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Gabriele und Irene Ströck kamen aus der Bau- und Holzwirtschaft, bevor sie in die Wiener Bäckerei einheirateten. Gemeinsam mit ihren Ehemännern machten sie aus einer Filiale in Kaisermühlen ein Unternehmen mit rund 80 Standorten und 1.600 Mitarbeitenden. Viele der prägenden Entscheidungen, vom Filialgeschäft bis zum Bio-Segment, gehen auf die beiden Frauen zurück. Nun ist offen, wer das Familienunternehmen künftig führt.
Es ist acht Uhr morgens, am Wiener Praterstern ist morgendliche Betriebsamkeit deutlich spürbar – Züge fahren im Minutentakt ein und aus, während Passagiere vom Bahngleis zur U-Bahn hetzen oder umgekehrt. Für manche führt der Weg an der nächsten Bäckerei vorbei, um sich einen Kaffee oder ein Croissant zu holen. Mitte der 90er-Jahre war das in Wien noch ein ungewöhnliches Bild: Beim Bäcker ums Eck kaufte man in erster Linie Brot, und das aß man zu Hause.
Gabriele und Irene Ströck, heute Geschäftsführerinnen und Miteigentümerinnen des gleichnamigen Bäckerei-Unternehmens, ahnten, dass sich das ändern würde. „Wir wollten dorthin gehen, wo das Leben pulsiert“, sagt Irene Ströck. 1994 eröffnete Ströck als erste Bäckerei eine Filiale in einer Wiener U-Bahn-Station. Die Behörden verlangten umfangreiche Brandschutzmaßnahmen, die nach dem Brandunglück in der Gletscherbahn Kaprun im Jahr 2000 nochmals verschärft wurden; dazu kamen Vorgaben der Wiener Verkehrsbetriebe. „Wir haben aber nicht gesagt: ,Nein, das geht nicht, weil …‘“, erzählt Irene Ströck, „sondern: ,Was müssen wir tun, damit es funktioniert?‘“
Heute betreibt das Unternehmen 80 Filialen und beschäftigt rund 1.600 Mitarbeitende in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland. Einen aktuellen Jahresumsatz weist Ströck nicht aus, Branchenexperten schätzen ihn auf 140 bis 160 Mio. €. Zwei Standbeine tragen das Geschäft: die Bäckerei-Filialen und der Handel. Ströck beliefert vor allem den Rewe-Konzern mit Brot und Gebäck, aber auch die Spitäler der Stadt Wien. Die größten Mengen fließen in den Handel, dennoch werden 55 % des Umsatzes in den Filialen erzielt, wo zum Endverkaufspreis verkauft wird. Nach eigenen Angaben versorgt das Unternehmen täglich 80.000 Menschen mit seinen Produkten.
Während Ölz die Marktführerschaft im Lebensmitteleinzelhandel innehat, konkurriert Ströck im Filialgeschäft vor allem mit „Der Mann“ (84 Filialen, Umsatz 2023: 75 Mio. €) und Ankerbrot (über 100 Filialen, Umsatz 2025: 105 Mio. €), die in Wien ebenfalls stark vertreten sind. Beide blicken punkto Gründungsjahr (1860 bzw. 1891) auf eine lange Geschichte zurück – Ankerbrot stieg in der Zwischenkriegszeit zeitweise zum größten Brothersteller des europäischen Kontinents auf.
Die Geschichte von Ströck nimmt ihren Anfang erst einige Jahrzehnte später: Im Jahr 1970 beschlossen der Bäcker Johann Ströck und seine Frau Hilda, damals Ende 40 und im burgenländischen Kittsee zu Hause, eine Bäckerei in der Wiener Donaustadt zu übernehmen. Im Keller wurde produziert, im Erdgeschoss verkauft. In den Folgejahren baute Johann Ströck den Betrieb schrittweise aus. Nach einem Schlaganfall des Vaters führten die Söhne Gerhard und Robert den Betrieb ab 1977 weiter, drei Jahre später gründeten sie die Ströck Brot KG.
Als Gabriele und Irene Ströck 1991 offiziell als Geschäftsführerinnen zum Unternehmen stießen, hatte der Betrieb etwa zehn Mitarbeitende. Gabriele hatte bis dahin in einer Exportfirma im Holzhandel gearbeitet; „eine reine Männerwirtschaft“ und eine gute Schule, wie sie sagt. Irene Ströck war in der elterlichen Baufirma tätig gewesen. Dort hatte sie sich um die Beschaffung von Baumaterialien gekümmert und Behördenwege erledigt. Eine Bäckerei zu führen gehörte nicht zu den erklärten Zielen der beiden Frauen – doch als sie ihre Männer kennenlernten, entschieden sie sich trotzdem dafür. „Wenn wir etwas machen, dann mit vollem Einsatz“, so Gabriele Ströck.
1991 übernahm das Vierer-Team die Filiale eines in Pension gehenden Bäckers in Kaisermühlen samt kleiner Backstube und Kaffeehaus. Es war die erste als Bäckerei-Café konzipierte Filiale des Unternehmens. Gabriele und Irene Ströck standen täglich um vier Uhr Früh auf, eine Stunde später begannen sie ihre Arbeit in der Filiale. „Wir hatten nichts zu verlieren, wir hatten nur zu gewinnen“, sagt Irene Ströck. Die Filiale läutete einen Strategiewechsel ein: Statt weiterhin primär als Zulieferbäckerei für fremde Geschäfte und Supermärkte zu fungieren, wollten Irene und Gabriele Ströck eigene, direkt vom Unternehmen betriebene Bäckerei-Cafés etablieren. Die Zusammenarbeit der vier Geschäftsführer verlief dabei nicht immer harmonisch. Irene Ströck sieht das auch positiv: „Ein gesundes Maß an Reibung und der Leistungsdruck, noch besser zu sein, können der Treibstoff für Wachstum sein.“ Heute sind die Rollen klar verteilt: Gerhard und Robert Ströck verantworten Produktion und Logistik, Gabriele und Irene Ströck Verkauf, Marketing, Filialkonzepte und Personal.
Vieles hat sich seit diesen ersten Jahren verändert, aber nicht alles. „Wir sind zwar sehr groß, aber wir arbeiten in weiten Teilen immer noch wie eine handwerkliche Bäckerei“, sagt Gabriele Ströck. Das Unternehmen verwendet beispielsweise keine Durchlauföfen. Dass die Herstellung seit über 40 Jahren weitgehend unverändert abläuft, hat im Februar 2016 sogar das Wirtschaftsministerium bestätigt, nachdem Gewerkschaften ab 2013 den teureren Kollektivvertrag für Großbäcker gefordert hatten – aufgrund der traditionellen Produktionsprozesse erfolglos: Für die Bäckereien Ströck und „Der Mann“ gilt nach wie vor der Gewerbe-Kollektivvertrag.
Wie das Unternehmen arbeitet, verrät ein Rundgang durch die Produktionsstätte in der Wiener Industriestraße. Mitarbeiter mit Haarnetz und Schürze bedienen silbern glänzende Maschinen, die den Teig mischen; andere formen das Gebäck oder schieben die Bleche Richtung Ofen. Wir sollen aufpassen, nicht auszurutschen, warnt uns die Kommunikationsverantwortliche, der Boden sei von einem Fettfilm bedeckt. Bei unserem Besuch sind Angestellte gerade dabei, Mohnstriezel zu falten: Etwa 12.000 Stück entstehen hier jede Woche.
Stärker als die Herstellungsprozesse hat sich das Sortiment verändert; weg von der Nahversorgung, hin zu Gastronomie und Imbiss. Früher verkaufte Ströck vor allem Mischbrot, Schweizerbrot und Salzstangen, heute dominiert das Croissant – und das Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein: 1995 entwickelte Ströck für die Supermarktkette Merkur das erste Bio-Brot, das „Bio-Bergsteigerbrot“. Bio-Brot galt damals als gesund, aber „nicht bekömmlich“, erzählt Irene Ströck. Um das Segment zu etablieren, mussten passende Rohstoffe organisiert und Bauern überzeugt werden. Beim Fairtrade-Bio-Kaffee stellte es sich als „fast unmöglich“ heraus, ausreichende Mengen zu beziehen. „Der Kaffee hat ehrlich gesagt auch nicht besonders geschmeckt, aber er war bio und aus fairem Handel“, sagt Gabriele Ströck.
Wir sind zwar sehr groß, aber wir arbeiten in weiten Teilen immer noch wie eine handwerkliche Bäckerei.
Gabriele Ströck
Die Umstellung dauerte ein Dreivierteljahr. Heute sind laut dem Unternehmen über 35 % der Produkte bio. Die eigenständige Ströck Bio-Brot Produktions GmbH wies im Geschäftsjahr 2025 eine Bilanzsumme von 17,5 Mio. € und einen reinen Jahresüberschuss von 4,9 Mio. € aus. Den Anstoß zu mehr Nachhaltigkeit im Unternehmen gaben die Söhne der Ströcks: Der Thunfisch flog 2011 aus dem Sortiment, 2012 verschwanden die Plastiksackerl; sechs Jahre bevor ihr Verbot politisch angekündigt wurde. „Wir alleine werden die Welt nicht retten, aber du kannst in deinem kleinen Bereich Dinge ändern“, so Gabriele Ströck. Sie sieht auch die Kundschaft in der Pflicht: Wer um 18 Uhr volle Regale erwartet, produziert Retourware. „Da haben wir den Kunden alle sehr verwöhnt“, sagt die Unternehmerin.
Eine Schockwelle sandte 2020 die Coronapandemie durch das Unternehmen – in der ersten Woche brach das Filialgeschäft um 70 % ein. Gleichzeitig war das Unternehmen mit sich laufend ändernden Regeln in den Bundesländern konfrontiert. Mit Kurzarbeit gelang es den Ströcks, ihre Mitarbeiter zu halten; eine Prämisse, auf die die Geschäftsführerinnen besonders viel Wert legen: Die Bäckereibranche sei personalintensiv, jeder Wechsel koste „ein Vielfaches“. 2015 führte das Unternehmen unter ihrer Anleitung die Lehrlingswoche ein: Lehrlinge führen eine Filiale selbst, samt Filialleitung und Stellvertretung. „Das Berührendste, das wir hörten, war: ,Das Unternehmen schenkt uns dieses Vertrauen und Fehler werden akzeptiert‘“, sagt Irene Ströck.
Das Filialnetz der Bäckereikette entstand nicht nach einem Masterplan, sondern „wenn sich etwas ergibt und es dazupasst“, sagt Gabriele Ströck. 2026 seien die guten Lagen in Wien bereits vergeben und für Adressen wie die Mariahilfer Straße würden Mieten verlangt, die für viele Bäckereien nicht machbar seien, erzählt Irene Ströck. Man dürfe keine Scheu haben, unrentable Standorte aufzugeben, sagen die Geschäftsführerinnen. Die neueste Filiale eröffnete Ende vergangenen Jahres in der Klinik Landstraße.
Unklar ist, wer das Unternehmen weiterführen wird. Zwei der drei Söhne von Gabriele und Gerhard, Christoph und Philipp, waren bis vor ein paar Jahren stark operativ ins Unternehmen eingebunden. 2014 eröffnete das Unternehmen auf ihre Initiative hin das Lokal „Ströck-Feierabend“ auf der Landstraßer Hauptstraße, das eine Bäckerei mit Restaurant, Bar und Café verbindet. 2022 sperrte in der Wiener Burggasse eine zweite Filiale auf. Doch in den darauffolgenden Jahren erkrankten beide an ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom), einer schweren neuroimmunologischen Erkrankung, bei der Betroffene nach körperlicher oder geistiger Anstrengung eine extreme Zustandsverschlechterung erleben. Normal zu arbeiten ist damit unmöglich. Gerhard und Gabriele Ströcks dritter Sohn Michael ist Co-Gründer und CEO der Investmentplattform Allocator One. Auch Irene und Robert Ströck sind Eltern: Claus ist operativ im Familienunternehmen tätig und kümmert sich in Absprache mit seinem Cousin Philipp um die Weiterentwicklung des Betriebs. Sein Bruder Stefan hat soeben sein Medizinstudium abgeschlossen. Damit ist die Nachfolge „nicht abschließend geklärt“, sagt Gabriele Ströck. Die Geschäftsführerinnen schließen nicht aus, Externe in den rein eigentümergeführten Betrieb zu holen – das müsse die nächste Generation entscheiden.
Die Erkrankung von Christoph und Philipp hat die Familie Ströck in vieler Hinsicht geprägt. 2020 gründeten Gabriele und Gerhard Ströck die „WE&ME Stiftung“, die die Forschung zu ME/CFS unterstützt. Die Österreichische Gesellschaft für ME/CFS schätzt die Zahl der Betroffenen hierzulande auf 73.000 bis 76.000, in Deutschland leben rund 650.000 Menschen mit der Erkrankung. Dennoch ist die Versorgungslage prekär. Um das zu ändern, leistete die Stiftung etwa die Anschubfinanzierung der ersten österreichischen ME/CFS-Biobank, die seit September 2023 an der Medizinischen Universität Wien aufgebaut wird. Die Geschäftsführerinnen sprechen offen über das Thema, doch es ist zu spüren, wie stark die Krankheit die Familie und somit auch das Unternehmen beschäftigt. „Das Wichtige war, Awareness zu schaffen“, sagt Gabriele Ströck.
2024 erhielten Gabriele und Irene Ströck das Silberne Ehrenzeichen für besondere Verdienste um das Land Wien – acht Jahre nach ihren Ehemännern. „Und das, obwohl wir immer dabei waren“, sagt Gabriele Ströck. Beim Unternehmen selbst habe immer volle Akzeptanz für Frauen in Führungspositionen geherrscht, sowohl bei Mitarbeitern als auch Geschäftspartnern, erzählen die Geschäftsführerinnen. Dennoch betonen beide, dass noch viel zu tun ist, bis Männer und Frauen in der Gesellschaft gleichgestellt sind. „Wir haben uns natürlich über diese Auszeichnung gefreut“, sagt Irene Ströck. „Aber wir haben den Preis auch stellvertretend für die vielen Frauen entgegengenommen, die jeden Tag harte Arbeit leisten und nicht gesehen werden.“
Fotos: Niko Havranek