Die Karten neu mischen

In der Wirtschaftsgeschichte galt viele Jahr­hunderte lang ein einfaches Prinzip: Wer mehr Erfahrung hat, hat mehr Erfolg. Jene, die mehr Zeit hatten, sich nach oben zu arbeiten, sich ihre Lorbeeren zu verdienen und ihre Erfahrungen in schwierigen Situationen einzubringen, waren auch jene, die reicher, erfolgreicher, mächtiger waren.

Und deshalb waren die wohlhabendsten Unternehmer und wichtigsten CEOs in der Regel zwischen 50 und 70 Jahre alt (weiß und männlich versteht sich von selbst).

Diese Menschen gibt es immer noch. Doch die Prämisse der „Under 30“-Liste ist ebenfalls eine einfache: Die obige Regel gilt in einem Zeit­alter, das sich massiv auf Technologie stützt, nicht mehr. Die letzten 40 Jahre haben erstmals in der Geschichte gezeigt, dass junge Menschen einen Vorsprung haben. Denn die einfache Frage, die sich auf das große Ganze umlegen lässt, ist: Würden Sie Ihren neuen Laptop lieber von Ihrer Großmutter oder Ihrer 16-jährigen Tochter auf­setzen lassen?

Bill Gates war – als Vertreter der ersten ­Welle solcher Unternehmer – erst 20 Jahre alt, als er Microsoft gründete. Es folgten Google (Sergey Brin und Larry Page), Amazon (Jeff Bezos) und Paypal (u. a. Elon Musk und Peter Thiel), bevor die dritte Generation rund um Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sich aufmachte, die Welt zu erobern. Wie Gates
war Zuckerberg 20 Jahre alt, als er Facebook startete – drei Jahre später war er Milliardär. Ähnlich verlief es bei Instagram-Gründer Kevin Systrom oder Bumble-Gründerin Whitney Wolfe Herd. Kurz gesagt: Technologie mischt die Karten neu.

Nun stehen wir vor der nächsten Welle neuer Geschäftsmänner und -frauen. Durch die sozialen Medien ist ein ganz neues Berufsfeld entstanden: das des Digital Content Creators oder Influencers. Geschaffen wur­de dieser Beruf auf Youtube, mit Tiktok gewann er aber an neuer Signifikanz, auch bei ganz jungen Menschen. Denn der Tiktok-­Algorithmus ermöglicht Reichweiten, von denen man auf Youtube nur träumen kann, und hat damit auch Teenager zu Millionären gemacht. So hat etwa die US-Amerikanerin Charlie D’Amelio 132 Millionen Follower auf der Plattform – ihre Videos generieren regelmäßig über 30 Millionen Views. Laut Schätzungen von Forbes verdiente die 17-Jährige allein im Jahr 2019 vier Millionen US-$. Die Pandemie hat dieses Wachstum sicher nicht verlangsamt.

Dass das dazu führt, dass 22-jährige Zivildiener aus der Schweiz, die noch bei ihren Eltern wohnen, auf dem Forbes-Cover landen, mag etablierte Wirtschaftslenker irritieren.
Doch Adrian Vogt (alias „Aditotoro“) steht stell­vertretend für ein neues Phänomen in der digitalen Geschäftswelt, das man sich besser genau ansieht. Ob er die gleichen Höhen erreichen wird wie Gates oder Zuckerberg, kann man natürlich anzweifeln – denn im Gegensatz zu den oben Genannten werden hier vorrangig Karrieren rund um eine Person gebaut, statt Unternehmen zu starten, deren Wachstumspotenzial vom ­Gründer theoretisch unabhängig ist. Dass diese Persönlichkeiten aber nachhaltige Veränderungen in der Art und Weise, wie wir Wirtschaft denken sollten, verursachen werden, ist gewiss. Einen genauen Blick ist das allemal wert – denn auch so kann Unternehmertum aussehen.

Text: Sophie Spiegelberger

Dieser Artikel erschien in unserer Ausgabe 10–21 zum Thema „30 Under 30".

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