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Maximilian Riedel ist das Gesicht des gleichnamigen Glas-Giganten und führt das Unternehmen in elfter Generation. Wer das perfekte Werkzeug für den Weingenuss schmiedet, kann keine Fehler zulassen – weder im Kampf mit der Konkurrenz noch bei der eigenen Nachfolge. Ein Blick hinter die Kulissen einer Dynastie.
Die Tiroler Kleinstadt Kufstein wirkt verschlafen. Nur wenige Minuten von der mittelalterlichen Festung im Zentrum entfernt liegt aber einer der heißesten Arbeitsplätze Österreichs: In der Tiroler Glashütte – dem Hauptsitz des Glasherstellers Riedel – stehen Glasbläser mit Schweißperlen auf der Stirn vor dem glühenden Ofen. Bei Temperaturen von bis zu 1.400 Grad Celsius erzeugen sie hier rund 250.000 Gläser und Dekanter pro Jahr. Der Großteil der Produktion findet zwar maschinell in Bayern statt, in Kufstein lebt jedoch der Geist der 270-jährigen Unternehmensgeschichte weiter. In elfter Generation an der Spitze: Maximilian Riedel. Als Forbes ihn zum Gespräch trifft, sitzen Anzug und Krawatte perfekt. Es ist 13 Uhr, Riedel trinkt also Tee.
Mir ist das egal. Ich habe ja bewiesen, dass es erfolgreich ist.
Maximilian Riedel
Der 48-Jährige sieht sein Unternehmen mit rund 1.000 Mitarbeitern nicht nur als Hersteller von schönen Gläsern für Wein, Spirituosen, Cocktails und andere Getränke, sondern als „Toolmaker“ für den perfekten Genuss. Rund 60 Millionen Stück werden pro Jahr verkauft. Etwa 300 Mio. € Umsatz soll die Riedel-Gruppe laut Medienberichten damit erwirtschaften;
auf Nachfrage will Maximilian Riedel die Zahl aber nicht kommentieren. Die Exportquote liegt bei 97 %. Zu den stärksten Märkten zählen die USA und Asien. Innerhalb des DACH-Raums sei man nicht der „Platzhirsch“, Riedel arbeite aber „akribisch daran“, Boden gutzumachen. Ohne Namen zu nennen, richtet sich die Kampfansage wohl an die deutsche Zwiesel-Gruppe. An Überzeugung mangelt es Maximilian Riedel nicht: In seinem Sortiment finde man „das beste Weinglas, das es auf der Welt gibt“, sagt er.
Das Besondere an der Riedel-Philosophie: Für jede Traube gibt es das passende Glas. Um zu beweisen, dass das kein „Marketing-Schmäh“ ist, veranstaltet Riedel auf der ganzen Welt sogenannte „Wine Glass Experiences“ – kürzlich etwa in Japan und Korea. Das ist häufig noch Chefsache.
Dahinter steckt mehr als reiner Arbeitseifer: Maximilian Riedel sieht es als Verantwortung, die weit über das Tagesgeschäft hinausgeht. Er ist das Gesicht und der Erbe der Marke. Deshalb ist seine größte Herausforderung die gleiche, vor der so viele andere Familienunternehmer auch stehen – allerdings mit dem Gewicht von elf Generationen: nicht der Letzte zu sein. „Das ist der größte Druck, den ich mir selbst auflege“, so Riedel. Dabei sind seine Kinder erst acht und zehn Jahre alt.
Riedel wurde das Glashandwerk in die Wiege gelegt. Vor den Glasschmelzöfen habe er vermutlich seine ersten Schritte getätigt, erzählt er. Als Kinder waren seine Schwester Laetizia und er oft im Unternehmen. Riedel war ein schlechter Schüler, deshalb ließ sein Vater ihn mit elf Jahren das erste Mal im Unternehmen anpacken. „Wer nicht in die Schule gehen will, der muss arbeiten“, habe dieser ihm damals gesagt. Also stand Maximilian Riedel in den Schulferien eine Woche lang in der Manufaktur. „Das war sehr hart. Aber dadurch habe ich bis heute Respekt, was meine fleißigen Glasmacher täglich in der Produktion leisten“, so Riedel.
Den Weg ins Unternehmen hat sich Riedel allerdings anders vorgestellt. Nach einer Reise durch Asien wollte er im Alter von 20 Jahren bei der Riedel-Tochtergesellschaft in Japan einsteigen. Fasziniert von der Kultur und voller Vorfreude kam er zurück – doch der Vater hatte andere Pläne: Maximilian Riedel wurde in die USA geschickt. Im Nachhinein ein Glücksfall: „Das hat mir alles beigebracht – wie ich Dinge angehe, wie ich mit Menschen spreche und kommuniziere“, sagt Riedel heute. Zudem kam er mit dem richtigen Timing in die USA: In den frühen 2000ern boomte dort der Weinkonsum – Riedel mischte den Markt auf, versechsfachte in wenigen Jahren den Umsatz und machte die Vereinigten Staaten zum wichtigsten Exportmarkt.
Seine Zeit in New York hat bis heute Spuren im Weinglas-Sortiment von Riedel hinterlassen: Über Jahre hinweg reifte die Idee der „O“-Serie. Während sein Großvater in den 1950ern das erste Weinglas mit Stiel entwickelte, nahm der junge Riedel ihn wieder ab. „Er war enttäuscht und verletzt, dass ich seine Formen abgeändert habe“, erzählt Maximilian Riedel von der Reaktion des Großvaters. Sein Vater jedoch erkannte das Potenzial sofort – und sollte recht behalten. „So sind Familienunternehmen“, sagt Riedel und ergänzt: „Da geht es oft nicht um das Geschäft, sondern um den Vater-Sohn-Konflikt.“ Während Riedel das Verhältnis zu seinem Vater als sehr gut beschreibt, hat er auch erlebt, wie es anders kommen kann: „Bei meinem Vater und seinem Vater kam es zum Bruch – das konnte bis zum Tod nicht mehr repariert werden.“
2013 kam der Weinliebhaber mit 3.000 Flaschen im Gepäck wieder zurück nach Tirol und übernahm die Geschäftsführung von seinem Vater – der ihn bis heute unterstützt. Riedel muss sein Unternehmen allerdings durch ein schwieriges ökonomisches Umfeld navigieren: Die Weinindustrie schwächelt; der globale Konsum sank 2024 auf den niedrigsten Stand seit 1961. In Frankreich erhalten Winzer Prämien von der Regierung, wenn sie Rebstöcke ausreißen und die Produktion drosseln. Es „wird ja nur noch schlecht über Alkohol gesprochen“, so Riedel. Doch das geänderte Konsumverhalten ist nicht die einzige Herausforderung für den Betrieb: „Eigentlich ist es unmöglich, mein Produkt in Europa zu fertigen“, sagt Riedel. Grund dafür sind fehlende Fachkräfte sowie gestiegene Kosten für Energie und Rohmaterial. Besonders der Ukraine-Krieg traf den Glasmacher hart: Das Gas kam aus Russland, die Pottasche aus der Ukraine, das Läuterungsmittel Antimon aus China – eine chemische Zutat, die für die Blasenfreiheit und Brillanz des Glases sorgt, aber auch zur Härtung von Munition dient. Exportbeschränkungen und die Nachfrage in der Rüstungsindustrie haben den Preis in die Höhe schnellen lassen. Um konkurrenzfähig zu bleiben, investiert Riedel in fortschrittliche Produktionsverfahren. Seine Pläne will er auf Nachfrage allerdings nicht teilen.
Mit dem Generationenwechsel zu Maximilian Riedel änderte sich auch der Führungsstil – auch inspiriert von seiner Zeit in den USA, wie er sagt. Wie schon sein Vater reist er als Gesicht der Marke um die Welt, tritt dabei aber ganz anders auf – als Influencer. Auf Instagram folgen ihm über 620.000 Menschen. Dort beweist Riedel mit seinen Videos, dass Wein alles andere als ein verstaubtes Thema für Kenner alter Jahrgänge sein muss. Da köpft er auch einmal eine Champagnerflasche mit einem Ski oder rauscht mit einem Tablett voller Riedel-Gläser auf einem Wakesurfbrett über den Wörthersee. Idee, Videoschnitt, die Beantwortung von Kommentaren – all das macht Riedel selbst. Hinter der Kamera steht meistens sein zehnjähriger Sohn. Die Auftritte polarisieren teilweise – auch, weil Maximilian Riedel ausschließlich Englisch spricht. Angesichts des starken internationalen Geschäfts wenig verwunderlich, doch laut Riedel finden es zwar viele charmant oder witzig, wenn Österreicher Englisch sprechen, andere aber „finden es blöd. Ich muss ganz ehrlich sagen: Mir ist das egal. Ich habe ja bewiesen, dass es erfolgreich ist.“
Sein Influencer-Dasein sei dabei weniger Selbstdarstellung als vielmehr erfolgreiches Marketing. „Mir macht schon lange nichts mehr Spaß daran. Ich mache es, weil es aus dem Nichts zu einer der wichtigsten Aufgaben für mich geworden ist“, so Riedel. Doch es gebe auch viele positive Erlebnisse – so helfe ihm etwa der direkte Austausch mit der Community, Kundenbedürfnisse besser zu verstehen. Doch worüber er sich am meisten freut: „Wenn mir die Leute schreiben, dass ich sie zum Wein gebracht habe.“
Trotz Extravaganz und edler Tropfen, die bei Riedel-Gläsern oft nicht weit sind, möchte er seine Firma nicht mit dem Luxus-Stempel versehen: „Das macht mich nicht stolz. Ich habe Gläser, die fangen unter 10 € an. Ich bin der Werkzeugmacher – natürlich führt hochwertiges Werkzeug auch zu Luxus.“
Doch was ist für Riedel selbst Luxus? Immerhin steht vor dem Büro eine Mercedes G-Klasse und er ist bekennender Autosammler. „Ich hätte Ihnen vor vielen Jahren andere Dinge genannt. Heute ist es Zeit. Sie sehen, ich habe keine Zeit.“ Was nicht wegen Zeitmangels gestrichen wird: täglich 10.000 Schritte zu gehen. Doch selbst da geht der Blick aufs Handy und nicht in die Natur: „Ich bin schon oft gegen Laternenpfosten gelaufen. Tut weh!“, lacht Riedel.
Eine Zukunftsfrage treibt den Familienunternehmer allerdings mehr um als gestiegene Kosten für Löhne und Rohstoffe: wie es nach ihm weitergeht. „Das haben zehn Generationen vor mir gemeistert. Ich hoffe, ich bin genauso gut unterwegs“, meint er. Noch denkt er nicht ans Aufhören, doch seine potenziellen Nachfolger hat er schon im Fokus. „Ich baue den Kindern jetzt schon Druck auf und das spüren sie“, sagt Riedel. Er sei da zu hart, hadert er mit sich: „Ich analysiere jedes Wort.“ Würden sie dem Druck nicht standhalten, könnten sie das Unternehmen aber ohnehin nicht erfolgreich weiterführen. „Alle Familienbetriebe haben damit zu kämpfen“, ist Riedel sich sicher – wobei wohl nur die wenigsten auf mehr als ein Vierteljahrtausend an Historie verweisen können.
Fotos: Riedel Glas