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Als sich Sogol Kordi von einem gewalttätigen Partner lösen wollte, ließ sie das deutsche Hilfssystem im Stich. Heute baut sie mit Myprotectify eine KI, die genau dort einspringt. Ausgerechnet eine Maschine soll Empathie liefern, wo Menschen fehlen – kann das funktionieren?
„Ihr Fall ist zu schwer, damit kann ich nicht umgehen“, sagte damals eine Uni-Psychologin zu Sogol Kordi, als sie endlich jemandem anvertraute, dass sie in einer gewaltvollen Beziehung steckte und aus eigener Kraft nicht mehr herauskam. Doch die Beratungsstellen für Frauen waren für die nächsten vier Monate voll. „Da denkst du dir: ‚Das war’s – ich werde den Rest meines Lebens hier drin bleiben müssen!‘“, sagt Kordi. Insgesamt sollte es über vier Jahre dauern, bis sie sich aus der Beziehung lösen konnte.
Heute ist Kordi nicht nur (Ex-)Betroffene, sondern auch Gründerin: Mit Myprotectify hat sie in Hamburg ein Unternehmen aufgebaut, das genau die Lücke schließen soll, die ihr selbst fast zum Verhängnis geworden wäre. Das Herzstück des Start-ups ist Maya,
ein KI-Chatbot, der Menschen in Gewaltbeziehungen rund um die Uhr begleitet. Er soll anonym, sicher und
in mehreren Sprachen verfügbar sein. Seit dem Launch im August 2025 führte Maya mehr als 250 Gespräche pro Monat.
Der Bedarf dahinter ist strukturell: Überlastete Beratungsstellen und voll besetzte Frauenhäuser sind ein bekanntes Problem. Allein 2024 registrierte das Bundeskriminalamt 265.942 Menschen in Deutschland, die Opfer von häuslicher Gewalt wurden – diese Zahl ist in den letzten fünf Jahren um 17,8 % gestiegen. Dennoch hielt kaum jemand das Modell für ein Geschäft: „Ich habe nicht das supersexy Start-up aufgebaut“, so Kordi. „Viele meinten: ‚Lass es lieber sein, das wird nicht funktionieren!‘“
Kordi wuchs in Kiel auf, studierte VWL und arbeitete danach in großen Unternehmen, von Netflix über Airbus bis SAP. 2018 lernte sie ihre erste große Liebe kennen – doch der erste Schlag kam nach vier Monaten. „Man wird so stark manipuliert, dass man die Dinge nicht mehr klar benennen kann“, erklärt Kordi. Erst im dritten Jahr verstand sie, dass sie in ihrer Beziehung Gewalt erlebt. Raus schaffte sie es schließlich über eine fremde Begleiterin, die sie zufällig über Instagram kennenlernte. 2023 konnte sich Kordi aus der Beziehung befreien.
Teilweise empfinden Menschen eine KI als empathischer als andere Menschen.
Sogol Kordi
Diese Begleiterin, die ihr vor allem durch Zuhören half, übersetzte Kordi in den KI-Chatbot Maya. Bevor Myprotectify online ging, sprach das Team monatelang mit ehemals Betroffenen. Zwei Bedürfnisse kamen immer wieder: Erreichbarkeit und Empathie. „Teilweise empfinden Menschen eine KI als empathischer als andere Menschen“, so Kordi.
Maya setzt früher an als das klassische Hilfssystem; in jener Phase, in der Betroffene spüren, dass etwas nicht stimmt, es aber noch nicht als Gewalt benennen können. Der Chatbot erklärt, wo Gewalt beginnt – auch jenseits des Körperlichen, etwa in finanzieller, digitaler oder psychischer Form. Danach vermittelt er die Betroffene weiter an Frauenhäuser, Beratungsstellen oder spezialisierte Anlaufstellen wie den iranischen oder afghanischen Frauenbund. Der Chatbot ist in 13 Sprachen verfügbar. „Eine Person mit Migrationshintergrund hat einen ganz anderen Bezug“, sagt die Gründerin; sie selbst stammt aus einer iranischen Familie.
Ausgerechnet bei einem so heiklen Thema setzt Myprotectify auf KI. In Deutschland, wo lange Skepsis gegenüber der Technologie herrschte, stieß das Team anfangs auf Misstrauen. Doch Kordi fragte sich: „Wenn wir all den wirtschaftlichen Kram mit KI optimieren, warum nutzen wir sie dann nicht, um ein soziales Problem in der Gesellschaft zu lösen?“ Außerdem gebe Maya ausschließlich verlässliche Antworten, verspricht sie. Der Chatbot zieht sie aus einer geprüften Wissensdatenbank, die eine Psychologin im Team aufgebaut hat – „anders als Chat GPT, das sich überall Informationen herausholt und schnell anfängt zu halluzinieren“, erklärt die Gründerin. Hinzu kommt: Viele Betroffene vertrauen sich anfangs eher einem Chatbot an als einem Menschen, da beim Thema Gewalt oft Scham mitspielt.
Myprotectify steht als gemeinnützige Unternehmensgesellschaft auf drei Säulen: Stiftungen und Förderungen, Spenden sowie der Verkauf von Workshops und Speaker-Auftritten. Workshops gab es u. a. bei Telekom, BMW, SAP und der Universität Heidelberg. Das Start-up arbeitet zudem mit Unternehmen wie Plug and Play und Otto zusammen. Erst kürzlich schloss man ein Crowdfunding über 100.000 € ab, dazu kam die Zusage der Stiftung BNP Paribas. Gestemmt wird all das von vier Personen im Kernteam und 13 Ehrenamtlichen. Derzeit bespielt Myprotectify lediglich den deutschen Markt – in Österreich und der Schweiz könnte Maya zwar Fragen beantworten, für die Vermittlung an lokale Stellen fehlen jedoch die Ressourcen. Die DACH-Expansion ist geplant, ebenso ein stärkerer Fokus auf Jugendliche und Angehörige, die sich um eine Person sorgen. Am Ende, sagt Kordi, gehe es um das, was ihr damals selbst verwehrt blieb: „Betroffene brauchen jemanden, der genau in dieser Phase da ist – und wirklich zuhört!“
Foto: Armin Oehmke