Die Eigenwillige

Corinna Powalla hat mit ihrem Start-up Modomoto im Onlinemodeversand Fuß gefasst. Ihr aktuelles Projekt soll ihr nun dabei helfen, neue Vertriebskanäle fernab von Google und Co. aufzubauen.

Angefangen hat alles mit einem durchwachsenen Praktikum bei einem großen Unternehmen. „Die Zeit dort war ernüchternd. Wir konnten nichts bewegen“, erzählt Corinna Powalla zehn Jahre später. „Das war eher eine negative Orientierung für die Richtung, die ich für mich wollte: weit weg vom Konzern, bitte.“ Die 36-jährige Gründerin aus Berlin schildert, wie es dazu kam, dass sie heute ihr Unternehmen Curated Shopping Group mit rund 250 Mitarbeitern und 20 Millionen € Jahres­umsatz führt.

Vor allem geht es um die Frage, wie Powalla das im hart umkämpften Onlinehandel geschafft hat – und warum sie jetzt ausgerechnet den Internetgiganten den Kampf ansagt, mit denen sie groß geworden ist.

Corinna Powalla
Seit 2011 befreit die Gründerin und Geschäftsführerin des Berliner Unternehmens Modomoto shopping­gestresste Männer im deutschsprachigen Raum von ihrem Leid. Powalla studierte BWL an der TU Berlin und war vor der Gründung ihres eigenen Unternehmens beim Onlineoptiker Mister Spex im Bereich Finance & Marketing tätig.

Ihr Unternehmen Modomoto hat shoppingfaule Männer im Fokus. Diese können sich auf sie abgestimmte Outfits nach Hause schicken lassen. Was nicht gefällt, geht zurück, und das alles zum Ladenpreis. Das Geschäft boomt: Modomoto hat inzwischen mehr als 200.000 Kunden, laut Powalla mehr als 60 Prozent davon Stammklientel. Jetzt will sie weitergehen – allerdings weit weniger abhängig von den Netzgiganten als bisher.

Es ist eine einfache Rechnung: „Für jeden Neukunden müssen wir im Schnitt 150 € Werbekosten auf Google und Facebook investieren. Ich will bei der Neukundengewinnung aber nicht von Google und Co. getrieben werden“, erklärt Powalla. Das war auch nicht immer so: Als sie vor sieben Jahren den deutschen Modeversand Modomoto gründete, hatte sie im Bereich Onlinemarketing, wie sie selbst sagt, „freie Bahn“.

Gerade auf den Social-Media-­Plattformen war ihr Unternehmen damals eines der ersten in Deutschland, die kapierten, wie es geht. „Es war paradiesisch“, resümiert Powalla. Kein Wunder: Als Endzwanzigerin mit dem richtigen Know-how aus ihrem BWL-Studium hatte sie schneller als einige andere Firmen begriffen, wie die Kundschaft im Netz gewonnen werden kann.

Doch seit einigen Jahren spitzt sich die Situation von Marketing im Onlinebereich immer mehr zu. Der Löwenanteil der Werbung hat sich ins Netz verlagert, die Anzahl der Werbeplätze schrumpft. Für Powalla ist das Marketing daher im Moment auch die größte Herausforderung ihrer Branche. Mit ihrem neuen Projekt Box40 will sie jetzt einen neuen Weg einschlagen.

Wie bei Modomoto geht es um Curated Shopping, also die Vorauswahl von Kleidungsstücken durch Algorithmen und Stylisten, nachdem man mehrere Fragen zu Stil und Persönlichkeit beantwortet hat. Box40 funktioniert über Mitgliedschaften – je mehr mitmachen, desto günstiger soll es für den Einzelnen werden. Wer 119 € Jahresgebühr bezahlt, soll dauerhaft 40 Prozent Preisnachlass bekommen. Das soll mit den Einsparungen der Onlinewerbung für Neukunden möglich werden. Gestartet wurde im September mit einer Crowdfunding-Kampagne, die vor allem ein Ziel hatte: Aufmerksamkeit und die erste Etappe von 50.000 €. Die wurde geknackt, jetzt sollen im zweiten Schritt 250.000 € gesammelt werden. Diesmal sollen auch Frauen mit der Idee erreicht werden.

Onlinehandel ohne Onlinewerbung, ist das überhaupt möglich? „Wir müssen die Welt anders denken“, fordert Powalla. Der Satz mag anfangs etwas platt klingen, doch dahinter steckt Methode. Was Powalla in ihrem Praktikum damals als negativ erfahren hat und in ihrer eigenen Firma vermeiden will, sind verhärtete Abläufe. Die Uhren im Onlinebusiness und ganz besonders in der Mode ticken extrem schnell. Alle vier Monate werden daher die Leitlinien ihres Unternehmens von ihr und dem Kernteam abgeklopft. Powalla will in kurzen Abständen evaluieren, ob die gesteckten Ziele weiterhin zur Jahresstrategie passen: „Wir fragen uns: Sind die Prozesse noch zeitgemäß? Hat sich etwas eingeschliffen? Muss etwas so sein oder können wir das auch anders umsetzen?“

Modomoto ist mittlerweile in acht Ländern in Europa etabliert und schon lange kein kleines Start-up mehr. Wie kann die Geschmeidigkeit der Prozess­optimierung auch bei dieser Größe erhalten bleiben? „Wir schmeißen
ja nicht alles ständig um. Aber ­flexibel zu bleiben, ist schon eine Haltung, die wir von den Mitarbeitern ein­fordern“, sagt Powalla.

Was Powalla sucht, sind Menschen, „die richtig Bock auf das Geschäftsmodell haben“, wie sie es ausdrückt. Der CV sei dabei zweitrangig: „Mir geht es um den Spirit, aber auch eine gute Portion Selbstreflexion und realistische Vorstellungen von den Aufgaben.“ Ihr Chefstylist etwa kam als Architekturstudent zum Unternehmen. Ihre Head of Finance begann vor fünf Jahren als Praktikantin. Alles scheint möglich, auch ohne explizite Erfahrung.

Das Agieren außerhalb der klassischen Karrierekategorien ist auch Powallas eigenes Erfolgs­rezept. Nach dem ersten Praktikum suchte sie bald den Gegenpol zur Konzernbehäbigkeit. In der Berliner Gründerszene des Jahres 2008 wurde sie fündig und dockte bei dem gerade durchstartenden sozialen Netzwerk StudiVZ an. „Am Abend gab’s Bierchen, ein Hund lief durchs Büro – es war erfrischend und inspirierend.“ In der Aufbruchsstimmung dieser Zeit entdeckte sie auch für sich:
„Das ist es, davon möchte ich ein Teil sein.“

Vor allem die Durchlässigkeit der Start-up-Welt faszinierte Powalla: Wer sich reinkniet, kann Aufgaben außerhalb des eigenen Bereichs übernehmen und schnell aufsteigen. Nach StudiVZ fing die 36-Jährige bei Mr. Spex an, dem größten Online­optiker Europas. Das junge Unternehmen entsprach schon eher ihrer Vorstellung der Arbeitswelt. Sie stieg im klassischen Marketing ein, beschäftigte sich jedoch bald mit der Implementierung von Warenwirtschaftssystemen, lieferte Inhalte für das Investoren-­Reporting und entdeckte ihre Liebe für Zahlen und Prozesse.

Aufgefallen ist die Unternehmerin gerade eben auch mit einer Presseaussendung: Bei Modomoto arbeiten mehr als 60 Prozent Frauen – das Unternehmen stelle besonders Mütter ein, steht da. „Ich suche natürlich nicht gezielt Mütter“, klärt Powalla auf. „Aber mich schreckt es nicht ab, wenn im Bewerberkreis junge Mütter und Väter sind.“ Viele ihrer ehemaligen ­Studienkolleginnen fürchteten das Gespräch mit dem Chef, als sie schwanger waren. Und auch das ist bekannt: Nicht wenige Firmen meiden es wie der Teufel das Weihwasser, Mitarbeiter mit kleinen Kindern einzustellen.

„Das ist doch nicht mehr zeitgemäß“, findet Corinna Powalla. Sie selbst hat einen vierjährigen Sohn. Nach ihrer Erfahrung sind junge Eltern dem Arbeitgeber gegenüber besonders loyal, strukturiert und zuverlässig. Bei Modomoto, das als junges Team vor sieben Jahren begonnen hat, ist aktuell ein kleiner Babyboom ausgebrochen. „So what?“, denkt sich die Gründerin. Mit Mit­arbeitern in Elternzeit wird regel­mäßiger Kontakt gehalten. „Die haben vorher einen guten Job gemacht und werden das auch jetzt tun. Wir wollen die auf jeden Fall wiederhaben“, erklärt sie. „Das gehört zum Leben dazu, also muss
es auch zur Arbeit gehören.“

Klar ist: Wer es in so kurzer Zeit so weit geschafft hat, hat mehr als nur Glück. Auch, wenn es in den Sätzen der jungen Berlinerin oft um „Bock haben“ oder eben „keinen Bock haben“ geht – sie scheint als Managerin gut zu wissen, was sie tut, warum sie es tut und zu welchem Zeitpunkt.

Da sie eben keine Lust mehr hat, sich die Werbekosten für Neukundengewinnung via Customer Lifetime Volume schönzurechnen, zieht sie jetzt Box40 durch. „Uns interessiert eine schwarze Null. Daher versuchen wir, uns freizumachen aus der Umklammerung von Facebook und Google.“ Es wird auf jeden Fall spannend sein, zu sehen, wie sich das Projekt ohne branchen­übliches Onlinemarketing entwickelt.

Text: Julia Herrnböck

Dieser Artikel ist in unserer Oktober-Ausgabe 2018 „Handel“ erschienen.

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