Der stille Milliardär hinter Liverpool

Mike Gordon meidet die Öffentlichkeit deutlich stärker als seine Mitgesellschafter John Henry und Tom Werner. Trotzdem zählt er zu den entscheidenden Figuren hinter dem Aufstieg des FC Liverpool zum wertvollsten Sportinvestment der Fenway Sports Group. Sein Anteil an FSG macht den 61-Jährigen inzwischen selbst zum Milliardär.

Als die Boston Red Sox zu Beginn der Saison sportlich schwächelten, äußerte sich John Henry im Mai ungewöhnlich öffentlich. Der Haupteigentümer der Fenway Sports Group (FSG) erinnerte daran, was ihm bei seiner Ankunft in Boston vor 25 Jahren gesagt worden sei: Wer mit den Red Sox die World Series gewinne, müsse in dieser Stadt nie wieder ein Getränk selbst bezahlen.

Ganz so sei es allerdings nicht gekommen, erklärte der heute 76-jährige Milliardär. Trotz des historischen Titelgewinns 2004, mit dem Boston eine 86 Jahre lange Durststrecke beendete, und drei weiteren World-Series-Triumphen innerhalb der folgenden 14 Jahre steht Henry immer wieder in der Kritik. Unter den leidenschaftlichen Red-Sox-Fans waren zuletzt sogar Rufe zu hören, er solle das Team verkaufen. Vielleicht erklärt das, warum Mike Gordon einen anderen Weg gewählt hat.

Während Henry vielen Fans bekannt ist und regelmäßig in der Eigentümerloge im Fenway Park sitzt, tritt Gordon kaum öffentlich auf. Auch Tom Werner, milliardenschwerer Chairman der Gruppe, äußerte sich während der vergangenen 25 Jahre wiederholt zu den Red Sox. Gordon dagegen würde wohl nur von wenigen Fans erkannt werden. Finanziell gehört er dennoch längst zur Spitze der FSG. Gordon hält rund 10 % an der Fenway Sports Group. Forbesbewertet seine Beteiligung mit etwa 1,4 Mrd. US-$ – genug, um den 61-Jährigen zum Milliardär zu machen.

Gordon lebte bereits fast zwei Jahrzehnte in Boston, als er sich 2001 der Investorengruppe anschloss, die für rund 700 Mio. US-$ die Boston Red Sox, das Fenway Park und den regionalen Sportsender NESN übernahm. Später kamen weitere Sportbeteiligungen hinzu, darunter das heutige NASCAR-Team RFK Racing sowie die Pittsburgh Penguins aus der NHL, die FSG 2021 kaufte und vor zwei Monaten wieder verkaufte. Gordons wichtigstes Aufgabenfeld liegt mittlerweile allerdings in England: Er verantwortet innerhalb der Fenway Sports Group maßgeblich die Geschäfte des FC Liverpool. FSG hatte den Premier-League-Club 2010 für rund 475 Mio. US-$ übernommen.

Liverpool wird zum wertvollsten FSG-Asset
In der vergangenen Woche verkaufte FSG zwischen 30 und 40 % des FC Liverpool an 1892 Holdings. Die Transaktion soll auf einer Bewertung des Clubs von 7,4 Mrd. US-$ basieren. Hinter dem Konsortium steht unter anderem Amit Bhatia, Schwiegersohn des indischen Bergbau-Milliardärs Lakshmi Mittal. Auch Amazon-Gründer Jeff Bezos gehört zu den Investoren.

Damit ist Liverpool inzwischen mehr wert als das ursprüngliche Aushängeschild der Fenway Sports Group. Forbesbewertet die Boston Red Sox aktuell mit 5,25 Mrd. US-$ und damit als drittwertvollstes Team der Major League Baseball. „Liverpool wurde immer mit einem Blick über eine einzelne Saison hinaus aufgebaut und mit Entscheidungen, die den langfristigen Interessen des Clubs dienen“, erklärte Gordon anlässlich der Transaktion.

Ein Interview für den Artikel lehnte Gordon über einen FSG-Sprecher ab – wie bei fast allen Medienanfragen. Andere äußerten sich in der Vergangenheit umso deutlicher über seinen Einfluss. Jürgen Klopp bezeichnete Gordon 2020 gegenüber dem Boston Globe als den Kopf hinter den Vorgängen beim FC Liverpool. Auch John Henry nannte ihn gegenüber der Zeitung den mit Abstand größten Fußballkenner innerhalb von FSG in den USA.

Vom Popcornverkäufer zum Fondsmanager
Gordons Verbindung zum Profisport begann lange vor Liverpool. Als Jugendlicher verkaufte er laut einem Bericht des Boston Globe aus dem Jahr 2015 Popcorn bei Spielen der Milwaukee Brewers. Seine Mutter war mit dem damaligen Brewers-Eigentümer Bud Selig befreundet. Diese Beziehung half Gordon später dabei, Kontakt zu Henry zu bekommen, nachdem Selig Commissioner der Major League Baseball geworden war. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Gordon bereits im Großraum Boston niedergelassen. Er studierte an der Tufts University in Medford, wenige Kilometer vom Fenway Park entfernt, und schloss sein Studium 1987 ab. Anschließend begann er als Research Analyst beim Bostoner Vermögensverwalter Fidelity Investments.

Dort stieg Gordon zum engen Mitarbeiter von Jeffrey Vinik auf, der den bekannten Magellan Fund leitete. Gordon selbst wurde Portfoliomanager des Blue Chip Growth Fund. 1996 verließ Vinik Fidelity und gründete Vinik Asset Management. Gordon kam als Mitgründer mit. In den 17 Jahren bis zur Abwicklung des Hedgefonds 2013 erzielte dieser im Durchschnitt eine annualisierte Rendite von 17 %. Der S&P 500 kam im selben Zeitraum auf rund 10 %. Vinik beschreibt Gordon gegenüber Forbes als außergewöhnlichen Investor. Zwar habe Gordon teilweise in seinem Schatten gestanden, gleichzeitig aber eigenes Kapital verwaltet – und dabei über viele Jahre hinweg fast jedes Jahr besser abgeschnitten als Vinik selbst.

Gordon erkannte Liverpools Potenzial früh
Als John Henry seine Investorengruppe für die Übernahme der Red Sox zusammenstellte, wandte er sich auch an Gordon und Vinik. Beide erhielten kleinere Beteiligungen an der damals noch New England Sports Ventures genannten Gesellschaft. Um 2009 bat Henry die beiden laut Vinik, nach Liverpool zu reisen und den Club als mögliches Übernahmeziel zu prüfen.

Gordon habe das Potenzial sofort erkannt. Liverpool sei eines der bedeutendsten Sport-Assets der Welt gewesen, gleichzeitig aber damals kaum gefragt, erinnert sich Vinik. Der Club hatte den englischen Fußball in den 1970er- und 1980er-Jahren geprägt, seit 1990 jedoch keine Meisterschaft in der höchsten englischen Liga mehr gewonnen. Die heutige Premier League wurde zwei Jahre später gegründet. Für Gordon sei dennoch klar gewesen, dass Liverpool ein attraktives Investment darstelle. Vinik konzentrierte sich in dieser Phase zunehmend auf die Tampa Bay Lightning aus der NHL. Er kaufte den Club 2010 auf Basis einer Bewertung von rund 170 Mio. US-$ und verkaufte 2024 eine Mehrheitsbeteiligung bei einer Bewertung von 1,8 Mrd. US-$.

Gordon dagegen baute seine Position bei FSG aus. Die New York Times, damals auch Eigentümerin des Boston Globe, verkaufte ihre Beteiligung von 17,5 % an der Gruppe. Zwischen 2010 und 2012 erhielt das Unternehmen insgesamt 225 Mio. US-$ für seine Anteile, nachdem ursprünglich 75 Mio. US-$ investiert worden waren. Gordon übernahm einen Teil davon und wurde damit zu einem der größten Partner innerhalb der Fenway Sports Group.

Mehr Titel, mehr Umsatz, höherer Wert
Henry und Werner machten Gordon zum zentralen Ansprechpartner für Liverpool. Eine der wichtigsten Entscheidungen folgte 2015 mit der Verpflichtung von Jürgen Klopp. Unter Klopp gewann Liverpool 2019 die UEFA Champions League. 2020 holte der Club erstmals seit 30 Jahren wieder die englische Meisterschaft. Nach Klopps Abschied 2024 gewann Liverpool 2025 unter Arne Slot erneut den Ligatitel. Parallel dazu verbesserte sich auch die wirtschaftliche Position des Clubs deutlich. Der Umsatz stieg von rund 300 Mio. US-$ in der Saison 2010/11 auf 911 Mio. US-$ in der Spielzeit 2024/25. Auch der Unternehmenswert vervielfachte sich. Als FSG Liverpool übernahm, bewertete Forbes den Club mit 619 Mio. US-$. Seitdem ist die Bewertung um mehr als das Zehnfache gestiegen. Ein weiterer Faktor war der Ausbau des Stadions an der Anfield Road. Durch eine mehrstufige Erweiterung kamen insgesamt 16.000 Plätze hinzu. Heute fasst Anfield 61.276 Zuschauer. Liverpool gehört mittlerweile zu den vier wertvollsten Fußballclubs der Welt.

Mit dem Start der Premier-League-Saison 2026/27 beginnt nun ein weiteres Kapitel. Liverpool tritt am Sonntag bei Newcastle United an. Mit Andoni Iraola steht erneut ein Trainer in seiner ersten Saison an der Seitenlinie, gleichzeitig sollen nach Abschluss der jüngsten Transaktion neue Anteilseigner hinzukommen. Ob Gordon das Spiel im Stadion oder von seinem Haus in Neuengland aus verfolgt, dürfte dabei kaum eine Rolle spielen. Die TV-Kameras werden ihn vermutlich ohnehin nicht finden. Und genau das scheint ihm recht zu sein.

Text: Hank Tucker
Foto: Alexander David

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