Die Korwegerin

Jess Erickson

Jess Erickson, die sich als halb Koreanerin und halb Norwegerin "Korwegian" nennt, ist Gründerin des Frauen-in-Tech-Netzwerks „Geekettes“.

Facebook wächst gerade so schnell, dass der Tech-Riese mit dem Bauen zusätzlicher Flächen gar nicht nachkommt. Rund um das Headquarter in Palo Alto reiht sich eine Baustelle an die andere. 40.000 Mitarbeiter hat Mark Zuckerberg im Moment – der Kurs steht auf Hyperwachstum. Die Zahl soll sich angeblich bis 2018 auf 80.000 Mitarbeiter verdoppeln – mehr Leute ­bedeuten auch mehr Vielfalt, das gibt dem Thema Diversity eine starke strategische Note. Das Thema war zumindest auf C-Level der Firma nie nur eine Worthülse: Immer wieder sprachen sich Zuckerberg und COO Sheryl Sandberg für Diversität und Inklusion aus. Denn das als sehr weltoffen präsentierte ­Silicon Valley hat Schattenseiten – oft dann, wenn man dem Typ „weiß und männlich“ nicht entspricht. ­Facebook ist hier nicht ausgenommen: Aktuell arbeiten im Unternehmen weniger als zwei Prozent Afroamerikaner in technischen Jobs. Das Problem im Umgang mit verschiedenen Gruppen und Stereotypen im Silicon Valley tritt zunehmend an die Oberfläche. So etwa publizierte ein Google-Mitarbeiter im Juli ein Manifest, in dem er erklärte, warum Frauen nicht programmieren können. Kein Einzelfall – „Broculture“ ist für die Kultur unter den Gründern dort ein geflügeltes Wort. Auch wurden Fälle sexueller Belästigung bekannt, bei Google, bei Uber oder auch beim Accelerator 500 Startups. Der Gründer und Investor Dave McClure soll mehrere Mitarbeiterinnen sexuell belästigt haben. Anfang Juli gab er seinen Rücktritt bekannt. Jess Erickson hat damals bei diesem Venture Fund und Accelerator gearbeitet; als sie von den Vorwürfen erfahren hatte, kündigte sie sofort. Seit einem halben Jahr arbeitet sie nun bei Facebook, um die Diversitätsbestrebungen dort mitzuverantworten. ­Außerdem erzählt sie, wie sie eines der ­größten Frauen-in-Tech-Netzwerks, ­„Geekettes“, gegründet hat.

Wie kam es zur Gründung von Geekettes?
Ich hatte nach meinem Studium eine 13-monatige Phase in New York und entschieden, dass ich Tech-Start-ups mal eine Chance geben möchte. Ich habe bei Speak Life, einer Übersetzungs-App, begonnen. Wir saßen zu sechst in einem kleinen Zimmer in Manhattan. Da habe ich zum ersten Mal Tech-Blut geleckt und auch realisiert, welche Macht Tech hat, wie sie das Leben von Menschen verändern kann. 2009 ging ich dann nach ­Berlin. Ich hatte meinen ersten Job bei „6 Wunderkinder“ und habe dort die Öffentlichkeitsarbeit koordiniert. Danach ging ich zu General Assembly, einer großen EdTech-Firma. Sie halfen Studenten dabei, User-Interface-Design zu lernen. Es gibt in der Szene dann immer wieder diese Meetings zum Netzwerken und Wissenteilen, das wollte ich in Berlin institutionalisieren. Das ist dann auch schnell abgehoben. Parallel dazu habe ich mein eigenes Non-Profit-Projekt, Geekettes, gemeinsam mit meiner Co-­Founderin Denise (Philipp; Anm.) gegründet. Die Idee dazu hatte ich bei einer ­Konferenz, bei der ich die einzige Frau war und dachte: Das kann doch nicht sein! Ich dachte, da muss es doch mehr geben, ich muss sie finden und diese Frauen zusammenbringen. Ich hatte auch so viele Geschichten über Bias und Belästigung am Arbeitsplatz gehört. Und anstatt sauer zu werden und meinen Frust auf Twitter zu entladen, wollte ich etwas dagegen tun. Also lud ich zehn Frauen ein, die ich aus unterschiedlichen Start-ups kannte, und verkündete, dass ich eine Frauen-in-Tech-Gruppe in Berlin gründen möchte.

Jess Erickson
wurde in Minnesota geboren und hat nach ihrem Bachelor ein Semester lang in Seoul gelebt, um die Wurzeln ihrer Mutter kennenzulernen, wie sie sagt. Danach ging es nach London, wo sie Kommunikation studiert hat. 2011 gründete sie in Berlin Geekettes. Die Amerikanerin ist eine Weltenbummlerin: Neben Südkorea, wo sie für eine NGO gearbeitet hat, die sich um nordkoreanische Flüchtlinge kümmert, lebte sie in London, Berlin und jetzt in San Francisco.

Wie viele Frauen sind heute Teil von Geekettes?
Wir sind circa 18.000. Ich mag es, dass unsere Mitglieder kommen und gehen. Man kann kein aktives Mitglied sein, aber jederzeit zurückkommen und sich involvieren, wenn es etwas Spannendes gibt.

Was genau bedeutet eine Mitgliedschaft, was ist euer Ziel?
Mitglieder müssen sich auf unserer Plattform registrieren, dann bekommen sie Zugang zu unserer Facebook-­Gruppe und unserem ­Newsletter mit Veranstaltungsankündigungen. Wir versuchen dann, unsere Mitglieder auf Panels zu bringen, um mehr weibliche Präsenz auf Tech-Konferenzen zu haben. Das machen wir alles übrigens „behind the scenes“. Wir haben außerdem ein Mentoring-Programm gelauncht, wo wir Frauen, die gerade frisch in die Industrie gekommen sind, mit erfahreneren Frauen aus dem gleichen Feld zusammenbringen, damit sie die jungen unterstützen. Die Aktionen sind unterschiedlich und variieren auch von Hub zu Hub.

Geekettes gibt es ja an mehreren Standorten – einer davon ist Gaza, das ist ­interessant …
Ja. Alle haben gesagt, das ist zu ­politisch. Ich wollte Geekettes immer ohne Barrieren gestalten, was ­Politik oder Territorien betrifft. In Gaza gab es diese unglaubliche Gruppe an Frauen, die mitmachen wollten. Sie kamen mit einem Plan und ­pitchten das. Das Ganze wurde dann Teil des „Gaza Startup Geekettes ­Accelerator“-Programms. Sie helfen uns und der Outcome ist wunderbar. Frauen in Gaza nehmen an Coding-Klassen teil und lernen, wie sie ihre eigene Firma gründen können. Momentan sind wir auch mit Frauen in Tel Aviv im Gespräch und möchten dort auch einen Hub machen.

Frauen sind in Tech-Berufen deutlich unterrepräsentiert. Wie kann sich das ändern?
In den späten 70ern waren, glaube ich, 38 Prozent der Studenten im Fach Computerwissenschaften und Programmieren Frauen. Jetzt sind es in den USA nur noch 16 Prozent. Das ist ein deutlicher Rückgang und wir alle versuchen zu verstehen, warum das so ist und welche Auswirkungen das hat. Mehr Diversität – das ist mein sehr starkes Gefühl – führt zu mehr Perspektiven und mehr Inno­vation. Nicht zuletzt wegen ­kognitiver Vielfalt, und die hat alleine schon dann einen positiven Einfluss, wenn Menschen unterrepräsentierter Gruppen am Tisch sitzen und ­mitdesignen und über Produkte nachdenken, die mit ihrer Gruppe in Resonanz ­stehen. Wenn man ein Unternehmen hat, ­dessen Mitarbeiter alle weiße Männer sind, die in Stanford studiert haben, denke ich, fehlt ihm die Perspektive, die man braucht, um eine globale, diverse Zielgruppe anzusprechen. Sie wissen nicht, was eine 50-Jährige in Nigeria braucht, wenn es um technische Lösungen für ihr Leben geht. Ein gutes Beispiel ist auch die App Clue. Sie hat fünf Millionen € Investment bekommen – anfangs waren alle Investoren skeptisch. Sie alle waren Männer und skeptisch, weil sie mit dem Produkt nichts anfangen konnten (Clue ist eine Menstruationsmanagement-App; Anm.). Dann hat die Gründerin den Pitch neu formuliert und gesagt: „Lassen Sie das doch einfach mal Ihre Töchter ausprobieren.“ Stellen Sie sich jetzt vor, es wären weibliche Investoren am Tisch gesessen; womöglich wäre es einfacher gewesen. Wir brauchen mehr Frauen. Viele beginnen, zu verstehen, wie wichtig das ist, und beginnen, Strategien rund um das Thema zu bauen. Mit Geekettes haben wir etwa der Deutschen Telekom geholfen, diverse Zielgruppen zu erreichen – Frauen bewerben sich für manche Stellen erst gar nicht, und da bringen wir die Menschen zusammen.

Fehlen Vorbilder?
Ich möchte dazu ein paar ­Beispiele geben: Es war Grace Hoppers Idee, Computer in einer verständlichen Sprache zu programmieren, also hat sie die erste Programmiersprache entwickelt. Sie hat auch den ersten Compiler kreiert (ein Compiler übersetzt Quellcodes einer Programmiersprache so, dass der Computer sie ­verstehen kann; Anm.). Und dann gibt es den Film „Hidden Figures“ über NASA-­Frauen und wie sie im Hintergrund gearbeitet haben. All diese Geschichten kommen jetzt verstärkt an die Öffentlichkeit. Ich habe das Gefühl, es gibt eine lange Geschichte über Frauen, die Vorreiter der Tech-Innovation waren und richtig Impact geschaffen haben. Wären Grace Hopper und all diese Frauen in den Medien und im Mainstream gewesen, was die Rollenbilder betrifft, vielleicht wären wir heute an einem besseren Ort. Mein Gefühl ist, Frauen saßen immer schon am Tisch.

Woher kommen die Befangenheit und diese Unausgewogenheit bei Firmen?
Hier kann ich nicht für Facebook sprechen, aber die Telekoms, die ­Sonys, die Soundclouds in Europa … Sie alle haben das Herz am rechten Fleck, aber sie denken nicht an Diversität als Strategie; dass, wenn sie eine diverse Workforce haben, ihre Produkte tatsächlich besser werden, mehr Innovation zu mehr Geld führt und Teams besser und intelligenter sind, wenn sie mehrere Perspektiven einbringen. Wir sind hier erst am Anfang der Konversation und es ist auch ein schwieriges Thema. Es ist ein äußerst komplexes Unterfangen, wenn du eine Firma wie Google hast. Die sind wie viele Mitarbeiter, 40.000? Es ist schwierig, hier die Unternehmens­kultur rückwirkend zu verändern. Deswegen sage ich Gründern dauernd: Denkt über Diversität und Inklusion nach – und zwar von Tag eins an. Warum warten, bis man auf 10.000 ist? Aber selbst dann kann man noch eine Minderheit in jedes Bewerbungsverfahren integrieren – das erhöht zumindest die Chancen, sie anzustellen. Es ist nie zu spät. Ich bin froh, dass dieser Dialog stattfindet.

Wie könnte eine Unternehmensstrategie für mehr Diversität aussehen?
Für Start-ups könnte es heißen, ­zumindest einen weiblichen Co-Founder zu haben, oder wie sie eine diverse Gruppe in ihrer ersten Runde anziehen können. Wichtig ist auch, dass das Arbeitsumfeld offen und willkommen heißend ist. Also auch, wenn man diverse Mitarbeiter hat, muss man sich die Frage stellen, ob sie sich wohlfühlen als Teil der Kultur. Man kann ­lokale Organisationen, die sich mit dem Thema beschäftigen, suchen und unterstützen – mit Partnerschaften und Sponsoring ihrer Aktivitäten. Ich habe es geliebt, wie sehr Soundcloud uns in Berlin unterstützt hat. Sie waren von Anfang an dabei, haben alle ihre weiblichen Engineers zu unserem ersten Hackathon geschickt und Mentoren bereitgestellt. Sie haben uns auch ihre API zur Verfügung gestellt, damit wir programmieren können.

Wie geht es Ihnen eigentlich mit Ihrer neuen Rolle bei Facebook und vor allem auch damit, im ­Silicon Valley zu sein?
Ich war immer auf der anderen Seite der Münze, nämlich der Start-up-Seite, die gepitcht hat, um eine Location und Sponsoring zu bekommen. Facebook hat den Launch von Geekettes in Hamburg und London massiv unterstützt. Sie gaben uns ihre Räumlichkeiten und haben ihre Erfahrungen mit uns geteilt – Facebook habe ich als sehr altruistischen Unterstützer wahrgenommen, dem Diversität und Inklusion wirklich wichtig sind. Für mich fühlte es sich authentisch an, deswegen bin ich auch hier. Und was meinen Job betrifft: Ja, ich bin eine Person in einem großen Team. Alle sind unglaublich smart, ­manche haben juristischen Hintergrund, ­manche kommen aus Nicht-Tech-Bereichen, wo sie eine D&I-Strategie gefahren haben. Es ist gut, in der Gruppe zu lernen, ­manche machen das schon seit Dekaden. Es kommen immer neue Ideen für Strategien – ich weiß nach kurzer Zeit hier, dass das ein sehr komplexes Thema ist; niemand hat eine Paradelösung. Die Top ­Executives stehen hinter uns und unterstützen uns, was als starkes Signal enorm wichtig ist. Ich arbeite auch persönlich an vielen Projekten; eines, „The Lean“, ist mit Sheryl Sandbergs Lean-­In-Initiative, die von der Stiftung von Sheryl Sandberg und Dave Goldberg unterstützt wird (Sheryl Sandberg hat Lean In gleichzeitig mit dem Erscheinen des gleichnamigen Buches im März 2013 gegründet; das Buch wurde zum Bestseller. Das Frauennetzwerk hat 33.000 Gruppen aus acht bis zwölf Frauen auf der ganzen Welt; Anm.). Mit dabei sind LinkedIn und das Anita Borg Institute; hier bilden wir ein Netzwerk mit Frauen, die Computerwissenschaften studieren.

Das Silicon Valley war in letzter Zeit nicht unbedingt aus guten Gründen in den Schlagzeilen. Was denken Sie darüber?
Ja, es war natürlich äußerst entmutigend, all diese Geschichten zu hören. Hier war deutlich eine Frustration in der Community zu spüren, dass wir nicht genug tun und mit inkludierenden Strategien schon viel weiter sein müssten. Es war hart. Ich werde nicht lügen, es hatte wirklich einen psychischen Effekt auf mich. Nicht nur auf mich, sondern auf alle Frauen um mich herum. Warum man im 21. Jahrhundert, 2017, noch immer gegen Befangenheit und Belästigungen kämpfen muss? Ich kann gar nicht sagen, wie viel Bewunderung ich für diese Frauen habe, die sich über diese schrecklichen Dinge ausgesprochen haben. Sie sind unerschrocken. Ich glaube, in der Vergangenheit hatten sie Angst davor, weil man natürlich Konsequenzen befürchten muss und für Arbeitgeber riskant wird. Whistle­blower zu sein ist sicherlich nicht einfach. Für mich sind sie unglaublich mutig. Dass sich nun auch die Indus­trie hinter sie stellt und sagt: „Nein, das geht nicht, wir brauchen ein besseres Umfeld“ – das ist definitiv etwas Positives daran. Wir leben zwar in einer globalisierten Welt, aber zur gleichen Zeit auch in Silos. Ich glaube, Tech wird eine riesige Rolle darin spielen, unsere Kultur zu formen, und unsere Gesellschaft entwickelt sich weiter. Also möchte ich sicherstellen, dass die Menschen hinter den technologischen Innovationen anfangen, über Diversität nachzudenken – zu jedem Zeitpunkt. Hoffentlich leben wir dann einmal in einer fairen Welt.

Text: Elisabeth Woditschka

Dieser Artikel ist in unserer September-Ausgabe 2017 „Women“ erschienen.

Up to Date

Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.