entwickeln. „Das fand ich eigentlich ziemlich langweilig“, erzählt er. „Haben Sie sich je gefragt, warum etwas passiert, wenn Sie mit dem Finger auf die Glasscheibe des Handys drücken?“, fragt Kroll. Der Grund sei ein Metall, das nur wenige Atomlagen dick auf das Glas aufgedampft wird; so dünn, dass es unsichtbar bleibt und doch den Strom leitet. Es heißt Indium und kommt in der Erdkruste etwa so selten vor wie Silber. „Das hat mich elektrisiert“, sagt Kroll. Er kommt aus bescheidenen Verhältnissen – während sein Vater eine Berufsunfähigkeitsrente bezog, arbeitete seine Mutter viel, damit er das Abitur schaffte. „Ich wollte in jedem Fall schnell auf eigenen Beinen stehen und frei sein“, so Kroll. Dieser Wunsch nach Unab­hängigkeit zieht sich bis heute durch sein Geschäft.

2014 gründete er Noble Elements, den Importeur, der Kontakte zu Produzenten in Ländern wie China, Taiwan, Japan, USA, Indien und Thailand hält. Daraus wurde über die Jahre eine Unternehmensgruppe mit verschiedenen Zweigen: Noble BC holt die private Finanzindustrie in einen Markt, in dem es sie bislang kaum gibt; Finomet, an der Kroll zu 75 % beteiligt ist, wickelt den Handel über eine öffentliche Blockchain ab und soll das Geschäft digitalisieren sowie Sicherheit und Transparenz schaffen; die Seltene Erden AG bündelt ein Anlageprodukt, mit dem Privatinvestoren am geregelten Kapitalmarkt in physische Metalle investieren können.

Um zu verstehen, warum Krolls Geschäft gerade explodiert, muss man auf die geopolitische Situation der Welt blicken. Die Verfügbarkeit von seltenen Erden und von Technologiemetallen entscheidet über die Innovationskraft ganzer Industrien und über die Verteidigung eines Landes. Die Deutsche Rohstoffagentur (DERA) prognostiziert, dass der Bedarf an Seltenerdmetallen bis 2030 jährlich durchschnittlich um 6 % wachsen wird. Das amerikanische Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Global Market Insights bewertete 2024 den globalen Markt für seltene Erden mit 18,2 Mrd. US-$. Der Markt soll von 19 Mrd. US-$ im Jahr 2025 auf 36,7 Mrd. US-$ im Jahr 2034 steigen.

Beim Wettlauf um die Rohstoffe sind die Chinesen längst zu Hause, die Amerikaner bei der Hälfte der Strecke – und die Europäer stehen noch in der Umkleidekabine und suchen ihre Turnschuhe.

Andreas Kroll

Allein ist Noble Elements in diesem Markt nicht. Ein Mitbewerber im deutschsprachigen Raum sitzt in Frankfurt: Tradium handelt seit 1999 mit Technologiemetallen und seltenen Erden, gut ein Jahrzehnt länger als Noble Elements, beschäftigt rund 40 Menschen und bedient neben der Industrie ebenfalls Privatanleger. Kroll sieht darin keinen Nachteil: „Der Markt ist groß genug für zwei Händler im DACH-Bereich“, sagt er.

Laut einer Untersuchung der DERA entfallen auf China zwar nur rund 67 % der weltweiten Bergwerksförderung, doch bei der Weiterverarbeitung, also der aufwendigen Trennung der Elemente, liegt der chine­sische Weltmarktanteil bei 93 %. Die Separation der schweren seltenen Erden, zu denen das für Hoch­leistungsmagnete unverzichtbare Dysprosium zählt, ist bislang überhaupt nur in China industriell etabliert. Dieser Prozess gilt als recht teuer und umweltschädlich. Daraus entstand ein politisches Instrument: Seit 2025 verhängt Peking gestaffelte Exportkontrollen. Für europäische Abnehmer werden Ausfuhrgenehmigungen nur noch zu einem Bruchteil erteilt, teils warten Krolls Kunden sechs oder sieben Monate auf eine Lizenz, selbst für rein zivil genutzte Güter. „Ich kenne einige Unternehmen, die heute nicht mehr voll produzieren können“, sagt er – und damit auch nicht mehr wett­bewerbsfähig sind. Eine vorübergehende Aussetzung der jüngsten Verschärfung läuft am 10. November dieses Jahres aus. Passiert das, ohne dass Peking einlenkt, dürften die ohnehin hohen Preise erneut anziehen, und der Zugang für europäische Kunden verengt sich weiter.

Die USA, so beschreibt es Kroll, ziehen ihre Unabhängigkeit mit staatlichem Geld durch, finanziert über das Verteidigungsministerium, und kaufen auf, was aufzukaufen ist, bis hinein in deutsche Lagerbestände. „Beim Wettlauf um die Rohstoffe sind die Chinesen längst zu Hause, die Amerikaner bei der Hälfte der Strecke – und die Europäer stehen noch in der Um­kleidekabine und suchen ihre Turnschuhe“, macht er die Situation deutlich. Dabei fehlt es Europa nicht mehr am Rohstoff: Anfang 2023 gab der schwedische Staatskonzern LKAB nahe Kiruna mit „Per Geijer“ das größte bekannte Seltenerdvorkommen des ­Kontinents bekannt – rund 2,2 Millionen Tonnen. Allerdings: Bis dort ge­fördert wird, dürften mindestens zehn Jahre vergehen. Für Kroll ist das eine strategische Marktfrage: „Wer wird die eine Million Robotersoldaten für die Bundeswehr bauen? Woher kommen die Rohstoffe dazu? Wer stellt die KI-Software bereit?“, fragt er. „Die USA handeln entschlossen – Europa muss das auch tun. Denn China wird die Bundeswehr nicht mit Kampf­robotern beliefern.“

Der Grund für den Umbau zum Produzenten liegt in den Sorgen seiner Kunden. Große Konzerne, erzählt Kroll, seien es gewohnt gewesen, ihre Magnete einfach in China zu kaufen – und stünden nun vor dem Nichts. In die Bergbauindustrie aber wollten sie nicht, aus Angst vor dem Risiko, dem fehlenden Know-how und dem Imageschaden, den eine Mine mit sich bringen kann.

„Da haben wir die Lücke“, sagt Kroll – „die Industrie wird es nicht tun, aber wir könnten es.“ Also stellte er einen Geologen ein, bald einen Physiker – und schaut, wo auf der Welt sich Aktivitäten lohnen. Auf dem Tisch liegen Projekte in Kasachstan, dazu Ideen in Kanada, Mittelamerika und Brasilien. Meist geht es um so­genannte Tailings, die Abraumhalden alter Minen, aus denen sich mit Probebohrungen und der richtigen Chemie noch wertvolle Elemente lösen lassen. Die ersten Projektkosten trägt Noble Elements aus Eigenmitteln.

„Wir besichtigen dort Labore, schauen uns die Lagerstätten an, sprechen mit Politikern vor Ort und natürlich mit den Eigentümern, entnehmen Proben und lassen sie analysieren“, erklärt Kroll. „Wir setzen auf die innovativsten Techniken; damit erhoffen wir uns einen Vorteil bei der Wirtschaftlichkeit. Mit etwas Glück produzieren wir zum Beispiel Germanium in drei bis vier Jahren.“ Ins Visier der kommenden Produktion nimmt das Unternehmen Metalle, die auf der EU-Liste kritischer Rohstoffe stehen. „Seltene Erden werden wir nicht produzieren“, stellt er klar. Noble Elements verstehe sich als enger Partner von Recyclingunternehmen, die seltene Erden aufbereiten; mit ihnen habe man bereits langfristige Verträge geschlossen und beliefere schon heute Kunden mit solcher Ware. „Wir verfolgen eine klare Non-China-Strategie“, sagt Kroll. „Wir wollen andere Lieferketten aktiv aufbauen und Unabhängigkeit von China schaffen.“

Noch Anfang 2025 war der Weltmarkt für seltene Erden laut DERA von einem leichten Überangebot bei niedrigen Preisen geprägt, das neue Projekte außerhalb Chinas sehr erschwerte. Selten sind diese Elemente entgegen ihrem Namen nämlich nicht – knapp wird erst das fertige Produkt, weil die aufwendige Trennung der Elemente bisher fast nur China beherrscht. Selbst dort, wo Vorkommen liegen, scheitern die meisten Projekte in der Praxis an fehlenden Genehmigungen, an Wasserrechten oder an der Infrastruktur. Und viele Bergbauunternehmen, warnt die Behörde, negierten diese Hürden, wodurch ihre Projekte „zu optimistisch dargestellt“ würden. Kroll weiß das – von seinen ­eigenen Projekten, sagt er selbst, blieben am Ende höchstens ein, zwei übrig.

Hoch bleiben die Preise von Technologiemetallen nur, solange China die Exportkontrollen als strategisches Instrument nutzt. Und was, wenn China die Lager wieder öffnet und die Welt mit Rohstoffen flutet? Dann, sagt Kroll ungerührt, seien all seine Projekte auf einen Schlag unwirtschaftlich: „Projekt tot. So einfach“, sagt er knapp. „Anders wäre es, wenn wir ein US-amerikanisches Unternehmen wären. Da wären wir durch lange Verträge abgesichert.“ Europa hat, wie Kroll betont, bis heute kein Instrument gefunden, um Branchenakteure dann am Leben zu halten. Es sei denn, die Politik greift ein, über Preisgarantien oder langfristige Verträge, über die Kroll bereits verhandelt.

Seit Mai 2024 gilt der Critical Raw Materials Act in der EU, der vorschreibt, dass bis 2030 kein strategischer Rohstoff mehr zu über 65 % aus einem einzigen Drittland stammen soll. 2025 wählte die EU-Kommission 60 strategische Projekte aus, in 13 Mitgliedstaaten und 13 Drittländern, entlang der ganzen Kette von der Mine über die Verarbeitung bis zum Recycling; mehrere davon für seltene Erden. Genehmigungsverfahren, die bislang fünf bis zehn Jahre dauerten, sollen für Bergbauprojekte auf höchstens 27 Monate schrumpfen. Setzt die Kommission ihre Projektliste um, sinkt die Abhängigkeit von einem einzigen Land beim Abbau seltener Erden von 95 % auf 42 %. Dazu kommen Rohstoffpartnerschaften mit Kanada, Kasachstan, der Ukraine und Namibia sowie der Ende 2025 beschlossene Aktionsplan „RESourceEU“, der die Autoindustrie, KI und Verteidigung mit Förderungen von 3 Mrd. € absichern soll.

Für die nächsten Jahre hat sich Kroll also viel ­vorgenommen. Noble Elements soll sich perspek­tivisch in Richtung 500 Mio. US-$ Umsatz entwickeln. Den familiären Charme – heute sind es 35 Mitarbeiter – will Kroll über die vier Bürogebäude hinweg aber nicht verlieren. Viel größer, sagt er, müsse es dann aber auch nicht mehr werden: „Ich bin jetzt 57 – und dann soll es auch ein bißchen ruhiger werden.“

Fotos: Franz Grünewald

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