Die Donut-Ökonomie

Warum Kate Raworths neues Wirtschftsmodell die Form eines Süßgebäcks hat.

Die Volkswirtschaftslehre hat ein Imageproblem. Während die meisten Menschen sich wegen der vermeintlich mathematischen Fundierung der ganzen Disziplin von vornherein davon abwenden, begehren nun auch jene auf, die sich eigentlich für das Fach interessieren. Denn weltweit beklagen Ökonomiestudenten, dass das Fach zu einseitig, zu dogmatisch, zu wenig pluralistisch gedacht und gelehrt werde. Die neoklassische Theorie mit ihren mikro- und makroökonomischen Modellen dominiert die Lehrpläne, die meisten anderen Strömungen werden unter dem Begriff „Heterodoxe Ökonomie“ zusammengefasst und stiefmütterlich behandelt. Doch auch abseits der wissenschaftlichen Diskussion gerät unser vorherrschendes Wirtschaftsdenken immer wieder in die Kritik. Der auf Wachstum ausgerichtete Wohlstand dieser Zeit zerstört den Planeten, da mehr Ressourcen gebraucht werden, als vorhanden sind. Zudem verschärft sich die Ungleichheit – und die Finanzkrise hat gezeigt, dass wir keinen tiefen Einblick in die Me­chanismen der Märkte besitzen.

Kate Raworth forschte mehrere Jahre an den Thesen, die sie in ihrem Buch „Die Donut-­Ökonomie“ verpackte. Das Buch verspricht sieben Wege, um wie ein Ökonom des 21. Jahrhunderts zu denken. Als Ergebnis davon soll unsere Wirtschaft als Donut gedacht werden (siehe nächste Seite): Der innere Kreis zeigt ein Netz der sozialen Absicherung – quasi die untere Grenze. Der äußere Kreis wiederum beschreibt die Beschränkung, die uns durch die natürlichen Ressourcen auferlegt wurde. Wenn also alle Menschen „im Donut“ leben – im sicheren Raum –, haben wir eine Wirtschaft erreicht, die den Planeten nicht zerstört, in der Menschen aber nicht in Armut leben müssen. Angesichts der Übersetzung des Buchs auf Deutsch sprachen wir mit Raworth über ihr Modell, Formationsflüge von Vögeln und den Nachfolger des Homo oeconomicus.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die Macht, die Bilder auf unser Gedächtnis haben. War Ihnen von Anfang an bewusst, dass es ein simples Bild wie einen Donut brauchen würde, um Ihre Thesen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen?
Ich habe während meines Studiums, aber auch in meinen Jobs immer gezeichnet, sobald ich neue Ideen hatte. Viele haben diese Zeichnungen belächelt, auch ich selbst habe lange gebraucht, um zu verstehen, wie stark Bilder sein können. Als ich den Donut 2011 erstmals entwarf, legte ich die Zeichnung in die Schublade. Ich dachte nicht, dass jemand das ernst nehmen könnte. Doch in Gesprächen zeigte sich, dass das Bild funktionierte. Also publizierten wir den „Donut“ als Studie im Jahr 2012, als ich noch bei Oxfam arbeitete – im Vorfeld der United Nations Conference on Sustainable Development. Ich war von der Reaktion erstaunt: Das Bild half vielen  wieder Fragen zu stellen. Danach fand ich auch schnell sieben Bilder, die die Ökonomie des 20. Jahrhunderts repräsentierten – und sieben, die die Ökonomie des 21. Jahrhunderts repräsentieren sollten. Darauf baut das Buch auf.

Kate Raworth

Raworth studierte Ökonomie an der Universität Oxford. Sie war anschließend zwei Jahrzehnte für die Vereinten Nationen und die NGO Oxfam tätig. Aktuell arbeitet sie als „Visiting Research Fellow“ und Vortragende an der Universität Oxford. 2017 veröffentlichte sie das Buch „The Doughnut Economcs“.

Eines Ihrer Ziele ist, den Menschen die Ökonomie wieder näherzubringen. Doch Ihre Bilder für Ökonomen des 21. Jahrhunderts wirken komplexer als jene, die das 20. Jahrhundert abbilden. Wie passt das zusammen?

Einstein sagte einst: „Man muss die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher.“ Und ein Zitat, das mich bei diesem Buch stets begleitete, stammt von dem Statistiker George Box: „Alle Modelle sind falsch, doch einige sind nützlich.“ Auch meine Modelle sind falsch. Sie sind immer Vereinfachungen – die Frage ist nur, ob sie richtig sind. Die alten Modelle wirken auf den ersten Blick leichter zu verstehen, doch sie führten dazu, dass auch Ökonomen nicht erklären konnten, was während der Finanzkrise passierte. Menschen erkennen dynamische Muster, weil sie in der Natur vorkommen, etwa bei Formationsflügen von Vögeln. Im vorigen Jahrhundert wurde versucht, die Wirtschaft auf den Grundsätzen der Physik aufzubauen, das funktioniert aber nicht. Normalerweise reagieren die Menschen auf meine neuen Modelle also positiv, denn sie verstehen sie intuitiv.

Ähnliches gilt für die Rolle des Menschen: Das Bild des „Homo oeconomicus“ wird seit Langem – zu Recht – kritisiert. Doch zumindest war es etwas, das kritisiert werden konnte. Wie sehen Sie unsere Rolle in der Ökonomie?
Es ist gut, dass wir das Bild dieses vereinfachten, stets rational handeln­den Menschen hinter uns lassen. Oft wird er auf Adam Smith zurückgeführt, doch ich denke, Smith würde erschrecken, wenn er sähe, was da entstanden ist. Die Ökonomie hat in den 30er-Jahren proklamiert, wissenschaftlich zu untersuchen, wie sich menschliches Verhalten im Bezug auf knappe Ressourcen im Wett­bewerb verändert. Doch die Ökonomen entwarfen ein Modell menschlichen Verhaltens, statt es tatsächlich zu untersuchen – ein schlechtes noch dazu. Die Ökonomie bewegt sich wieder in die Richtung, menschliches Verhalten tatsächlich zu erforschen, etwa in der Verhaltensökonomie. Das bereichert die Modelle.

In der Zukunft sollen alle Menschen „im Donut“ leben, also in dem sicheren Raum zwischen Armut und Überkonsum. Gibt es denn heute schon Länder, die diesen Raum erreichen, die also weder arm sind noch die Ressourcen der Erde überlasten?
Forscher an der Universität Leeds haben die ­Äquivalente der „nationalen Donuts“ für 150 Länder berechnet. Länder wie Österreich, Deutschland, die Schweiz – als wohlhabende Länder – erreichen die Vorgaben bezüglich sozialer Absicherung. Gleichzeitig strapazieren sie die biophysischen Grenzen. Ärmere Länder bleiben hingegen innerhalb dieser Grenzen, besitzen jedoch kaum Absicherung. Kein einziges der 150 Länder erreicht beide Ziele. Das ist deprimierend, doch kein Land hat bisher ernsthaft versucht, sie zu erreichen. Es wurde alles auf Wachstum ausgerichtet.

Die Menschen scheinen sich, wie die Weltlage zeigt, nach einfachen Botschaften zu sehnen. In der „alten“ Ökonomie lautete diese: „Wachstum ist gut.“ Was wäre Ihre Version von „Make America great again“ hinsichtlich der Zukunft der Ökonomie?
„Make America thrive again.“ Wenn ich Trump zuhöre, höre ich die Botschaft von John F. ­Kennedy, der in den 1960er-Jahren fünf Prozent BIP-Wachstum versprach. Trump sagt, er wolle sechs Prozent Wachstum erreichen. Er ist im ökonomischen Denken des vergangenen Jahrhunderts gefangen. Wachstum ist ein überzeugendes Argument, doch die Natur zeigt uns, dass Wachstum eine Phase des Lebens ist, die irgendwann aufhört. Kinder wachsen – und werden erwachsen; Pflanzen auch. Wenn etwas versucht, ewig zu wachsen – etwa ein Tumor – ist es eine Gefahr für das System. Wir haben Strukturen geschaffen, die ewiges Wachstum benötigen. Wie kommen wir also von einer Wirtschaft, die wächst – egal, ob es uns gut geht –, zu einer Wirtschaft, in der es uns gut geht – egal, ob sie wächst?

Der Donut steht in ­gewisser Weise für den Überkonsum. Es wirkt ironisch, dass Sie dieses Symbol für eine nachhaltige Wirtschaft gewählt haben …
Metaphern sind wichtig. Ich sage: Das ist der einzige Donut, der gut für uns ist. Ich ermuntere niemanden, Donuts zu essen, es geht um die Form. Jeder Mensch weiß, wie ein Donut aussieht. Und es bringt sie zum Lächeln und Fragenstellen. Sie haben einen Zugang.

Dieser Artikel ist in unserer März-Ausgabe 2018 „Food“ erschienen.

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Chief Editorial Team

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