Die Interpreten

Zukunftsforscher sind die Seismografen gesellschaftlicher Veränderung. Vater und Sohn Horx sprechen über die Gefahr von Fehlprognosen, verzerrte Wirklichkeit und die Grenzen künstlicher Intelligenz.

Haben Sie den Film „Idiocracy“ gesehen?

Tristan Horx: Ja, vor längerer Zeit. Da geht es um die Überkonsumierungs-Dystopie der Zukunft. Einer der Hauptakteure ist ein dicker Amerikaner, der den ganzen Tag in einem Fernsehsessel sitzt, der gleichzeitig ein Klo ist.

Aus den Wasserhähnen kommt ein Softdrink, mit dem die Felder bewässert werden, die Ernten gehen ein. Steckt in dieser Satire auch ein wahrer Kern?

TH: Die Vision scheitert daran, dass der Mensch evolutionär bedingt vorankommen will. Natürlich gibt es einen kleinen Prozentsatz, der das für sich als Lebensmodell sieht.

Matthias Horx: Das ist eine mögliche Form der Regression, betrifft aber nur einen geringen Teil der Menschheit. Die Welt ist ja voller Gegentrends – je dicker die Menschen werden, umso mehr beginnen sie wieder, Sport zu treiben.

In dem Film geht es auch um eine Tendenz der Verdummung, einen funktionalen Analphabetismus der Menschheit.

MH: Die negative Prognose von der Verdummung der Menschheit ist eine unterhaltende, erschreckende Vorstellung, die unser Gehirn reizt, die aber mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Der Flynn-Effekt zeigt, dass der Intelligenzquotient allerorts steigt. Daran sieht man, wie falsch unsere Wahrnehmung sein kann.

TH: Es ist immer die Gefahr, im eigenen Umfeld ein paar Idioten auszumachen und dieses Bild global anzuwenden. Die Weltarmut sinkt beständig, in Korrelation mit steigender Bildung.

Wie sieht jeweils Ihr persönlicher Blick auf die Zukunft aus?

TH: Was die globale Entwicklung angeht, optimistisch. Unsere Wahrnehmung mag eine andere sein, weil die negative Berichterstattung einen Teil unseres Gehirns triggert, der für die Aufmerksamkeit auf Gefahr ausgelegt ist. Uns im Westen geht es gut, die anderen holen – mit ein paar Rückschritten – auf. Wir sollten unsere Wahrnehmung relativieren.

Herr Horx, machen Sie sich um die Welt Ihrer Enkel und Urenkel Sorgen?

MH: Wer sich keine Sorgen macht, der ist kein Mensch. Diese Fragen beinhalten nur Optimismus oder Pessimismus. Beides sind Lebenshaltungen, die ihre Nachteile haben: Das Optimistische ist allzu oft blauäugig, das Pessimistische erzeugt oft das, was es fürchtet. Ich plädiere für den Possibilismus. Den Begriff hat Hans Rosling geprägt. Im Kern geht es um einen differenzierten Zukunftsblick und das Bewusstsein, dass negative Dystopien medial öfter eingesetzt werden, weil sie eine höhere Errregungskurve haben.

Das, was Sie als „Awfulizing“ bezeichnen …

TH: In den 1960er-Jahren war das Verhältnis der positiven zur negativen Berichterstattung 1 zu 3. Jetzt ist es 1 zu 5.

MH: In der Welt der Klicks und Angsterzeugungen haben wir gar keine Vorstellung mehr davon, wie Wirklichkeit sich verändert.

Betrifft diese mediale Verzerrung alle Lebensbereiche?

MH: Das hängt davon ab, welche Paniken gerade durchs Dorf getrieben werden. Wenn Sie zum Beispiel abfragen, wie viele Menschen islamischen Glaubens in Großbritannien leben, lautet die Antwort 25 Prozent. Der richtige Wert liegt aber bei sechs Prozent. Sie können Ihr eigenes Weltbild ganz gut über den Global Ignorance Test von Rosling abfragen. Jeder Trend erzeugt auch einen Gegentrend. Wenn man das versteht, kann man differenzierte Prognosen machen. Die Frage ist nur, ob diese Prognosen wahrgenommen werden.

2005 haben Sie vorausgesagt, Facebook würde nach einigen Jahren vom Markt verschwinden. Welche Faktoren haben Sie zu dieser Annahme veranlasst?

MH: Ein typischer Emotionsfehler. Als ich das gesagt habe, war mir klar, dass Facebook ein Riesenproblem in der menschlichen Kommunikation mit sich bringt. Cybermobbing, Trolle, anonyme Hasstiraden – ich habe mir dieses System einfach weggewünscht und gehofft, es gäbe bald Alternativen mit besseren Algorithmen. Das war zugegeben blauäugig. Aber es hat sich damals schon gezeigt, dass solche Systeme die menschliche Kommunikation zerstören können. Spätestens nach der Trump-Wahl sind die Konsequenzen klar: Soziale Medien können Gesellschaften spalten. Das zeigt, dass Prognosen einen Sekundäreffekt haben können – auch wenn sie falsch sind, stellen sie eine Problemlage dar.

Kommt das oft vor, dass der eigene Wunsch die Zukunftsprognose überschattet?

TH: Die subjektive Ebene schwingt natürlich mit. Du kannst dein eigenes Ich ja nicht ausblenden. Das erfordert einen reflektierten Umgang mit der Welt und sich selbst, der nicht immer einfach ist.

MH: Auf Dauer sind nur Denksysteme lebensfähig, die lernen und irren können. Wir Zukunftsforscher stecken ständig in Evaluationsprozessen drin und hinterfragen die Bedeutung einer Prognose, den Kontext ihrer Entstehung. Prognosen sind ein Kommunikationssystem, mit dem bestimmte Gruppen in der Gesellschaft miteinander kommunizieren. Die Apokalypse-Prognose ist immer die stärkste, auch wenn sie immer falsch ist. Sie hat den höchsten Aufmerksamkeitswert, genauso wie die Erlösung durch Supertechnologien. Ein typisches Beispiel: Demnächst werden künstliche Intelligenzsysteme klüger werden als Menschen. Das ist im Kern eine religiöse Erlösungsfantasie.

Ich habe zu Weihnachten Alexa geschenkt bekommen. Innerhalb weniger Tage habe ich den Lautsprecher mit „Bitte“ und „Danke“ angesprochen, also personifiziert. Wird es vielen Menschen so leicht fallen, künstliche Intelligenz zu akzeptieren?

MH: Ich wage eine Prognose: In einem halben Jahr schaffen Sie das Ding wieder ab. Das, was Sie gerade beschrieben haben, die Personalisierung, wird Sie in das sogenannte „Uncanny Valley“ führen. Das ist jene Psychologiestufe, in der die Menschenähnlichkeit von Maschinen zu schweren Irritationen führt. Stellen Sie sich einen Zombie in Ihrer Wohnung vor – nur wenige Menschen finden das attraktiv.

TH: Für uns ist uns klar, dass der Hund kein Mensch ist. Wenn aber eine Maschine aussieht oder agiert wie ein Mensch, verstört uns das.

Weil es mir Angst macht?

MH: Weil Sie nicht wissen, wem Sie vertrauen können. Deshalb gibt es ja diese ganzen Mythen von Robotern, Zombies und Avataren, die uns bedrohlich erscheinen. Letzten Endes brauchen wir Reziprozität: Wir wollen von gleich zu gleich kommunizieren.

TH: Was die meisten Apokalyptiker nicht verstehen, ist, dass Roboter kein Testosteron haben. „Bad Intentions“ müssen einer Maschine einprogrammiert werden.

Sie beide würden also kein Geld anlegen in einem Fonds, der die Schaffung künstlicher Intelligenz vorantreibt?

MH: Künstliche Intelligenz gibt es von der Bedeutung her betrachtet gar nicht, da das Computer-Algorithmen mit Bewusstsein verwechselt. Alexa entsteht aus der Verwertungslogik eines gigantischen Konzerns, der sehr viel Spielgeld hat und versucht, die nächste Durchbruchstechnologie zu erzeugen. So etwas kann aber auch schiefgehen, siehe Google Glass. Klar gibt es Menschen, die Alexa nutzen werden – Psychopathologen kommen sehr gut mit ihr aus. Aber es könnten weniger sein als aktuell gehypt, da sich viele davon auch wieder abwenden.

Haben Sie oft unterschiedliche Auffassungen, was technologische Trends betrifft?

TH: Überraschend selten.

MH: Die Beschreibung von Wirklichkeit und Trends haben immer ein Bedürfnis nach Vereinfachung der Welt, doch alles, was interessant und lebendig ist, ist komplex. Da sind wir uns vom Grundgefühl her einig.

Wie sieht eigentlich die Zukunft der Zukunftsforschung aus?

TH: Interdisziplinarität wird immer wichtiger, das Agieren mit Experten aus verschiedenen Bereichen. Wir brauchen zum Verständnis der Zukunft auch die Psychologie, die Neurologie, die Philosophie …

MH: Das eine ist die Präsentation auf neuen Oberflächen, die Aufbereitung von Daten, neuen Kontextsystemen – auch im VR-Bereich –, um eine höhere Reflexion zu ermöglichen. Die andere Seite wird ein „back to the roots“ sein, zu den Thinktanks der 1960er-Jahre, die gut waren in der systemischen Prognostik.

Es wäre ein logischer Schritt, dass auch Google oder Facebook solche Thinktanks aufbauen.

TH: In diesen Unternehmen werden vor allem homogene Meinungen produziert. Für gute Prognosen braucht man Reibung, eine produktive Differenz.

MH: Wenn die Politik auf Daten
basiert, kommt Trump raus. So einfach ist das. Und wenn Sie die Welt auf Daten basieren, kommt ein bizarres Google-System raus.

Die Frage ist, ob man diese Entwicklung aufhalten kann.

MH: Natürlich lässt sich das von außen nicht aufhalten, es hält sich selber auf, weil es an innere Grenzen stößt. Deswegen lautet meine Prognose ja, dass Sie Alexa freiwillig wieder abschaffen.

Woher kommt der Hype um künstliche Intelligenz, wenn wir ihr eigentlich misstrauen?

MH: Das sind die Dämonen und Gottesbilder der Zukunft, der aktuelle Mythos.

TH: Der Mensch will auch der Schaffende werden und nicht nur der Geschaffene sein.

Der Antrieb für künstliche Intelligenz entsteht also aus unserem Machtstreben?

MH: Es ist eine Entlastungsfantasie, wie bei der Religion auch. Sie können genauso wenig über die Existenz Gottes diskutieren wie über künstliche Intelligenz.

Was hat das für gesellschaftliche Folgen, wenn Technologie menschliche Arbeitskraft weiter ablöst?

TH: Das ist eine der zentralen Fragen der Gegenwart. Manche Berufsfelder werden wegfallen, andere kommen hinzu. Dort, wo Technologie die menschliche Kompetenz verbessert, hat sie auch Sinn. Auf das Individuum bezogen kann das aber oft tragisch sein.

Wenn die Zahl der Arbeitsplätze sinkt, müssen wir dann über finanzielle Aspekte diskutieren, etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen?

MH: Dass uns die Arbeit ausgeht, haben schon die Römer geglaubt. Aber Arbeit ändert sich immer nur, es gibt immer mehr Arbeit in immer fraktaleren Formen. Das Grundeinkommen ist eine andere Frage: Ist es systemisch sinnvoll, menschliche Existenz vom Erwerb abzulösen? Und kann man das machen ohne massive Folgen?

Was sind die großen Trends und auch Baustellen der nahen Zukunft?

TH: Akut habe ich stark das Gefühl, dass die Genderdebatte forciert werden muss. Und dann steht die Frage an, wie wir mit Demokratisierung von Information umgehen werden.

Und in zwanzig Jahren?

TH: Da wird das Thema Globalisierung noch einmal zum Tragen kommen.

MH: Unter uns gesagt, es sind immer die gleichen Themen. Megatrends sind ewig.

Wird es auf der politischen Weltbühne große Änderungen geben?

MH: Die Frage nach der neuen Weltmacht ist mit einem alten Modell in die Zukunft gefragt. Rechts und links, Wirtschaftswachstum gegen Ökologie – das sind alte und fatale Denkmuster. Unser Weltmodell verläuft in Schleifen, das wird jetzt auch passieren mit der Globalisierung und ihrem Gegentrend, dem Nationalismus. Nationalstaaten sind unerheblich, egal, was uns die Nationalisten erzählen wollen. Ich finde es spannend, dass die Bereiche, in denen wir vorankommen, gar nicht richtig wahrgenommen werden: die Energierevolution etwa. Wir können heute Häuser bauen, die Energie produzieren, und mit Elektroautos weite Strecken fahren. Es gibt bereits technische und ökonomische Lösungen für fundamentale ökologische Fragen. Die Wirtschaft wird künftig in „schwarze“ und „blaue“ gespalten sein: Die schwarze Wirtschaft wird weiterhin mit fossilen Energien arbeiten und klassische Machthierarchien entwickeln, die blaue sich der Lösung von humanen Problemen verschreiben. Dies wird quer zu den politischen Weltordnungen stattfinden.

Wie kann jeder selbst lernen, ein besserer Prognostiker zu werden?

MH: Man kann Probleme nur lösen, indem man das Mindset verändert. Da, wo Zukunft aufhört, in den Menschen zu existieren, entstehen Verbitterung und ein starres Weltbild. Dann bin ich empfänglich, dass andere mir eintrichtern, wie die Zukunft wird. Und das ist dann entweder die Erlösung durch Technologie oder, bei uns weit verbreitet, der Untergang.

TH: Wir kennen alle unsere Informationsblasen. Jeder sollte sich das bewusst machen und sich aktiv eine Zeit lang in eine andere Blase reinkämpfen. Es ist sehr augenöffnend, andere Sichtweisen kennenzulernen.

Matthias Horx (62) ist Unternehmensberater und Publizist. 1993 gründete er gemeinsam mit Peter Wippermann das Trendbüro in Hamburg. 1998 folgte das Zukunftsinstitut mit Sitz in Wien und Frankfurt. Seit 2017 hält er 25 Prozent an der GmbH.

Tristan Horx (24) ist der älteste von zwei Söhnen von Matthias Horx und dessen Frau Oona Strathern, ebenfalls Zukunftsforscherin und Publizistin. Tristan studierte Sozial- und Kulturanthropologie und beschäftigt sich besonders mit Generationen und Digitalisierung.

Dieser Artikel ist in unserer Januar-Ausgabe 2017 „Forecasting“ erschienen.

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