DIE KONSTRUKTION VON GLÜCK

Glück ist überlebensnotwendig. Wovon noch einige überzeugt werden müssen: Glück ist kein Zufall – man muss nur bereit sein, konsequent dafür zu arbeiten. Der ehemalige Chief Business Officer von Google X, Mo Gawdat, teilt diese Erfahrung in seinem Buch „Solve for Happy“.

Es ist das Jahr 1992. Nach einem Atomkrieg ist die Erde kaum bewohnbar, fast alle Menschen sind auf den Mars ausgewandert. Doch ein paar bleiben zurück. Ein Mann wacht in seiner verstaubten Wohnung auf. Neben ihm liegt seine Frau, die noch schläft. Als sie aufwacht, fragt er sie, welche Einstellung sie auf ihrem „Penfield Mood Organ“ auswählen möchte. Er hätte gerne, dass sie beide denselben Modus einstellen, damit sie den Morgen auf derselben Wellenlänge verbringen können. Doch sie will gar keine Einstellung wählen, sie fühlt sich heute unmotiviert. Er wählt für sich den Modus „kreative und frische Einstellung zum Beruf“, denn heute muss er in die Arbeit.

So beginnt der dystopische Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ von Philip K. Dick aus dem Jahr 1968. Die Verwüstung auf der Erde hat die Alltagsrealität der Protagonisten zum Überlebenskampf gemacht. Doch eines ist immer gleich: die Suche nach dem Glück. In der von Dick geschaffenen dystopischen Zukunft ist das Glück ein künstliches Konstrukt, das ohne Hilfe eines Geräts unerreichbar bleibt – mit dem „Penfield Mood Organ“ kann jeder seine Laune einstellen oder ändern.

Von dieser Erzählung sind wir nicht so weit entfernt, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Laut Angaben der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control) nimmt fast die Hälfte (45,8 %) der Amerikaner täglich Medikamente, am häufigsten Antidepressiva und Nervensystemreizmittel. Was sagt das nun über das reichste Land der Welt aus? Auch in anderen Ländern, etwa in ­Finnland, scheinen die Menschen unter Depressionen zu leiden: Finnland nimmt im World Happiness Report unter 156 Ländern den allerersten Platz ein, zugleich verzeichnet es aber eine der höchsten Suizidraten weltweit. Woran liegt das?

Mo Gawdat
...ist ehemaliger Chief Business Officer bei Google X, der Forschungsabteilung der Google-Muttergesellschaft Alphabet Inc., und Autor des Buchs „Solve for Happy“.

Mo Gawdat ist in gewisser Weise selbst eine Personifikation dieses Phänomens. Er pflegte einen Lebensstil, von dem die meisten nur träumen können. Als ­Topmanager bei der Forschungsabteilung von Google, die seit 2016 den enigmatischen Namen X trägt (davor hieß sie noch Google X), konnte er sich ­alles leisten, was er wollte. Oft erzählt er die Geschichte, wie er sich mitten in der Nacht zwei Autos der Luxusmarke Rolls-Royce online bestellte, einfach, weil er es sich leisten konnte. Nur war er am nächsten Tag kein bisschen glücklicher. Das ­brachte ihn zum Nachdenken: „Oft glaubt man, dass man erst dann ­glücklich ist, wenn man was erreicht hat. Doch ich hatte schon alles erreicht und war trotzdem unglücklich“, erinnert sich Gawdat. Geprägt von seiner Ausbildung als Ingenieur begab er sich gleich in die Recherche, um herauszufinden, was in dieser Gleichung denn nicht stimmte.

„Wie definiert man Glück?“, frage ich Gawdat in unserem Gespräch via Zoom. Er ist derzeit in Amsterdam, weil er sich einen ­neuen Wohnort aussuchen möchte. Davor verbrachte er zwei Wochen auf einer griechischen Insel. Eine ­Hälfte des Jahres verbringt er in ­Dubai; wo er für die rest­lichen sechs Monate Wurzeln schlagen will, hat er aber noch nicht entschieden. Zurück zum Glück: „Oft wird uns eingeredet, wir ­müssen Glück erreichen oder erkämpfen. Das basiert auf der Annahme, dass unser ‚Default State‘, also unser Normalzustand, das Unglück ist, und wir nur dann glücklich sind, wenn etwas Positives passiert. Das ist aber völlig falsch, denn in Wahrheit ist es umgekehrt. Unser ­‚Default State‘ ist das Glück, wir sind nur dann unglücklich, wenn ­etwas Schlechtes ­passiert“, erklärt ­Gawdat. Im ­ersten ­Kapitel seines 2017 erschienenen Buchs „Solve for ­Happy“ erklärt er ­diesen Ansatz weiter. Er vergleicht uns Menschen mit Geräten: Jedes ­Handy, jeder Computer hat ­sogenannte ­Fabrikseinstellungen – ­solange nichts umgestellt wird, funktio­niert das Gerät nach programmierten ­Mustern. Wir Menschen sind eben auf Glück programmiert. ­Warum? „Glück ist der optimale Zustand für das Überleben eines Menschen. Es ist der Zustand, in dem deine Performance am ­besten ist – wenn du glücklich bist, bist du produktiver, engagierter und kreativer“, so Gawdat. Um zu erklären, warum eine positive, hoffnungs­volle Einstellung evolutionär essenziell war, geht Gawdat in die Steinzeit zurück: „Wenn du damals als Höhlenmensch depressiv und unmotiviert warst und ein Tiger vorbeikam, hättest du ihn dich fressen lassen. Um überleben zu ­können, muss man ­daran glauben, dass man in solchen schwierigen Situationen gewinnen kann.“

Wenn wir also von Natur aus auf Glück eingestellt sind, warum sind so viele von uns unglücklich? Weil wir die falschen Erwartungen haben, antwortet Gawdat. Geht es nach ihm, so sieht die Glücksgleichung so aus: „Glück ist größer/gleich deine Wahrnehmung von Ereignissen minus deine Erwartungen“. Was meint er damit? Einfach gesagt: Wenn unsere Erwartungen übertroffen werden, sind wir glücklich; wenn nicht, dann sind wir unglücklich. Das wirft aber eine Frage auf: Wie entscheiden wir, ob unsere Hoffnungen und Erwartungen erfüllt wurden oder nicht? ­Gawdat antwortet: „Es sind nicht die ­Ereignisse selbst, die hier eine ­Rolle spielen. Es ist unsere Wahrnehmung dieser ­Ereignisse.“

Uns wird eingeredet, dass unglücklich zu sein normal ist, dass wir immer mehr arbeiten müssen, um etwas Fernes zu erreichen, und dass das Glück dabei Nebensache ist.

Dabei hängt unsere Wahrnehmung von mehreren ­Faktoren ab. Erstens bezieht sich Gawdat auf die Maslowsche Bedürfnis­hierarchie: Je mehr unserer Bedürfnisse gedeckt sind, desto trivialer kann ein Ereignis sein, das uns trotzdem in einen Zustand der Unzufriedenheit versetzt: „Wenn du immer um ­deine nächste Mahlzeit kämpfen musst, erfährst du Euphorie, sobald du etwas zu essen gefunden hast. Wenn alle deine Elementarbedürfnisse aber gedeckt sind, hast du Zeit und Kapazität, dir Sorgen zu machen. Wie wäre es, wenn …? Was hätte man anders machen können? Davon wirst du tatsächlich gestresst, denn dein Gehirn schüttet dabei Stresshormone wie Cortisol aus. Es kommt nur nie die Erleichterung, weil du dir ständig um neue Dinge Sorgen ­machen kannst“, so Gawdat.

Das nennt er den „Leidens­zyklus“. „Als unsere Vorfahren Gefahrensituationen erlebten, ­löste dies eine körperliche Kampf- oder Fluchtreaktion aus. In der modernen Welt stellen die meisten Ereignisse, denen wir begegnen, nur eine Bedrohung für unser psychologisches Wohlbefinden oder unser Ego dar. Unser Gehirn verarbeitet aber solche psychologischen Bedrohungen auf die gleiche Weise wie physische“, schreibt Gawdat in seinem Buch.

Noch dazu kommen die Einflüsse von außen. Dazu zählen Kultur, Sozialisation sowie die sozialen Netzwerke und Werbung. Man geht mit Glück oder Unglück je nach Kultur unterschiedlich um. Während man sich in manchen Ländern immer mehr traut, öffentlich über Themen wie Depression und ­mentale Gesundheit zu reden, ist das in ­anderen Ländern bei Weitem ­keine Selbstverständlichkeit. So war es zum Beispiel für Gawdat: „Ich war unglaublich depressiv. Ich bin aber auch ein Mann aus Ägypten; in der Kultur war Psychotherapie einfach keine Option für mich“, erzählt er. Als weiterer Faktor zählt die Sozialisation: „Uns wird eingeredet, dass unglücklich zu sein normal ist, dass wir immer mehr arbeiten müssen, um etwas Fernes zu erreichen, und dass das Glück dabei Neben­sache ist“, sagt er im Interview.

Oft glauben wir, wir wären erst dann glücklich, wenn wir uns endlich einmal das eine oder andere Ding leisten könnten – genau wie Gawdat, als er nächtens ­seine zwei Luxusautos bestellte. Nur allzu glücklich war er am nächsten Tag nicht. Dass wir aber daran glauben, sei eine Errungenschaft der Werbe­industrie, meint Gawdat: „Unternehmen müssen ständig neue ­Produkte verkaufen. Was machen sie also? Sie reden uns ein, in unserem ­Leben fehlt was.“ Das ist nicht erst seit Kurzem so, denn Werbung, wie wir sie kennen, existiert schon mehr als ein Jahrhundert. Wie der amerikanische Psychologe und Werbepionier Walter Dill Scott in seinem 1908 erschienenen Buch „The Psychology of ­Advertising“ schrieb: „Das eigentliche Ziel moderner Werbung ist, an das Unterbewusste der Menschen zu gelangen.“ Die große Nebenwirkung von Werbung sei laut Gawdat, dass wir ständig unzufrieden mit der Gegenwart sind. „Es bleibt immer noch unsere Verantwortung, zu entscheiden, was für ein Leben wir führen wollen. Wenn ich durch Werbung dazu verführt werde, etwas zu kaufen, was ich nicht brauche, ist das immer noch meine Entscheidung“, sagt er.

Nachdem Mo Gawdat 2014 seinen Sohn Ali verloren hatte, war die Glücksformel das Einzige, was ihn über Wasser hielt.

Gawdat wurde 1967 in ­Ägypten geboren. Er studierte Ingenieurwesen und absolvierte einen MBA an der Maastricht School of ­Management. Seine Karriere begann zunächst als Ingenieur,es folgte eine Station in der Sales-Abteilung bei IBM. Danach wechselte er zu Micro­soft, wo er als Kommunikations­chef für ­Schwellenmärkte verantwortlich war. 2007 kam er schließlich zu Google. Dort arbeitete er an der Expansion des Unternehmens in neue Märkte. Ab 2013 war Gawdat Chief Business Officer bei Google X, der mysteriösen Forschungsabteilung der Google-Muttergesellschaft ­Alphabet Inc. Ein Jahr nach seinem Wechsel zu Google X passierte das Unvorstellbare – eines seiner beiden Kinder, sein Sohn Ali Gawdat, kam während einer Routineoperation ums Leben. Mit seiner Glücksformel konnte Gawdat sich aber über Wasser halten – denn an der ­Formel hatten sie über Jahre hinweg zusammen gearbeitet: „Wenn ich davor nicht so lange Zeit an dem Thema Glück gearbeitet hätte, hätte ich diesen Verlust nicht überleben können“, meint Gawdat heute.

Eine einfache Lösung gibt es nicht, schon gar keine, die zu kaufen wäre. Laut Mo Gawdat heißt die Antwort auf die Frage, wo man denn Glück finde: In dir selbst! Als Philip C. Dick 1968 seine Version ­einer dystopischen Zukunft konzipierte, dachte er, 1992 würde es schon so etwas wie eine „Launenmaschine“ geben. Wir sind schon im Jahr 2021, und es gibt sie noch immer nicht.

Bald kommt aber schon das nächste Kapitel auf uns zu: die künstliche Intelligenz. Für Mo ­Gawdat ist eines klar: Die KI wird es geben, und sie wird intelligenter sein als jeder Mensch. Zu diesem ­Thema verfasst er derzeit sein zweites Buch „Scary Smart“, das im Herbst erscheinen wird. Der einzige Weg, das Überleben der Menschheit zu sichern, ist laut ihm, ein ­gutes Vorbild zu sein. Damit meint er, dass wir die „KI mit Empathie“ erzeugen müssen. Dafür müssen wir Menschen aber zuerst einmal selbst unser Glück finden.

Text: Sophie Spiegelberger
Fotos: Mo Gawdat für Forbes

Dieser Artikel erschien in unserer Ausgabe 6–21 zum Thema „NEXT“.

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