Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.
Michael Bronstein verließ Oxford, um in Wien das vielleicht ambitionierteste KI-Biologie-Institut der Welt aufzubauen: Mit 150 Mio. € und einem Team internationaler Spitzenforscher nimmt er unter anderem neue Strategien der Krebsforschung in Angriff – und die Art und Weise, wie Wissenschaft betrieben wird.
In einem Meetingraum im Vienna Biocenter, wo Michael Bronstein arbeitet, steht ein lebensgroßes Schaukelpferd aus Holz. „Das habe ich zum Geburtstag bekommen“, erklärt der passionierte Reiter. Seitdem verwendet er es als spielerische Herausforderung für seine Gäste: Wissenschaftler steigen zumeist auf, sagt er, Politiker eher selten. Es ist ein „Spielchen“ eines Mannes, der die Wissenschaft neu definieren will.
Bronstein hält einen Deepmind-KI-Lehrstuhl in Oxford, ist Ehrenprofessor in Computerwissenschaften an der TU Wien und in Mathematik an der Universität Wien. Außerdem ist er außerplanmäßiger Professor an der EPFL in Lausanne. Bronstein ist ein Pionier des geometrischen Deep Learnings, dessen mathematische Prinzipien maßgeblich die Architektur von Alphafold 2 prägten, dem Nachfolger des Nobelpreis-prämierten Protein-Strukturmodells Alphafold. Er hat mehrere Unternehmen mitgegründet, darunter zwei mit erfolgreichen Exits, und ist derzeit Leitender Wissenschaftler bei Proxima Bio, einem US-amerikanischen Start-up, das kürzlich 80 Mio. US-$ (70 Mio. €) Seed-Funding eingesammelt hat, um eine neue Klasse von Krebsmedikamenten zu entwickeln. Kurz gesagt: Bronstein ist ein Mann, dem die Welt offen stand. Er entschied sich für Wien.
Anfang 2023 trat die Boehringer Ingelheim Stiftung mit einer Idee an Bronstein heran: ein Institut an der Schnittstelle von künstlicher Intelligenz und Biologie in Europa aufzubauen. Wien war eine von mehreren Städten, die zur Auswahl standen. Neben einem starken Life-Sciences-Standort und der langfristigen Unterstützung durch die Österreichische Akademie der Wissenschaften bot Wien, so Bronstein, einen entscheidenden Vorteil: die Freiheit, Dinge anders zu machen. Dort gründete er Aithyra, das Institute of Science and Technology for AI and Life Sciences, und steht als Scientific Director of AI mit zwei Co-Directors (Anita Ender, Managing Director, und Georg Winter, Life Science Director) an der Spitze. Im September 2024 gegründet beschäftigt Aithyra derzeit rund 100 Menschen; 75 davon sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Neben Bronstein und Winter wurden vier weitere Principal Investigators (PIs; leitende Wissenschaftler, die eigenständig eine Forschungsgruppe führen) aus den Laboren von Nobelpreis- und Turing-Preisträgern in Nordamerika und vier Adjunct PIs rekrutiert. Bronstein schreibt das dem „gegenwärtigen politischen Klima“ zu, das die Rekrutierung in Europa erleichtere – aber er korrigiert sich rasch: „Ich möchte glauben, dass die Menschen zu uns kommen, weil wir großartig sind, nicht weil es anderswo schlecht läuft.“
Von der Boehringer Ingelheim Stiftung erhielten sie eine Finanzierung in Höhe von 150 Mio. €, ergänzt durch Mittel der Akademie der Wissenschaften und der Stadt Wien für Infrastruktur – darunter ein neues Gebäude, das für 2029 geplant ist. Die ersten Ergebnisse des Instituts lassen aufhorchen: Auf der ICLR 2026 (eine der führenden KI-Konferenzen), die in Rio de Janeiro stattfand, steuerte Aithyra 20 wissenschaftliche Artikel bei – diese Zahl entsprach der Leistung des weitaus größeren Institute of Science and Technology Austria (ISTA) und übertraf auch die Beiträge mehrerer ganzer europäischer Länder.
Bevor man versteht, was Aithyra tut, muss man verstehen, wer Bronstein ist. „Ich betrachte das Unternehmertum als eine Erweiterung der Forschung“, sagt er. In vielen Fällen sei Unternehmertum der einzige Weg, tatsächliche Wirkung zu erzielen. Diese Haltung prägte Aithyra von Grund auf: Das Institut soll Werkzeuge entwickeln, die in der Welt etwas verändern – in der Biologie, der Biotech-Industrie und in der Pharmaforschung.
Was also macht Aithyra konkret? „Biologie ist und wird immer mehr zu einer Ingenieurwissenschaft“, sagt Bronstein. Er beschreibt einen Wandel: von der Biologie, wie sie traditionell betrieben wurde – man zerbricht Dinge und beobachtet, was passiert –, zur neuen Herangehensweise, in der lebende Systeme mit der Präzision von Software gebaut und umprogrammiert werden. „Ein Großteil der Medikamententherapien basiert auf Funktionsverlust“, erklärt Bronstein; „man blockiert ein Protein oder zerstört etwas in der Zelle.“ Die KI hingegen ermöglicht „Funktionsgewinn“: Mithilfe von Machine-Learning-Modellen können Aithyra-Forscher Moleküle entwerfen, die Proteinen neue Aufgaben geben und die Zelle „umprogrammieren“. Sie können Zellen im Grunde genommen anweisen, dort zu wirken, wo konventionelle Medikamente keinen Einfluss haben. In der Fachsprache wird dieser Ansatz unter anderem mit Targeted Protein Degradation (TPD) und verwandten Strategien wie „Molecular Glues“ beschrieben. Diese Entwicklung steht für einen breiteren Wandel in der Onkologie und Wirkstoffforschung – weg von klassischen Hemmstoffen, hin zu präzise gesteuerten Eingriffen in zelluläre Prozesse.
Die Wirkung dieser neuen Herangehensweise zeigt sich bereits: Wenige Wochen vor dem Forbes-Interview präsentierte ein Fachkollege Bronsteins auf einer Onkologie-Konferenz frühe Daten für einen neuen Therapieansatz, der schwer behandelbaren Krebs adressiert. Erste Ergebnisse deuten auf verbesserten klinischen Outcome gegenüber der Standardchemotherapie hin. Konzeptionell fügt sich dieser Fortschritt in die gleiche Denkweise ein, die auch Georg Winter verfolgt, der als Pionier im Bereich TPD und Molecular-Glue-basierter Ansätze gilt – mit der Unterstützung von KI.
Ich betrachte das Unternehmertum als eine Erweiterung der Forschung.
Michael Bronstein
Die Ambition geht aber über die Onkologie hinaus: Zu den weiteren Forschungsgebieten gehören generatives maschinelles Lernen für programmierbare
(Zell- und Gewebe-)Biologie, KI-gestützte Enzym- Entdeckung und strukturelle Systemvirologie.
Was Aithyra von seinen Nachbarn am Vienna Biocenter unterscheidet, ist, dass es ein KI-first-Institut ist. Aithyra baut und betreibt ein autonomes Roboterlabor, das teilweise mithilfe von KI-Coding-Agenten programmiert wird. Die Vision ist ein vollautomatischer Kreislauf, in dem KI Experimente entwirft, Roboter diese durchführen und KI die Ergebnisse analysiert. Was die genauen Aufgaben der Wissenschaftler betrifft, gibt es bei Aithyra keine strengen Vorgaben oder Departments – Projekte werden von ihren PIs vorangetrieben. „Bei uns gibt es keine Grenzen. Wir wollen, dass unsere Wissenschaftler das tun, was sie für den nächsten bahnbrechenden Schritt halten“, sagt Bronstein. „Ich denke, unsere Arbeitsweise stellt die Art und Weise, wie Wissenschaft betrieben wird, vollständig infrage.“
Es liegt an uns Menschen, die KI zu einem Freund statt zu einem Feind zu machen.
Michael Bronstein
Bronstein ist von Natur aus Optimist. Seine Bedenken bezüglich KI gelten der Integration unverstandener Systeme in kritische Infrastrukturen sowie algorithmischer Diskriminierung. In der Geschichte der Menschheit habe man außerdem immer wieder Fähigkeiten verloren – das Feuermachen, das Reiten –; durch eine Abhängigkeit von KI bestehe nun die Gefahr, kognitive zu verlieren. Auf die Frage, ob KI jemals außer Kontrolle geraten könnte, antwortet Bronstein nüchtern und bestimmt: „Es liegt an uns Menschen, die KI zu einem Freund statt zu einem Feind zu machen.“
Fotos: Gianmaria Gava